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    MUSIK
    VON MUSIK, KÜHEN UND STAREN
    13. Juli 2018

    Gerade lese ich, dass die Hochschule der Künste in Bern gemeinsam mit dem Burgdorfer Tierarzt und Käseproduzenten Beat Wampfler vorhaben, besseren Käse durch Musik zu produzieren. Ab Herbst soll Käse aus dem Emmental während des Reifungsprozesses mit Mozarts Zauberflöte beschallt werden. Auch Hiphop, elektronische Klubmusik und Songs von Led Zeppelin kommen zum Einsatz. „Wir sind überzeugt, dass es funktioniert“, frohlockt Wampfler.

    Die Geschichte ist nicht ganz neu. Kühe geben mit Musik mehr Milch! geisterte schon vor Jahren als Headline durch die Gazetten. So war damals beispielsweise von einer Großstudie von Psychologen der University of Leicester zu lesen, im Rahmen derer Kühen tagtäglich zwölf Stunden lang Musik verschiedenster Stilrichtungen vorgespielt worden war. Und siehe da, die Tiere reagierten und gaben im Vergleich zu denjenigen die leider ohne Musik auskommen mussten deutlich mehr Milch.

    Allerdings wirkte nur ruhige und entspannende Musik. Der Hit aber war Beethovens Pastorale, seine sechste Symphonie in F-Dur. Eine Musik, die sich (wie ihre Tonart) ganz der Natur verdankt und den Hörer mit sich aufs Land nimmt. Wobei es Beethoven nun wahrlich nicht um Lautmalerei ging, obwohl tatsächlich Vogelstimmen vorkommen – die Flöte imitiert die Nachtigall, die Oboe die Wachtel, und die Klarinette den Kuckuck. Und dennoch „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ soll Beethoven zu seiner Symphonie gesagt haben. Bei Drucklegung nannte er sie Pastoral-Sinfonie oder Erinnerungen an das Landleben. Welch wunderbare Konstellation – Empfindungen, die mit den Erinnerungen an ein Leben in der Natur musikalisch Wirklichkeit werden. Erwachen heiterer Empfindungen bei Ankunft auf dem Lande ist der erste Satz überschrieben. Folglich macht es Beethoven dem Hörer auf seiner inneren Reise durch idyllische Landschaften nicht allzu schwer und lässt ihn erst einmal in der Natur ankommen, bevor er ihn mit heiteren Empfindungen erfüllt und ihn in der Musik aufgehen lässt.

    Natürlich gibt es auch ein veritables Gewitter mit mächtig dreinfahrenden Blitzen, das nicht nur alle Natur von der drückenden Schwüle befreit und ihr Erfrischung bringt, sondern auch dem Hörer, dem die wunderbare Entspannung frische Gefühle und freie Gedanken schenkt, mit denen er sich ganz der Bewegung hingeben kann.

    Ruhig und entspannt ist der zweite Satz der Symphonie – Szene am Bach hat ihn Beethoven überschrieben. Die Musik dazu soll er tatsächlich an einem Bach komponiert haben, behauptet sein Zeitgenosse Anton Schindler und zitiert den Komponisten aus dem Gedächtnis: „Am Schreiberbach habe ich die Szene am Bach geschrieben. Und die Goldammern da oben, die Wachteln, Nachtigallen und Kuckucke ringsum haben mitkomponiert.“ Und möglicherweise auch eine Geliebte, wer weiß? Szenen am Bach waren damals beliebt.

    Auf Debussy hingegen muss der zweite Satz wohl eher abturnend gewirkt haben: „Sehen Sie sich die Szene am Bach an“ schrieb er. „Es ist ein Bach aus dem allen Anschein nach Kühe trinken. Jedenfalls veranlassen mich die Fagottstimmen, das zu glauben.“ Wahrscheinlich kannten die Psychologen der University of Leicester Debussys Auslassung und spielten ihren Versuchskühen gerade deshalb das Murmeln des Bachs vor.

    In diesem Zusammenhang aber gibt es noch eine verrücktere Geschichte, die 2010 in Dortmund spielt: Damals startete das dortige Konzerthaus eine von dessen Werbeagentur Jung von Matt initiierte Kampagne, die glatt unter dem Motto MUSIK FÜR WIRKLICH ALLE! hätte rangieren können. Denn im Rahmen dieser Aktion reiste das Orchester des Konzerthauses stante pede zu einem Bauernhof aufs Land, um dort exklusiv für Kühe nicht etwa die schon in Leicester erprobte Szene am Bach von Beethoven, sondern stattdessen eine Symphonie von Haydn in Es-Dur zur Aufführung zu bringen. Welche der elf Es-Dur-Symphonien es allerdings war, die Haydn von insgesamt einhundertdrei komponierte, wird leider nicht erwähnt. Hoffentlich war es nicht die Nummer 22, die den Titel Der Philosoph trägt, denn die wäre mit Sicherheit selbst den Kühen zu hoch gewesen.

    Und dennoch, nicht nur Kühe, sondern auch andere Tiere reagieren positiv auf Musik, wie sollte es auch anders sein? Musik kann eine Droge sein und wohl alle Lebewesen verzaubern. Man stelle sich nur einmal vor, wie erstaunt manche Waldesbewohner wären, wenn sie statt eines ordentlichen Gewitters urplötzlich das aus Beethovens Pastorale hören würden. Vermutlich wären sie zunächst völlig verwirrt und verlören für Augenblicke das Gleichgewicht, weil sie, nach oben blinzelnd, in nichts als einen blaublauen wolkenlosen Sommerhimmel sähen, gleichzeitig aber tiefes Donnergrollen und heftige Blitzeinschläge um sich herum hörten wie bei einem richtigen Gewitter. Dann aber, da bin ich mir sicher, würden sie gebannt innehalten, wenn sie mit einem Mal den fünften und letzten Satz der Symphonie mitbekommen würden, der unmittelbar aufs Gewitter folgt – schwebende und alles besänftigende Klänge nämlich, die Beethoven Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm nannte. Eine Musik, die sich wie ein ungeahnter Zauber über die Landschaft legte und ein Jedes zum Staunen brächte. „Die Zeit verstreicht langsam, die Musik wirkt abgeklärt, wie von einer tiefen inneren Ruhe erfüllt“, schreibt der Beethoven-Biograph Jan Caeyers. „Kaum eine Themenentwicklung, es fehlt der Sog in eine bestimmte Richtung.“ Glücklicherweise, möchte man antworten, denn eine Musik, die keinen Vektor kennt, befreit die Welt von ihrer Zeitlichkeit. Wie im Nu löst sie das Zeitempfinden des Hörers auf und versetzt ihn in sanft betäubende Ruhe – davon wusste schon Novalis ein Lied zu singen.

    Auch Stare lieben solch kosmische Musik, wie ich selbst schon mehrfach beobachten konnte. Werden die witzigen Vögel bei ihrem Professorengang über die Wiese urplötzlich von Musik überrascht, die vom Haus durch offene Fenster zu ihnen in den Garten herübertönt, halten sie irritiert inne, trippeln dann aber in Etappen neugierig näher heran, als wollten sie sich das Ganze einmal genauer anhören. Minutenlang hocken sie da im Gras und lauschen.

    Die Musik, die ich bei der ersten Beobachtung einer solchen Szene zufällig hörte, war The Unanswered Question von Charles Ives. Ein Orchesterstück, das den Staren offenbar die Sinne raubt, wie ich bei kleinen Experimenten in der Folge ein jedes Mal feststellen konnte. Kaum, dass ich sie im Garten draußen erblickte schlich ich leise zur Stereoanlage und legte Ives’ Musik auf. Und prompt rückten sie, so wie ihre Artgenossen es vorher auch schon getan hatten, nahe heran und hörten vor den offenen Fenstern eine Weile interessiert zu, als würden sie verstehen. Beethoven hingegen, der vor allem Kühe aufhorchen lässt, hatte die gegenteilige Wirkung: Die Stare gerieten schnell unter Druck und flogen kopfschüttelnd auf und davon.

    Vielleicht liegt das an der hohen Intelligenz dieser Tiere. Denn im Grunde ist Ives’ Komposition eine hochphilosophische Musik, die drei unterschiedliche Haltungen des Seins anhand dreier Instrumentalgruppen thematisiert: Da sind zunächst die Streicher des Orchesters, die „immerwährend dreifaches Pianissimo in striktem ruhigen Tempo“ spielen und „das Schweigen der Druiden repräsentieren, welche nichts wissen, sehen und hören“, erklärt der Komponist in der Vorrede zu seiner Partitur. Die Solotrompete hingegen intoniert mehrfach „die immerwährende Frage nach dem Sein“, die letztlich aber unbeantwortet bleibt. Denn die Flöten, die „wie die Menschen“ verzweifelt versuchen, immer „aktiver und schneller und lauter“ auf die richtige Antwort zu kommen, müssen letztlich „die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens“ erkennen, wobei ihnen am Ende nichts anderes mehr übrigbleibt, als die Frage nach dem Sinn des Lebens nur noch resigniert „nachzuäffen“.

    Über all dies aber scheinen sich Stare furchtbar zu amüsieren. Kichernd reiben sie sich am Ende des Stücks die Schnäbel und plustern sich so gestelzt auf wie die törichten Flöten die in allem einen Sinn sehen wollen. Stare aber haben gut reden, sie leben im vollkommener Einheit mit der Natur und müssen sich um solch dämliche Fragen nicht kümmern.

    Es ist sicher kein Zufall, dass Mozart in Stare vernarrt war. Denn wie diese, so hatte auch er Humor. Und zwar den des gleichen Schlags. Er verhalf ihm dazu, die Dinge des Lebens todernst und gleichzeitig auchheiter nehmen zu können – gleichsam distanziert und doch mitten drin wie die Stare. Eine Art kosmischer Humor, in dem die Dinge sich aufzulösen beginnen, aber ihr Wesen behalten. Mit dieser nachgerade göttlichen Gabe mussten die stahlblau gefiederten Professoren geradezu zwangsläufig Mozarts Aufmerksamkeit auf sich ziehen, vor allem aber auch dann, wenn sie zackig durchs Gras marschierten und dabei seine Melodien zu ihm herüber pfiffen.

    Mozart ließ sich nicht lumpen und griff zu: Am 27. Mai 1784 erwarb der damals 28-Jährige für 34 Kreuzer seinen Vogel Stahrl, wie er seinen Star fortan nannte und der für drei Jahre sein getreuer Gefährte werden sollte. Dass sich Mozart mit diesem in irgendeiner Form austauschte, ja unterhielt, scheint nicht ausgeschlossen. Immerhin konnte Vogel Stahrl schon nach wenigen Wochen das Rondothema aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 17 in G-Dur perfekt pfeifen. Zwei Wahlverwandte hatten sich getroffen, die waren, was sie waren und wurden, was sie wurden – ein Körnchen Staub in Allem.

    Die herzzerreißende Beerdigungsfeier, die Mozart seinem überraschend verstorbenen Vogel Stahrl ausrichtete, ist Legende, und seine Abschiedsrede, die er in Anwesenheit einer kleinen Trauergemeinde an dessen winzigem Grab hielt mehr als bekannt.

    Hier ruht ein lieber Narr
    Ein Vogel Staar
    Noch in den besten Jahren
    Mußt’ er erfahren
    Des Todes bittern Schmerz ...

    Die Psychologen und Tierverhaltensforscher Meredith J. West und Andrew P. King, Professoren an der Indiana University und der Duke University, gehen einen gewaltigen Schritt weiter, indem sie Mozarts Star sogar kompositorische Fähigkeiten unterstellen. So habe der Star, der bald natürlich nicht mehr nur Mozart sang, diesem zu einem Sextett verholfen, dem Musikalischen Spaß KV 453 nämlich. Nach eingehender Analyse des Stücks, experimentierten die Forscher über Jahre selbst mit Staren, die täglich engen Kontakt zu ihnen hatten. Dabei konnten sie feststellen, dass die Stare so zu großer Form aufliefen und es zu erstaunlichen Leistungen brachten. Schon nach wenigen Tagen konnten sie Kunstlieder singen oder längere Sätze nachsprechen. Und ebenso rasch vermochten sie zu lachen, zu seufzen oder zu husten, was sie sich vom Menschen abgehört hatten. Mit ihren Geräuschen von Telefon, Wecker oder rasselnden Schlüsselbunden aber nervten sie selbst die Forscher.

    In diesem Zusammenhang fällt mir noch eine lustige Geschichte ein, die sich vor Jahren in unserer Nachbarschaft zugetragen hat. Eines Samstagnachmittags kürzte irgendwer zur absoluten Ruhezeit mit seinem penetrant lauten und offenkundig in die Jahre gekommenen Rasenmäher seine Wiese in der Nachbarschaft. Einer Nachbarin ging das zu weit, sie rief die Polizei. Die aber fand niemanden. Stattessen aber einen Star, der irgendwo in einem Baum saß und den Rasenmäher lauthals imitierte.

    Aber zurück zum Musikalischen Spaß. „Das unlogische Zusammenstückeln der vermeintlich parodistischen Melodien entspreche ziemlich exakt der Vorliebe der Stare, musikalische Versatzstücke in ihren natürlichen Gesang einzuflechten“, schreiben die amerikanischen Forscher. Ein Charakteristikum ihrer gepfiffenen Arien seien auch die „ausgedehnten, wandernden Phrasierungen“, wie sie in diesem Sextett für zwei Violinen, Viola, Bass und zwei Hörner vorkämen. Typisch für einen Star sei zudem auch das „abrupte Ende des Stücks“, so die Experten. Ob der Star nun Mozart das Sextett in die Feder diktierte oder nicht, sei dahingestellt. In jedem Fall aber sollte der doppelten Autorschaft des Stücks Rechnung getragen werden und neben Mozart auch Vogel Stahrl als Komponist genannt werden.

    Neulich, man darf es eigentlich nicht laut sagen, habe ich mich mit einer Nachtigall unterhalten. Ich saß bei offenen Fenstern am Klavier und übte, als ich sie urplötzlich draußen tirilieren hörte. Sofort unterbrach ich mein Spiel und hörte ihr fasziniert zu. Als sie nach einer Weile verstummte, imitierte ich sie spontan mit der rechten Hand im Diskant und versuchte zu antworten, woraufhin sie sich nach einigen zögernden Zwischentönen relativ rasch auf mein Spiel einließ und mit mir in eine Art musikalischen Dialog eintrat, den wir wechselseitig, einer dem anderen zuhörend und dann antwortend, immer animierter führten. Natürlich nicht bis tief in die Nacht hinein, auch Nachtigallen werden mal müde. 

    Wie das Experiment im Berner Oberland mit dem Käse und der Zauberflöte allerdings ausgehen wird ist offen. Obgleich bei genauerer Betrachtung auch in diesem Fall Lebewesen mit im Spiel sind und nicht nur Materie wie man auf Anhieb denken könnte. Schließlich befinden sich Säure bildende Bakterien im Rohkäse ohne die dieser gar nicht zum richtigen Käse heranreifen könnte. Und genau auf diese Bakterien haben es die Berner Experimentatoren abgesehen und erhoffen sich von diesen eine entsprechend dankbare Reaktion, wenn sie bei ihrer anstrengenden Arbeit schon gratis von schöner Musik begleitet werden. Schließlich soll mit Musik alles besser gehen. Und vor allem auch leichter.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 11ZEITGENÖSSISCHER ESKAPISMUS
    02. Juli 2018

    Die Welt wird täglich rauer und öder. Und gleichzeitig auch unwirtlicher, ja unwirklicher. Keine leichte Kost also für ZARTBESAITETE SEELEN, denen es partout nicht gelingen will, sich ein dickes Fell zuzulegen, um bei dem ganzen Irrsinn noch mithalten zu können. Das Leben in den Megacitys mag hierfür ein treffendes, wenn auch extremes Beispiel sein, aber immerhin lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung bereits in solchen Millionenstädten – im Jahre 2020 werden es bereits knapp sechzig Prozent sein.

    Für SCHWACHE NERVEN können die schier sich endlos dahin ziehenden Areale in ihrer Trostlosigkeit schnell zum Albtraum werden, vor allem dann, wenn sie sich tagtäglich mit Abermillionen Menschen in den Zentren durch enge Wolkenkratzerschluchten schieben müssen – frühmorgens zur Arbeit hetzend und abends wieder erschöpft das Weite suchend, um dann – nach einer Odyssee durch endlose Straßenlabyrinthe und U-Bahnröhren endlich irgendwo in den Randzonen angekommen – in ihrer Wohnwabe noch eine Weile dämmernd vorm TV zu hocken, bevor ihnen die Augen zufallen.

    Allein schon Luftaufnahmen solcher Städte können selbst HARDGESOTTENE mächtig ins Schwitzen bringen. Insbesondere dann, wenn sie dort unten mit einem Mal die konturlosen, nicht enden wollenden Menschenströme entdecken, die im dichten Smog wie grauschwarz mäandernde Pechadern zähflüssig das aberwitzige Straßengeflecht durchziehen und ihnen der Schauder über den Rücken läuft.

    In ZAGHAFTEN und DEPRESSIVEN werden solche Bilder vermutlich rasch düstere Gedanken hervorrufen und sie spontan an lauter Einsame denken lassen, die in den Untiefen zwischen hoch aufragenden Glas- und Stahlfassaden dahinirren wie Ortlose, denen der Giftdunst, der wie eine riesige Dunstglocke über der City hängt, tief in die Poren dringt und Mensch und Ding der Auflösung entgegen treibt.

    ÜBERÄNGSTLICHE und MISSTRAUISCHE hingegen werden sich wahrscheinlich sofort an Flüchtlingsströme erinnern, die in abstrusen Abgründen verzweifelt versuchen, dem aberwitzigen Chaos zu entkommen, den Weg in die Freiheit aber nicht finden können.

    Horrorbilder für eingefleischte TECHNOLOGIESKEPTIKER, die in ihrer aufgeheizten Fantasie womöglich Abertausende schemenhafter Androiden erkennen werden, die – automatisch ihrem einprogrammierten Code folgend – auf einen unbekannten Zielort zusteuern, wo sie vermutlich entsorgt werden.

    REAKTIONÄRE und FASCHISTEN aber werden skeptischer hinschauen und sicher nicht umhinkommen, sich dort unten eine versprengte Riesenarmee auf dem Weg zurück in die Heimat vorzustellen, mit schwärzlichen Schlieren in den ausgelaugten Visagen, die unter den Atemmasken hervorquellen wie die Kriegsbemalung ehemaliger Dschungelkämpfer.

    RESIGNIERTE schließlich, die mit der Welt abgeschlossen haben, werden aller Wahrscheinlichkeit nach Massen von Behinderten oder Versehrten assoziieren, die sich im labyrinthischen Gewimmel wie Aufgeschmissene hilflos an ihren Handys festkrallen, deren Displays wie Myriaden matt bläulich leuchtender Sternenzwerge aus einer Art umgedrehten Himmel heraufschimmern und einem ungewissen Ende entgegenzittern.

    HIKIKOMORIS hingegen werden solche Bilder überhaupt nicht sehen wollen. Diese jungen, meist männlichen Japaner haben sich nämlich dazu entschlossen, sich vom absurden Treiben draußen in der Welt schon beizeiten zu verabschieden um nicht als Erwachsene eines Tages gezwungenermaßen Teil dieses Irrsinns werden zu müssen. Deshalb sperren sie sich schon als junge Menschen in ihre Zimmer ein und lassen die Familie nicht mehr an sich heran. Das hat ihnen übrigens auch ihren Namen eingetragen: hikikomori heißt sich wegschließen.

    Und dies für mindestens sechs Monate wie es das japanische Gesundheitsministerium beschönigend definiert, wobei dies wahrlich untertrieben scheint, handelt es sich in den meisten Fällen doch um mehrere Jahre oder sogar um Jahrzehnte. Gegenwärtig soll es schon mehr als eine Million Hikikomoris in Japan geben, schätzt der Psychologe Saito Tamaki und spricht in diesem Zusammenhang von einer ‚nationalen Katastrophe’.

    Über die Ursachen dieser spezifisch japanischen Soziophobie streiten sich die Experten. Immer wieder weisen sie auf den extrem fordernden Sozialcharakter der japanischen Gesellschaft hin, der unbedingte Anpassung und die Unterdrückung persönlicher Regungen vom Einzelnen einfordere. Auch Japans Wirtschaft wird thematisiert, die seit zwanzig Jahren stagniere und Jungendliche im Regen stehen lasse. Hinzu käme der enorme familiäre Druck, der sie zusätzlich belasten würde.

    Warum aber jemand tatsächlich zum Hikikomori wird können die Experten letztlich nicht sagen. Wie es überhaupt völlig offen ist, warum Menschen so unterschiedlich auf den stetigen Druck, den eine immer verrückter spielende Welt auf sie ausübt, reagieren und sie auf so unterschiedliche Art und Weise erkranken lässt.

    Dass dieses Phänomen etwas mit dem individuellen Wesen des je Einzelnen zu tun hat, also mit dessen spezifischer Gemütsart und dem ihm eigenen Charakter, scheint auf der Hand zu liegen. Und doch gibt es ganz offensichtlich etwas, das die Stressgeplagten gemeinsam haben und sie verbindet. Denn alle scheinen sie die Probleme, die das gesellschaftliche Leben nun einmal mit sich bringt, gleichsam zu verinnerlichen, statt sich des Drucks erwehren zu können. Du frisst deine Gefühle in dich hinein, sagt schon der Volksmund. In der Folge erkrankt auch der Körper an den psychisch aufgestauten Problemen, die sich somit somatisieren.

    Hikikomoris aber entziehen sich derartigen Problemen, indem sie sich der gesellschaftlichen Pression gerade noch rechtzeitig entziehen. Und das typischerweise in der Pubertät, in welcher die drohende Rigidität des gesellschaftlichen Lebens schon deutlich spürbar wird und für sie zum Albtraum gerinnt. Interessanterweise aber erscheinen die Hikikomoris nicht wie wohlstandsverwöhnte und verhätschelte Kinder, sondern eher als ZARTBESAITETE SEELEN, die sich schon dem einfachen sozialen Miteinander nicht gewachsen fühlen. Sie sind einfach zu unsicher und zu ängstlich für diese Welt und offenbar zum Einzelgänger verdammt.

    Die meisten von ihnen, so der Psychiater Toshika Furukawa, seien als Kinder schon in der Schule gehänselt worden und seien schlichtweg unfähig, sich zur Wehr setzen. Deshalb bedienten sie sich von früh auf kleiner Tricks, um ja nicht aufzufallen. So trügen sie beispielsweise hochgeschlossene Kleidung, damit der Hals nicht zu sehen wäre, wenn sie erröteten. Oder sie fassten beim Trinken das Glas mit beiden Händen an damit keiner sie zittern sehen könne. Und meist schauten sie zu schamvoll zu Boden und sprächen möglichst wenig: Für solche Menschen gibt es keine Diagnosen. Wehrlos entfliehen sie der Welt und verbarrikadieren sich zuhause in ihrem Zimmer, allerdings mit der Gewissheit, dass jemand da ist, der sie versorgt, hilflos wie sie sind. Und das ist in den meisten Fällen die Mutter, die ihr Kind rat- und sprachlos gewähren lässt, dabei aber alles daransetzt, dass niemand erfährt, dass sie einen Hikikomori als Sohn zuhause hat.

    In ihrem Verhalten aber wirken die Hikikomoris erstaunlich besonnen und alles andere als psychisch auffällig, wenn man sie in den wenigen TV-Dokumentationen, in denen sie sich vor der Kamera zeigen, beobachten und reden hören kann: erstaunlich konzise und klar und dem Interviewer offen zugewandt.

    So ist es auch der Fotografin Maika Elan ergangen, die einige Hikikomoris in ihrer abgeschotteten Welt besuchen konnte: "Ich dachte anfangs, sie wären faul, aber es sind alles sehr kluge, empathische und freundliche Leute", schildert sie ihre Erlebnisse in Japan. Und dennoch wirken sie todtraurig, wenn auch nicht im Geringsten depressiv oder gar suizidal. Einsam vegetieren sie in ihren voll gerammelten Zimmern dahin, in denen sie die Dinge draußen aus größtmöglicher Distanz übers TV mitverfolgen. Oder sich die Nächte mit VIDEOGAMES um die Ohren schlagen. Mit SECOND LIFE vielleicht, wer weiß? Eremiten wider willen.

    Im Vergleich zu den Hikikomoris sind INFLUENCER ein ganz anderes Kaliber und haben im Gegensatz zu jenen ganz offensichtlich keinerlei Problem mit der aus den Fugen geratenen Welt. Nassforsch agieren sie vor ihren Videokameras wie Galionsfiguren eines durch nichts bekümmerten Luxuslebens in vorderster Front. Dies allerdings nicht physisch präsent, indem sie sich wagemutig mitten ins Getümmel stürzen und versuchen würden, ihrem hohlen Leben einen Sinn abzugewinnen, sondern gleichsam über Bande und rein virtuell in den SOCIAL MEDIA, wo sie sich – vom Scheitel bis zur Sohle entsprechend aufgemotzt – möglichst authentisch zu präsentieren versuchen, einzig um andere hinters Licht zu führen.

    Den Hikikomoris darin nicht ganz unähnlich, scheuen also auch die Influencer den direkten Kontakt zur Gesellschaft, wenn auch aus blankem Kalkül und unter der Maßgabe, dass ihnen die Gesellschaft am Arsch vorbeigeht, wohingegen jene unter der Verrohung der total durchkommerzialisierten Gesellschaft unsäglich leiden, weil sie sich partout nicht einpassen können. Und obwohl sich beide Gruppierungen extrem eskapistisch verhalten, erweisen sich die Influencer als die modernere Variante, sind sie doch nicht Gesellschaftsflüchtige wie die Hikikomoris, sondern krude Gesellschaftsverächter, die mit ihren Problemen aggressiv und destruktiv umgehen, die Gesellschaft schamlos, attackieren, und sie dabei hohnlächelnd und brutal ausbeuten, egal was sie damit anrichten, statt sich ihr hilflos und defensiv zu entziehen wie jene es tun.

    Obgleich praktisch im selben Alter wie die Hikikomoris sind Influencer schon richtig ausgebufft und denken nicht im Entfernsteten an Maloche: Offensichtlich können sie es sich leisten, nicht in irgendeinem Kaufhaus ihr ödes Leben zu fristen, oder angepisst von Haus zu Haus zu ziehen, um ihre krummen Versicherungspolicen an den Mann zu bringen, sondern – gleichsam wie nebenbei – auf Facebook, YouTube, Instagram, Snapchat und Co. schmarotzerhaft den Star zu spielen und alles daranzusetzen, quasi unter der Hand x-beliebige Artikel der Konsumindustrie unters Volk zu bringen, egal was es koste.

    Gemäß der mehr als fragwürdigen Definition von Grabs, Bannour und Vogl sind Influencer „online User in Sozialen Medien, die in ihrem Netzwerk Meinungsführer sind, viele Freunde haben und als themenkompetent und vertrauenswürdig wahrgenommen werden, so dass sie die Kaufentscheidungen der Community maßgeblich beeinflussen können.“ Mit trockneren Worten kommt es also einzig auf deren Online-Präsenz an, und auf nichts sonst. Deshalb vertreten die Influencer auch keine Meinung, mit der sie etwa auf andere kritisch einwirken oder sie gar überzeugen könnten. Im Grunde sind sie nichts anderes als gerissene Protagonisten einer global agierenden Konsumindustrie die ohne Rücksicht auf Verluste den radikalen Ausverkauf des Planten betreibt.

    Für ihre Onlineaktionen aber brauchen die Content-Creator, wie die Influencer gerne genannt werden wollen, erst mal Freunde im Netz. Und die heißen dort Followers und haben mit Freunden im herkömmlichen Sinn nicht das Geringste zu tun. Trotzdem aber können die Influencer ohne Followers einpacken, denn sie sind das Kapital, auf das die Marketing-Strategie der Konsumindustrie setzt. So hat die Influencerin Leonie Hanne, in Deutschland die Nummer 1, mit 1,7 Millionen Followern einen Mediawert von rund 6000 US-Dollar pro Post inklusive Markennennung, man stelle sich vor. Influencer mit solchen Zahlen sind mittlerweile die Supertargets im Marketing und die gibt es heutzutage – wenn auch im kleinerem Maßstab – praktisch schon für jeden Geschmack: Gaminginfluencer. Modeinfluencer. Beautyinfluencer. Pferdeinfluencerinnen. Powerpaareinfluencer mit ihrem Neugeborenen im Visier und womöglich von PENATEN finanziert. Und neuerdings, wie sollte es auch anders sein, Minimalismusinfluencer, die dreisten Sozialkitsch betreiben und für ein alternatives und vor allem bescheideneres Leben werben, und damit Kohle abkassieren.

    Das wirklich Perverse an den Influencern aber ist das dreiste Changieren zwischen Identität und Rolle, das sie für ihre Follower an den Tag legen. Und die sind meist Kinder an ihren Handys irgendwo, die auf deren kommerzielles Wechselspiel blindlings hereinfallen und sie mit Herzchenaugen-Smileys millionenfach überschütten. In ihrem kindlichen Erleben, das ohnehin zur Fantastik neigt, glauben sie im Virtuellen längst das Reale zu sehen, und empfinden die Influencer als authentisch und cool, weshalb sie diese rasch zu ihren Idolen erklären und auch so werden wollen wie sie. Minderjährige Opfer billiger Absatztricks, denen der schmarotzerhafte Konsum als einziger Lebenswert schon frühzeitig ins Hirn geblasen wird, ohne dass sie es mitbekämen. In Form einer Art unbewusstem DOUBLE BIND, das sie den Kommerz als Lebensinhalt missverstehen lässt.

    INSTAGRAMER haben es da wesentlich leichter. Denn sie fackeln nicht lang herum und lassen sich die immer bizarrer werdende Realität gleich so umbauen, dass sie zum Cyberspace passt. So richten viele Städte schon leere Grundstücke zeitweilig als speziell inszenierte Eventräume ein, um ihnen geile, noch nie gesehene Hintergründe für ihre Selfies zu verschaffen – der Pop-up-Urbanismus blüht international auf.

    Auch Restaurants und Cafés halten mit und richten ihre Räumlichkeiten für die Instagramer heller ein, gehalten natürlich in Pastelltönen, auf die diese stehen und servieren ihnen quietschbunte Gerichte, die auf weißweißen Tellern serviert werden, damit in schicker Atmosphäre wirklich ultimative Fotos im sakrosankten Quadrat Wirklichkeit werden können, die garantiert Like-Tsunamis auslösen werden. Selbst auf den Speisenkarten im Bordrestaurant der deutschen Bundesbahn steht „Mehr als nur Essen – gekocht, gebloggt, geliked!“ zu lesen.

    Auch Museen sind mit von der Partie, die Urgroßtanten des Virtuellen, für das die Kunst ja schon immer stand. Mit dem großen Unterschied jedoch, dass diese der Welt bislang stets eine Gegenwelt entgegensetzte. Eine imaginierte allerdings, die das Reale zum Spielball ihrer spielerischen Energien werden ließ, um die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens für Augenblicke außer Kraft zu setzten, einzig um sich des Lebens zu vergewissern.

    Das aber ist Schnee von gestern. Denn jetzt hat das Getty Museum in Los Angeles in seinen Ausstellungsräumen Spiegel aufgestellt, damit super Selfies mit aufregender Hintergrundkunst ein Klacks sind. Und das Museum of Modern Art in San Francisco stellt seit Neuestem den Instagramern speziell für sie eingerichtete Terrassen als selfie spots zur Verfügung, während das Birmingham Museum of Art eine neue Ausstellung mit dem Slogan Instagram Gold bewirbt. Die Welt ein Instagram-Quadrat mit Kunst als Accessoire.

    PREPPERS aber trauen dem Frieden nicht. Mit Argusaugen verfolgen sie die sich überschlagenden Ereignisse und lassen sich nicht so einfach einlullen. Die Welt ist instabil und krisengeschüttelt und wird bald in sich zusammenbrechen, davon sind sie felsenfest überzeugt. „Was glauben Sie, was in einer Großstadt los ist, wenn morgen der Discounter zumacht, und die Leute nichts mehr zu essen haben?“, spricht einer den Preppers aus dem Herzen.

    Preppers warten nicht auf die Apokalypse, sondern bauen dem drohenden Chaos vor, schließlich wollen sie überleben: to be prepared hat ihnen ihren Namen verliehen. Diese Fundamentalskeptiker entstammen den verschiedensten sozialen Schichten und Berufsgruppen und horten zuhause zentnerweise Konserven, Getränke, Wasseraufbereitungsmittel und säckeweise Kaliumjodidtabletten für den Super-Gau, wobei sie ihren Kindern schon mal Gasmasken über den Kopf ziehen, um für den Ernstfall gerüstet zu sein, und dabei probeweise ABC Schutzanzüge mit Atemschutz tragen, um denen ein Vorbild zu sein. Zudem graben sie sich unterirdische Bunker für ihre Familien und züchten Giftpflanzen zur Selbstverteidigung, üben sich außerdem in Kampfkunst und im Überleben in der Natur, in dem sie zu jagen, zu fischen, zu schlachten und zu konservieren, oder mit Batterien und Kaugummipapier Feuer zu machen lernen.

    Manche der Preppers aber haben sich längst radikalisiert und vom System abgespalten. Im Gegensatz zu ihren Kollegen sehen sie die Dinge wesentlich konkreter und rüsten für den Endkampf auf. Mit Armbrüsten, Speeren, Messern und Äxten, als probten sie schon den Kampf Mann gegen Mann. Und der wird stattfinden, da sind sie sich sicher. Morgen, wenn die Muselmanen das Land überrennen.

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  • MIERDA
    MIERDA
    GOOD NIGHT
    11. Juni 2018

    Bestimmte Dinge weiß man einfach durch persönliche Anschauung, schließlich hat man Augen im Kopf und kann hinsehen. Das aber tun nicht mehr viele, wie man beobachten kann. Der SMARTPHONEBLICK hindere die Leute daran und mache sie blind für die Welt, ist in den Medien allenthalben zu lesen, was von den Leuten mit fahrigem BLICK aufs SMARTPHONE zur Kenntnis genommen wird, woraufhin sie reflexartig zur nächsten INFO weiterscrollen, während der Apple CEO Tim Cook sich über die Internetsucht auslässt und vorgibt, das Web auf iPhone wieder „zu einem tollen Ort“ machen zu wollen.

    Wie eine Endlosschleife dreht sich die pausenlos mit News gefütterte Welt der INFOS gleichsam an den Leuten vorbei, wobei die nur darauf zu warten scheinen, sich spontan in jene INFOS einzuklicken, die ihren Vorurteilen Vorschub zu leisten versprechen, um diese dann – hysterisch aufgeladen – augenblicklich mit Ihresgleichen massenhaft zu teilen. So setzen sich heutzutage gesellschaftliche Kollektive nicht mehr aus Menschen mit gemeinsamen Interessen oder gar politisch-gesellschaftlichen Ambitionen zusammen, sondern aus realitätsblinden Gesellschafts- und Staatsverächtern, die sich über identische Vorurteile und Verschwörungstheorien im Internet finden und sektiererisch formieren.

    Ansonsten aber hinterlässt der unablässige digitale INFOKONSUM im Hirn der Leute, das zum zerebralen Papierkorb verkommen ist, nur mehr ein dumpfes Hintergrundrauschen, in welchem deren kognitiv versteinertes Weltbild unangefochten stabil bleibt und durch den allseitigen medialen Widerhall Gleichgesinnter an Stärke und Brutalität noch gewinnt und sich ins Unermessliche steigert. Das aber scheinen viele selbst in den Medien noch immer nicht begriffen zu haben, und schwadronieren dilettantisch um den heißen Brei herum als brisante Politthemen.

    Am Beispiel von TALKSHOWS wird dies besonders anschaulich, in denen – ganz offensichtlich wider besseres Wissen ihrer Initiatoren – die von beflissenen Redakteuren dingfest gemachten Vorurteile der Leute unter dem Deckmantel vorgeblicher Brisanz und von den immergleichen Volksvertretern und Softexperten unter Einsatz all’ ihres eitlen politischen Know-hows hin und her gewälzt werden, bis die Maske fällt. Insofern sind diese POLITSHOWS nichts anderes als mediale Vorurteilszentrifugen, in denen jeder noch so wichtige oder tatsächlich brisante Gegenstand binnen Kürze im Statementgeschwafel von sattsam bekannten Links- oder Rechtsprotagonisten auf sein reaktionäres Klischee hin eingedampft wird, und nichts anderes zurückbleibt als gestanzte Parolen, die den Defätismus salonfähig machen, schließlich will man ja Wähler gewinnen, egal von welcher Seite.

    Wähler aber gibt es keine mehr. Sondern letztlich nur Leute, die ihre Vorurteile als politische Haltung vor sich hertragen wie eine Waffe und nur den wählen, der sie am Besten an sie zu verkaufen weiß – und das ist ausnahmsweise bei den Volksvertretern angekommen: Der Wähler sei mittlerweile volatil, sagen sie, und das heißt im Klartext unberechenbar. Dass das latent zynische Konzept aufgeht, belegen die Einschaltquoten. Würden die Talkshowakteure aber wirklich verstehen, was sie da anrichten, würden sie erschrocken aufhören, von der Digitalisierung nur im mechanisch-quantitativen Sinne daherzureden und deren mental-inhaltliche Konsequenzen in den Focus nehmen. In diesem Zusammenhang wirkt es wie eine Zote, dass der deutsche Kulturrat jüngst dafür plädierte, die TALKSHOWS abzuschaffen – MACHT ENDLICH DIE GRENZEN DICHT!

    Und jetzt zählen die Leute, die über die Realität hinwegscrollen wie besinnungslos Getriebene, zwanghaft Insekten im Land, weil es immer weniger zu geben scheint, wie man ihnen sagt und sie von hoher wissenschaftlicher Warte dazu auffordert mit Strichlisten alles Getier auf ihren Geranien zu registrieren. Achtung, die Natur schlägt zurück! warnen die INFOS, ohne Bienen sind wir verloren.In China bestäuben die Leute ihre Pflanzen selbst, halten andere INFOS dagegen. Also, geht doch! sagen sich die Leute, scrollen zur nächsten Katastrophe und verspritzen weiterhin ihre Unkrautgifte in ihren spießigen Gärten, damit ja kein Grashalm aus den Ritzen dringt. Wobei sie sich natürlich vorher von Kopf bis Fuß mit ANTIMÜCKENMITTELN einsprayen, sich ihre Gartengummihandschuhe überziehen, die ihnen bis unter die mit aluminiumfreien DEO imprägnierten Achseln reichen, und endlich zur Tat schreiten.

    Aber trotz all’ der Insekten und Umweltproblemen denken die Leute erst mal an sich selbst. Wer will es ihnen verdenken, wo das Leben doch ohnehin schon schwer genug ist: Die EINSAMKEIT nimmt zu, titelt eine höchst aktuelle INFO, bei der sie beim Scrollen natürlich hängen bleiben und unwillkürlich ihren Status checken. Zwar sprechen sie nicht mehr miteinander und wissen nicht, wer der Nachbar ist, sind aber dennoch seltsam angefasst, dass es so viele Einsame geben soll. Aber was soll’s! Solange sie ihre ALEXAS und SIRIS haben, kann ihnen so etwas nicht passieren, denken sie insgeheim. Was aber manche Leute gegen digitale Assistenten einzuwenden haben, lässt sie kalt – das ganze Geschwätz um die KI nervt total. Ach richtig, die Arbeitsplätze! Aber wer will schon an Morgen denken. Morgen ist erst mal Fitness angesagt. Und die neue Hirschhausendiät kann man übrigens vergessen!

    Außerdem müssen die Leute jetzt auch unbedingt eine neue Küche haben. Autos sind out, Küchen in, sagen die INFOS. Stundenlang hocken die Überfetteten vor den täglichen KOCHSHOWS, stopfen sich dabei mit FAST FOOD voll, kochen längst nicht mehr und finden Tim Mälzer klasse. Der schlägt selbst Uschi Glas mit ihren raffinierten Rezepten. Pommes machen Haarausfall, warnt FOCUS ONLINE, während der dritte BURGER dran glauben muss.

    Aber beim Grillen – den allabendlichen Konkurrenzkämpfen zwischen Kleingärten oder Balkonen – geht’s richtig rund. Natürlich kaufen die Leute dafür nur Schnäppchenfleisch, fördern damit die Fleischindustrie, deren Massentierhaltung den Grillfetischisten allerdings am Arsch vorbeigeht, wiewohl die Gülleschwemme, die diese Industrie tonnenweise produziert, durch die Böden ins Grundwasser sickert, und als nitratbelastetes Wasser wieder in die Häuser der Leute zurückkommt, wie INFOS die wie vor den Kopf Geschlagenen wissen lassen. Den Leuten wird’s Angst und Bange. Warum gibt’s darüber eigentlich noch keine Talkshow? fragen sie sich beleidigt und wollen doch nur eine Meinung hören, grillen aber weiter.

    Du musst dein Leben ändern! zitiert eine INFO Rilke. Wer ist das noch mal? denken die Leute. Verdammt, der Mann hat gut reden, sagen sie sich und scrollen weiter. Der Konsum ist das letzte, was ihnen geblieben ist. Er ist das einzige, was die Gesellschaft noch zusammenhält. Außerdem haben sie in England gerade ein Ministerium gegen EINSAMKEIT geschaffen, was, wie die INFOS sagen, jetzt auch Deutschland plant.

    Mehr Bildung fordern Experten. Haben die eigentlich noch nie vom Versuch am untauglichen Objekt gehört?

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    ANTHROPOZÄN
    DENKEN
    17. Mai 2018

    Die KRISE DES DENKENS beschäftigt nun auch die Denker selbst. Die deutsche Philosophie sei mittlerweile völlig unbedeutend und hätte an „internationaler oder auch nur interdisziplinärer Strahlkraft“ verloren, schreibt Wolfram Eilenberger in der ZEIT („Wattiertes Denken“) und stellt seiner Zunft damit ein vernichtendes Zeugnis aus: „Die universitären Denkathleten sind alle bestens trainiert, extrem karriereorientiert und können philosophisch genau das, was der ARD-Fußballexperte Mehmet Scholl unlängst in einer kontroversen Stellungnahme der neuen Generation von Fußballprofis und Bundesligatrainern vorwarf, nämlich, wenn nötig auch im Schlaf 18 Systeme rückwärts furzen“, erregt sich der Autor. „Nur ansehen beziehungsweise lesen will das gerade in der Philosophie kaum noch jemand. Weil dort ‚auf dem Platz’ einfach nichts geschieht, was irgendeinen wachen Geist wahrhaft interessieren, geschweige denn faszinieren würde. ... Was dort abgehandelt wird, interessiert buchstäblich keinen Menschen. Nicht außerhalb der Zunft, nicht innerhalb“.

    Welches Denken es aber wäre, das einen wachen Geist gegenwärtig faszinieren könnte, lässt Eilenberger leider offen, obwohl er seinen Philosophiekollegen thematisch eine Steilvorlage bietet: „Die Digitalisierung revolutioniert den Diskursraum, die Gentechnik greift in die Grundlagen der Schöpfung ein, die künstliche Intelligenz tief in unser Selbstbild, der Klimawandel fordert globales Umdenken, Ökonomie wie Physik befinden sich in einer schweren Grundlagenkrise, während das Wissen um die Weite und den Reichtum des Universums in einer Weise explodiert, die unsere Stellung im Kosmos abermals fraglich werden lässt. Die Welt ist in Bewegung, die kantische Urfrage "Was ist der Mensch?" virulenter denn je“, so der Philosoph.

    Die Welt im Chaos – so könnte man Eilenbergers Themenliste grob zusammenfassen. Wohin der Mensch auch blickt, von allen Seiten sieht er sich von Krisen umzingelt, die mittlerweile nahezu alle Entitäten seiner Lebenswirklichkeit erfasst haben. Aber auch mit ihm selbst scheint es nicht viel besser zu stehen: sein Selbstverständnis ist gehörig ins Wanken geraten, und das beileibe nicht erst seit heute, wo ihm die künstliche Intelligenz den letzten Funken Verstand zu rauben scheint.

    Wie besessen arbeitet er sich an perfide gestylten Selbstverwirklichungsprogrammen ab, mit denen die Konsumindustrie ihn überschüttet, und versucht dabei hilflos aber verbissen seiner angegriffenen Individualität wieder auf die Sprünge zu helfen: mit ultimativen Diätkuren vor der Badesaison und schrillen Tattoos, um das Maß voll zu machen. Oder, je nachdem wenn’s denn sein muss, mit garantierter Penisverlängerung oder kosmetisch perfekter Vulvakorrektur als letztem Schrei, um für den nächsten One-Night-Stand entsprechend gerüstet zu sein. Stets muss der Körper dran glauben, er scheint das Einzige, was dem Ratlosen noch geblieben ist. Seine Seele hingegen bleibt außen vor, hat er doch den Kontakt zu ihr verloren, alleingelassen kümmert sie vor sich hin. So wundert es nicht, dass der tief Verunsicherte mit seinem genormten Body schon rein äußerlich einem massenhaft geklonten Wesen gleicht, dem seine Besonderheit mehr und mehr zum Stigma wird. Andere aber haben längst resigniert und verfetten hoffnungs- und empfindungslos in ihrer gedankenleeren Pampa.

    Der physischen Uniformität entspricht die endemisch um sich greifende Mentalitätsverflachung, die viele ob ihrer seelischen Verarmung nachgerade zwangläufig ereilt und sie immer geistloser und verhärteter werden lässt, von ihren verwirrten Empfindungen zu den Extrempolen ihrer Affekte hin gedrängt. So stehen sich zwei unversöhnliche, psychisch hoch aufgeladene Gruppierungen gleichsam antagonistisch gegenüber: Geprägt von vulgärem Neid, hasserfüllter Häme und faschistoider Randale auf der einen und von verspießtem Hypermoralismus, zwanghafter Verhaltensmaßregelung und duckmäuserischem Gebaren auf der anderen Seite, die das gesellschaftliche Miteinander in eine hysterisierte Zweiklassengesellschaft aus Systemverächtern und Systemadepten auseinanderzureißen droht, und das nicht aus politisch-sozialen, sondern allein aus neurotischen Gründen. Allein in diesem Phänomen gründet wohl die brisante Tatsache, dass viele Menschen in ihrem Verhalten immer verrohter und unberechenbarer werden, was zur Schwächung der demokratisch-gesellschaftliche Strukturen führt und diese mehr und mehr zerbröckeln lässt. Kein Wunder also, dass das Autoritäre sich allenthalben rüstet, das Ruder zu übernehmen, schließlich sind die Zwangsmoralisten und Reaktionäre gesellschaftlich in der massiven Überzahl. Die Emotionen laufen Amok und zersplittern das Denken – der Mensch fährt aus der Haut!

    Der öffentliche Diskurs ist einer digitalen Kampfzone gewichen, in der sich erhitzte Gemüter wutschnaubend Luft verschaffen, sich gegenseitig mit üblem Verbaldreck beballern und sich dabei auch noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Eilenbergers Anmerkung, die Digitalisierung revolutioniere den Diskursraum, erscheint in diesem Zusammenhang nachgerade euphemistisch. Nein, ein besinnungsloses Scharmützel durchzieht den digitalen Raum, das den anderen, die Gesellschaft oder gar den Staat in die Knie zu zwingen versucht, und inzwischen bereits mit voller Wucht ins Alltagsleben überschwappt, wo allein schon der Versuch eines gemeinsamen Austauschs schnell zur Farce verkommen kann. Hinter der verzerrten Fratze von Häme, Hass und Gewaltandrohung aber steckt in Wahrheit die blanke Angst, die nämlich, trotz aller Mühen und Plagen (mit oder ohne Psychopharmaka) Opfer eines gnadenlosen Konkurrenzkampfs zu werden und unwiederbringlich durch die Ritzen des Systems zu fallen.

    Gegenwärtig wird diese Existenzangst allerdings von der diffusen Angst vor Migration vehement überlagert, die sich als vermeintliche Bedrohung von Außen geradezu wahnhaft in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, und sie glauben lässt, ihr Land werde bald von Flüchtlingen überschwemmt und der hart erkämpfte Wohlstand von diesen dann völlig zunichte gemacht: Solcherart versöhnt die Angst vor Migration die Menschen mit ihrer Existenzangst angesichts einer unerbittlichen Ökonomie, die sie zwar längst zum Objekt ihrer alles nivellierenden Interessen hat verkommen lassen, was diese aber – ob der existentiellen Gefahr, die jenseits der Landesgrenzen lauern soll – völlig vergessen zu haben scheinen. Ein altbekannter sozialpsychologischer Mechanismus, dem sich vornehmlich Demagogen bedienen, um von den selbstverantworteten Krisen im Inneren abzulenken, was – wie man weltweit beobachten kann – beängstigender Weise gut funktioniert.

    In diesem spezifischen Phänomen offenbart sich der evolutionsbiologisch uralte Charakter der Xenophobie, die immer noch in den Hirnen der Menschen schlummert und sie in grauer Vorzeit dafür wachsam sein ließ, ihr Territorium und dessen überlebensnotwendigen Ressourcen nicht an Eindringlinge zu verlieren. Eine Angst, die im Menschen offensichtlich immer noch jederzeit durch fadenscheinige politische Indoktringierung mobilisiert werden kann, was beweist, wie ohnmächtig dessen Vernunft ihren atavistischen Anlagen gegenüber ist, die seine Vorahnen einst entwickelten, um ihr Überleben zu sichern. Auf diese überkommenen Instinkte aber zu setzen, um zu reüssieren, entlarvt eine Politik, die nicht auf den aufgeklärten Menschen setzt, sondern auf das Primitive in ihm.

    In diesem Kontext erweist es sich als blanker Hohn, dass es durch eine ultramoderne Technologie wie der des Internets zur massenhaften Verbreitung solcher irrationalen Ängste kommt, die von dieser Maschine darüber hinaus auch noch erst richtig geschürt werden können. Ängste vor einem Phantom, das in den Köpfen der Menschen konkrete Gestalt und realen Charakter gwinnt. Eine bizarre Gegebenheit, an der sich die bittere Wahrheit veranschaulichen lässt, dass das Internet mittlerweile zu einer Art Buschtrommel verkommen ist, welche den niedrigsten Instinkten des Menschen massenhaft Vorschub leistet und diesen zu weltweiter Wirkung verhilft. Ein Tatbestand, der auf drastische Art und Weise veranschaulicht, dass es immerhin noch darauf ankommt, wie und wozu man ein Instrument (oder eine Maschine) bedient oder benutzt. So spiegelt sich im Internet das wahre Gesicht der Gesellschaft, die – einem fatalen, geradezu mystischen Schwenk ihrer Wahrnehmung unterlegen – tatsächlich vermeint, im virtuellen Schmutz ihrer Posts und Chats die Faktizität der Realität erkennen und beurteilen zu können, die sie – mit permanent gesenktem Kopf aufs Smartphone gerichtet – in Wahrheit längst schon aus dem Blick verloren hat. Legt die Smartphones weg! ruft www.stern.de und gibt acht Tipps für eine bessere Beziehung.

    Dem indoktrinierten Denken entspricht der verschleierte Blick: Je geringer der prozentuale Anteil Flüchtiger in einer Region, desto größer die Angst vor ihnen und ihrer vermeintlichen Überzahl. Die Verschiebung der Angst, abgehängt zu werden, hin zu der von Flüchtlingen überrannt zu werden und alles zu verlieren, zeigt sich eindrücklich anhand einer Auswertung von Umfragen der vergangenen Jahre, welche die Ökonomen Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt jüngst publizierten (1): Ihrer Untersuchung zufolge gäbe es keine andere Gruppe von Menschen in Deutschland, die Angst vor Zuwanderung hätten, als diejenige, die zugleich verbittert über ihr eigenes Schicksal wäre. Dies seien Menschen, so die Autoren, die glauben, nicht das bekommen zu haben, was sie verdienen. Beinahe jeder Zweite der Verbitterten wüte gegen Zuwanderung. Bei anderen sei der Anteil nicht einmal halb so hoch.

    Während das kapitalistische System Mobilität, Flexibilität und bedingungsloses Funktionieren vom Menschen einfordert und ihn zappeln lässt, ruft dieser nach Sicherheit, Ordnung und Sitte und schickt sich mit eingezogenem Kopf in sein Schicksal. Sein nachgerade wahnhaft im Kreise sich drehendes Denken ist auf einen autoritären Code hin fixiert, der ihn in seiner kognitiven Blase mental gefangen hält, die den Filterblasen, die er im Internet produziert, bis aufs Haar gleichen – ein digital vergifteter Humus, auf dem Verschwörungstheorien und Fake News wunderbar gedeihen und schnell zur Wahrheit werden. Die Welt ist eine Scheibe! Wer dem zu widersprechen wagt, wird sein blaues Wunder erleben.

    Folgt man Eilenberger, so sind die strukturellen Analogien zwischen diesem substanzlos verwirrten Denken der Netzabhängigen und dem der gegenwärtigen Schulphilosophen frappierend und wahrhaft erschreckend. Denn auch deren Denken scheint sich gleichsam hinter geschlossenen Augen im Dämmer zu vollziehen, und ebenso mit einem rigiden institutionalisierten Code im Kopf versehen. „Tritt man einen Deutungsschritt zurück, ist das derzeit in der Zunft vorherrschende Niveau an Binnendeutungsartistik (i.e. Filterblasendenken) vor allem eines: ein Zeichen hoffnungslos ausgelaugter Forschungsprogramme und -fragen“, urteilt Eilenberger. „Die philosophische Qualifikationspublikation hat sich damit von allem entfremdet, was lebendiges und realitätsgesättigtes Denken ausmachen sollte“. Auch dieses Denken sei im Grunde nichts anderes als ein Denken über „vorgestanzte Fragen in vorgestanzter Sprache in das absolute Nichts“ hineinproduziert so der Philosoph.

    So leidet das Denken der Denkbeamten, Eilenberger zufolge, ganz offensichtlich ebenso an einem folgeschweren Verlust von Lebensneugierde und Realitätswahrnehmung wie das so vieler anderer in der Bevölkerung. Während das kastrierte akademische Denken aber niemanden mehr hinterm Ofen hervorzulocken weiß, wie Eilenberger konstatiert, findet das reaktionär-vulgäre Denken hingegen immer breitere gesellschaftliche Resonanz – eine wahrlich ernüchternde Umkehr der Verhältnisse mit der folgenschweren Konsequenz, dass das (sinnentleerte) philosophische Denken diesem nichts mehr entgegenzusetzen hat.

    Offenbar leiden auch die institutionalisierten Philosophenhirne an der sich gespenstisch ausbreitenden Mentalitätsverflachung, die sie Schablonen zusammenklittern und sie von stumpf verinnerlichten Reglements abhängig werden lässt. Aber „The show must go on!“ so Eilenberger. „Und mit welchem Ziel? Um, quasiindustriell, einen weiteren Jahrgang bestens benoteter und perfekt frustrierter Jungforscher stumpf durch das System zu jagen. ... Der zunftprägende Wille zum verstohlenen Konformismus mag nicht zuletzt selbst philosophische Gründe haben. Denn wer glaubt, dass es beim Denken um anschlussfähige Thesen anstatt wahre Einsichten, um diskursiven Austausch anstatt ereignishafte Aufbrüche, um Konsens anstatt um Kontrast geht, wird es sehr viel leichter haben, sich als Denkpersona innerhalb der öffentlichen Förderungslogik einzurichten“. ... Somit sei Wahrheit „eine Frage des Konsenses, Sprache vorrangig ein Mittel zur Kommunikation und Ethik eine Frage des (blinden) Diskurses“ geworden.

    Frustration und Konformismus statt Neugier und Vision – nicht zufällig sind den Philosophen Mensch und Welt  abhanden gekommen. Damit haben sie den Ursprung und Anlass all ihres Denkens verloren, und die  Dinge ihre Aura und Beredtheit. Der Mensch hat keine Anschauung mehr von ihnen. Die Bedeutung der Welt, die Erzählung von ihr im Mythos ist zum kleingeistigen Narrativ der Tagespolitik verkommen. Das Prinzip Hoffnung hat abgedankt.

    Der Mensch ist suggestibel und manipulierbar so wie er es schon immer war. Offenbar sieht er sich nicht in der Lage, seine atavistischen Instinkte und irrationalen Neigungen in sich abzustreifen oder sie gar zivilisatorisch in den Griff zu bekommen. Trotz all seiner Technologie scheint es ihm nicht zu gelingen seiner so heiß ersehnten inneren wie äußeren Freiheit einen wesentlichen Schritt näher zu kommen. Und viel schlimmer noch, vielleicht spürt er diese Sehsüchte ja auch nicht mehr und erwartet deshalb voller Sehnsucht Führung? Der Mensch fällt gegenwärtig evolutionsbiologisch weit hinter sich selbst zurück und verarmt mental, so als hätte es all’ die Anstrengungen in der Geschichte, aus ihm ein durchaus vernünftiges Wesen werden zu lassen, nie gegeben. Die digitale Mutation aber, die ihn offensichtlich ergriffen hat, beschleunigt dessen mentale Regression auf rapide Art und Weise und treibt ihn massenhaft der künstlichen Existenz zu, die ihn, wenn er nicht aufpasst, endgültig zum Krüppel degradieren wird.

    Vielleicht wäre es angesichts der ungeheuren Brisanz dieser weltumspannenden Entwicklung endlich an der Zeit, mit aller Anstrengung und Courage darüber nachzudenken, wie dem Menschen auf seinem Planeten noch zu helfen wäre, statt sich weiterhin mit der alten philosophischen Frage herumzuschlagen, was der Mensch denn eigentlich sei, worauf Eilenberger insistiert? Für Wittgenstein war es Ziel der Philosophie, „der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen“. Warum also sollte sie es sich dann nicht gegenwärtig zum Ziel machen den Menschen aus seiner selbstverantworteten Falle zu befreien?

    Der Mensch ist unberechenbar, und das wird er auch als Cyborg bleiben. Schließlich ist er es, der seine Maschinen programmiert und diesen damit unweigerlich auch den Stempel seiner Unzulänglichkeiten aufdrückt. Von wegen Deep Learning – der Mensch füttert seine Maschinen mit seinem Schund. So wird er es auch mithilfe einer künstlichen Intelligenz nicht schaffen, einen Ausweg aus seiner Misere zu finden. Der Mensch kann sich nicht entkommen, so wie er es gegenwärtig ebenso wenig vermag, bei Sinnen zu bleiben. Nicht die künstliche Intelligenz greift tief in dessen Selbstbild ein, wie Eilenberger meint, sondern das, dass er, davon völlig unabhängig, von sich selbst hat, in die künstliche Existenz. Dieses aber verblasst zusehends und wird vielleicht schon bald keines mehr sein.

    (1) Poutvara, Panu and Max Friedrich Steinhardt (2015): Bitterness. Bitterness in life and attitudes towards immigration. SOEPpaper Nr. 800

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