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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 21AB DURCH DIE MITTE
    20. August 2020

    Die neue, alle vier Jahre erscheinende SINUS-Jugendstudie lässt einen ziemlich verdattert zurück. Denn obwohl deren Ergebnisse statistisch gesehen nicht wirklich repräsentativ sind, ist diese aufgrund ihrer Methode, Jugendliche in langen und äußerst persönlichen Interviews ausführlich und mehrfach zu befragen, jedoch überaus aussagekräftig, weil sie deren Gedanken, Gefühle und Wünsche wie kaum eine andere vergleichbare Studie besonders eindrücklich und tiefenscharf zum Ausdruck bringt.

    Und diese haben es nun wirklich in sich: Denn offenbar treten viele der 14- bis 17-Jährigen heutzutage die Flucht nach vorn an, wenn sie sich mit ihrer Zukunft konfrontiert sehen – weit davon entfernt, später einmal ihr eigenes Ding machen zu wollen, was ja eigentlich typisch wäre für Kids in diesem Alter.

     

    SO SEIN WOLLEN WIE ALLE

    Wer glücklich werden will im Leben, muss seine Eltern enttäuschen! Solch provokant-rebellische Thesen, die auf der Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens beruhen, scheinen für die Jugendlichen von heute Schnee von gestern: Ein Leben also, das erst einmal nur durch Wachsamkeit sich selbst gegenüber zu haben ist, und es beizeiten gelernt hat, auf seine innere Stimme zu hören.; mit der Fähigkeit im Herzen, sich natürlicherweise von den Dingen abzugrenzen, sich aber dennoch in ihnen auch verlieren zu können. Aufmerksam, warmherzig und neugierig der Welt zugewandt, ohne dabei den Kosmos aus den Augen zu verlieren; und immer auch in selbstverständlicher Distanz zu allem Bestehendem, seien es nun die gesellschaftlichen Verhältnisse oder der eigene Weg, auf dem man sich im Leben gerade befindet.

    Solch ein offener Sinn wäre allerdings erst die Voraussetzung dafür, einigermaßen heiter, gelassen, aber auch bedacht durchs Leben zu gehen. Denn natürlich geht das nur mit anderen zusammen - ohne diese wäre die Welt leer. Und die Seele blind, der Kopf kalt. Sein Selbst und den Raum darum herum könnte man nie erfahren: Ohne Gegenüber kein Ich. Und ohne Ich keine Gesellschaft. Mit dieser Gewissheit im Herzen würde die Welt frei. Denn ohne Freiheit sich selbst gegenüber kann es auch keine freiheitliche Gesellschaft geben.

    Von solch einem Quatsch aber lassen sich die Kids von heute nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken. Denn gegenwärtig sehnen sich diese erschreckenderweise eher nach einem harmlosen, im Grunde unbedeutenden Leben. Deshalb favorisieren sie auch ausgerechnet den Mainstream, der für sie mittlerweile durchaus attraktiv und darüber hinaus beileibe kein Schimpfwort mehr ist, wie die Studie ausführt. Ganz im Gegenteil: Für die Kids wäre „der Mainstream heutzutage ein Schlüsselbegriff hinsichtlich ihres Selbstverständnisses, da sie (nun eben) so sein wollten wie alle." Also nichts Besonderes, könnte man hinzufügen – abgetaucht und versteckt in der Masse.

    So hat es den Anschein, als wollten sich die Kids dieser Tage vor der eher düster anmutenden Zukunft einfach wegducken und künftig auch nicht mehr groß aus der Reihe tanzen, um später einmal eine ruhige Kugel zu schieben. Denn solch ein anspruchsloses und eher angepasstes Leben scheint diesen heutzutage wesentlich wichtiger, als fürderhin selbstverantwortlich und engagiert für ihre Ambitionen und Überzeugungen einzustehen und, wenn nötig, auch zu kämpfen. Die Energie des jugendlichen Überschwangs ist in ihnen offenbar versiegt.

    Dabei scheinen sie sowohl die Einzigartigkeit, die sie als Individuum auszeichnet, als auch die mannigfachen Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen das Leben per se erst einmal bietet, nicht sonderlich mehr zu interessieren. Denn offenbar sehen sie ihren dereinstigen Lebensweg nur mehr von lauter überhohen und kaum überwindbaren Hürden vollgestellt, mit tiefen angsteinflößenden Wassergräben unmittelbar dahinter, in denen sie jederzeit versinken könnten.

    Also ziehen sie in ihrem jugendlichen Alter jetzt schon einmal den Kopf ein und verharren lieber – unterwürfig und scheinbar alternativlos in den gesellschaftlichen Verhältnissen eingeklemmt – auf dem Boden der ihrer Meinung nach ohnehin nicht mehr beeinflussbaren gesellschaftlichen Gegebenheiten. Eine Existenz in offenem und unsicherem Gelände voller Potenzialitäten und Chancen scheint für sie nicht mehr vorstellbar.

    Für diesen Seelenbefund spricht auch die Tatsache, dass derzeit eine Mehrzahl der Jugendlichen nach einem Dasein in der gesellschaftlichen Mitte trachten, von der sie sich ein durchschnittliches, bodenständiges und rundum abgesichertes Leben mit einem guten Job, einer Familie mit Kindern, und einem Freundeskreis erhoffen. Früher hätte man derartig eingefrorene Lebensideale wohl noch als gut bürgerlich bezeichnet, was man heutzutage allerdings Regrounding nennt und so klingt, als würde irgendjemand unablässig in der Erde buddeln, um endlich einen Schatz zu finden. Faktisch aber bezeichnet dieser pseudoaktuelle Ausdruck auch nichts anderes als seinen Lebensinhalt tiefen Herzens durch Sehnsüchte nach Geborgenheit und reaktionär-idyllische Heimatgefühle bestimmt zu sehen – träumend von einem Dasein als vorgestanzter Form bar jeglichen Inhalts, geprägt von alltäglicher Routine und Risikoscheu.

     

    WOHLBEFINDEN STATT WOHLERGEHEN

    Zu dieser erschreckend defensiven Lebenseinstellung der Kids mag auch deren Wunsch nach stetigem Wohlbefinden im Leben zu passen, der ja wohl das glatte Gegenteil von dem nach zukünftigem Wohlergehen bedeutet: Denn während die Sehnsucht nach Wohlergehen bei allem Lebensmut immer auch mögliche Enttäuschungen und Schmerzen mit einkalkuliert und dabei auch auf eine Portion Glück im Leben setzt, basiert der schräge Gedanke, sich später einmal immer wohlfühlen zu können, doch eher auf der infantilen Vorstellung, das Leben sei ein einziger, völlig konfliktfreier Wellness-Prozess.

    In dieser schon frühzeitig ausgeprägten jugendlichen Lebensuntüchtigkeit aber offenbart sich auch die unterschwellige Angst, dem Leben später womöglich nicht gewachsen zu sein. Deshalb versuchen diese Kids im mentalen Reflex ihre eigenen Ansprüche an ihre zukünftige Existenz möglichst schon einmal aufs Durchschnittliche herunterzuschrauben, um dereinst bloß nicht enttäuscht zu werden.

    Demzufolge wären die Kids heutzutage bereits in ihrem jugendlichen Alter auch dazu bereit, sich den gängigen Leistungsnormen von früh an tunlichst anzupassen, so die SINUS-Studie. Aus diesem Grund akzeptierten sie auch schon jene gesellschaftlichen Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin, was man von Jugendlichen früher allerdings so nicht unbedingt erwartet hätte.

    Mit der zunehmenden Mentalitätsschwäche der Jugend aber droht der Gesellschaft eine wesentliche Energie, die sie immer wieder durchmischt und verändert, allmählich abhandenzukommen. Denn mittlerweile drängen ja schon die Jüngeren nach einem Lebensstil, der normalerweise erst die Älteren der Gesellschaft auszeichnet und sich vor allem durch Bequemlichkeit und Anpassung und dem Unwillen gegen jegliche Veränderung charakterisieren lässt.

    Die Gesellschaft scheint wie auf den Kopf gestellt, und mittlerweile nur noch aus einer mehr oder weniger breiigen Mentalität zu bestehen, die die Hirne der Leute infiziert wie eine ganz andere Virus-Epidemie: So ticken gegenwärtig ja schon die Jungen wie die Alten, deren kleinmütige Lebensscheu ihr jetzt auch schon von unten entgegen schwappt. Durchtränkt von den ernüchternden Restsätzen einer überkommenen Ideologie der bürgerlichen Mitte, von der gegenwärtig - allerdings ohne Mitte und Bürger - nicht viel anderes mehr übrig geblieben zu sein scheint, als verwaistes Gelände und deren Tendenz, das Leben anzuhalten und sich in ihm bequem einzurichten - rückwärtsgewandt nach Stillstand trachtend. Mit dem latentem Hang zum Reaktionären.

     

    VERROTTENDE WURZELN

    Doch über die äußerst befremdliche Haltung der Kids dem Leben und ihrer Zukunft gegenüber sollte man nicht voreilig die Nase rümpfen, denn die gegenwärtigen, von COVID-19 beherrschten Zeiten sind extrem hart. Aber auch die Jahre zuvor hatten es bereits mächtig in sich, war das Leben doch immer konfuser, hektischer und verrohter geworden. Dabei aber wie zwangsläufig auch immer inhaltsloser und langweiliger, und dennoch immer rasanter: Rasender Stillstand (Hartmut Rosa), der die Gesellschaft mehr und mehr in Atem hielt.

    Hinzu aber kam noch das gnadenlose Prinzip von Leistung und Konkurrenz um jeden Preis, dem sich jeder zu unterwerfen hatte, der nicht aus der Kurve fliegen wollte: Repräsentiert von einer praktisch alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomie, die mit den Jahren den frei flottierenden Fortschrittsgedanken gesellschaftlich an die Leine genommen hatte und diesen kurzerhand durch einen alles beherrschenden Technologieglauben ersetzte, der sich wie ein Religionsersatz in den Köpfen der Menschen festsetzte und die Gesellschaft sinnlich und intellektuell stagnieren ließ. Dass sich bei vielen dabei aber auch die mulmige Empfindung einstellte, die Dinge bewegten sich nur mehr im Kreis, scheinbar machtlos dem sich immer sinnloser werdenden Strudel ausgesetzt, ist wenig erstaunlich - derartige Gefühle zermürben den Lebensmut.

    Von diesem dunklen Gefühlsmix aus innerer Unausgeglichenheit, tiefer Rastlosigkeit und nervös-angespannter Unzufriedenheit werden nun offenbar auch die Kids angesteckt, deren einstiger gesellschaftlicher Freiraum sukzessive dahinschwindet, weil jetzt auch dieser von der alles beherrschenden Stagnation unbarmherzig in die Zange genommen wird. So kommt es, dass sich diese in den erstarrten gesellschaftlichen Verhältnissen mehr und mehr wie einzementiert fühlen und demzufolge den Glauben an ein hoffnungsfrohes Morgen vergessen zu haben scheinen.

    Da erscheint es nachgerade konsequent, wenn in der neuen SINUS-Studie die Zukunftsängste dieser Kids auch dementsprechend zum Ausdruck kommen: Später einmal nicht in den vermeintlich sicheren Sphären des Systems zu landen und, mit der entsprechenden Knete ausgestattet, ein wenigstens durchschnittliches Leben führen zu können, gälte dieser Tage deren größte Sorge, die insbesondere vor allem die Bildungsferneren unter ihnen erfasst hätte, deren Eltern einfach nicht die Mittel hätten, sie mithalten zu lassen, so die Studie. So fürchteten diese Jugendlichen bereits den sozialen Abstieg bevor dieser sie überhaupt ereilt hätte - ängstlich innehaltend und schon vor der Zeit kapitulierend.

    In diesem Zusammenhang scheint die Bewegung Fridays for Future eine Hoffnung machende Ausnahme zu sein, treibt der Klimawandel die Jugendlichen doch wie kaum eine andere Generation um. Denn urplötzlich gibt es für diese da doch auf einmal ein Morgen, das ihnen allerdings wesentlich finsterer erscheint als jedes andere, das sie sich bislang vorstellen konnten - rein existentiell gesehen wohlgemerkt und beileibe nicht aus irgendwelchen politischen Gründen. Deshalb erscheint deren Bewegung auch so fixiert auf dieses Thema und blendet (selbstredend) alle anderen gesellschaftlichen Missstände einfach aus, für die es sich doch ebenfalls lohnen würde, auf die Straße zu gehen.

    Aber selbst bei diesen Aktivitäten fühlten sich die Kids immer ohnmächtiger und verdrossener, da sich faktisch nur sehr wenig bewege, so die Autoren der SINUS-Studie. „Wir sind zu frustrierten Aktivisten geworden“, meint Jakob Blasel, einer der führenden Aktivisten von Fridays for Future. Warum also sollten die Kids unter diesen Umständen weiterhin um das Klima kämpfen, fragen sich deshalb viele Jugendliche, weil sie als Einzelne ja ohnehin nichts ausrichten können. So sinke der Studie gemäß auch deren Bereitschaft, sich noch wirklich zu engagieren.

    Darüber hinaus aber bereite diesen auch die Migration große Sorgen, so die Autoren weiter: „Trotz überwiegender Akzeptanz von Vielfalt in der Gesellschaft verunsichert die anhaltende Zuwanderung mittlerweile auch weite Teile der Jugend", schreiben diese. So wie die Alten, so jetzt also auch die Jungen: Vor lauter Existenzangst scheint das Herz der Gesellschaft in all ihren Generationen immer gleichförmiger zu schlagen und diese insgesamt zunehmend zu lähmen. Demzufolge erstaunt es auch nicht, wenn es kaum noch wirklich tiefgreifende Alternativkonzepte zum gegenwärtigen Leben zu geben scheint. Und wenn, sind diese entweder nicht durchsetzbar oder werden kurzerhand im Keim erstickt – die Angst vor jeglicher Veränderung sitzt in der Bevölkerung und deswegen auch in der Politik mittlerweile einfach zu tief.

     

    COVID-19

    Doch jetzt hat COVID-19 dieses immer abstruser werdende Leben urplötzlich zum Stillstand gebracht. Öffentlich und privat, obwohl sich beide Sphären heutzutage schon derart durchmischen, dass es schwerfällt, überhaupt noch von einer öffentlichen Person zu reden: Aber was soll’s? Mit einem Mal wirkt die Welt nur mehr wie der Schatten ihrer selbst. Nichts scheint mehr so, wie es vor wenigen Monaten noch war. Das bringt manche zur Raserei. Sie wollen ihre Normalität zurück!

    Und trotzdem scheinen überaus viele der Kids gegenwärtig keine große Feierlaune mehr zu haben, wie die SINUS-Studie betont. Folglich scheint es in der Gesellschaft also einen weitaus größeren Teil derer zu geben, die partout keinen Bock mehr auf Party haben, was die wenigen Provozierer und Randalierer unter ihnen aber, die dieser Tage wie wildgeworden Party feiern und damit in den Medien für Schlagzeilen sorgen, allerdings leicht vergessen lassen. Denn tatsächlich scheint es der Mehrzahl der Jugend ganz anders zu ergehen, kommt diese doch gegenwärtig eher ernst und besorgt daher, und hält sich lieber bedeckt, so die Studie.

    Und dennoch scheint sich die tiefe Verstimmung dieser Kids im Grunde nicht auf COVID-19 zu beziehen. Denn so richtig ließen sich diese von der Pandemie nicht beeindrucken, wie die Studie anmerkt. So sorgten sich viele der 14- bis 17-Jährigen heutzutage zwar um die Gesundheit ihrer Familienangehörigen, wären aber ziemlich genervt, wenn es um die vielen Einschränkungen ginge, die sie wegen des Virus erleiden müssten.

    Aber „nur wenige der Jugendlichen gaben an, dass COVID-19 der Wirtschaft oder der Gesellschaft langfristig massiv schaden werde", so die Autoren über die Ergebnisse einer Nachbefragung der Jugendlichen von Ende April bis Anfang Mai. Demzufolge ersehnen sich auch die Kids ihre Normalität zurück, deren wahren Charakter sie aber angesichts COVID-19 dem Anschein nach ebenso vergessen haben wie viele Ältere. Angesichts des Stillstands will man zurück. Wohin sonst?

    „Fast scheint es, als sei der Jugend der Spaß abhandengekommen“, so die Autoren der Studie. Für ihr Seelenkostüm sei ihnen Glamour, Feiern und Konsum gegenwärtig nicht mehr so wichtig, egal, welchem Milieu man sie zuordne. Ein ausgeprägter Hedonismus sei nun wahrlich nicht mehr typisch für sie. Aber auch Provokation und Abgrenzung seien ihnen durchaus fremd geworden. „Die Ära generationsprägender Jugendkulturen beziehungsweise Jungendsubkulturen ist endgültig vorbei“, so das Forschungsteam, das mit folgenden gesellschaftstheoretischen Überlegungen endet:

    „Die Befunde der Jugendstudie lassen oft schon einen Schluss auf einen zukünftigen Wertewandel in der gesamten Gesellschaft zu“, heißt es da. Die Jugendlichen seien dafür eine Art Frühindikator. So ließe sich in den Vorgängerstudien das Ende der "deutschen Spaßgesellschaft" bereits am Rückgang des jugendtypischen Hedonismus erkennen. Der Trend setzte sich nun offenbar fort hin zur bürgerlich-ernsten Gesellschaft.

     

    AUFGESCHMISSEN

    So triftig und einleuchtend die SINUS-Studie auch erscheinen mag, ihr letzter Passus ist mehr als irreführend: Denn einen Trend hin zur bürgerlichen Gesellschaft, sei sie nun heiter oder ernst, kann es eigentlich gar nicht mehr geben - die bürgerliche Gesellschaft existiert nicht mehr. Das müsste sich mittlerweile doch eigentlich auch zu den Autoren der SINUS-Studie herumgesprochen haben. Deshalb wäre es angemessen und notwenig gewesen, ein wichtiges Ergebnisse ihrer Studio auch dementsprechend einzuschätzen und zu interpretieren: Die Tatsache nämlich, dass nicht wenige dieser Kids an ein Phantom glauben, das ihnen einen Ort in der Mitte vorgaukelt, den es gar nicht mehr gibt.

    Insoweit scheinen sich diese Kids da heutzutage in einer ziemlich ausweglosen Situation verfangen zu haben, weil sie ihr Leben von vorneherein auf Sand bauen. Wahnhaft einem Wolkenkuckucksheim aus nichts als Lebensangst verfallen, worin sie sich ein ewig anhaltendes Wohlbefinden erträumen, um dem Leben draußen auszuweichen. Sollten sie jedoch rein zufällig einmal ins Gelände der einstigen bürgerlichen Mitte vordringen, müssten sie sich auf Alles gefasst machen und wirklich warm anziehen, weil diese Mitte einfach nicht mehr existiert, und sie im freien Gelände dort auch nur mehr Einzelkämpfer finden würden, die das Sozialklima verpesten. Unter der Devise:

    Sich vorzeitig warm anziehen.

    Konflikten möglichst aus dem Weg gehen.
    Bloß nicht übern Tellerrand schauen.
    Oder gar auf jemanden hereinfallen.
    Halte dich also möglichst aus allem heraus.
    Soweit es geht.
    Und bitte Ruhe und Geborgenheit.
    So irgendwie.

    Das ist es im Prinzip, was von der Mentalität der einst bürgerlichen Gesellschaft übriggeblieben ist: Schablonen ohne Inhalt und Sinn:

    Selbstverantwortung und Achtung?
    Fehlanzeige.
    Zivilcourage oder Engagement?
    Leere Hülsen.
    Politisches Bewusstsein?
    Mal so oder so.
    Schlussendlich ist doch eh alles egal.
    Die Dinge nehmen ihren Lauf.
    Was soll man machen?

    Aber auch die Behauptung, diese Jugendliche seien ein Frühindikator für die Entwicklung der Gesellschaft, war von den Autoren der Studie so nicht zu erwarten: Denn im Zusammenhang ihrer Ergebnisse, die Kids von heute wollten so sein wie alle, müssten diese eigentlich von einem Spätindikator sprechen, sehnen sich die Jugendlichen doch heutzutage - völlig überraschenderweise - nach einem eher abgesicherten, wenn auch im Gunde ziemlich verbiesterten Leben, womit das mentale Gefüge der Gesellschaft endgültig auf den Kopf gestellt wäre und in ihrer Gesamtheit vergreisen würde.

    Setzten Jugendliche in aller Regel gestern noch auf Provokation und Widerspruch und plädierten für Veränderung, passen sie sich heutzutage schon im Pubertätsalter freiwillig den verhärteten gesellschaftlichen Normen an, und richten sich schon einmal in ihren Gedanken auf ein durchschnittliches, spießiges und kuschliges Leben ein, dass die Älteren ihnen als Beispielhaft vorzuleben scheinen.

    Dieserart hat der demographische Wandel nun auch einen bösen Gesellen in Gestalt der geistig-mentalen Überalterung der Jugendlichen bekommen, der die Gesellschaft zusätzlich in die Knie zwingt. So fehlt ihr seit geraumer Zeit nicht nur der nötige Nachwuchs, der sie langfristig am Leben erhält, sondern darüber hinaus jetzt auch noch die Energie der Jugend, ohne die sie nun erst recht belämmert dasteht, weil ihr so auch noch deren soziale Kraft abhandenkommt.

    Kein Wunder also, wenn viele der Zeitgenossen selbst in  COVID-19-Zeiten, die diese zur grundlegenden Veränderung ihres Verhaltens ja nachgerade auffordern, über die Generationen hinweg kaum reagieren. Die Falle scheint zugeschnappt. Die Menschen wollen Normalität. Die aber war gestern. So oder so.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 20STUTTGART 22
    23. Juli 2020

    Die sogenannte Stuttgarter Krawallnacht vom 20. Juni 2020 lässt viele Beobachter und Kommentatoren ratlos zurück. Denn angesichts dieser wirren Nacht bleibt ihnen offenkundig nichts anderes mehr übrig, als kleinlaut die Fahne zu strecken, da all ihre gängigen Erklärungsmodelle, die sie ansonsten schnell bei der Hand haben und eilfertig über Dinge und Menschen stülpen, auf krasse Art und Weise versagen.

    Von wegen rechtsradikal oder linksradikal – die etwa 500 der vorwiegend männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden, die die Stuttgarter Innenstadt gehörig aufmischten, der jüngste 16, der älteste als Erwachsener 33 Jahre alt, passen in keine dieser Kategorien, da diesen anlässlich ihrer Gewaltexzesse irgendwelche politischen Ambitionen nicht im Entferntesten nachzuweisen waren. Aber auch sonst sucht man bei diesen Aufrührern vergebens nach benennbaren Gründen, die sie zu ihrer Randale angetrieben hätten. Ja es deutet praktisch alles darauf hin, dass deren destruktiven Aktionen überhaupt keine handfesten Motive zugrunde lagen: Es war ein Gewaltausbruch aus dem Nichts, so einer der Kommentatoren ziemlich schmallippig.

    Und dennoch gibt es da einen, wenn auch nur äußerst diffusen Hinweis auf die Beweggründe dieser Kids, es den Stuttgartern mal so richtig gezeigt zu haben. Denn nach eigener Aussage fanden diese es offenbar einfach cool, ihrem Frust einmal so richtig freien Lauf zu lassen, wie diese der Stuttgarter Sozialarbeiter Gökay Sofuoglu, der Augenzeuge des Geschehens war, zitiert. Eine Coolness, die allerdings wahrhaft uncoole Folgen nach sich zog: So schmissen die Jugendlichen Schaufensterscheiben ein, plünderten Läden, demolierten Polizeiautos und schreckten auch vor schweren Körperverletzungen nicht zurück.

    Die drastisch eingeschränkte Selbsteinschätzung dieser Kids, ihr eigenes Verhalten nicht mehr adäquat beurteilen zu können, macht sprachlos. Gegen einen Sechzehnjährigen unter ihnen, der einen am Boden hockenden Polizisten mit einem gezielten Sprung gegen den Kopf getreten hatte, wird nun sogar wegen versuchten Totschlags ermittelt, weil er dessen Tod offensichtlich billigend in Kauf genommen hätte. Auch das war allem Anschein nach cool.

    Die eklatante Denkarmut und extreme Gefühlsverflachung, die aus diesen Jugendlichen spricht, lässt die erschreckende innere Leere erahnen, die sich offenkundig in ihnen breit gemacht hat. Aber selbst dieser geistige Notstand scheint sich ihrer Selbstwahrnehmung zu entziehen und sie kalt zu lassen. Eine penetrante und dumpf-anhaltende Langeweile scheint das Einzige, worunter sie leiden.
     
    Nun wäre es aber wahrhaft ein Leichtes, die Gewaltexzesse dieser Jugendlichen vorschnell als ein gesellschaftliches Randphänomen von Testosteron gesteuerten, spätpubertierenden Outlaws abzutun, die einfach nicht anders könnten und weggesperrt gehörten. Oder, was heutzutage noch wesentlich üblicher ist, diese kurzerhand als junge männliche Flüchtlinge zu brandmarken, die eben unberechenbar und hochgefährlich seien, und ohnehin nur Unruhe und Chaos ins sonst so idyllische schwäbische Land brächten, weshalb sie mithilfe der Behörden in ihr eigenes unverzüglich zurückgebracht werden müssten.

    Dabei aber lassen die Identitäten der 25 vorläufig Festgenommenen auf eine nachgerade absonderliche, sozial absolut heterogene Gruppierung von Jugendlichen schließen, die nun tatsächlich keinerlei Gemeinsamkeit erkennen lässt: So hatten zwölf von diesen die deutsche, vier weitere jeweils die kroatische, portugiesische, polnische und lettische Staatsbürgerschaft. Neun der Jugendlichen waren Flüchtlinge und stammten aus Bosnien, dem Irak, aus Afghanistan und Somalia. Fünfzehn der Jugendlichen hatten ihren Wohnsitz in Stuttgart, fünf weitere in Baden-Württemberg und je einer in Bayern und Niedersachsen, wobei drei der Inhaftierten überhaupt keinen festen Wohnsitz hatten und 15 bereits polizeibekannt waren. Bei zwölf der Randalierer stellte die Polizei Alkohol-Promillewerte von mehr als 0,64 fest. (Stand: 23. Juni 2020)

    Offenbar formierte sich dieser „bunte Mix rund um den Globus“, wie es der Stuttgarter Vizepolizeipräsident Thomas Berger formulierte, völlig spontan aufgrund einer Polizeikontrolle bei einem der Kids. Folglich handelte es sich bei diesem sogenannten „Mix“ um eine reine Zufallsgruppierung, die sich allein durch den gemeinsamen und völlig diffusen Kontrollverlust charakterisieren lässt: Eine Randale ohne Sinn und Verstand – wie um ihrer selbst willen.

    Doch trotz dieser absolut diffusen Symptomatik lassen sich in den Ereignissen der Stuttgarter Krawallnacht bei genauerer Betrachtung einige soziodynamische Strukturmerkmale erkennen, die beileibe nicht nur im Phänomen der scheinbar amoklaufenden Jugendlichen aufscheinen, sondern sich darüber hinaus – wenn auch lange nicht so eklatant – auch in der mentalen Verfasstheit der Gesamtgesellschaft wiederfinden lassen: Merkmale einer allgemeinen Denk- und Gefühlsverflachung nämlich, die im Verhalten dieser Kids allerdings so drastisch wie in einem Zerrspiegel erscheinen.

    In einem eher laxen Kommentar eines Stuttgarter Oberstufenschülers, der in einem Straßeninterview das Gebaren dieser Kids zu beschreiben versucht, finden sich diese mentalen Verarmungsmerkmale wider dessen besseren Wissens einigermaßen triftig zusammengefasst:

    „Das sind sicher wahnsinnig Frustrierte, die nach einem Ventil suchen nach dem Corona-Lockdown. Vermutlich war viel Alk im Spiel, und sie haben sich zu sehr von den Bildern von den Polizeigewaltbildern aus den USA beeinflussen lassen. Außerdem haben sie von ihren Aktionen Fotos und Videos gemacht, um damit in den sozialen Medien angeben zu können.“

     

    INNERE LEERE

    Zunächst ist da also der Hinweis auf die „wahnsinnige“ Frustration dieser Stuttgarter Kids, die wohl darauf zurückzuführen ist, dass deren chronischer Missmut an den vorwiegend prekären Verhältnissen liegt, aus denen sie kommen: Minderbemittelte bis arme Lebensumstände also, die für diese in aller Regel immer wieder schwere Enttäuschungs- und Zurücksetzungserlebnisse im alltäglichen gesellschaftlichen Miteinander mit sich bringen. Von einer wohlbehüteten Existenz im sprudelnden Alltagskonsum können diese folglich nur träumen, da sie – vom gesellschaftlichen Leben praktisch ausgeschlossen – für gewöhnlich eher in einer öden und sozial-depravierten Parallelblase so vor sich hinleben.

    Und dennoch scheint die chronische Unzufriedenheit bei weitem kein Charakteristikum dieser jugendlichen Underdogs zu sein, da sich diese pessimistische Grundstimmung mittlerweile auch in den Herzen und Köpfen vieler Menschen, die durchaus im Wohlstand leben, festgesetzt hat. Das mag wohl auch daher rühren, dass das vorherrschende Leben heutzutage viel von dessen überreichen Tiefendimensionen verloren hat, die es im Grunde ja zu bieten vermag.

    Darüber hinaus aber ist nicht zu übersehen, dass die Existenz vieler Menschen heutzutage nur noch von durchkommerzialisierten Oberflächenreizen beherrscht wird, was zwangsläufig zu einem entzauberten und eher eintönigen Dasein führen muss. Und in der Folge ganz unweigerlich zur allmählichen Verflachung der Empfindungsfähigkeit und progressiven Verödung des Denkvermögens. Zu einer Art geistiger Versteppung schließlich, in der – gleichsam in Analogie zu der durch den Klimawandel bedingten Ausbreitung der Wüstengebiete – die Energie des Lebendigen mehr und mehr versiegt.

    Möglicherweise lassen sich in diesem geistigen Dilemma auch die Gründe dafür finden, warum sich so viele Menschen mittlerweile derart penetrant in die Arme der Maschine zu werfen versuchen, da ihnen mit dem Verlust ihrer mentalen Kräfte offenbar auch die vitale Power abhanden gekommen ist, mit den vielfältigen und manchmal sicher auch kaum zu beherrschenden Anforderungen, die das Leben an sie stellt, noch einigermaßen zurechtzukommen. So hoffen heutzutage nicht wenige gemeinsam mit einer intelligenten Maschine in eine bessere Zukunft geführt zu werden, beflügelt vom Gedanken, diese könne ihnen dabei helfen, ihre dumpfe Existenz endlich wieder in den Griff zu bekommen – angefangen vom smarten Rasenmäher bis hin zur digitalen Partnersuche.

     

    VERLOREN IM ZWISCHENREICH DES VIRTUELLEN

    So ist vielen die Cyberspace-Maschine bereits zum Lebensersatz geworden: Eine genuin neutrale Maschine wohlgemerkt, die aber aufgrund der Tatsache, dass sie diese praktisch nur um ihres Ego-Trips willen missbrauchen, oder aber, um ihre Häme und Bitterkeit über deren Kanäle unablässig in die Welt hinausposaunen, deren tiefe Frustration letztlich nur um ein Vielfaches verstärkt und sie – wie in einem matten Spiegel – erst recht auf sich selbst und ihre schale Existenz zurückwirft, womit sie weiterhin einsam bleiben.

    Dass diese psychosoziale Entwicklung tiefe Spuren im Zusammenhalt der Gesellschaft hinterlässt, weil diese an der digital-aufgeheizten und völlig hysterischen Kommunikation voll von Identitätsverwirrung, Missmut, Neid und Hass zu zerbrechen droht, ist gegenwärtig mehr als deutlich zu beobachten. Noch schwerer aber wiegt die Tatsache, dass das mittlerweile völlig durchseuchte Internet mit der Zeit beinahe alle Funktionen des gegenseitigen Austauschs im öffentlichen Leben übernommen hat und deshalb wie ein absurder und fratzenhafter Abklatsch desselben daherkommt: Und dennoch: Wer in der Gesellschaft heutzutage reüssieren will, entscheidet sich gegenwärtig mehr und mehr im Netz: Der Schein regiert die Welt, die Realität hat abgedankt!

    Diese mental-abgekoppelte Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit aber steigert auf Dauer nur den sich endemisch verbreitenden Missmut den realen Verhältnissen gegenüber, deren Bedingtheiten für viele damit immer irrealer und sinnloser erscheinen, ohne dass diese – in solch eine fatale Situation verstrickt – noch in der Lage wären, einen Ausweg aus ihrer Misere finden zu können. So rutscht ein nicht geringer Teil der Gesellschaft mehr und mehr in eine Art Identitätskrise ab – gefangen in einem Gefühlsmix aus Ohnmachtsempfindung, Desorientiertheit und Inhalts- und Perspektivlosigkeit.

    Warum also sollte man die Stuttgarter Kids dafür verachten, wenn diese sich offensichtlich darum bemühten, selbst Fotos und Videos von ihren kopflosen Aktionen anzufertigen und diese ins Netz zu stellen? Allein, um wenigstens in den sogenannten sozialen Medien ein bisschen Beachtung und Anerkennung zu erheischen. Identitätslose Jugendliche, die es wie viele andere Gesichtslose in der Gesellschaft ebenso versuchten, sich im Internet zu brüsten, indem sie sich dort ein selbst verfertigtes Profil verschafften, nur um auch mal vorzukommen und so auf sich aufmerksam machen zu können. Soziale Phantome einer abgekoppelten virtuellen Welt, die den Anschluss ans Wirkliche längst verloren haben

    Und dass diese Kids bei ihren Internetaktionen auch dem allgemeinen Imitationszwang verfielen, andere, die sie bewundern, im Netz nachzuäffen, kann man ihnen ebenso wenig verübeln. Denn auch diese Art von Digital-Mimikry ist heutzutage in der Gesamtgesellschaft weit verbreitet. Kein Wunder also, wenn auch diese es versuchten, im Cyberspace die Bilder der Ausschreitungen der Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA nachzustellen, einzig, um ihren blindwütigen Gewaltexzess den Charakter eines durchaus berechtigten Gerechtigkeitskampfs von Unterdrückten zu verleihen. Wobei im Endeffekt allerdings nicht viel anderes mehr übrig blieb als ihr hilfloser Ruf: „Endlich ist in Stuttgart was los!“

     

    DIE SEHNSUCHT NACH EINEM VENTIL

    Dass ein derart deformiertes Leben unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie auf einen äußerst schweren Prüfstand gestellt wird, spricht für sich, da dieses sich im Grunde ja nur noch von Außenreizen speist, und der Welt aus dem eigenen Inneren heraus nicht mehr viel entgegenzusetzen weiß. Allein aus diesem Grund hatte der langandauernde gesamtgesellschaftliche Lockdown diese Außengesteuerten rein emotional bald an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht. Im Einerlei ihres sinnentleerten Daseins urplötzlich dazu gezwungen, sich selbst ins Auge sehen zu müssen – auf Gedeih und Verderb der eigenen inneren Leere ausgeliefert. Seelische Schiffsbrüchige einer schier unendlich währenden Flaute, gnadenlos ihrem bodenlosen Nihilismus ausgesetzt.

    Dass die Lockerungen der Lockdown-Maßnahmen vor allem bei den Jugendlichen dieser Ort- und Identitätslosen bald zu spontanen Überreaktionen führen würden, war absehbar: Nicht zuletzt auch deshalb, weil diese den Stillstand des öffentlichen Lebens draußen als eine Art despotischer Freiheitsberaubung empfanden und die Gefährlichkeit von COVID-19 in diesem Zusammenhang gedankenlos herunterspielten. So glaubten diese sich bald in absoluter Sicherheit wiegen zu dürfen, weil dieses Virus ja nur die Alten betreffe: „Ich glaube nicht an diese Corona-Krankheit“, so ein 22jähriger. „Und selbst wenn: Sterben tu ich sowieso irgendwann. Und zuhause ist es einfach nur langweilig. Ich will mein Leben zurück. Schluss mit der Corona-Diktatur!“

    Und genau aus diesem Grund drehen diese Jugendlichen jetzt auch völlig durch und suchen nach einem Ventil. Zu Zehntausenden drängen sie Abend für Abend auf die Plätze dieser Republik, wo sie sich auszuleben versuchen und Party feiern wollen, da vielerorts immer noch Clubs und Bars geschlossen sind. Besonders an den Wochenenden wird es eng. An der Isar und im Glockenbachviertel in München hat sich sogar eine neue Bewegung gebildet, eine Kommune in der Kommune: München bei Nacht.

    Ganz ähnlich sieht es mittlerweile auch im weniger reichen Stuttgart aus. Denn auch dort fliehen nun viele der Kids nach draußen, wobei manche von denen zuhause noch nicht einmal ein eigenes Zimmer haben, wie es Martin Kapler, der in Stuttgart mehrere Jugendhäuser leitet, beschreibt: „Wo sollen die sonst hin?"

    Doch das rücksichtslose Verhalten dieser Kids geht vielen unbescholtenen Bürgern in der Republik einfach zu weit, da diese mit ihren impertinente Partyexzessen deren Gesundheit leichtfertig aufs Spiel setzten, und das Virus auf diese Art besinnungslos weiterverbreiteten. Deshalb rufen diese Entsetzten nun immer öfter nach der Polizei, die nicht selten in einer Stärke wie zu Risikospielen der Fußball-Bundesliga anrückt.

    So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn sich der Fokus dieser Kids nun auf diese Sicherheitskräfte richtet, die ihre ganze Wut zu spüren bekommen, da diese von ihnen als langer Arm eines verhassten Staates angesehen werden, der sie nicht nur ins Getto eines abgehängten und völlig bedeutungslosen Lebens verbannen würde, sondern sie darüber hinaus jetzt auch noch daran hindern wolle, ihrer Feierlaune ungehindert zu frönen. „ACAB!“ – „all cops are bastards“ – skandieren diese wutentbrannt, weil sie offenkundig nicht mehr wissen, wohin sie eigentlich gehören und nun wild um sich schlagen.

    So finden diese Kids wenigstens für Augenblicke ein personifiziertes Gegenüber jener Macht, die sie ansonsten in der gesellschaftlichen Pampa verkommen lässt. Wer also ist das Opfer, und wer der Täter?

     

    STUTTGARTER DAMPFKOCHTOPF

    In Stuttgart aber, einer der letzten Festungen eines spießigen, semireaktionären und sich selbst überlebt habenden Spätbürgertums, das zwanghaft alle Energien in eine ekelhafte Ordnung zwängt, stehen die Zeichen in diesen Tagen auf absolute Konfrontation: „Gesellschaftlich driftet da etwas auseinander", meint der Stuttgarter Streetworker Serkan Bicen, der seit Jahren im Stadtteil Stammheim mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen arbeitet und für den die Eskalation des vergangenen Wochenendes nicht allzu überraschend kam. So habe sich dieser Sozialkonflikt in der Stadt schon seit längerer Zeit angebahnt, gibt dieser zu Bedenken.

    So stünden sich „auf der einen Seite die Jugendlichen vom Eckensee, die dort feiern wollten, weil sie nicht genug Geld hätten, um in Bars und Clubs zu gehen, auf der anderen Seite einer bornierten Stadtgesellschaft gegenüber, die diese Jugendlichen zum Großteil nur als Problem begreifen würden, das möglichst bald verschwinden müsse.“ Schon länger würden ihm diese Jugendlichen berichten, dass die Polizei sie unter Druck setze", so Bicen. "Das sind normale junge Leute, die da nur sitzen und feiern, und dann stürmt eine Hundertschaft Polizisten auf sie zu und will die Ausweise sehen", sagt er. Oft laute die schroffe Anweisung der Beamten dann, nach Hause zu gehen. Wenn die Politik jetzt nur mit Strenge und Härte antworte, könne bei den jungen Leuten der Eindruck entstehen, das Leben in der Stadt finde nun endgültig ohne sie statt. Bicen glaubt, dass sich auf diese Weise ein Frust angestaut habe, der sich bei einer Polizeikontrolle am vergangenen Wochenende in Gewalt entladen habe.

    Nun aber stehe Stuttgart vor einem Problem, das alle Großstädte betreffe, meint Gari Pavkovic, der Integrationsbeauftragte der Stadt. „Aber wie wollen wir künftig Kontakt halten zu Gruppen, die ohnehin abgehängt sind und den Anschluss an die Gesellschaft verloren haben. Das sei kein Problem, das Stuttgart allein habe“, so Pavkovic. Vielmehr stehe dieses Phänomen, beschleunigt durch die Veränderungen in der Corona-Krise, allen deutschen Großstädten bevor. Die Gewalt von Stuttgart, sagt Pavkovic, sei deshalb ein Signal an das ganze Land, die Verlierer in Zeiten der Pandemie nicht aus dem Auge zu verlieren. Diese aber hätten mittlerweile den Spieß umgedreht und hätten die Rolle des Underdogs und Störenfrieds bewusst angenommen und fatalerweise zu etwas Coolem verklärt: Nach dem Motto: Schaut her, wir sind auch da und wir gehen nicht weg, auch wenn ihr uns an den Rand drängt.

     

    DIE ULTIMA RATIO VERZWEIFELTER POLITIKER

    Und dennoch scheinen im Augenblick weniger die Stuttgarter Kids verzweifelt, als vielmehr die Politiker dieser Stadt, weil diese einfach nicht mehr zu wissen scheinen, wie sie mit diesen aufmüpfigen und impertinenten Jugendlichen umgehen sollen.

    Jetzt aber hat der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz als Ultima Ratio eine wahrhaft erschreckende Waffe aus der Tasche gezogen: So kündigte dieser vor ein paar Tagen an, bei Tatverdächtigen mit deutschem Pass mithilfe der Landratsämter deutschlandweit Ahnenforschung betreiben zu wollen. Offenbar will dieser seelisch ausgelutschte Polizeipräsident den Deutschen unter den Kids jetzt nachweisen, nicht Deutsch zu sein, um die Schande, die sie den wahren Deutschen gebracht hätten, kurzerhand aus der Welt zu schaffen. Denn der reine Deutsche ist nicht kriminell. Migranten mit deutschem Pass hingegen schon.

    Damit aber beweist nun auch die Stuttgarter Stadtpolitik jene intellektuelle und emotionale Verkommenheit, die diese eigentlich den Jugendlichen vom Eckensee unterstellen will, indem sie sich nun, ganz offenkundig mit dem Rücken zur Wand, tatsächlich anschickt, Blutdeutsche vor Passdeutschen schützen zu wollen – herz- und geistlose Maßnahmen einer grün-schwarzen Koalition, die auch noch von deren Ministerpräsidenten Kretschmann ausdrücklich gutgeheißen werden.

    Am besten wäre es demzufolge also, wenn künftig schon bei jedem Ladendiebstahl echte von falschen Deutschen bis ins letzte Glied getrennt werden könnten. Denn allein Letztere neigen zur Kriminalität und sollten auf der Stelle des Landes verwiesen werden. Doch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl beruhigt: Bis zu den Großeltern werde nicht geforscht.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 19HYDROXYCHLOROQUIN
    12. Juni 2020

    Vor wenigen Monaten verbreitete sich COVID-19 in Windeseile über die gesamte Welt und brachte diese binnen kurzem praktisch zum Stillstand. Mit dieser enormen Wucht aber überdeckte diese Pandemie auch eine ganz andere virale Massenerkrankung, die schon seit Jahren die Welt durchseucht. Dies anfangs allerdings eher schleichend und hinsichtlich ihrer katastrophalen Auswirkungen, die gegenwärtig eklatant zutage treten, zunächst lange nicht absehbar.

    Die Rede ist vom Virus des Virtuellen, das über die technischen Stränge des Digitalen direkt in die Köpfe der Menschen vordringt, und in der Folge deren Realitätsbewusstsein schwer in Mitleidenschaft zieht, sodass diese zwischen Wirklichkeit und Fiktion bald kaum mehr zu unterscheiden vermögen. In fortgeschrittenen Stadien kann es bei solchen Fällen sogar zu gravierenden Realitätsverkennungen kommen, was dazu führt, dass die an diesem Virus Erkrankten praktisch nur noch das von ihrer Umwelt wahrnehmen, was ihrer pathologisch-eingeschränkten Weltsicht auch tatsächlich entspricht.

    Doch im Vergleich zu COVID-19, das tödlich sein kann, befällt das Virus des Virtuellen allein den Geist des Menschen und schwächt die kognitiven Areale und Strukturen seines Gehirns – Regionen also, die auf die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen spezialisiert sind, und damit die Denkprozesse und Empfindungen des Einzelnen nicht nur konstituieren, sondern auch immerfort in Fluss und Ausgleich mit der Realität zu halten versuchen. Zu diesen zerebralen Funktionen zählen u. a. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Denken und Problemlösungsverhalten, die allesamt durch dieses ominöse Virus schwer beeinträchtigt werden.

    Aus diesem Grund könnte man dieses Virus schlichtweg „KOG-O“ nennen, da es das kritisch-abwägende Urteilsvermögen des Erkrankten kognitiv praktisch auf null zusammenschrumpfen lässt.

    Allein aus diesem Grund ist KOG-O um ein Vielfaches gefährlicher als COVID-19: So ist dieser virtuelle Virus zwar ebenso unsichtbar wie sein Kollege, darüber hinaus aber rein immaterieller Natur, was dessen Bekämpfung, virologisch und epidemiologisch gesehen praktisch aussichtslos erscheinen lässt, da ein geistiger Impfstoff wohl für immer reines Wunschdenken bleiben wird.

    Wobei die schweren geistigen Schäden, den KOG-O bei den von ihm Infizierten hinterlässt, natürlich nicht auf den Einzelnen beschränkt bleiben, sondern aufgrund seiner massenhaften Ausbreitung mittlerweile auch ganze Gesellschaften mental auseinanderzureißen drohen, da KOG-O das kollektive Bewusstsein dieser Kollektive sukzessive zerrüttet, und dieses in lauter scheuklappenartige Privatanschauungen und individuell-gestanzte Einzelweltbilder zerfallen lässt.

    Deswegen ist mittlerweile sogar die Realität selbst zum Opfer dieser sich pandemisch ausbreitenden Sinnkrise geworden, da diese für die an KOG-O Erkrankten hinsichtlich ihres Wesens und Charakters mittlerweile rein optional geworden ist: Was real sein soll, bestimmen diese demzufolge nun selbst, wobei sich die Fakten in deren Köpfen in Luft auflösen und ihrer kognitiven Willkür zum Opfer fallen.

    Aber damit sind nun auch die Gesellschaften dieser Welt mächtig unter Druck geraten, weil deren Zusammenhalt aufgrund dieser geistigen Zersetzungsprozesse schwer in Mitleidenschaft gezogen wird - zermürbt von wahnhaften Debatten um Wahr oder Falsch, die diesen Kollektiven zusehends ihre basale Legitimation rauben.

     

    COVID-19 ALS HIRNGESPINST

    Jetzt aber, da COVID-19 urplötzlich auf die schon seit Jahren schwelende KOG-O-Pandemie trifft, wird auch hinsichtlich dieses Phänomens die ganze geistige Misere, die KOG-O in den Köpfen der Menschen angerichtet hat, wieder einmal auf erschreckende Art und Weise offenbar: So leugnen gegenwärtig überraschend viele Menschen den wahren Charakter von COVID-19 ohne mit der Wimper zu zucken, und halten dieses für ein banales Grippevirus, an dem nichts weiter dran wäre. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass andere trotz all der Satellitenbilder vom Weltraum hinab zur Erde, sogar immer noch felsenfest davon überzeugt sind, die Erde wäre eine Scheibe. Wie besessen von Ihrem Glauben, ohne einfach mal hinzusehen.

    Dass es in den Köpfen der Menschen in Zeiten der Pest nachgerade zwangsläufig zu kognitiven Verwirrungen und wilden Spekulationen über die möglichen Ursachen des schwarzen Tods kommen musste, scheint durchaus nachvollziehbar, da diese in ihrer Epoche ja noch keinerlei Ahnung von bakteriellen oder viralen Erregern hatten, und sich demzufolge urplötzlich einem absolut unsichtbaren Feind gegenübersahen, dem sie machtlos ausgeliefert waren und der sie zu Abermillionen sterben ließ. Schließlich liegt es in der Natur des Gehirns begründet, eklatant verwirrende Ereignisse baldmöglichst sinnhaft wieder ins Lot zu bringen, um die psychophysische Stabilität des Individuums und dessen Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten und zu gewährleisten.

    Dabei aber scheint das menschliche Denkorgan nicht davor zurückzuschrecken, sich von aus der Luft gegriffenen oder gar hinterhältigen und reaktionären Scheinerklärungen dann täuschen zu lassen, wenn es ihm damit gelingt, frei flottierende Ängste und entsetzliche Ohnmachtsgefühle, die den Menschen aufgrund unerklärlicher Katastrophen beuteln, das das Sinnlose zu nehmen, um die kognitive Krise zu befrieden. Das Gehirn sucht nach Ausgleich, es hasst Konflikte im System.

     

    DEM GEHIRN IST NICHT ZU TRAUEN

    Ganz offenbar weist das menschliche Gehirn bei der Verarbeitung der Wirklichkeit unter extremen Bedingungen gehörige Schwachstellen auf. Und dies ganz offensichtlich auch im geistig völlig gesunden Zustand und zunächst gänzlich unabhängig von den schädlichen Einwirkungen von KOG-O auf Denkvermögen und Empfindungsfähigkeit. Denn die Anfälligkeit der menschlichen Kognition, das Virtuelle mit dem Realen zu verwechseln, liegt vor allem im Prinzip seiner Wahrnehmungseigenheiten begründet.

    Am besten lässt sich diese Malaise anhand der besonderen anatomischen und neurophysiologischen Situation, in der sich das Gehirn befindet, erklären: Denn unter der Schädeldecke relativ sicher geborgen, ist es völlig abgeschnitten von der Welt und auf Gedeih und Verderb auf die Wahrnehmungsorgane in der körperlichen Peripherie angewiesen, die allerdings jeden Sinneseindruck, den sie von der Umwelt empfangen, augenblicklich in elektrische Impulse verwandeln, bevor diese dann ans Gehirn weitergeleitet werden.

    So sieht sich das Gehirn dazu gezwungen, sich aus derart abstrakten Signalen Bilder und Eindrücke von der Welt draußen zu verschaffen, die folglich neuronalen Mutmaßungen über die Realität draußen gleichen und folglich ihrem Wesen nach von vorneherein absolut virtuell sind – Abbilder von etwas, zu der das Gehirn keinerlei direkten Draht besitzt.

    Deshalb ist es auch nicht sonderlich erstaunlich, dass das Gehirn dem Phänomen der Realität höchst unsicher gegenübersteht, da es allein schon aufgrund seiner Funktionsweise keinen wirklichen Begriff vom Realen haben kann. Demgemäß ist das „Wirkliche“ für das Gehirn nichts anderes als irgendein Außenraum, den es ausschließlich aufgrund elektrischer Nervenimpulse imaginiert und rein hypothetisch als real begreift. „Damit konstruiert das Gehirn Realität, die der Mensch wahrnimmt, als eine Art kontrollierte Halluzination“, wie es der britische Kognitionsforscher Anil K. Seth umschreibt.

    Damit aber wäre auch jede virtuelle und perfekt generierte Simulation des Außenraums für das Gehirn zwangsläufig „Realität“, solange jedenfalls, bis dieses irgendwann eindeutige, dem zuwiderlaufende Impulse bekäme, diese Annahme korrigieren zu müssen. Matrix lässt grüßen.

    Hatte die Pest im 15. Jahrhundert den Verschwörungsmythos der Brunnenvergiftung geboren, wonach Juden mit der Vergiftung der öffentlichen Brunnen diese Seuche verursacht hätten, um das Christentum zu vernichten, ist es jetzt eben Bill Gates, der wegen COVID-19 mächtig Dreck am Stecken haben soll und deswegen in sozialen Netzwerken am Pranger steht: So wolle dieser im Kampf gegen diesen Erreger den Menschen Mikrochips einpflanzen, um auf diese Weise die totale Kontrolle über diese zu erlangen, lautet eine der weitverbreiteten zeitgenössischen Verschwörungsmythen.

    Dass sich solch kognitive Kurzschlüsse auch heutzutage noch ereignen, lässt tief blicken: Denn im Grunde hat sich das menschliche Gehirn einschließlich seiner kognitiven Kapazitäten seit etwa 10.000 Jahren nicht wesentlich weiterentwickelt. Darüber hinaus lassen auch jene aktuellen Forschungsergebnisse aufmerken, die eine konsekutive Abnahme der menschlichen Intelligenz zumindest in vielen westlichen Ländern belegen, die sich alle zehn Jahre um etwa zwei Prozentpunkte vermindern würde, wie es der britische Anthropologe Edward Dutton vom Ulster Institut für Sozialforschung herausgefunden hat.

    So neigen nicht wenige Menschen in extrem-ungewissen und besonders angsteinflößende Zeiten wie der COVID-19-Pandemie offenbar immer noch dazu, den abstrusesten Erklärungsmodellen und Verschwörungsmythen dann bereitwillig Glauben zu schenken, wenn diese ihnen dazu verhelfen, das scheinbar Sinnfreie vermeintlich nun endlich verstanden und durchschaut zu haben.

    Aber auch im Fall von COVID-19 müsste es diesen kleinkarierten Paranoikern aufgrund der Faktenlage doch eigentlich klar sein, dass es sich bei diesem neuartigen Erreger ganz eindeutig um ein Virus aus der Corona-Familie handelt, das, urplötzlich vom Tier auf den Menschen übersprungen, hinsichtlich seiner Pathogenität und Virulenz nun eben äußerst schwer einzuschätzen ist.

     

    IM HIRN DES VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKERS

    Und dennoch blühen auch in diesem Fall die absurdesten Fantasien und irrwitzigsten Wahngebäude auf und verbreiteten sich in Windeseile im Cyberspace über den gesamten Globus: Und wiederum bekommen auch die Juden wie schon vor sieben hundert Jahren wieder ihr Fett ab. Und das geht so: Die Juden kontrollieren die Federal Emergency Management Agency (FEMA) und nutzen die globale Krise für ihren Plan, die Amerikaner unter dem Vorwand der Quarantäne in Konzentrationslager zu stecken. Oder: COVID-19 ist die biologische Waffe eines jüdisch-amerikanischen Komplotts, mit dessen Hilfe die Weltbevölkerung dezimiert werden soll.

    Bislang waren es vor allem Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung, die voller Misstrauen der Welt gegenüber dazu neigten, derartigen Wahnwitz in die Welt zu setzen, um endlich die wahren Gründe der sie bedrohenden Lebensbedingungen ans Tageslicht zu befördern.

    Menschen dieser Charakterart stehen permanent unter Strom und trauen anderen partout nicht über den Weg. Immer mit der fixen Idee im Kopf, selbst von ihren Freunden oder Partnern angelogen oder gar ausgenutzt zu werden. Deshalb haben sie auch große Probleme, sich anderen anzuvertrauen, aus blanker Angst, diese könnten solch intime Informationen in böswilliger Absicht gegen sie verwenden. Deshalb neigen Paranoiker auch dazu, völlig harmlose Bemerkungen schnell als abwertende oder gar feindselige Kommentare über sie zu missverstehen. Darüber hinaus sind diese auch überaus nachtragend und fahren in der Regel schnell aus der Haut, wenn sie den Anlass dazu sehen, sich zu rechtfertigen und zum Gegenangriff überzugehen – beständig geplagt vom Gefühl des Kontrollverlusts über ihr eigenes Leben.

     

    KOGNITIVES MISCHMASCH GEBIERT UNGEHEUER

    Doch unter den geisttötenden Bedingungen von KOG-O verflachen auch die charakterlichen Eigenheiten der Erkrankten und werden sukzessive von paranoiden und autoritären Denkstrukturen überlagert, die ja ohnehin Merkmale einer an Wahrnehmungs- und Denkkompetenz eingeschränkten Persönlichkeitsstruktur darstellen. Übrig bleibt ein Einheitsmixcharakter prinzipiell missgelaunter Menschen, die beständig auf der Lauer sind, weil ihnen womöglich etwas nicht in den Kram passen könnte.

    Im KOG-O-Charakter drehen sich die Verhältnisse quasi um: So bedeutet Paranoia in dessen Erleben nicht mehr die lähmende Empfindung, in jedem und allem eine Bedrohung zu erahnen, die womöglich ihm gelten könnte, sondern findet sich ersetzt durch eine herabgetunte Haltung chronischen Misstrauens einer Welt gegenüber, die seiner schablonisierten Privatsicht auf die Dinge einfach nicht entsprechen will. Also grätscht er liebend gerne mal rein, wenn er den willkommenen Anlass dazu findet, und zeigt es dem Gegner, was eine Harke ist, nur weil dieser einer anderen Meinung ist.

    Natürlich macht er dies am liebsten in den sozialen Netzwerken, wo der KOG-O-Infizierte sich ansonsten mit seinem virtuellen kognitiven Mischmasch im Hirn am wohlsten fühlt. Besonders dann, wenn er sich mit seinen hirnrissigen Ansichten im einsilbigen Austausch mit Gleichgesinnten in seiner Cyberblase aufhält, die im Grunde nichts anderes als der banale Ausdruck seiner eigenen hermetischen Weltsicht ist. Nachgerade autistisch abgeschottet von der Wirklichkeit der Welt, die er so partout nicht gelten lassen will, auf beständiger Suche danach, seinen Missmut und Hass zerstörerisch unter die Leute zu bringen.

    Deshalb kann der wahre Paranoiker, der nur immer das Schlimmstes vermutet und sich demzufolge auch immer verteidigen muss, als Person durchaus gefährlich werden, wohingegen der KOG-O-Zombie es allein in der Masse ist, wenn dieser sich gemeinsam mit anderen Geistlosen endlich mal Luft verschaffen will, um nicht vor lauter Wut im Bauch zu zerplatzen. Allein das ist es, was diesen im Vergleich zum paranoiden Charakter gesellschaftlich noch weitaus gefährlicher macht.

    Demzufolge ist der KOG-O-Zombie dieser ausgehöhlten Weltrepräsentanz komplett ausgeliefert und deren wahnhaften Sphären aus nichts als unkontrollierten Halluzinationen zerebral verfallen, um Anil K. Seth zu paraphrasieren. Mental gefangen in einem blindwütigen Taumel von Billiarden Bots, Pop-ups, Videoclips, Fake News, Tweeds, Influencern, Memes, Sina Weibo, WhatsApp, Facebook und Unzähligem mehr. Verloren in einer verschrobenen Realität aus nichts als dumpf-gefühlten Wahrheiten! Den Opfern von KOG-O ist nicht zu helfen!

     

    KOG-O: CHINA UND DIE USA

    Die gesellschaftlichen Konsequenzen dieser KOG-O-Pandemie zeigen sich gegenwärtig besonders drastisch am Beispiel von China und den USA, den beiden Supermächten dieser Erde, was die Brisanz dieser von COVID-19 überdeckten Massenerkrankung nur umso deutlicher werden lässt.

    Dies allerdings aus äußerst unterschiedlichen Gründen, obwohl die Mentalität und soziale Haltung der KOG-O-Infizierten ganz generell autokratische oder diktatorische Bestrebungen in der Politik nachgerade herausfordern. Bestrebungen also, die dem Grundwesen dieser Infizierten im Prinzip ziemlich genau entsprechen: Denn Freund und Feind sind glasklar definiert, und die wahre Wahrheit steht im Netz. Allein aber ist dieser Sozialzombie allerdings verloren. Er giert nach Resonanz und Beistand: Wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus!

    Allerdings hat China aus dieser Tatsache eine extrem bösartige Volte geschlagen und den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Denn da die geistlosen KOG-O-Opfer sich praktisch selbst entmündigen, griff die chinesische Diktatur, wie dazu aufgefordert, einfach zu, behauptete, zu helfen und führte im Handumdrehen das sogenannte Sozialkreditsystem ein.

    Ein die KOG-O-Opfer gnadenlos unterdrückendes Kontrollsystem, das diese perfider Weise einfach dort abholt und rund um die Uhr überwacht, wo sie sich ohnehin schon befinden, im Cyberspace nämlich. Computerüberwachung zuhause und Gesichtserkennung draußen in den Städten – jetzt dürfen sich diese Opfer wohler und geborgener fühlen, weil das System vorgibt, sie so vor sich selbst zu schützen. Allerdings nur solange sich diese auch wirklich absolut systemkonform verhalten, denn sonst bekommen sie keine Punkte mehr und stürzen sozial ab, wenn sie sich nicht daranhalten.

    Auf der amerikanischen Seite hingegen sieht es ganz anders aus. Denn dort herrscht Demokratie. Diese aber wird nicht nur durch COVID-19, sondern vor allem auch durch KOG-O schwer gebeutelt. Doch im Gegensatz zu China durften sich die an KOG-O Erkrankten dort ihren Präsidenten frei wählen, und gerieten nicht unversehens unter die Knute des Staats. So ist es diesen Hirnlosen auch gelungen, demjenigen ins weise Haus zu verhelfen, der einer von ihnen ist, und selbstredend ebenso autoritäre Züge trägt wie sie selbst. Und dieser regiert natürlich durch Twitter: Schließlich will sich dieser Präsident einfach rund um die Uhr mit seinen 80 Millionen Follower im Cyberspace per Tweets kurzschließen und diese so immer auf dem Laufenden halten. Natürlich mit Fake News und Verschwörungstheorien, denn dies ist ja die Realität, in der der Präsident und seine KOG-O-Adepten leben.

    Und dabei schreckt dieser Präsident ganz folgerichtig auch nicht davor zurück, seinen KOG-O-Wählern das Antimalariamedikament HYDROXYCHLOROQUIN als Allerheilmittel gegen COVID-19 zu verkaufen, denn wenn dieser das sagt, ist das Fakt, nur weil es für seine Wähler aus dem richtigen Mund kommt.

    Wahrscheinlich handelt es sich beim gegenwärtigen Präsidenten der USA auch um einen KOG-O-Erkrankten. Das aber ist lediglich nur eine Vermutung. Denn wie gesagt, leider gibt es für diese pandemische Seuche keinerlei Nachweis, geschweige denn einen Impfstoff, der das Schlimmste verhüten könnte.

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    ANTHROPOZÄN
    COVID-19
    DU HOLDE KUNST – EIN NACHRUF
    05. Mai 2020

    COVID-19 sei die Stunde der Wahrheit, wird mancherorts behauptet: Die globale Pandemie sprenge den Schein von den Dingen ab und reiße den Menschen die Maske vom Gesicht, sodass deren wahrer Charakter mit einem Mal schonungslos zutage trete.

    Diese Einschätzung scheint durchaus nachvollziehbar: Insbesondere dann, wenn man sich beispielsweise die internationale Konzert- und Opernindustrie vor Augen führt, den sogenannten Klassikmarkt also, der mit seiner schönen Musik zumindest noch die letzten Reste des spätbürgerlichen Milieus in Wallung versetzten konnte. Und die dem ansonsten mehr im Verborgenen lebenden Kreis der Finanzaristokratie mit ihren pompösen Klängen immer dann höchst willkommen war, wenn dieser sich bei dessen seltenen öffentlichen Auftritten – nach dem obligatorischen Golf am Nachmittag – am Abend in der Oper entsprechend in Szene zu setzen versuchte: Champagner für die Ohren oder Labsal für eingeschüchterte Herzen – viel mehr war von der klassischen Musik im öffentlichen Leben nicht übriggeblieben.

    Doch jetzt lässt COVID-19 diesen scheinbar so illustren Schein, den die Klassikszene wie kaum eine andere Luxusindustrie perfekt zu inszenieren wusste, mit einem Mal wie eine fade schillernde Blase zerplatzen. Wie vor den Kopf geschlagen und von Gott und Welt schnöde verlassen, findet sie sich mit einem Mal mutterseelenallein in ihren verwaisten goldenen Sälen wieder.

    Eine Branche wohlgemerkt, die noch gestern nicht müde wurde immer wieder zu behaupten, sich in der Mitte der Gesellschaft verankert zu sehen, schließlich sei Kunst ein Grundrecht, also hätte jeder auch das Anrecht ihre einzigartigen Kunstproduktionen genießen zu dürfen.

    Doch abgesehen von der Tatsache, dass die sogenannten Klassiktempel dieser Branche, beileibe nicht nur in Europa, immer noch in den Zentren vieler Städte herumstehen, scheint die Behauptung des Klassikmarkts nichts als hohle Luft gewesen zu sein. Denn offenkundig schert sich keiner in der Gesellschaft auch nur die Bohne darum, dass dieser seine abgestandenen Rituale nicht mehr zelebrieren darf. Kein Hahn kräht danach – der faule Zauber scheint mit einem Mal schlichtweg vergessen. Systemrelevanz sieht anders aus!


    WO BLEIBT DIE RETTENDE POLITIK?

    Demzufolge sieht sich auch die Politik nicht sonderlich dazu aufgefordert, sich in Zeiten der globalen Pandemie auch noch um den Klassikmarkt Gedanken machen müssen. Und außerdem: was kann die Politik dafür, dass Konzert- und Opernvorstellungen unter die Rubrik „Großveranstaltungen“ fallen, und mit ihren jeweils mehr als tausend Besuchern wegen COVID-19 eben einfach nicht mehr stattfinden dürfen. Denn als wahre Virusschleudern würden diese ja alle Versuche, die Pandemie einzudämmen, im Nu zunichtemachen, und allein aus diesem Grund, und nicht etwa wegen ihres völlig belanglosen Musikgetöne auf einmal mächtig ins Gerede kommen.

    So war es mit dem globalen Klassikmarkt schon vor COVID-19 nicht mehr allzu weit her gewesen: Denn über die Jahre hinweg war auch aus diesem ein knallhartes, völlig durchkapitalisiertes Geschäft geworden, in der die Musik nur noch eine Nebenrolle spielte und zur wohltönenden Ware verkommen war.

    Produziert von einer vermeintlichen Hochkulturbranche, die vorwiegend von Managern statt von Künstlern geleitet wurde, die sich früher beispielsweise um den Absatz von Joghurt oder Parfüm kümmerten, und jetzt eben für den Verkauf von Klassikmusik verantwortlich waren. Wobei sich der Umsatz dieser Produkte einzig am Ticketing bemaß, also an der Anzahl der verkauften Eintrittskarten, die es einem mächtig in die Jahre gekommenen Publikum ermöglichten, sich Zugang zu den heiligen Hallen dieser Branche zu verschaffen, um deren betörende Klangprodukte mehr oder weniger gebannt konsumieren zu können. „Ausverkauft“ – mehr als das aber war an einem Abend selbst für abgefeimte Manager aus dem ganzen Zinnober nicht herauszuholen.


    ÖDE REPRODUKTIONSMASCHINEN

    Das aber, was die Besucher in den Klassiktempeln wirklich erwartete, war alles andere als lebendige Kunst. Denn aus den globalen Konzert- und Opernunternehmen, die einst ein erstaunlich vitales und überaus reichhaltiges Programm anzubieten wussten, waren über die Jahre hinweg anödende und reaktionäre Reproduktionsmaschinen des immer Gleichen geworden, die nur mehr ein völlig eingedampftes und verarmtes Repertoire mutmaßlicher Highlights der Musikliteratur hervorbrachten, und – bis auf wenige glückliche Ausnahmen – außer sündhaft teurer und eitler Routine nichts mehr anzubieten wussten.

    So setzte sich das Opernrepertoire weltweit nur mehr aus ca. 50 Werken der Musikgeschichte zusammen, die immer wieder aufs Neue wiedergekaut und durchexerziert wurden – gnadenlos durch die Mangel gedreht bis zur Unkenntlichkeit. Folglich waren aus Opernpremieren Inszenierungspremieren der immer gleichen Stücke geworden, in denen die Partitur nur noch dem Vorwand diente, die Opernregie als zeitgenössischen Berufsstand zu legitimieren, was aber beim tausendsten Don Giovanni nur scheitern konnte.

    So war das eingeschworene und allmählich sedierte Klassikpublikum der Opernregie schließlich überdrüssig geworden – es gierte sehnsüchtig nach dem vermeintlichen Original: Und dies brachte so manche Klassikmanager auf die perfide Idee, uralte Inszenierungen, die längst in der Versenkung verschwunden waren, kurzerhand zu reanimieren und diese als originelle Meilensteine der Regiekunst auf den Markt zu werfen, um dem Publikum einmal einen richtigen Happen vorzusetzen.

    So wurde bei den Salzburger Opernfestspielen im Jahre 2017 die fünfzig Jahre alte Inszenierung der Walküre von Richard Wagner in der Regie von Herbert von Karajan szenisch rekonstruiert, und dies selbstverständlich im Originalbühnenbild von Günther Schneider-Siemssen. Gestanzte Szene bei wohlbekannter Musik – das Publikum flippte aus: ENDLICH MAL WAS NEUES! raunte es hingerissen, statt nur immer wieder dasselbe: Aida im Raumschiff, Don Giovanni in den Suburbs, Tosca im Genlabor oder Die Zauberflöte als Familienaufstellung.


    DIE KLASSIKBRANCHE ZERSETZTE DIE MUSIK

    Auf diese Weise trocknete auch diese Kunstform allmählich aus: Die großen Opernwerke verloren mehr und mehr an Kontur, ihre Physiognomie verblasste – ihnen wurde förmlich der Atem genommen. Übrig blieben sattsam ausgeweidete Filetstücke der Musikliteratur, die bald völlig ausgeblutet und ausgedorrt im matten Bühnenlicht schimmerten, und ihrer Verwesung harrten. Säuselnde oder wuchtige, immerfort repetierte Klänge, die zur akustischen Staffage einer progredienten szenischen Leichenfledderei gerieten. Internationale Akustik-Ware mit superber Optik, allseits wiederverwendbar und derart zeitgenössisch, wie es die Zeitgenossen wirklich nicht verdient hatten, weil sie ja nichts anderes kannten

    Aber auch um das internationale Konzertwesen war es schon vor COVID-19 alles andere als gutbestellt. Denn auch hier litt man an der Krankheit des mumifizierten Repertoires und schöpfte letztlich nur noch aus Altbekanntem und lutschte es schamlos aus: Brahms, Bruckner und Beethoven. Mehr schien dem Management offenbar nicht mehr verkäuflich, der Markt war eng. Und richtig: Das Publikum lechzte nach deren Werken, mehr wollte es offenbar nicht, um sich dem Kunstgenuss hinzugeben – das Gewohnte war schließlich vertraut, und das Fremde sollte eben draußen bleiben. So durchwehte auch hier der Hauch des Reaktionären die Säle – man sehnte sich wenigstens nach akustischer Sicherheit.

    Und bis vor wenigen Wochen noch war mit Beethoven, dem Megajubilar der Klassikszene in diesem Jahr, richtig viel Geld zu verdienen: Man musste nur dessen Oeuvre komplett durch die Mangel drehen und zu Kleinholz verarbeiten, um endlich mal wieder richtig absahnen zu können. Doch dazu kam es glücklicherweise nicht, denn COVID-19 setzte dem ganzen Ausverkauf ein vorschnelles Ende.

    Doch einer der Darstellerstars der Musikindustrie, der Pianist Igor Levit, will offenbar selbst in Pandemiezeiten nicht klein beigeben und entblödet sich nicht, weiterhin Werbung für seine Einspielung von Beethovens Klaviersonaten zu betreiben und multimedial zu verwerten – ob nun im Radio oder Fernsehen oder im Internet. Das hätte er besser bleiben lassen. Denn dessen Werbekommentare zu diesen Sonaten sind an ignoranter Dreistigkeit und allgemeinem Sentimentalitätsquark nicht zu überbieten. „Du hast das Gefühl, dir fliegen Blitz um die Ohren!“, posaunt er. Oder: „Allein Freiheit, Weitergehen ist in der Kunstwelt wie in der ganzen großen Schöpfung Zweck!“ – „Ohne zu denken, kann man Beethoven nicht spielen“, hat Daniel Barenboim einmal bemerkt. Wie recht er doch hat!

    So ist es auch schlichtweg verlogen, wenn die Klassikindustrie lauthals verkündet, Beethoven sei der Urvater der klassischen Konzertform gewesen, die heute wie ein Wunder immer noch existiere, was nicht zuletzt auch ihre große Tradition beweise. Welch Ignoranz: Denn in Wahrheit bestanden Beethovens Konzerte, in denen er als Pianist oder Dirigent fungierte, praktisch nur aus Uraufführungen seiner jeweils neuesten Werke, wohingegen das internationale Konzertgebaren nur noch die Repertoire-Leier drehte, als bestünde die Musikgeschichte lediglich aus etwa 100 Kompositionen. Doch aus der Verarmung des Geistes lässt sich viel Kapital schlagen. Dies bewies nicht zuletzt auch die Klassikbranche zu ihrer Zeit.


    DER INTERPRET – NICHTS ALS EIN MARKTVIEH

    Dass es bei diesen anödenden und routinierten akustischen Klassikallerlei schließlich nur noch auf die ausführenden Künstler ankam, scheint klar. Denn was da gerade gespielt wurde, war nebensächlich geworden, es kam nur noch auf die sogenannte Interpretation an. „Macht der Dirigent bei Bruckner 7. Symphonie nun im zweiten Satz den ominösen Beckenschlag kurz vor dessen Ende oder nicht?“ Das waren die Fragen, die wenigstens noch den Connaisseur beschäftigten, wohingegen sich andere im Publikum einfach dem Weihrauchgetue hingaben und sich keine Sorgen machen mussten. Oder: „Mein Gott, wie will diese in die Jahre gekommene Sängerin überhaupt noch die Spitzentöne im vierten Satz von Beethovens 9. Symphonie hinkriegen? Da bin ich nun wirklich gespannt!“

    Um beim Publikum zumindest noch diese Art von innerer Erregung aufrechtzuerhalten, züchtete sich die internationale Musikszene ein globales Solistenheer heran, das sich aus Dirigenten, Sängern und Instrumentalisten rekrutierte, die sich rund um den Globus gegenseitig die Klinke in die Hand gaben, meist auf Nummer sicher gingen und dementsprechend kurz und knapp probierten, wobei diese aber nicht müde werden durften, sich am hinlänglich ausgenudelten Repertoire engagiert abzuarbeiten – tagein, tagaus. Und dies natürlich in enger Kooperation mit einer schwer in die Jahre gekommenen Phonoindustrie, die ihre Klassik-CDs kaum mehr an den Mann brachte und deshalb ebenfalls nur auf Altbewährtes setzte – Brahms, Bruckner und Beethoven.

    Doch auch in diesem Fall kam man natürlich nicht ganz ohne Nachwuchs aus. Folglich setzte man auf jene Jungdirigenten oder Junginstrumentalisten, die irgendeinen internationalen Musikwettbewerb gewonnen hatten, also technisch brillieren konnten. Das aber reichte bei Weitem nicht, mussten diese doch darüber hinaus auch gehörig was von sich hermachen können und besonders gut aussehen, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollten - das geistige Niveau ihrer Interpretationen war dabei völlig nebensächlich. Nur wer vor den Kameras der Klassikwerbung mit oder ohne Instrument entsprechend zu posieren wusste, wurde akzeptiert und in den glitzernden Zirkel aufgenommen.

    Doch von da an war es mit dem schönen Leben vorbei, denn jetzt mussten diese Youngsters alle Kräfte darauf verwenden, den schönen Schein der Klassikwelt auch entsprechend professionell zu produzieren, da kannte das Musikmanagement keine Gnade. Selbst die Stücke, die sie auf ihren CDs zu musizieren hatten, wurde ihnen diktiert. Mit dem nämlichen Programm ging es dann ab durch die Konzertsäle dieser Welt, um deren CD-Absatz in Schwung zu bringen. Selbstverständlich mit Signierstunden nach dem jeweiligen Auftritt und jeder Menge Pressetermine und Interviews, das war obligatorisch. „Mein Gott, Sie sind ja noch so jung und spielen schon so fantastisch virtuos. Wie schaffen Sie das eigentlich?“

    Doch in den völlig durchökonomisierten Gefilden der Klassikwelt herrschten natürlich auch unerbittliche Konkurrenz und rigoroses Ellenbogengeschiebe wie überall – der Run auf die Spitzenplätze war einfach zu groß. Schließlich wollte jeder der Jungstars eines Tages auch mal zig Millionen verdienen.

    Aber auch die wenigen, die es endlich geschafft hatten, konnten sich als Superstars und brandaktuelle Klassikikonen nicht so recht sicher sein, wie lange sie das hochakrobatische Bühnengeschäft denn wirklich durchhalten würden, immer mit der Frage im Kopf, ob sie darüberhinaus auf das Vertrauen des Managements auch wirklich bauen könnten.

    Dass sich aber selbst solche Spitzenkräfte eines Tages einmal als Marktvieh vorkommen müssten, wurde ihnen vor wenigen Tagen ausgerechnet bei den Salzburger Festspielen, dem wohl bedeutendsten Klassikfestival der Welt, überraschend deutlich vor Augen geführt: Denn auf die Frage, warum das Festival denn angesichts von COVID-19 so lange zögere, die diesjährige Saison von Mitte Juli bis Ende August endlich abzusagen, nahm sich dessen Präsidentin Helga Rabl Stadler – gewollt oder ungewollt – die Maske vom Gesicht und erklärte der Presse unumwunden den wahren Hintergrund ihres vermeintlichen Zögerns. „Die Festspiele müssten am 30. Mai als Stichtag für eine Absage festhallten. Denn erst dann, wenn die österreichische Regierung Mitte Mai Festivals dieser Größenordnung per offiziellen Dekret weiter verbieten würde, könnten die Festspiele auch für die Auflösung der meisten bestehenden Verträge nicht mehr haftbar gemacht werden. Dann wären die mitwirkenden Künstler und Mitarbeiter von einem auf den anderen Tag eben einfach vor die Tür gesetzt, könnte man fortfahren. Welch Offenbarungseid!

    Beinahe glaubt man ein Lächeln über das Antlitz von Dionysos hinweghuschen zu sehen. Denn vermutlich atmet der Theatergott erleichtert auf, das ganze leertönende und Geld schachernde Treiben nicht mehr mitansehen zu müssen, das mit dem von ihm ursprünglich erfundenen Theater nun wahrlich nicht mehr das Geringste zu tun hatte.

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