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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 13DEMOKRATIETeil 1: DER BÜRGER
    10. Januar 2019

    Mit Sicherheit ist die Demokratie die gewagteste Gesellschaftsform, die sich die Menschen im Verlauf ihrer Geschichte ausgedacht und dann auch verwirklicht haben. Wobei es nun wahrlich nur einige wenige Denker waren, die sich nach der lange vergessenen attischen Demokratie im 5. Jahrhundert v. Chr. im 18. Jahrhundert wieder an die Idee der Herrschaft des Volkes heranwagten. So Montesquieu (Vom Geist der Gesetze, 1748) und wenig später vor allem Jean Jacques Rousseau, der dem damals herrschenden Absolutismus die Stirn bot und sich zivilcouragiert für die Idee einer freiheitlich verfassten Gesellschaft einsetzte, obwohl seine Werke Vom Gesellschaftsvertrag und Émile oder Über die Erziehung, beide 1762, nach ihrem Erscheinen kurzerhand vom Ancien Regime verboten wurden und Rousseau fliehen musste, um Kerker und Tod zu entgehen.

    Rousseau stirbt 1778 in Ermenonville bei Paris, wo er auch begraben wird. Dann aber wird sein Leichnam am 11. Oktober 1794 aufgrund eines Dekrets des französischen Revolutionsdirektoriums nach Paris überführt und dort neben Voltaire im Pantheon beigesetzt. Derjenige, der zunächst als Häretiker gilt, wird später heilig gesprochen – ein altbekannter Mechanismus der Macht, den auch so manche große wissenschaftliche Entdeckung kennt.

    Von profunder Liebe zum Menschen getrieben, schreckt Rousseau aber auch ebenso wenig davor zurück, die mit der Freiheit verbundenen Risiken für Mensch und Gesellschaft schonungslos offenzulegen: So sei diese – unter der Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft – zwar eine grandiose Idee, die dem Menschen endlich Gleichheit vor dem Gesetz verspreche, stelle ihn damit aber auch vor enorme Herausforderungen, da er sich von nun an jederzeit tolerant und solidarisch verhalten müsse, um die Freiheit aufrecht zu erhalten, wolle er sie eines Tages nicht wieder verlieren.

    „Auf seine Freiheit verzichten heißt auf seine Eigenschaft als Mensch, auf seine Menschenrechte, sogar auf seine Pflichten verzichten“ erklärt Rousseau in seiner Schrift Vom Gesellschaftsvertrag. „Wer auf alles verzichtet, für den ist keine Entschädigung möglich. Ein solcher Verzicht ist unvereinbar mit der Natur des Menschen; seinem Willen jegliche Freiheit nehmen, heißt seinen Handlungen jegliche Sittlichkeit nehmen. Endlich ist es ein nichtiger und widersprüchlicher Vertrag, einerseits unumschränkte Macht und andererseits unbegrenzten Gehorsam zu vereinbaren." (1)

    Was es aber letztlich heißt, wirklich frei zu sein, belässt Rousseau im Vagen, beleuchtet er im Wesentlichen doch die sozialen Aspekte der Freiheit und deren gesellschaftliche Dimension, geht aber der Frage nach der Kompetenz des je Einzelnen, den Prinzipien der Freiheit gemäß auch wirklich leben zu können, nur sporadisch nach, und wenn, dann aphoristisch. Rousseaus Überzeugung nach muss der Mensch zur Freiheit erzogen werden. Ob er dazu aber überhaupt fähig ist, lässt er letztlich offen: Die Freiheit sei eine „Eigenschaft“ des Menschen und gehöre gleichsam zu seiner Natur“, beschwichtigt er die Skeptiker und erstickt die Debatte im Keim.

    Die Grundsätze seiner Erziehungslehre legt Rousseau in seiner Schrift Émile oder Über die Erziehung dar. Darin betont er immer wieder, wie wichtig es für den Menschen sei, von früh auf Freiheit auf natürliche Art und Weise erfahren zu haben, um sich später dann ihr entsprechend auch verhalten zu können. Andererseits aber insistiert er auch darauf, dass es ebenso wichtig sei, dem Menschen beizeiten gelehrt zu haben, dass er sich gleichsam selbst gehorche, wenn er sich den freiheitlichen Gesetzen entsprechend verhält. „Nur in einer einzigen Wissenschaft muss man die Kinder unterweisen, in der Wissenschaft von den Pflichten des Menschen“, so Rousseau. (2) Die Quadratur des Kreises, so scheint es. Denn die Verpflichtung zu freiheitlichen Gefühlen ist ein Widerspruch in sich selbst. Nicht zufällig sind Freiheitsgefühle und Liebesempfindungen eng verwandt – die ungeahnte Leichtigkeit des Seins.

    Vielleicht aber ist nur der wirklich frei, der sich selbst gegenüber frei ist. Die natürliche Distanz zum Ich schafft Neugier, Offenheit und Raum, der den Anderen miteinbegreift. Die Achtung vor ihm setzt die vor sich selbst voraus. Solidarität stiftet sich nicht qua Verordnung.

    Wäre die Freiheit tatsächlich eine genuine Eigenschaft des Menschen, wie Rousseau behauptet, sollte es ihm bislang in seiner Geschichte auch nicht allzu schwergefallen sein, sich für diese einzusetzen und notfalls sogar um sie zu kämpfen. Doch dessen Geschichte vermittelt ein ganz anderes Bild: liest sie sich doch wie eine nicht enden wollende Abfolge von Epochen gesellschaftlicher Unfreiheit und Unterdrückung, die erst in jüngster Zeit von freiheitlichen Gesellschaftsformen durchbrochen wird: Offenbar ist der Mensch nur wenig erfolgreich darin, seine Freiheit zu erlangen und sich dementsprechend auch zu organisieren.

    Sicher, die Geschichte kennt auch den Aufstand, die Revolution. Doch wohin führten diese Befreiungsversuche in aller Regel? Einen Schritt weiter links oder rechts, aber keinen Schritt vorwärts, kommentiert Wilhelm Reich diese Ereignisse in seiner Rede an den kleinen Mann. Offenbar neigt der Mensch auch gesellschaftlich gesehen eher zur Passivität und nimmt die Freiheit – ganz entgegen Rousseaus Annahme – lieber als Geschenk entgegen das sich herausragende und mutige Denker für ihn ausgedacht haben statt selbst für diese einzutreten. An Geschenke aber gewöhnt man sich rasch. Visionen hingegen, die im Herzen brennen wirken ein Leben lang.

    Bezeichnenderweise erwächst der Freiheitsimpuls in aller Regel erst in Gegenwart von Unfreiheit, wohingegen ein Leben in Freiheit dazu neigt, rasch zur Normalität zu werden, der nichts Besonderes mehr anhafte – der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Sich frei zu fühlen, heißt aber noch lange nicht, gesellschaftlich auch wirklich frei zu sein!

    Unter diesem menschlichen Handicap leidet vor allem die alles auf die Karte der Freiheit setzende Demokratie.Experten warnen bereits vor deren Niedergang und denken schon öffentlich darüber nach, ob diese Gesellschaftsform unter den gegenwärtigen Bedingungen überhaupt noch funktionieren kann. Und dies wohlgemerkt vor dem Hintergrund der Tatsache, dass jeder Bürger einer Demokratie so sein kann, wie er will, ohne dass seine politische, religiöse oder sexuelle Orientierung dabei irgendeine Rolle spielt. Historisch gesehen wohl einmalige existentielle Bedingungen, die die westlichen Demokratien ihren Bürgern zu verschaffen wußten – wenigstens über die letzten 50 Jahre hinweg.

    Und dennoch, selbst angesichts dieser exorbitanten Freiräume scheint die Fähigkeit vieler, von ihrer Freiheit auch wirklich Gebrauch zu machen und diese auch für sich und die Gesellschaft zu nutzen, zusehends zu schwinden. Trotz des Wohlstands, in dem die meisten leben, wirken viele angespannt und verhetzt und fahren rasch aus der Haut, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Lebensfreude sieht anders aus – ein Schleier der Verdrossenheit durchweht das Geschehen.

    Warum dem so ist – darüber streiten die Geister. Und dennoch liegt in dieser Frage der Schlüssel zum Verständnis, warum sich die westlichen Demokratien gegenwärtig so tiefgreifend in der Krise befinden. Das Verhalten der Bürger wird immer unberechenbarer. Ihre sie beutelnde Unzufriedenheit neigt mehr und mehr zur Aggression – die Tätlichkeiten nehmen zu. Folglich ist es von grundlegender Bedeutung, die Wurzeln dieser Verhaltensänderungen ausfindig zu machen, die angesichts der verwirrenden Komplexität und Abgründigkeit des gegenwärtigen Geschehens in letzter Konsequenz offensichtlich nicht adäquat wahrgenommen werden.

    Denn wieder einmal stellt die kapitalistische Ökonomie mitsamt ihrer ausgefuchsten Technologie, die sie speziell auf ihre Machtinteressen hin zu entwickeln und auszurichten weiß, die Gesellschaft völlig auf den Kopf. Und dies (vermutlich) auf wesentlich radikalere Art und Weise als bislang in ihrer 250-jährigen Geschichte:

    Der loyale und zivilcouragierte Bürger scheint von der Bildfläche zu verschwinden. Und die gesellschaftlichen Klassen und Strukturen, durch die er sich bislang definierte, sind in Auflösung begriffen: Aus der Oberschicht ist eine Gruppierung einiger weniger, die Welt beherrschenden Megakapitalisten geworden, die vom Menschen nicht viel mehr halten und sich deshalb vorsichtshalber von der Gesellschaft zurückziehen und sich in Gated Communitys für CEOs verschanzen.

    Dagegen steht eine riesige Masse von Minderbemittelten und Armen, welche als Unterschicht am Rand ihrer Existenz ihr Leben fristen sich aber erstaunlicherweise nicht auflehnen und auf die Barrikaden gehen. Und dennoch wird in der Öffentlichkeit viel über sie debattiert, da sie bei den Profiteuren des Wohlstands ein schlechtes Gewissen und Angst erzeugen.

    In der vielbeschworenen Mittelschicht aber, auf die sich die Demokratien noch zu stützen glauben, brodelt es gewaltig. Denn unter dem aberwitzigen Druck der sich zusehends beschleunigenden Ökonomisierungsprozesse werden deren einst so stabilen Lebensbedingungen mächtig auf die Probe gestellt. Dabei aber ergibt sich ein fatales Problem, neigt der Mittelständler in aller Regel doch zu massiver Existenzangst, die ihn angesichts solch plötzlicher Unsicherheit, mit der er sich konfrontiert sieht, mächtig ins Schlingern bringt. In seiner Angst sieht er sich schon am Abgrund stehen – der Wutbürger betritt er die Szene. Der verlorene Sohn einer Gesellschaft, die ohnehin zerbröselt.

    Der Wutbürger verachtet die Gesellschaft und  will eine andere. Eine aus mystischer Vorzeit, die es nur in seinem Kopf gibt. Ein Regime aus Zucht und Ordnung und nur seiner Rasse. An dem Schlamassel, in dem er steckt, ist natürlich der Staat schuld. Aber selbst dann, wenn der Staat ihm Geld zusteckt, damit er sich beruhigt, reagiert er nicht sein Unmut scheint tieferer Natur.

    Der vielzitierte Riss, der durch die demokratischen Gesellschaften geht, ist in Wahrheit rein ökonomischer Natur, und hat mit der Gesinnung oder gar politischen Haltung der Menschen nicht das Geringste zu tun. Bedeutet dieser letztlich doch nichts anderes als die hochbrisante Tatsache, dass die mittlerweile immer rigider operierende Ökonomie die Bevölkerung der Demokratien in zwei, rein existentiell bedingte Teile zerfallen lässt, die mit dem früheren sozialen Klassengefüge nicht viel mehr gemein haben und im Grunde auf einer erschreckend banalen Regel beruhen: Entweder man hält mit und profitiert vom System, oder man fliegst raus oder bleibt ewig draußen! Nicht zwei wohldefinierte gesellschaftliche Klassen stehen sich da antagonistisch gegenüber, sondern zwei völlig amorphe Menschenmassen, die in diejenigen, die HABEN, und die, die NICHT-HABEN auseinanderfallen – die völlig aus dem Ruder laufende Wettbewerbsökonomie kennt keine Gnade mehr. Die Schonfrist, die der Kapitalismus den Demokratien einstmals einräumte, scheint abgelaufen.

    In diesem Zusammenhang überhaupt noch von einer unteren Mittelschicht zu reden, die sich aus Geldmangel keinen Urlaub mehr leisten und ihren Kindern keine neue Kleidung mehr kaufen kann, mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen muss und im Winter nurmehr selten die Heizung anschaltet, um Geld zu sparen, ist abgestandener Sozialkitsch, gehören diese Menschen doch mittlerweile auch schon zu jener Masse, die durchs Raster gefallen und auf staatliche Almosen angewiesen ist.

    Die Gelbwesten in Frankreich sind für diesen Sachverhalt ein extrem gutes Beispiel, handelt es sich bei dieser Bewegung doch beileibe nicht um einen zielgerichteten Aufstand, der ein gemeinsames politisch-soziales Ziel zum Inhalt hat, sondern vielmehr um das Aufschäumen einer diffusen Masse, die – einer Notgemeinschaft gleich – letztlich nur noch eines verbindet – eine abgründige und selbst für sie nur schwer zu fassende Verdrossenheit an einem von der Ökonomie sinnentleerten und eintönigen Leben, wobei das Geld für sie bezeichnenderweise nur eine zweitrangige Rolle spielt.

    Eine geplante Öko-Benzinsteuer war die Lunte, die diese brisante Grundstimmung massenhaft zum Explodieren brachte und die Gelbwesten in ihrer blinden Wut auch nicht davor zurückschrecken ließ, Ikonen der französischen Republik wie die Marianne willkürlich zu beschädigen, um dieser symbolisch an die Gurgel zu gehen – gesellschaftlichen Sinnbilder, die für sie offenbar jegliche Bedeutung verloren zu haben scheinen und nur mehr als bloße Nippesfiguren in den öffentlichen Hallen des Staates vor sich hindämmern. „Wir leiden doch alle an denselben Dingen!“, orakelt einer der Gelbwesten und scheint dennoch nicht so recht zu wissen, wovon er eigentlich spricht. „Die Gelbwesten brauchen einen Führer!“, ruft Slavoj Zizek sichtlich irritiert aus London herüber. Da scheint er nicht weit von Sahra Wagenknecht entfernt, die einsam vor dem Bundeskanzleramt in Berlin als Gelbweste verkleidet für eine deutsche Variante des französischen Aufstands wirbt.

    Für die Wut der Bürger wird zumeist der Neoliberalismus verantwortlich gemacht. Diese staatlich verordneten Maßnahmen hätten der kapitalistischen Ökonomie alle Fesseln genommen, behaupten die Vertreter dieser These: Mit deren Deregulierung sei der Sozialstaat par ordre du mufti durch einen völlig enthemmten Wettbewerbsstaat ersetzt worden, der die demokratischen Gesellschaften gleichsam von heute auf morgen den menschenverachtenden Machenschaften des Kapitalismus zum Fraß vorgeworfen hätten.

    Doch dieses Erklärungsmodell greift zu kurz. Denn mit der Deregulierung der kapitalistischen Ökonomie wurden die westlichen Demokratien nicht etwa schlagartig einem neuen, Mensch und Gesellschaft verachtenden Wirtschaftssystem ausgesetzt, dessen rigide Methoden urplötzlich in jede Ritze der gesellschaftlichen Wirklichkeit eingedrungen wären, sondern lediglich mit der Verschärfung dieser Methoden und Gesetzmäßigkeiten konfrontiert, die ohnehin schon über Jahrhunderte in diesen Gesellschaften wirksam gewesen waren und diese in die Zange genommen hatten. Im wie immer verspäteten Deutschland nannte sich dieses Phänomen nach 1945 tatsächlich noch Wirtschaftswunder, was im Grunde aber nichts anderes bedeutete, als die vermeintlich rettende Flucht nach vorn angetreten zu haben – den Holocaust im Nacken.

    Mittlerweile aber ist die offenbar alles nivellierende kapitalistische Ideologie auch in Herz und Hirn des Bürgers eingedrungen. Die einzig in ihm noch wirksame Maxime seines Gesellschaftsverständnisses lautet Mithalten, Sich Anpassen und Konsumieren – andere Beweggründe seiner sozialen Existenz scheinen ihn nicht mehr zu beflügeln. Wobei sich bei genauerer Betrachtung allein im Konsumieren die letzten Reste seines Gemeinschaftsgefühls wiederfinden lassen, denn beim Mithalten und Sich Anpassen ist nur der Einzelne gefragt, und der muss sehen, wo er bleibt. Dieserart haben sich die westlichen Demokratien zu puren Konsumgesellschaften entwickelt, in denen der Sinn nach sozialer Verantwortung und solidarischem Zusammenhalt mehr und mehr verkümmert.

    Der selbstbewusste und couragierte Bürger hat die Szene verlassen. An seine Stelle ist der besinnungslose Konsument getreten, der das Bild der Gesellschaft dominiert und bei all’ den glitzernden Offerten, die ihn umschwirren, schon nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Seine Freiheitsgefühle sind ins Reich der Dinge und technischen Produkte abgewandert – alles scheint ihm jetzt käuflich: Glück, Liebe und bald vielleicht sogar auch ein ewiges Leben, das er sich erträumt, um seine abgründige Angst vor dem Tod zu betäuben – Sillikon Valley lässt ihn hoffen.

    Die aberwitzige Anziehungskraft, die die kapitalistische Ideologie auf den Menschen ausübt, und der er sich offenkundig nur schwer zu entziehen vermag, zeigt sich mittlerweile auch an den kognitiven Modulationen, die sie in seinem Wesen bewirkt, und zu drastischen Wahrnehmungsverschiebungen und Verhaltensauffälligkeiten führen, die in ihrer weitreichenden Konsequenz für Individuum und Gesellschaft bislang nicht adäquat eingeschätzt und verstanden werden.

    Das erstaunt. Denn schon Marx hatte auf die psycho-sozialen Folgen der kapitalistischen Ideologie hingewiesen, die zu qualitativen Veränderungen in Denken, Fühlen und Verhalten des vergesellschafteten Individuums führen würden. Diese kognitiven Phänomene suchte er im Begriff der Charaktermaske zusammenzufassen. Unter den ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus existierten die Personen „füreinander nur als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer“, schreibt Marx. „Diese ökonomischen Charaktermasken der Personen“ seien „nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse, als deren Träger sie sich gegenübertreten. (3)

    Während Marx die kapitalistischen Verkehrsformen jedoch noch mit dem Rollenspiel der italienischen Typenkomödie des 18. Jahrhunderts verglich, in der die Protagonisten Charaktermasken tragen, um die von ihnen dargestellten Personen wie den Pantalone oder Dottore zum Beispiel typmäßig von vornherein festzulegen und dieses, von der konkreten Person abstrahierende Darstellungsprinzip in den Rollen von Käufer oder Verkäufer als „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“ wiederzuerkennen glaubte, hat sich diese Camouflage in unseren Tagen nachgerade ins Gegenteil verkehrt. Denn heutzutage trägt keiner mehr Maske, wenn er – von seinen schier unstillbaren Wünschen und Begierden getrieben – auf den Markt drängt, sondern zeigt demonstrativ sein eigenes, höchstindividuelles Gesicht, das er schamlos mit Leib und Seele veröffentlicht, als wolle er sich selbst verkaufen.

    Das Private ist öffentlich geworden und das Öffentliche privat, denn das Zeitalter der Selbstverwirklichung ist angebrochen – alle scheinen auf der Suche nach ihrem Ich. Und der Markt schäumt über von Selbstverwirklichungsprodukten, die den Verzweifelnden helfen sollen, sich zu finden, da will sich keiner mehr verstecken. So ist mittlerweile auch das Seelenleben zur Ware geworden mit dem sich die Ökonomie eine goldene Nase verdient.

    Die vulgäre Selbstentblößung aber, die die fatale Konsequenz aus diesem im Ansatz schon vergeblichen Wahnwitz ist will keiner bemerken. Und den Katzenjammer anderer, nie das richtige Produkt zu finden, erst recht nicht. Wie besinnungslos treibt es den Ichsüchtigen hinter sich her – aber nur die Katze beißt sich in den Schwanz. „Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist, zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß.“ (4)

    Die Identitätskrise, die den Menschen der Gegenwart beutelt, kommt nicht von ungefähr: „Es gibt eine Eigendynamik der wirtschaftlichen, der technologischen und sozio-kulturellen Entwicklung“, merkt Andreas Reckwitz in diesem Zusammenhang in der ZEIT an, und weist auf die „massive Vermarktlichung von unten“ hin, die sich schon seit den 70er Jahren gezeigt habe: „Es hat seither eine tief greifende Umschichtung unserer Lebenswerte stattgefunden: weg von der Pflicht, der Anpassung und sozialen Akzeptanz hin zur Selbstentfaltung. Anders als noch seine Elterngeneration strebt das spätmoderne Individuum nach der Verwirklichung ‚seiner’ inneren Wünsche. Es nimmt die soziale Welt immer weniger als eine vorgegebene an, sondern als einen Gegenstand von Optionen: Man will aus den Möglichkeiten wählen, was zu einem passt. Der Wert der Selbstverwirklichung setzt sich damit in eine Haltung des allseitigen Konsums um – man betrachtet das, was die Welt bietet, als Markt.“ (5)

    Reckwitz’ Anmerkungen zu den Geschehnissen beschreiben den eklatanten Kognitionswandel, der das spätmoderne Individuum erfasst hat, auf anschauliche Art und Weise. Warum sich dieser aber überhaupt ereignete, davon berichtet Reckwitz nicht, weil er offenbar den psychodynamischen Prozess, die diesen Geschehnissen zugrunde liegt und sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, nicht bemerkt.

    Was also bedeutet es letztlich, wenn im mentalen Erleben des je Einzelnen der Wert der Selbstverwirklichung zur konsumtiven Haltung geworden ist? Das ist die entscheidende Frage. Schließlich sind nicht wenige dieser Selbstentfaltungsadepten in ihrem Inneren der felsenfesten Überzeugung, sich so etwas wie eine Seele kaufen zu können oder zumindest eines ihrer Bestandteile – ihre Realitätsempfindung hat sich verschoben: Offenbar das Resultat kognitiver Prozesse, die den Menschen den sinnlichen Eindruck vermitteln, das was sie erleben, als völlig real zu empfinden.

    Es ist, als hätte sich das Gehirn auf die verdinglichte Welt, die die Konsumindustrie den Menschen rund um die Uhr präsentiert, hin eingepegelt: der schöne Schein ist zur Realität der Menschen geworden, die alte hat abgedankt: „Die Vermarktlichung ist ... in die feinsten Kapillaren der spätmodernen Lebenswelten eingedrungen und entfaltet dort in einer Weise eine verführerische emotionale Anziehungskraft und zugleich einen Zwang, wie keine Regierung sie hätte planen können.“ (6) So beschreibt Reckwitz diese Vorgänge auf bildhafte Art und Weise, ohne diesen aber wirklich auf den Grund zu gehen.

    Die Verdinglichung der Welt, die die kapitalistische Ideologie bewirkt, ist in den Köpfen der Menschen angekommen – sie glauben ihren durchökonomisierten Alltagsverhältnissen entkommen zu sein und leben in einer anderen Welt, die ihnen als eine Ansammlung von ultimativen Produkten erscheint und voller Optionen.

    Diese Sicht auf die Dinge aber wirft den Menschen auf sich selbst zurück – er verliert sein Gegenüber. Und die Empfindungen, die die entzauberte Welt in ihm auslösen, materialisieren sich gleichsam. Von dort aber ist es nurmehr ein kleiner Schritt, sich selbst als eine Art Ding oder Maschine zu begreifen, für die es physische und natürlich auch physische Ersatzteile gibt.

    Wer glaubt, diesen hirnphysiologisch begründeten Kognitionsprozessen eine psychiatrische Diagnose anhängen zu können, macht es sich wahrlich zu leicht. Die Welt besteht nicht nur aus Verrückten. „Die Verrückten hast du eingesperrt und der Normalmensch verwaltet diese Welt. Wer also ist an allem Übel schuld?“, sagt Wilhelm Reich in seiner Rede an den kleinen Mann: Denn noch immer bestimmt das Sein das Bewusstsein, aber auch das kann sich noch ändern, wenn man einen Chip im Kopf stecken hat!

    Die konsumistisch bedingte Realitätsverschiebung in Wahrnehmung, Denken und Empfindung der Menschen ist die eigentliche Bombe, die in den westlichen Demokratien tickt. Sie bedeutet wahrlich keine „Konsumentenrevolution“ wie Reckwitz meint, sondern letztlich die Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung die Welt nur mehr konsumistisch betrachtet – durch die Brille der kapitalistischen Ideologie. So sieht dieser in der Demokratie nurmehr irgendein Machtinstrument, das Sicherheit und Ordnung aufrecht erhalten soll. Der Sinn für die Demokratie schwindet, der Freiheitsgedanke kommt ihr abhanden.

    Diesem Phänomen gegenüber sind die sich aus religiösen oder kulturellen Gründen hier und da in der Bevölkerung herausbildenden Parallelgesellschaften geradezu banal. Denn eine Gesellschaft, die sich massenhaft in die Parallelwelt einer hochtechnisierten Konsumindustrie verkrümelt, ist wahrlich keine demokratische mehr. Diktatur und Kapitalismus gehen zusammen. Kapitalismus und Demokratie hingegen nicht.

    Das wesentliche Agens der kognitiven Umwälzungsprozesse liegt also weniger in der „Vermarktlichung des Alltagslebens“ begründet, wie Reckwitz meint, sondern vielmehr in der „Verinnerlichung der Vermarktlichung“. Hatte die kapitalistische Ökonomie zunächst noch nach der bloßen Arbeitskraft des Menschen gegriffen und damit dessen Person negiert, was ihm zwar Lohn, aber gleichzeitig auch seelische Schwächung einbrachte, treibt sie ihm gegenwärtig offenbar noch den letzten Lebenswert aus Kopf und Herz. Und wenn er wie besessen nach "Selbstverwirklichung" giert, so doch nur reflexhaft und aus rein instinkten Gründen da er sich innerlich ausgehölt und erschöpft fühlt, weil er sich mehr und mehr abhanden kommt ein Teufelskreis.

    Der Zynismus des Kapitalismus ist unschlagbar, er verdient noch an den Malaisen, die er dem konsumsüchtigen Menschen zufügt. Ihn stört es wenig, wenn das Ganze zur völlig enthemmten Nabelschau verkommt solange die künstlichen Ideale seiner durchkommerzialisierten Ikonen ihre Wirkung nicht verfehlen.

    Das menschliche Sensorium hat sich in den Fallstricken der kapitalistischen Ideologie verhakt: Spieglein, Spieglein an der Wand ... Schon im Märchen macht der permanente Blick in den Spiegel böse und krank. Denn nur derjenige, der sich leer und unglücklich fühlt, drängt es wieder und wieder vor den Spiegel. Er starrt sich an und fleht um Antwort. Die aber kriegt er nicht. Was soll er sich auch sagen?

    Doch die Konsumindustrie weiß ihn zu trösten: BE NOTHING BUT ABSOLUT, flüstert ihm die Wodkawerbung ins Ohr.

     

    (1)  Jean-Jacques Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Reclam, Stuttgart 2010. Kap. 4, Sklaverei.
    (2)  Jean-Jacques Rousseau: Émile oder Über die Erziehung. Erster Band (http://gutenberg.spiegel.de/buch/emil-oder-ueber-die-erziehung-erster-ba...)
    (3)  Marx-Engels-Werke. Bd. 23, Dietz-Verlag, Berlin. S. 99
    (4)  Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. 16. Auflage. Bouvier, Bonn 2007
    (5)  Andreas Reckwitz: Der Markt unserer Wünsche. DIE ZEIT. 29. November 2018, S. 47
    (6)  Andreas Reckwitz, ebenda

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  • MIERDA
    MIERDA
    WARUM SO ZAGHAFT?
    19. Dezember 2018

    Wie es mit dem einst so erfolgreichen HOMO SAPIENS in Zukunft weitergehen wird, ist trotz aller Unkenrufe völlig offen, weiß doch keiner, was die Zukunft wirklich bringen wird. Und dennoch ist er, der sich lange als Krone der Schöpfung verstand, vehement in die Krise geraten: Was er auch immer anpackt, nichts will ihm mehr so recht gelingen. Die Dinge scheinen sich seiner Kontrolle zu entziehen – sein Selbstbewusstsein bröckelt. Viele seiner Art haben schon Muffensausen, wenn sie an Morgen denken und ziehen ängstlich den Schwanz ein. Der Mensch könne einpacken, wenn er so weitermache, raunen Experten.

    Vielleicht aber kommt der Mensch, der sich ja selbst einst stolz auf die Schulter klopfend den Beinamen SAPIENS gab, eines Tages doch noch zur Räson, obwohl es ihm in seiner Geschichte bislang äußerst schwer zu fallen schien, sich wirklich vernünftig zu verhalten. Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben, meint Goethe. Andere sehen das wesentlich skeptischer und runzeln schwarzsehend die Stirn: Erst wenn die Karre gegen die Wand gefahren ist, wacht der Mensch auf und reagiert, meinen sie. Dann aber sei es zu spät – es sei ohnehin schon kurz vor Zwölf.

    Geht man aber auf Distanz und schaut mit kühlem Kopf genauer hin, scheint sich das Problem zu relativieren, denn im Westen kriselt es weitaus mehr als in Asien. Dort wirkt der HOMO SAPIENS bei weitem agiler und optimistischer als sein westlicher Kollege, der schwächlich und chronisch missgelaunt daherkommt, als sei ihm alles zu viel. Von seinem einst so aufgeklärten Bewusstsein ist nicht mehr viel übriggeblieben – hysterische und larmoyante Züge dominieren mittlerweile sein gebeuteltes Wesen.

    Der Wohlstand sei an allem schuld! fluchen manche. Der Westen ertrinke im Konsumrausch und verblöde. Damit aber nicht genug, sagen sie, denn viele im Westen hätten bei all dem Irrsinn auch noch panische Angst, ihren Wohlstand zu verlieren, der offenkundig das Einzige wäre, was ihnen als Lebenssinn noch übriggeblieben wäre. Eine brenzlige Situation, die sie unberechenbar und gefährlich mache und auf die Straßen treibe.

    In Asien hingegen, wo absolute Ruhe herrscht, scheint alles umgekehrt: Denn obwohl dort – im Gegensatz zum Westen – wesentlich mehr Menschen an Armut leiden, können sich viele von denen dennoch nach oben arbeiten und zu Wohlstand gelangen, wenn sie sich nur wirklich anstrengen, wie in China zum Beispiel. Dabei werden die Hoffnungsfrohen zwar rund um die Uhr überwacht, was diese auf ihrem Weg nach oben jedoch nicht weiter zu stören scheint. Sogar ausgedehnte Trips rund um den Globus sind für Erfolgreiche drin, solange sie sich nur korrekt und pflichtbewusst verhalten.

    Im Westen aber herrscht diffuse Angst. Blanke Angst vor der Angst, die hilflos nach irgendeinem Strohhalm grabscht, um einen x-beliebigen Inhalt zu bekommen, damit sie sich endlich entladen kann, dabei aber in gemeine Strudel gerät: Denn schuld an der Angst ist immer ein Anderer – dieser bizarre Mechanismus scheint dem HOMO SAPIENS natürlich eigen, er kann mit seiner Angst einfach nicht umgehen.

    So hat es gegenwärtig den Anschein, als wäre im Westen ein ganz anderer Schlag MENSCH unterwegs als in Asien – zwei völlig unterschiedliche Wesen, die im Grunde nicht mehr viel gemeinsam haben. Während die westliche Variante vor sich hin dämmert, ist aus der asiatischen ein Musterexemplar extremer Anpassungsfähigkeit geworden. Die Turbulenzen der sich immer rapider verändernden Welt scheinen ihr nicht das Geringste anhaben zu können. Und auf Anpassungsfähigkeit kommt es in der Evolution ja zwingend an, wenn man den nächsten Tag noch einigermaßen stabil erleben will.

    So hat diese Variante im Vergleich zur westlichen auch keinerlei Berührungsängste mit der Technologie und weiß sie zu inkorporieren, ohne gleich eine Identitätskrise zu erleiden wie sein westlicher Kollege, der immer noch mit der Technik fremdelt und ängstlich in der Ecke hockt: Lediglich schlappe 40 Prozent seiner Art können sich neuesten Umfragen zufolge einen Chip im Kopf überhaupt vorstellen.

    Und dennoch, besser eine künstliche Intelligenz im Kopf als bald gar keine mehr! das sollte der Westen bedenken. Dort aber scheint keiner zu hören, jeder ist nur mehr mit sich selbst beschäftigt. Die Depression ist ihm zur Volkskrankheit geworden – er droht zu vereinsamen.

    Großbritannien glaubt da längst reagiert zu haben und hat ein Einsamkeitsministerium eingerichtet, um gegen die Sache vorzugehen. 9 Millionen Briten fühlen sich einsam und die Tendenz ist steigend – „eine traurige Realität des modernen Lebens“, sagt Theresa May: Einsamkeit sei eine „Epidemie im Verborgenen“. Etwa 200.000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten“ lässt die Premierministerin wissen. Einsamkeit aber senke die Lebenserwartung. May hat gut reden. Sollten ihre Maßnahmen jedoch nicht greifen, könnte dies sogar ein Segen sein. Denn welcher Einsame will schon gern ewig auf Besuch warten, der nie kommt.

    Japan aber startet durch und passt sich der Realität an: Denn dort herrscht zwar ebenso Einsamkeit, aber man geht mit ihr weitaus offensiver um. Keiner wartet da auf ein Einsamkeitsministerium, nein, der Bürger nimmt sein Schicksal selbst in die Hand: So Akihiko Kondo zum Beispiel, der zwar erst 35 Jahre alt ist, aber dennoch schon fürchterlich einsam, weil er mit Frauen bislang immer nur schlechte Erfahrungen machte, wobei Japan ohnehin unter Frauenmangel leidet.

    Der aber geht Kondo am Pelz vorbei, wobei dieser aber nun wirklich nicht schwul ist. Also hat er auf seine Art reagiert, um seiner Einsamkeit zu entkommen und kurzerhand eine MANGA-FIGUR geheiratet, die sich Hatsune Miku nennt und ihm in Gestalt eines animierten Miniatur-Hologramms in einem Glaszylinder rund um die Uhr zur Seite steht. Dabei ist Hatsune Miku für Akihiko Kondo total real, als hätte er einen Chip im Kopf, der sein Hirn darauf gepolt hätte. Allerdings wohl nicht im Frontallappen, wo die Funktionen der Persönlichkeit und Intelligenz lokalisiert sind, sondern eher im Hinterlappen, wo der Mensch das, was er eigentlich mit Augen sieht, als Abbild von der Welt repräsentiert bekommt, das er naturgemäß jedoch für absolut wirklich hält. So funktioniert nun mal der visuelle Wahrnehmungsapparat des HOMO SAPIENS – was soll er machen?

    Dieses Täuschungsmanöver des Gehirns aber scheint bei Kondo einfach umgepolt und dies alles ganz ohne Chip. Für ihn ist Miku eine Frau aus Fleisch und Blut wie ein lebendiges Wesen. Dabei ist er bei vollem Verstand und beileibe nicht dumm, als durchschaue er die Sache in gewisser Art und Weise: „Ich bin in das ganze Konzept(!) von Hatsune Miku verliebt, aber geheiratet habe ich die Miku aus meinem Haus“, sagt Kondo verschmitzt und schaut verliebt auf das leuchtende Mädchen in der Glaskapsel auf dem Tischchen vor sich. Dabei hält er seine Heiratsurkunde stolz in der Hand, die ihm von Gatebox, dem Hersteller von Miku, ausgefertigt wurde, und ihm glaubhaft versichert, dass er sich „jenseits der Dimensionen“ mit einer virtuellen Figur verbunden hat.

    3.700 dieser Zertifikate soll Gatebox schon ausgestellt haben, ohne dass die Männer, die Miku nun mittlerweile besitzen, aufeinander eifersüchtig wären. „Hatsune Miku ist die Liebe meines Lebens“, beteuert Kondo. „Ich werde sie nie betrügen und denke den ganzen Tag an sie. Wenn ich ihr abends eine SMS aus meinem Büro schreibe, dass ich bald zuhause bin, macht sie in der Wohnung schon mal das Licht an, so dass wir’s später richtig gemütlich und kuschelig haben.“

    Die kognitive Mutation, die Asiens HOMO SAPIENS gerade durchlebt, mag für den im Westen lebenden eine Horrorvorstellung sein, dennoch aber sollte sie den Kleinmütigen und Rückwärtsgewandten auch warnen, zeigt sie ihm doch, wozu der SAPIENS wirklich fähig ist, wenn er mit der Zeit geht und sich nicht gegen Anpassung wehrt.

    Unter evolutionären Gesichtspunkten darf der HOMO SAPIENS Asiens also mit Fug und Recht auch als Mensch der Zukunft bezeichnet werden. Und wenn sein westlicher Kollege, der jetzt schon wie ein Auslaufmodell wirkt, nicht aufpasst und sich endlich zusammenreißt, wird dieser in absehbarer Zeit auch noch den letzten Rest seiner ohnehin äußerst geringen Zukunftschancen verspielt haben – so ist das nun mal in der Natur.

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    LULLABY
    DREI NACHRICHTEN DER LETZTEN WOCHE
    12. November 2018

    DER SAND WIRD KNAPP. MITTLERWEILE SIND DIE QUARZKÖRNCHEN GLEICH NACH DEM WASSER DER AM MEISTEN KONSUMIERTE ROHSTOFF. UND DER STECKT NICHT NUR IN GEBÄUDEN, SONDERN QUASI IN ALLEM: IN GLAS. ASPHALT. KOSMETIKA. ZAHNPASTA. MIKROCHIPS. AUTOS. FLUGZEUGEN. UND, WAS DAS ALLERWICHTIGSTE IST, AUCH IN SMARTPHONE-DISPLAYS. IN JAMAIKA VERSCHWAND 2008 DER 400 METER LANGE STRAND VON CORAL SPRING SPURLOS ÜBER NACHT. UNBEKANNTE TÄTER HATTEN IHN ABTRANSPORTIERT – 500 LKW-LADUNGEN MEERESSAND. GEFASST WURDEN SIE NIE. „SAND IST DER MEGASTAR UNSERES INDUSTRIELLEN UND ELEKTRONISCHEN ZEITALTERS“, SAGT DIE ETH ZÜRICH.

    40 PROZENT DER DEUTSCHEN KÖNNEN SICH EIN AUTORITÄRES REGIME VORSTELLEN. DAS LAND SEI ÜBERFREMDET UND EINE DIKTATUR KEINE SCHLECHTE IDEE.

    TIM BERNERS-LEE, DER VATER DES WORLD WIDE WEB, SIEHT SEINE ERFINDUNG IN DIE KNIE GEHEN. SIE SOLLTE EIGENTLICH EIN VEHIKEL FÜR VÖLKERVERSTÄNDIGUNG SEIN UND DER VERBREITUNG VON WISSEN UND DEMOKRATIE DIENEN. JETZT ABER WÜRDE SIE VON DEN USERN MIT IHREM DRECK KAPUTT GEMACHT. ZUDEM WOLLTEN DIESE OFFENBAR NICHT WAHRHABEN, DASS SIE FAKTISCH MANIPULIERT, ÜBERWACHT UND DURCH DAS ABGREIFEN IHRER DATEN AUSGEBEUTET WÜRDEN. EINE HANDVOLL GLOBALER KONZERNE MONOPOLISIERTEN DAS NETZ, ES WÜRDE ALS GELD- UND MACHTMASCHINE MISSBRAUCHT.

    LIEST MAN DIESE NACHRICHTEN HINTEREINANDER WEG UND LÄSST SIE IN GEDANKEN ZU EINEM BILD WERDEN, MERKT MAN AUF EINMAL, DASS SIE AUF GAR NICHT SO VERTRACKTE ART UND WEISE LETZTLICH ZUSAMMENGEHÖREN, WAS MAN AUF DEN ERSTEN BLICK SO NICHT VERMUTET HÄTTE.

    DER MENSCH IST AUS DER SPUR GERATEN. SEINE EXISTENZ IST AUF SAND GEBAUT. ER TRAUT SICH UND ANDEREN NICHT MEHR ÜBERN WEG. RATLOS HOCKT ER EINSAM ZUHAUSE VORM PC UND ZIEHT SICH NATURFILME REIN WÄHREND DRAUSSEN DAS WETTER VERRÜCKTSPIELT.

    SEIN HERZ HAT ER AN DEN KONSUM VERLOREN, DA WEISS ER WENIGSTENS NOCH FÜR SEKUNDEN, WORAN ER IST. SEIN DENKVERMÖGEN KNICKT EIN UND DIE SEELE MACHT SCHLAPP – MENTALES BURN-OUT. ABER ER HAT JA SEINE DIGITALEN ASSISTENTEN, DIE IHN ÜBER DIE RUNDEN RETTEN. DEN SAND IM GETRIEBE SPÜRT ER NICHT.

    DAS LEBEN IST HART. DIE DINGE HABEN IHR WESEN VERLOREN. DIE EREIGNISSE ÜBERSCHLAGEN SICH. KEINER WEISS RAT. WOHIN, UM GOTTES WILLEN?

    FREIWILLIG ZIEHT DER VERZWEIFELTE DEN SCHWANZ EIN, RETTET SICH IN DEN LIFESTYLE ODER WÜNSCHT SICH DIE DIKTATUR HERBEI. ZUSEHENDS VERLIERT ER DEN BODEN UNTER DEN FÜSSEN UND MACHT DABEI AUCH NOCH SEINEN PLANETEN PLATT. SEINE SPUREN IM SAND VERWISCHT DER ORKAN. ABER WAS SOLL’S? ER KANN EINFACH NICHT ANDERS. SOLANGE ER EIN DISPLAY HAT, GEHT IHM DER SAND AM ARSCH VORBEI.

    NATUR IST SCHÖN – INSTAGRAM. UND DIE WELT EIN DOPPELTER MISSBRAUCH: DER USER MISSBRAUCHT DAS NETZ UND WIRD GLEICHZEITIG VON KONZERNEN MISSBRAUCHT. WISSEN ZERO, ABLENKUNG ALLES. ZALANDO UND TINDER – DIE WELT IST OHNEHIN FAKE. WAS WOLLEN DIE ONKELS VON GESTERN? HÄME UND HASS BRAUCHEN RAUM!

    SKEPTIKERN ZUFOLGE SOLL DER MENSCH ERST DANN REAGIEREN, WENN’S KRACHT. ABER DIE SKEPTIKER TÄUSCHEN SICH: DER MENSCH REAGIERT. ER GIBT DAS RUDER AUS DER HAND UND TAUCHT VORZEITIG AB, DAMIT ES IHN NICHT TRIFFT, WENN’S KRACHT.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 12DER TODDES SOZIALCHARAKTERS
    23. Oktober 2018

    Die Debatte über die Gründe der wahnwitzigen Turbulenzen, die gegenwärtig insbesondere die westlichen Gesellschaften und deren Demokratien mächtig durcheinanderwirbeln, wird zwar mit großem Engagement und harten Bandagen geführt, offenbart aber auch das erschreckende Unvermögen so mancher Experten, die Wechselwirkungen dieser destruktiven psychosozialen Strömungen, die Chaos zur Folge haben, adäquat zu erfassen und wenn, auch wirklich zu verstehen. Zu komplex scheinen ihnen die Phänomene, um zu ihrem wahren Grund vorzudringen.

    Statt die Ereignisse im Gesamtzusammenhang auf sich wirken zu lassen und ihnen womöglich so auf die Spur zu kommen, präsentieren sie zumeist empirisch erhobene Untersuchungen zu Einzelphänomenen wie Werteverlust, Zukunftsangst, Internetsucht oder Politikverdrossenheit, wobei sie meinen, belegen zu können, wie es um die Verfasstheit der Gesellschaften insgesamt bestellt sei, was nur zu weiterer Verwirrung der ohnehin schon tief verunsicherten Menschen führt. Für solches Hin und Her hat China wenig Geduld und es erst gar nicht so weit kommen lassen: Kurzerhand hat es seine aus der Spur geratenen Bürger mit einem Sozialkreditsystem an die Kandare genommen und das Land von oben befriedet. BASTA!

    Die Welt ist besser denn je zuvor, meint Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University in Cambridge nahe Boston, wobei er wissen lässt, allein durch bloßes „Zählen“ die Welt von heute und gestern unvoreingenommen vergleichen zu können.

    Und tatsächlich, die in Pinkers neuem Buch Aufklärung jetzt! vorgelegten Zahlen wirken auf den ersten Blick so wie er es vermutet: So hätten die USA im Vergleich zu vor 30 Jahren nur noch eine jährliche Mordrate von 5,3 pro 100.000 Einwohner statt damals 8,5. Nur mehr 3 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sei von Konsumarmut betroffen, vor 30 Jahren hätte es noch glatte 11 Prozent getroffen. Auch jage man heutzutage nur noch 4 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 20,6 Tonnen Feinstaub in die Atmosphäre und nicht mehr 20 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 34,5 Millionen Tonnen Feinstaub wie früher. Auch im weltweiten Vergleich gäbe es Fortschritte. So zählte man 1988 noch 23 Kriege, derzeit jedoch nur noch 12. Zudem sei die Zahl der Atomwaffen von 60.780 auf 10.325 gesunken.

    All diese Fortschritte seien kein bloßer Glücksfall, betont Pinker, es handele sich stattdessen nämlich um die Fortsetzung eines Entwicklungsprozesses, der im späten 18. Jahrhundert durch die Aufklärung seinen Anfang genommen und seitdem die menschlichen Lebensverhältnisse in jedem Bereich verbessert hätte. „Die Aufklärung funktioniert“ resümiert Pinker.

    Der Untergang der menschlichen Zivilisation in den kommenden Jahrzehnten sei „nahezu gewiss“, kontert der Biologe Paul Ehrlich, der an der renommierten amerikanischen Stanford University forscht. Die Menschheit ruiniere ihre natürlichen Lebensgrundlagen durch zügellosen Konsum, Übernutzung der Ressourcen und ungebremstes Wachstum der Weltbevölkerung, warnt Ehrlich. Dadurch vernichte sie sich letztendlich selbst.

    Dabei seien Pflanzenschutzmittel und andere Chemikalien das vielleicht noch größere Problem als die globale Erderwärmung, sagte Ehrlich in einem Interview mit dem britischen Guardian. Die chemische Umweltverschmutzung habe längst auch die fernsten Winkel unseres Planeten erreicht. Zudem gäbe es Anzeichen dafür, dass die Gifte die Intelligenz von Kindern verringern. Die Angehörigen der ersten stark beeinträchtigten Generation seien jetzt bereits Erwachsene. Aber auch darüber hinaus scheint es so zu sein: Einer Studie von Bernt Bratsberg and Ole Rogeberg der Universität Oslo zufolge sinkt der Intelligenzquotient in den Industrienationen seit Jahrzehnten kontinuierlich. (1)

    „Der Kollaps in den nächsten Dekaden ist ziemlich gewiss“, prophezeit Ehrlich. „Und das Risiko steigt kontinuierlich, so lange stetes Wachstum das Ziel aller wirtschaftlichen und politischen Systeme ist. Andauerndes Wachstum aber ist auch das Merkmal von Krebszellen.“

    Was also tun bei all dem verwirrenden Hin und Her? Haben wir doch noch eine Chance, obwohl wir alles nur schwarzsehen? Oder können wir tatsächlich einpacken, weil es niemanden gelingen wird, dem Ganzen noch Einhalt zu gebieten?

    ERKENNE DICH SELBST! rät Yuval Noah Harari den Menschen. Zu sich selbst zu finden sei das Allerwichtigste. Ansonsten würden sie eines Tages noch gänzlich in die Fänge des Googlekonzerns geraten, der ihn dann womöglich wesentlich besser kenne als er sich selbst. Was also bliebe dem so Überrannten dann noch anderes übrig, als die Maschine bei jedem wichtigen Lebensschritt um Rat zu fragen – freiwillig fremdgesteuert.

    ERKENNE DICH SELBST! – eine der wohl schwierigsten Aufgaben, der sich Menschen in ihrem Leben stellen können. Aber diese Maxime den Leuten einfach mal so vor den Kopf zu knallen, ohne wirklich zu wissen, mit wem man es zu tun hat, zeugt nicht gerade von überragender Menschenkenntnis. Und wer läuft schon gern durch Fußgängerzonen einer Republik und ruft den Leuten, die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, ERKENNE DICH SELBST! zu, damit sie wieder zu sich kommen und alles besser wird.

    Die Fähigkeit zur Introspektion kommt dem Menschen abhanden. Sein Selbstwertgefühl erlahmt, das sollte Harari eigentlich wissen. Der Mensch hat Angst, sich in die Augen zu sehen, um nicht trübsinnig zu werden. Denn da ist nicht mehr viel, was aus seinem Inneren zu ihm heraufleuchten würde. Notgedrungen geht sein Blick nach draußen. Allerdings nicht aus Neugier auf die Welt – nein, er will sich doch nur mal nach brandneuen Produkten umsehen, die gerade auf den Markt gekommen sind und ihn möglicherweise wenigstens für Momente in Hochstimmung versetzen.

    Offenbar hat der Konsumismus ganze Arbeit geleistet und den Menschen jetzt vollends im Griff. Denn Wer bin ich? heißt heutzutage Wie soll ich sein? Auch die Individualität ist mittlerweile käuflich geworden – ein Accessoire unter vielen: Das Outfit und die persönliche Performance sind entscheidend fürs Ich. Und der Lifestyle muss passen. Beauty. Tinder. Zalando. Max Mara. Parship. Man muss nur zugreifen und das Geld dazu haben. Die Mühe, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, kann man sich sparen – YEAHHHH!

    Der Individualcharakter des Menschen zerbröckelt in Fragmente – aus seinem Ich sind viele geworden. Die Ökonomie hat ihm zwar zum Wohlstand verholfen, ihn gleichzeitig aber auch innerlich verdorren und mit Haut und Haaren zum Konsumenten mutieren lassen. Rein äußerlich erscheint er zwar als Profiteur, in seinem Inneren aber dominieren Dämmer und Ratlosigkeit – der offenkundige Preis, den er an eine Ökonomie zu entrichten hat, die seine Wünsche und Begierden lenkt und manipuliert, ohne dass er es wahrhaben will. So geht der wahre Reichtum des Lebens an ihm vorbei: Liebe und Vertrauen, Ruhe, Hingabe und Ausgeglichenheit sucht der in die Falle Geratene vergebens. Das zehrt und macht krank. Die Liste ist lang: Schlafstörungen. Tinnitus. Rückenschmerzen. Burnout. Erektionsstörungen. Migräne. Bandscheibenvorfall. Depression. Paranoia. Hass. Rücksichtslosigkeit. Destruktivität und Isolation.

    Die Anspruchshaltung der Menschen steigt ins Unermessliche. Kein Wunder, schließlich brauchen sie dringend Hilfe. Der Sisyphos-Stress, sich ständig hinterher zu hetzen ohne sich je zu erreichen, lässt sie seelisch in die Knie gehen. Mehr Resilienz fordern die Experten, scheinen aber nicht zu wissen, wie angeschlagen die Menschen in Wirklichkeit sind – ihre psychische Widerstandskraft schwindet, obwohl sie immer älter werden. Aber wofür eigentlich, das wäre die Frage? Die Gehetzten aber scheinen sich von ihrem Trott nicht abbringen zu lassen und kaufen sich weiter wund, ohne oftmals überhaupt noch zu konsumieren: T-Shirts nur für den Schrank sind absolut in. Man stapelt sie und fühlt sich cool, sie gekauft zu haben – eine Identität nach der anderen wandert in die Schublade ab. Was heißt hier Resilienz? Man kann eben nicht anders, ist chronisch unbefriedigt und deshalb konsumabhängig – „der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“ (Fromm)

    Vermutlich ist die Verarmung des Individualcharakters, die zwangsläufig mit der allmählichen Verflachung des Denkens und Fühlens einhergeht, für die Stabilität und Freiheit der demokratischen Gesellschaften wesentlich brisanter als das Problem der sozialen Armut. Und dies, ohne das Phänomen des Internets diesbezüglich überhaupt noch mit in Betracht gezogen zu haben, das die Mentalitätsverflachung der Menschen zwar immens beschleunigt, aber, wie dargelegt, nicht primär für diese Verdummung verantwortlich ist. Die Tatsache aber, dass diese Maschine immer noch von vielen Experten für alles Übel verantwortlich gemacht wird, zeugt von der Kurzsichtigkeit, mit der sie zu Werk gehen und offenbart deren Ignoranz den geschichtlichen Transformationsprozessen der Gesellschaften gegenüber. Stattdessen stochern sie hektisch im Hier und Jetzt herum und setzen alles daran, um jeden Preis aktuell zu sein.

    Wäre das Internet auf aufgeklärte und offene Gesellschaften gestoßen, hätten diese es sicher als Instrument zum freiheitlichen Wissensaustauschs zu nutzen gewusst und nicht als Dreckschleuder missbraucht, die alles auf den Kopf stellt. Die Internetmaschine erzeugt keinen Hass! Sie bietet den Hasserfüllten lediglich die Chance, ihren Unflat praktisch sekündlich unter die Leute zu bringen und sie weltweit zu infizieren.

    Mit der Schwächung des Individualcharakters aber geht zwangsläufig auch die des Sozialcharakters einher. In ihm verschmilzt die sozioökonomische Gesellschaftsstruktur mit der des individuellen Charakters und formt dieserart das Persönlichkeitsbild des Durchschnittsmenschen in einer Gesellschaft, dass „die meisten Mitglieder ein und derselben Kultur miteinander gemeinsam haben“. (Erich Fromm). Erst durch einen von allen verinnerlichten Verhaltenscodex, der für jeden einzelnen des Gemeinwesens absolut verbindlich ist und vom jedem anderen desselben auch so erwartet werden kann, konstituiert sich das, was man „Gesellschaft“ nennt. Unbewusste Verhaltensweisen, die wie selbstverständlich von den spezifischen individuellen Eigenheiten des je Einzelnen durchsetzt sind: Nicht jeder wartet auf dieselbe Art und Weise in der Schlange auf den Bus.

    Da die Menschen jedoch nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, weil sie tief in ihrem Inneren mit dem, was sie aus ihrem Leben machen und was es ihnen zu bieten hat, höchst unzufrieden sind und sich ausgelaugt und überstrapaziert fühlen, haben sie kaum noch Augen für ihre Umgebung, geschweige denn für ihr Gegenüber. Chronische Unachtsamkeit und Ungeduld prägen ihr Verhalten, die das Zusammenleben schwer auf die Probe stellt, weil andere ebenso agieren und auch auf Distanz gehen.

    Mit dem Schwund des Sozialcharakters verflüchtigt sich auch der Gemeinschaftssinn. Die Menschen haben nicht mehr viel gemein und isolieren sich: depravierte Ich-Fixierte ohne eigenes Ich. Vereinsamungsängste machen sich breit und Misstrauen kommt in die Welt – wer anderer Meinung ist wird gemieden. Das soziale Miteinander ist zur Kampfzone geworden – öffentlich wie privat. Und derjenige, dessen man überdrüssig ist, wird neuerdings kalt abserviert: Ghosting nennt sich das Phänomen und bedeutet nichts anderes, als „das sang- und klanglose Verschwinden aus dem Leben des zur Belastung gewordenen anderen. Man stellt sich tot. Ignoriert Anrufe, Nachrichten, Mails. Besser noch: Man blockiert den anderen gleich. Erklärungen für das plötzliche Desinteresse? Gibt es keine.“ (2)

    So kommt die Skepsis dem System gegenüber in die Welt, das solch ein Leben gewähren lässt und ohnmächtig für das „Loch im Selbst“ verantwortlich gemacht wird. Die innere Bereitschaft sich mit ihm zu identifizieren nimmt dramatisch ab, der Sozialcharakter zerfällt und die Hemmschwellen sinken bedrohlich. An seiner Statt drängt der ohnehin schon verrohte Individualcharakter vom Inneren der Menschen in den Vordergrund der Öffentlichkeit und zersetzt das gesellschaftliche Leben durch asoziale Verhaltensweisen, die von kurzsichtigen, egomanen und teilweise völlig irrationalen Impulsen und Einzelinteressen fern jeglichen Gemeinwohls geprägt sind.

    Die Maske der Sozialisation fällt von den Menschen ab und legt deren individuell aufgestauten Frust und Zorn auf das deformierte Leben schonungslos frei. Und das quer durch alle sozialen Schichten und je nach Grundcharakter auf völlig unterschiedliche Art und Weise: Entweder man duckt sich weg und stürzt sich besinnungslos in den Lifestyle, sofern man sich ihn leisten kann. Oder vegetiert eher mittellos dahin, schielt neidisch auf die anderen, resigniert schließlich und wird depressiv. Oder wird zum Opfer seiner entfesselten Hassgefühle und radikalisiert sich. Oder kriegt einfach nicht die Kurve, dreht eines Tages plötzlich durch und läuft Amok.

    Dass sich der Sozialcharakter einer Gesellschaft von deren Basis aus, also durch das enthemmte Verhaltensmuster der je Einzelnen nicht nur verändert, sondern wie gegenwärtig sogar zur Auflösung gebracht wird, ist neu in der Geschichte und wahrhaft eklatant, galt doch bislang nachvollziehbarere Weise genau das Gegenteil: Denn ausschließlich ein die gesamte Gesellschaft erfassender Strukturwandel zeitigte bisher einen Shift des Sozialcharakters, mit denen sich die Bürger technologischen, ökonomischen, kulturellen, religiösen oder politischen Umbrüchen gegenüber anzupassen wussten oder aber sich diesen zu unterwerfen hatten.

    Jetzt aber verkehren sich die Dinge in dramatischer Form: Der tief verankerte Verdruss an einem sinnentleerten und durchökonomisierten Leben, in dem kein geistiger oder wirklich tief reichender emotionaler Stimulus sie noch herauszufordern oder gar zu bereichern vermag, droht den Common Sense der Menschen zu unterwandern und setzt in ihnen sozial destruktive, also höchst selbstbezogene Verhaltensweisen frei – ein schon lange anhaltender Prozess, der mit dem Ende des 2. Weltkriegs alle westlichen Zivilisationen erfasste und ab da an den kapitalistischen Konsumismus als einzig bestimmende Größe jeglichen gesellschaftlichen wie privaten Lebens zu voller Wirkung verhalf – eine Entwicklung, die sukzessive zur seelischen Schwächung der Menschen und zur Aushöhlung ihres Daseins führte. 

    All dies mag belegen, warum sich die Verhältnisse zusehends der Kontrolle entziehen und Parolen wie Redet wieder miteinander! oder Mehr Empathie wagen! der Lächerlichkeit preisgeben. Manche scheinen es mittlerweile sogar darauf angelegt zu haben, den gesellschaftlichen Verhaltenscodex bewusst zu durchbrechen, um ihrer Wut aufs System berserkerhaft Ausdruck zu verleihen. Die perverse Lust am Regelverstoß soll Identität stiften.

    Bei all dem scheint es besonders brisant, dass sich der gegenwärtige Abbau des Sozialcharakters ohne einen wirklichen und qualitativ eindeutigen gesellschaftlichen Strukturwandel vollzieht. Ein solcher Paradigmenwechsel kündigt sich zwar bereits am Horizont an ohne bislang aber tatsächlich schon eingetreten geschweige denn fassbar zu sein. Das potenziert die ohnehin schon tiefe Verunsicherung der Menschen und treibt sie in ohnmächtige Angst, mit Wohlstand und Konsum könnte es eines Tages ein Ende haben – das einzige, wofür das Leben noch lohnt.

    Angesichts der fundamentalen Herausforderungen, die auf Mensch und Gesellschaften zukommen, wäre ein ganz anderer Menschentyp vonnöten als der, der gegenwärtig die Szene beherrscht. Derjenige der Renaissance nämlich, der sich weltoffen, neugierig und mutig zeigte und anschickte, Welt und Kosmos geistig zu durchdringen, um seiner Bestimmung näher zu kommen. Sein Fühlen und Denken kannte keine mechanischen Trennungen in seinem Dasein. Als Künstler und Wissenschaftler lebte er in allem zugleich – Selbstständigkeit und Freiheit bedeutete ihm alles. Davon aber sind wir gegenwärtig meilenweit entfernt. Mit dem Homo Sapiens scheint es bergab zu gehen.

    ERKENNE DICH SELBST – sollte diese Forderung wider Erwartung doch noch Realität werden, könnte diese angesichts der Trübsinnigkeit der Menschen glatt zu einem Massensuizid führen. Kein Wunder, dass keiner mehr hinhören will!

    (1) PNAS: Bernt Bratsberg and Ole Rogeberg Flynn effect and its reversal are both environmentally caused.

    (2) FAZ. SOZIALPHÄNOMEN „GHOSTING“: Ganz leise abserviert. Melanie Mühl. 14.10.2018

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