DEUTSCHLAND KRIEGT DIE KURVE NICHT
Teil 3: FATALE GEISTIGE LEERE

Das Ärgerliche in dieser Welt ist, dass die
Dummen todsicher und die Intelligenten
voller Zweifel sind.
Bertrand Russell
Auf den als Bürger verkleideten Zeitgenossen zu bauen, kann für die Politik mittlerweile fatale Folgen haben. Denn die Fähigkeit, sich selbstbestimmt und vor allem auch selbstkritisch zu verhalten, und die Dinge adäquat einzuschätzen, ohne sich dabei manipulieren zu lassen, ist diesem offenkundig verlorengegangen. Für was und vor allem warum er sich heutzutage für bestimmte Dinge entscheidet, kann niemand mehr vorhersagen. Er selbst am Allerwenigsten: „Da sind einfach zu viele Dinge, die in jeder Sekunde auf mich einstürzen und mich verwirren. Wie soll ich bei dem ganzen Chaos da immer wissen, wo mir der Kopf steht? Das schafft doch keiner in diesen beschissenen Zeiten …!“
Der Mensch der Gegenwart ist ein Beckenrandschwimmer: Alleine wagt er sich nicht mehr so ohne Weiteres ins Weite und Ungewisse und verharrt – ohne jegliche Neugier auf Neues – stattdessen lieber in sicheren und vertrauten Bereichen, wo er sich jederzeit am Gewohnten zu orientieren und festzuhalten vermag. Im Grunde hat er nichts mehr, was ihn in seinem Inneren erfüllen und ihm Orientierung verleihen würde. Und das ist fatal, denn so gibt es nichts mehr, was ihm wirklich Halt böte oder was er der Welt entgegenzusetzen hätte. Und da er dieser ausgeliefert ist und zum Spielball der Ereignisse und Verhältnisse wurde, ist er nun auf Gedeih und Verderb auf Steuerungsimpulse von außen angewiesen, ohne die er jämmerlich verloren wäre.
Da kommt dem Bürger, der diesen Namen nun wirklich nicht mehr verdient, die mittlerweile alle Lebensbereiche durchdringende Tech-Industrie gerade recht. Denn diese übernimmt jetzt alle Betreuungsaufgaben und bringt den Hilfsbedürftigen rund um die Uhr sicher und zuverlässig über die Runden. Und dies mithilfe von Apps (Applications), welche die unterschiedlichsten Aufgaben wie das Einkaufen, die Partnersuche oder das Nachdenken vereinfachen, die Unterhaltung und die Freizeit des Zivilisationsgeplagten optimieren und bunter gestalten oder dessen Produktivität und Organisation erhöhen bzw. verbessern. Manche Apps belohnen bereits positives Verhalten wie beispielsweise nachhaltiges Klamottenkaufen oder motivieren die Gestressten doch endlich mal in sich zu gehen. Allesamt wahre Wunderwerke der ultramodernen Technik, die dem an Geist und Gefühlen Verarmten in jeder nur erdenklichen Lebenslage perfekt zur Seite stehen und ihm in jeder Lebenslage weiterhelfen wie gutmeinende, aufmunternde Kumpel von nebenan.
Dabei kommen viele Zeitgenossen bestens über die Runden, ohne deshalb irgendetwas von ihrer zunehmenden geistigen Verarmung mitzubekommen. Sie nehmen es einfach als willkommenen technischen Fortschritt, und empfinden es folgerichtig als völlig normal, dass ihnen das Smartphone an der Hand festgewachsen ist. Mit allem und jedem vernetzt, aber im Grunde stinkeinsam.
AUCH DIE POLITIK BEWEGT SICH IM UNGEFÄHREN
Doch nicht nur die Menschen, auch die Politik treibt letztlich im Ungewissen dahin. Aber gerade angesichts einer derartig chaotischen und brandgefährlichen Weltlage wie in diesen Tagen wäre es dringend vonnöten, der Gesellschaft eine Perspektive zu geben, die dieser wieder mehr Selbstvertrauen, aber auch eine grundlegende Konflikt- und Durchhaltefähigkeit verleihen würde. So aber überlässt sie die im gesellschaftlichen Raum frei flottierende Gemengelage aus Unsicherheit und Angst den rechtsradikalen Rattenfängern, die diese dunklen Energien mit dem Versprechen einzufangen versuchen, die Schrauben zurückzudrehen und zu sicheren und wohlgeordneten Zeiten zurückzukehren, in denen das Volk wieder unter sich sein darf.
Und wenig überraschenderweise verfangen diese Versprechen bei vielen vernagelten Angsthasen und denksteifen Kleinbürgern. Denn der Mensch hasst praktisch jegliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie diesen überhaupt schon jegliche Abweichung vom gewohnten Gang der Dinge mächtig verunsichert. Doch insbesondere labile und unsichere Charaktere, wie es auch jene Staatsverächter sind, empfinden heftige gesellschaftliche Bewegungen schnell als üble Vorzeichen und fürchten schon die Flaute und den eigenen sozialer Abstieg. Deshalb wählen sich diese Lebensuntüchtigen – noch zur rechten Zeit, wie sie glauben – diejenigen Heilsversprecher aus, die ihnen ein Deutschland in politischer Ruhe und Ordnung versprechen – fern des globalen Chaos und ausschließlich unter ihresgleichen. Aber dabei vergessen diese Staatsverächter, dass sie – sollten ihre Träume tatsächlich wahr werden –bald wie alle anderen in der amorphen Untertanenmasse des Autoritarismus versinken und fürderhin in Knechtschaft leben werden, die sie letztlich semimasochistisch selbst zu verantworten haben.
Wer glaubte, der Rechtsradikalismus sei vorbei, irrte schon immer ganz gewaltig. Denn der Weg des Menschen verläuft partout nicht auf einer Geraden - so als gäbe es in der Entwicklung der menschlichen Gattung einen grundlegenden Fortschritt. In diesem Sinne hat die Bewegung des Menschen durch die Zeit eher einen kreisförmigen, konzentrischen Charakter inne, der mit diesen weiträumigen Bewegungsabläufen durch die Geschichte wie eine fatale Schicksalsspirale anmutet, in der das vermeintlich Alte und sich überlebt Habende immer wieder an die Spitze der Entwicklung zurückkehrt, als sei diese das Neueste vom Neuen. Doch es ist und bleibt fataler Weise immer nur das Alte, allerdings jeweils in einem anderen, weil scheinbar aktuellerem Gewande.
Doch die wirklich gefährlichen Menschen sind nicht die Autokraten und deren rechtsradikale Rattenfänger, sondern die Bürger selbst, die diese wählen, weil sie der ihnen wesensmäßig eigenen Angst in unsicheren und sich vehement verändernden Zeiten unkritisch und tumb unterliegen, blindlings nach Schutz, Sicherheit und Ordnung suchen, und genau aus diesen Gründen die Autokraten zu Herrschern der Welt machen wollen. Dieser Hang zum Autoritären in unüberschaubaren und krisenhaften Zeiten ist eine weitere gravierende und wesensmäßige Schwäche des Menschen, der diesem in der Vergangenheit schon so viel unsägliches gesellschaftliches und persönliches Leid brachte, von dem er aber dennoch nicht lassen kann. Folglich sind es in erster Linie nicht die Populisten, die die Demokratie gefährden, sondern vielmehr die Menschen selbst, die diese Dummschwätzer wählen und damit ihre Gesellschaften immer wieder zur Hölle werden lassen, ohne daraus wirklich zu lernen.
WER SCHÜTZT DEN MENSCHEN VOR SICH SELBST?
Folglich kommt es für eine demokratische Gesellschaft entscheidend darauf an, die Menschen vor dieser ihnen angeborenen mentalen Schwäche zu schützen. Denn nur durch die befriedende Wirkung eines intakten und offenen sozialen Klimas kann dieses potentielle Übel wirklich in Schach gehalten werden. Je chaotischer die Verhältnisse, desto chaotischer der Mensch, der dabei droht, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Dabei ist der Feind natürlich immer derjenige, der sich für gesellschaftliche Veränderungen und sozialen Fortschritt einsetzt. Stillstand bei Bewegung! heißt demzufolge die atavistische Philosophie, die dem KLEINEN MANN die Existenzangst nehmen will, weil er ihn starken Händen anvertraut.
Viel mehr als Geld hat die Politik den Menschen offensichtlich nicht mehr zu bieten. Und wenn sie ehrlich ist, hat sie mittlerweile auch gehörig Angst vor den Menschen, die sie ja immerhin wählen sollen. Der Wähler von heute sei volatil, also unberechenbar, klagen die Politiker. Unsicher und sichtlich angespannt. Aber das wirklich fatale daran ist, dass der Wähler um die Angst der Politik vor ihm weiß. Also lacht er sich ins Fäustchen und treibt die Politik immer gehässiger vor sich her: Dies wird überdeutlich, wenn man bedenkt, dass viele Menschen im Land, die von der Arbeit der Politik enttäuscht sind, mittlerweile prompt die AfD wählen, nur um der Regierung einen Denkzettel zu verpassen. Gegenwärtig scheint für manche in der AfD die Macht zum Greifen nah, da sie im Augenblick in Umfragen mit der Union gleichauf liegt.
Und dies in einem Land, in dem vor nicht allzu langer Zeit noch der blinde Faschismus wütete. Großgezogen vom bürgerlichen und industriellen Milieu. Und von der Masse auf Händen getragen wie dessen Führer, der sie anfangs wie eine gottähnliche Erscheinung in Rausch und die Frauen in sexuelle Ekstase versetzte. Eine Masse, die sich nach am Ende des 2. Weltkriegs mit einem Mal im Kapitalismus und im Wirtschaftswunder wiedergefunden hatte. In einer anderen Art Rausch, der den ersten vergessen machen sollte. Doch wer geglaubt hatte, das deutsche Herz wäre mittlerweile immun gegen jegliche Form des Radikalismus, hat sich schwer getäuscht. Im Gegenteil: Das faschistische Denken war auch nach dem Nazi-Regime als gesellschaftlicher Bodensatz immer vorhanden.
Aus all diesen Gründen wird der Wähler von der Politik mittlerweile wie ein rohes Ei behandelt. Und geschont, wo und wann es nur geht. Dabei muss die Politik höllisch aufpassen, den Wähler mit ihren Vorhaben nicht unnötig zu vergrätzen, weil dieser Einschränkungen oder Auflagen rasch als impertinente Zumutungen empfinden würde, woraufhin die AfD wie automatisch weiter zulegen dürfte. Ob man als Politiker in einer solch aberwitzigen und irrationalen Konstellation den Kopf behält, oder unter all dem Druck vor lauter Verkrampfung einen Fehler nach dem anderen macht, sei dahingestellt. Jedenfalls erhält das Land diejenige Politik, die es verdient. Sollte diese jedoch weiterhin auf den Kleinmut des Wählers setzen, wird sie von diesem auch in Zukunft vor sich hergetrieben und eines Tages böse „bestraft“ werden. Eine Entwicklung, die das Zeug dazu hat, die Politik endgültig im geistigen Sumpf der allgemeinen Niveaulosigkeit versinken zu lassen.
Doch bei all ihren pseudoaktivistischen Wahlprotesten vergessen diese verirrten Zeitgenossen, dass sie sich mit ihren Erpressungsversuchen politisch selbst die Pest an den Hals schaffen. Wie diese aussieht, zeigt sich in den USA, wo der Ruf nach dem starken Mann gerade eine veritable ultrarechte Staatsrevolte nach sich zieht. Denn Trump, deren irrlichtender Anführer, ist ein demokratisch gewählter Präsident. Infolgedessen sieht sich die Demokratie weniger von außen, sondern viel mehr von innen bedroht. Von ihren eigenen Bürgern wohlbemerkt, die – geistig mittlerweile völlig ausgelaugt – nichts mehr anderes im Kopf zu haben scheinen, als die Politik bloßzustellen und vorzuführen. Doch jetzt glauben viele im sich gespenstisch verbreitenden Rechtsradikalismus endlich Entlastung und eine Heimat gefunden zu haben: Wenn’s die da oben nicht schaffen, macht’s eben einer von uns für uns! tönt es großspurig aus dem Volk. Nieder mit der Demokratie! – Wir haben noch eine Patrone, versucht der bayerische Ministerpräsident anlässlich der letzten Regierungsbildung im April 25 im Hinblick auf die Aufholjagd der AfD dagegenzuhalten. Doch Konstellationen wie diese machen notwendige und tiefgreifende politische Maßnahmen gesellschaftlich praktisch unmöglich. Eine Entwicklung, die mehr und mehr unberechenbare und zerstörerische Züge annimmt.
DER STAAT KANN MICH MAL …
Der Staat kann mich mal, aber er hat, verdammt noch mal, zu liefern, ansonsten soll er sehen, wo er bleibt …! Mit dieser mittlerweile nicht unüblichen Einstellung vieler Menschen offenbart sich ein weiteres Mal der gespaltene Charakter vieler Deutscher, die in Häusern mit Kiesgärten leben, um keine Gartenarbeiten erledigen zu müssen, aber dennoch am Wochenende Bienen zählen, nur weil der Staat ihnen ins Gewissen redet und an ihr Umweltbewusstsein appelliert. Oder sie legen sich sündteure Küchen als Statussymbol zu, kochen aber nie, kaufen sich stattdessen Junkfood, das sie dann in der Mikrowelle erhitzen, um das Gemantschte dann vor einer TV-Kochshow in sich hineinzulöffeln. Wie soll die Demokratie mit solchen Menschen irgendwelchen Staat machen, denen darüber hinaus auch noch jeglicher Gemeinsinn abhandengekommen ist.
Interessanterweise war es Jean-Jacques Rousseau, der den Gemeinwillen, den größeren Bruder des Gemeinsinns, ins Zentrum seiner politischen Philosophie stellte. Mit dem Gemeinwillen, dem volonté générale, bezeichnete er den Willen des Bürgers, der das Gemeinwohl einer Gesellschaft im Auge hat, und sich daher von der Summe der individuellen Wünsche und persönlichen Einzelinteressen des jeweiligen Bürgers (volonté de tous) unterscheidet. Rousseau sah in dieser aufgeklärten Staatsverfassung die Grundlage für die ideale Form der Herrschaft, nämlich die des Volkes, in der dieses seine Souveränität unmittelbar ausüben und Gesetze selbst beschließen könne, ohne irgendwelche Stellvertreter: Rousseau betonte, dass der „allgemeine Wille" des Volkes, nicht von gewählten Vertretern bestimmt werden könne, sondern nur durch die direkte Beteiligung aller Bürger an den politischen Entscheidungen, der in dieser direkten Art und Weise in Form von Gesetzen, Verfassungsänderungen oder anderen wichtigen politischen Entscheidungen zum Ausdruck käme. Und dies vor allem mithilfe von Volksbegehren, Volksentscheiden, Bürgerbegehren oder Bürgerentscheiden.
Eine Gesellschaftsordnung, die allerdings nur dann funktionieren kann, wenn alle Bürger die Bewegungen in der Gesellschaft wachsam und kritisch im Blick haben, die Dinge und Ereignisse adäquat einzuschätzen und zu beurteilen wissen und hinsichtlich der gesellschaftlichen Perspektive und Weiterentwicklung an einem Strick ziehen. Das Allerwichtigste dabei aber ist, dass alle Bürger mental und charakterlich auch wrklich dazu in der Lage sind, ihre Privatinteressen zugunsten des intendierten Gemeinwohls hintanzustellen und couragiert ihren Mann zu stehen. Aus diesen Gründen ist die direkte Demokratie nachvollziehbarer Weise bis heute auch eine Utopie geblieben – der vergesellschaftete Mensch erweist sich allein aufgrund seines Wesens (bis auf ehrenvolle Ausnahmen) schlichtweg nicht dazu in der Lage, als Citoyen eine derartig verantwortungsvolle gesellschaftliche Rolle zu übernehmen. Der Mensch heutzutage tendiert wieder mehr denn je zum starken Mann, der für ihn agiert, und die Dinge endlich wieder in Ordnung bringt
Doch im Gegensatz zur direkten Demokratie schätzte Rousseau deren repräsentative Form, die ja auch die Staatsverfassung der Bundesrepublik Deutschland ist, in seinem Hauptwerk Du contract social ou Principes du doit politique (1762) äußerst kritisch ein: Führe diese doch zwangsläufig zur Versklavung der Bürger, da die gewählten Volksvertreter sich bald nach der Wahl über deren Willen hinwegsetzen würden, und dann ihre eigenen Interessen durchsetzen würden. So wäre der Bürger während der Wahl für Momente zwar frei, werde dann aber rasch zum Sklaven der eigennützigen Interessen und Absichten der Politik. In diesem Sinne erlebe der Bürger nach einer kurzen Phase der Freiheit, eine lange Periode der Unfreiheit bis hin zur nächsten Wahl.
Allerdings war Rousseau auch realistisch genug, seine Ideen zu einer direkten Demokratie als praktisch nicht realisierbar einzuschätzen: Diese Staatsform hielt er letztlich nur für ein „Volk von Göttern" möglich. Denn eine derartig anspruchsvolle Staatsverfassung könne nur dann wirklich verwirklicht werden, wenn es sich dabei um einen „sehr kleinen Staat" handeln würde, in welchem „Einfachheit in den Sitten" herrsche, eine „weitgehende Gleichheit der gesellschaftlichen Stellung und der Vermögen" sowie „wenig oder gar keinen Luxus" herrsche. Resignierend hielt Rousseau deshalb lapidar fest: „Eine so vollkommene Regierung passt für Menschen nicht.“
Doch wie schon erwähnt: Auch in der repräsentativen Form der Demokratie sah Rousseau keine vernünftige Alternative, wenn auch aus ganz anderen Gründen: So weil er davon ausging, dass eine derartige Staatsverfassung zu einer tiefen Kluft zwischen Politik und Bürger führen würde. So sei es aus den genannten Gründen doch ein großer Irrtum, dass mit nur einer Wahl alle paar Jahre der Wille des Bürgers durchsetzbar und realisierbar wäre. Doch daran, dass der Bürger (wie in den gegenwärtigen Zeiten) überhaupt keinen politischen Willen mehr besitzt, da dieser im grauen Dunst aus Konsum, Amüsement und Life-style-Hysterie allmählich erstickte, konnte Rousseau nun wirklich nich denken. Der Bürger von heute bohrt keine dicken Bretter mehr. Vor lauter charakterlicher Schwäche braucht er Hilfestellung und Rat, da er offenbar verlernt hat, das Leben zu leben.
ES GEHT NUR MITEINANDER, GANZ EINFACH!
So ist ihm unter der Hand augenscheinlich auch der Sinn für das Miteinander, die soziale Kompetenz abhandengekommen. Denn da er sich selbst gegenüber fremd geworden ist, fremdelt er auch mit den anderen. Dabei hat er seinen inneren Kern verloren, und damit fatalerweise auch einen Großteil seiner Instinkte: Zudem seine Vitalität und sein Selbstvertrauen. Seine Neugier und seinen Mut. Seine Fantasie und seine Kreativität. Und seine Spiritualität – die Sehnsucht danach, eins zu sein mit der Natur, dem Kosmos. Wie alarmierend klingt es in diesem Zusammenhang, wenn Menschen an Menschen die Bitte richten, doch endlich wieder besonnen und menschlich zu sein. Denn offenkundig hat er, der Homo sapiens, einen Teil seiner Menschlichkeit verloren – seinen kritischen Verstand und sein offenes Herz. Oder – wie es der französische Maler Balthus in einem Interview mit David Bowie 1994 ausdrückte: „Der Mensch hat seine Handwerklichkeit und seine Spiritualität verloren.“
„Wir müssen uns daran erinnern, was uns als Menschen besonders macht“, erklärt der junge israelische Dirigent Lahav Shani in diesem Kontext. Denn schwach und labil steht der einst so stolze nun da und weiß partout nicht weiter. Innerlich leer und ausgebrannt – und tief ratlos im Herzen. Ohne Lust darauf, wirklich anzupacken, Neues zu wagen und die Dinge tatsächlich voranzubringen. Stattdessen nur Gequatsche. Allenthalben nur Gequatsche. Als ein Paläoanthropologe einmal gefragt wurde, ob der Homo sapiens den Neandertaler tatsächlich killte und ausrottete, nahm dieser den Homo sapiens in Schutz und antwortete: „Aber nein, der hat ihn einfach zu Tode gequatscht!“
Doch zu allem Übel hat der Mensch jetzt auch noch die Realität aus den Augen verloren. Er lässt sein Internet aus den Fugen geraten und spielt mit dem Feuer: Die Wirklichkeit ist in Verruf geraten. Am liebsten lebt auch der Deutsche heutzutage in seiner eigenen Wirklichkeit. Seine grandiose, doch gleichzeitig so hirnlose Technologie macht es möglich – die Weltsicht ist zur Privatangelegenheit geworden. Und die ist in Deutschland ziemlich finster. „Die deutsche Wirtschaft laufe im Augenblick viel besser, als es der Stimmung im Land entspräche. Deutschland leide an einer "mentalen Depression“ So der Ökonom Marcel Fratzscher, der aktuelle Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Doch trotz all der Volksneurose – ohne direkten und offenen Austausch der Bürger untereinander kann es keine funktionierende und lebendige Gesellschaft geben, die auf Dauer überlebt, ohne eines Tages im Chaos zu versinken. Und eine demokratische Gesellschaft erst recht nicht, in welcher der einst so besonnene und offene Bürger, der nach der Verfassung die höchste politische Macht im Staat innehat, zu einem geistigen Krüppel verkommen ist, der sich vor jedweder Verantwortung drückt, stattdessen lieber eine ruhige Kugel schiebt und auf seine Work-Life-Balance achtet.
Eine derartige Haltung muss für jemanden, der einer ihn erfüllenden Arbeit nachgeht, mehr als befremdlich sein. Erlebt dieser seine Arbeit doch als Teil seiner selbst, zuweilen sogar als Ausdruck seiner Identität, und fragt infolgedessen nicht nach freier Zeit. Menschen diesen Schlags haben immer frei! Sie leben im harmonischen Wechsel zwischen wachsamer, lustvoller Konzentration und besonnener Muse und Kontemplation. Manche leben sogar in ihrer Arbeit, weil sie in dieser den Sinn ihres Lebens erkennen. Workaholics hingegen flüchten vor sich in ihre Arbeit, weil sie das Leben nicht an sich heranlassen wollen – aus welchen Gründen auch immer.
Wenn aber immer mehr Arbeitsplätze keine vernünftige und inhaltsreiche Arbeit mehr beinhalten, sondern nur noch mechanische, nervtötende Tätigkeiten beinhalten, wird der Ruf nach freier Zeit ganz automatisch laut. Das sollte folglich niemanden verwundern. Und die Chance, sich mit Ruhe und Bedacht eine Arbeit zu suchen, die zu einem passt und einen erfüllt, ist unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen kaum noch gegeben. Deutschland befindet sich im Dauerstress und in Dauerhysterie, als sei es in seinen verrotteten Scharnieren angetrieben von einer riesigen Dauererregungsmaschine – dem Internet und den sozialen Medien nämlich. Dabei haben sich die Menschen persönlich kaum noch etwas zu sagen. Offenkundig sind sie sich untereinander gleichgültig geworden. Stattdessen schreien sie schon beim geringsten Anlass los, wenn ihnen ein anderer nur irgendwie in die Quere kommt.
Währenddessen greift die Verrohung immer weiter um sich: So beispielsweise bei einer eiskalt geplanten Hinrichtung, die zwei Kinder, ein zwölf- und ein dreizehnjähriges Mädchen zu verantworten haben. Dabei lockten sie eine gemeinsame Freundin unter dem Vorwand ihr eine „tolle Überraschung“ zu bereiten in den Wald. Die beiden liefen mit ihr in Richtung einer verborgenen Schlucht und machten dabei Videos und Fotos mit dem Handy. Dann begann das Martyrium: Laut den Ermittlungen versuchten die beiden Kinder Luise zunächst mit einer Tüte und Klebeband zu ersticken. Doch das misslang, weil sich diese erfolgreich wehrte. Deshalb forderte die jüngere der beiden Täterinnen die ältere dazu auf, Luise gut festzuhalten und begann wohl mit einer Nagelfeile auf ihr Opfer einzustechen – und dies 74 Mal. Zwar verletzten die Stiche innere Organe des Mädchens, darunter auch die Lunge. Doch keiner der Stiche war tödlich. Luise verblutete. Die Täterinnen hatten sich verzogen und Luise ihrem Schicksal überlassen ...
Die Demokratie lebt vom lebendigen und regen Kontakt der Menschen untereinander. Diese Tatsache ist das A und O für ein funktionierendes Sozialgefüge: „Für mich geht es bei der Frage nach dem guten Leben eher darum, dass wir in der Schuld anderer stehen. Um unsere Verpflichtungen gegenüber den Menschen in unserer Community. Das ist es, was uns am Leben hält, und nicht irgendeine großartige philosophische Antwort.“ So der junge amerikanische Autor Ocean Vuong in einem Interview über sein neues Buch Der Kaiser der Freude. Und weiter: „Die USA stecken heute auch deshalb in großen Schwierigkeiten, weil wir alle mittlerweile so abgeschottet leben und Algorithmen bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen.“ (1)
Und im SPIEGEL macht Maren Keller auf ein Phänomen aufmerksam, die aus unserem Leben praktisch verschwunden ist, indem sie uns daran erinnert, „wie glücklich uns flüchtige Bekanntschaften machen: Die Nachbarin grüßt im Vorbeigehen, die Barista hat Zeit für einen Plausch, und der Kioskbesitzer kennt einen mit Namen. Kleine Begegnungen haben einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden“, solange wir nicht gebückten Hauptes mit dem Blick aufs Smartphone wie blind durch die Gegend laufen, als hätten wir den Weg verloren.
Diesen Überlegungen zufolge bedürfte es folglich nur einer scheinbaren Bagatelle, damit sich die Gesellschaft mental wieder erholt, stabilisiert und zu sich selbst wieder zurückfindet. Dazu auch der amerikanische Autor Douglas Rushkoff, der bei Suhrkamp gerade sein neuestes Buch Survival of the Richest publizierte: „Gebt der Panik, der Endzeitstimmung nicht nach. Die Welt geht nicht zwangsläufig unter. Wir müssen nicht in die nächste Dimension gehen. Du musst dein Gehirn nicht hochladen. Du musst nicht zum Mars fliegen. Du musst keine Milliarde Dollar verdienen. Du musst dir keinen Rückzugsort oder Bunker bauen, um zu entkommen. Es gibt Alternativen: Triff deine Nachbarn, schließe Freundschaften, unterstütze andere. Denn all das stärkt die Gesellschaft.“ – Ist das nicht ein bisschen zu betulich angesichts all der Krisen?“, haken die Interviewer nach. „Nein“, entgegnet Rushkoff. „Genau das macht die Gesellschaft widerstandsfähiger und hilft dabei, den Zusammenbruch zu verhindern.“ (2)
1 Anant Agarwala und Martin Spiewak: Ein Buch lesen? Ganz?! DIE ZEIT Nr. 18 vom 30 April 2025, Seite 29
2 Douglas Rushkoff: Gebt der Panik nicht nach. DIE ZEIT Nr. 13 vom 27. März 2025, Seite 7.