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    MUSIK
    SOMNIUM SCIPIONIS
    VOM URSPRUNG DER MUSIK
    13. November 2017

    Gravitationswellen existieren! Einstein hatte mit seiner Annahme recht, der er anlässlich eines Vortrags am 22. Juni 1916 in der Preußischen Akademie der Wissenschaften Ausdruck verlieh, ergäben sich diese doch direkt aus der von ihm entwickelten Allgemeinen Relativitätstheorie.

    Die Entdecker, Rainer Weiss, Kip Thorne und Barry Barish, fingen die Gravitationswellen von zwei verschmelzenden Schwarzen Löchern mit LIGO-DETEKTOREN (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatories in Hanford, Washington, und Livingston, Louisiana) und Dank der über Tausend am Experiment beteiligten Forscher erstmals am 14. September 2015 ein, und erhielten für diese bahnbrechende Entdeckung gerade den Physiknobelpreis. Eine neue Ära der Astrophysik ist angebrochen: Laut Karsten Danzmann, der am Detektor GEO600 nahe Hannover die Suche nach Gravitationswellen leitet, „ging es den Forschern bei ihrer Suche um mehr, als deren bloße Existenz nachzuweisen. Sie wollten Gravitationswellen direkt messen, weil sie sich davon einen neuen Zugang zum Kosmos versprechen. Man kann das Universum so nicht nur sehen, sondern auch hören.“ Über 99 Prozent des Universums seien dunkel und entzögen sich somit der direkten visuellen Beobachtung, so Danzmann lapidar, „aber alles unterläge der Schwerkraft.“ Trotz allem aber ist es eine Sensation, die Gravitationswellen nicht nur nachgewiesen, sondern auch hörbar gemacht zu haben. Es jagt einem den Schauder über den Rücken, wenn man den Aufnahmen im Internet lauscht.

    Wie aus dem Nichts ist da zunächst ein tiefes Brummen, das allerdings rasch anschwillt, sich währenddessen mit einem gewagten Glissando in die Höhe schwingt, und mit einem sich überschlagenden Impuls urplötzlich endet. Stille. Dann wieder das Brummen, das waghalsige Glissando und juchzende Ende – CHIRP. So nennen die Astrophysiker den Klang der Gravitationswellen, der in der Tat an das Zirpen oder Zwitschern eines Vogels erinnert. Mit unfassbarer Geschwindigkeit jagen die Wellen periodisch durchs All und lassen es erzittern. Pulsartige  Transversalwellen, die – ganz im Gegensatz zu Schallwellen – nirgendwo abprallen, hingegen alles durchdringen, was ihnen in die Quere kommt und es dehnen und stauchen, dass die Raumzeit zittert. Gravitationswellen ebben nie ab. Einmal ausgelöst, verschwinden sie nie wieder aus dem kosmischen Raum. Alle, die jemals erzeugt wurden, sind heute noch da – Zeugnisse Hunderte von Millionen Lichtjahren entfernter Ereignisse irgendwo im Kosmos, die sich Ewigkeiten vor unserer Zeitrechnung zutrugen wie die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher oder zweier Neutronensterne zum Beispiel. CHIRP!

    Wen wundert es da, wenn die Forscher der beiden LIGO-DETEKTOREN, die aufgrund ihrer Disziplin ein ganz anderes Raumbewusstsein haben als der Normalbürger, mächtig ins Schwärmen gerieten, da sie endlich die Musik ihrer Träume hören konnten wie die Presseaussendung des Stockholmer Nobelpreiskomitees die Welt wissen ließ. Schon 1993 hatte Kip Thorne in seinem Buch Black Holes & Time Warps die Gravitationswellen als Musik beschrieben: „Diese Kräuselungen der Raumzeit lassen sich mit den Schallwellen einer Symphonie vergleichen. So wie die Symphonie in den Modulationen der Schallwellen verschlüsselt ist, enthalten die Modulationen der Gravitationswellen, die in einem wilden Crescendo münden, die Geschichte der verschmelzenden Schwarzen Löcher.“                                                                                               

    Kip Thornes Anschauung mag versponnen oder gar verrückt erscheinen, wäre der Physiker nicht ganz offenkundig völlig bei Sinnen, was der Blick in seine Biographie beweist: Born June 1, 1940, Thorne is an American theoretical physicist and Nobel laureate, known for his contributions in gravitational physics and astrophysics. A longtime friend and colleague of Stephen Hawking and Carl Sagan, he was the Feynman Professor of Theoretical Physics at the California Institute of Technology (Caltech) until 2009 and is one of the world's leading experts on the astrophysical implications of Einstein's general theory of relativity. He continues to do scientific research and scientific consulting, most notably for the Christopher Nolan film Interstellar.

    Mit seiner tief gründenden Empfindung, das Universum klänge wie Musik, steht Thorne in uralter Tradition der astronomischen Wissenschaftsgeschichte. Und womöglich ist diese Empfindung so alt wie die Musik selbst und aufs Engste mit ihr verbunden. Und noch heute würde kein wirklich engagierter Musiker bestreiten, dass der Musik auch eine kosmische Dimension innewohne. Selbst in den trivialsten Ausformungen dieser Anschauung wie in Gustav Holst Die Planeten, die mit der Tür ins Haus fallen und auf der Sache herumreiten, ist diese Faszination noch spürbar. Musik weitet den Raum ins Grenzenlose, in dem man sich aufzulösen glaubt.

    Das älteste bislang aufgefundene Instrument ist eine etwa 35 000 Jahre alte FLÖTE, ausgegraben im Sommer 2008 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb. Gefertigt aus der Speiche eines Gänsegeierflügels, also von Natur aus hohl und mit zum Atmungsorgan des Vogels gehörend. Die Töne des vorzeitlichen Flötenspielers scheinen Flügel zu besitzen und tirilierend hoch in den Himmel emporzusteigen – CHIRP. Vielleicht auch, um sich den kosmischen Harmonien anzuschließen und sich von ihnen davontragen zu lassen – ganz Ohr den sphärischen Klängen gegenüber und gespielt mit hörendem Herzen, dem geistigen Ohr.

    Es ist kein Zufall, dass hören und fühlen so nah beieinander liegen“, schreibt der Astrophysiker Bruno Binggeli. „Unser Gehör besitzt eine Eigenschaft, die es unter allen Sinnesorganen besonders auszeichnet: Wir können verschiedene Töne – akustische Schwingungen der Luft verschiedener Frequenzen – zusammen und dennoch separat hören. Tonfrequenzen vermischen sich nicht. Ganz anders unser Sehsinn: Wir können nicht, sagen wir, rot und grün (die Farben entsprechen verschiedenen Wellenlängen des Lichts) an derselben Stelle – als separate Farben – sehen. Farben vermischen sich, rot und grün zusammen empfinden wir als braun. Ein hoher Ton und ein tiefer Ton dagegen verschmelzen nicht zu einem mittleren Ton, wir hören beide gleichzeitig. Wenn wir von einem Zusammenspiel von Farben sagen, es sei schön (wie auch immer wir dieses Schönsein definieren), so ist es doch ein räumliches Nebeneinander der Farben, das wir empfinden. Bei Tönen gibt es nicht nur ein zeitliches Nacheinander, sondern auch ein zeitliches Miteinander, einen Zusammenklang, den wir als harmonisch, oder auch als disharmonisch empfinden können. Dies verschafft dem Hörsinn eine Unmittelbarkeit und Intensität, und deswegen auch eine psychische Wirksamkeit, die mit nichts vergleichbar ist. Darin wurzelt mithin die große Macht der Musik über unsere Gefühle. 

    Was macht nun, dass wir diesen Klang als harmonisch empfinden, jenen aber als disharmonisch? Worin unterscheidet sich das Zusammenspiel der Töne? Es sind die Zahlenverhältnisse der Tonfrequenzen, die das bestimmen. Dieser Zusammenhang – zwischen Wohlklang und ganzzahliger Proportion – geht zurück auf eine Entdeckung des sagenumwobenen griechischen Philosophen Pythagoras im 6. Jh. v. Chr. Das klassische Experiment benutzt das sog. MONOCHORD, ein Instrument mit nur einer Saite. Zupft man diese Saite an, so erklingt ein Grundton. Wird die Saite auf genau halber Länge festgehalten, erklingt ein Ton, der um genau eine Oktave höher liegt und mit dem Grundton harmoniert. Fixiert man die Saite an andern Punkten, die einfachen Bruchteilen ihrer Gesamtlänge entsprechen, so können weitere harmonische Töne erzeugt werden: die Quinte bei 2:3, die Quarte bei 3:4, die große Terz bei 4:5 – so kriegt man die “Obertöne” der Saite.

    Wo immer man in der Außenwelt ganzzahlige Verhältnisse vorfand, durfte man folglich – ausgehend von diesem Urexperiment mit dem MONOCHORD – auch umgekehrt verfahren und sich im Geiste eine unterliegende musikalische Harmonie vorstellen, oder allgemeiner: Quantitatives als etwas Qualitatives erleben. Und wo vor allem stieß – und stößt man noch immer – in der Außenwelt auf solche schönen Zahlenverhältnisse? Natürlich am gestirnten Firmament. Es sind die ewig gleichen Bewegungen der Himmelskörper, von Sonne, Mond und Sternen, die unserem Leben den festen Rhythmus von Tag, Monat und Jahr aufprägen. Hier fand die pythagoreeische Zahlenlehre ihren natürlichen Gegenstand, hier drängte sich eine erste mathematische Durchdringung der Wirklichkeit auf; Astronomie ist deshalb auch die älteste Wissenschaft.

    In Pythagoras’ geozentrischem Weltbild ruht die kugelförmige Erde im Zentrum. Um sie herum schließen sich, so ähnlich wie bei einer Zwiebel, konzentrisch acht kristalline Kugelschalen an, und in diesen befinden sich die sieben Planeten, zu denen man auch Sonne und Mond zählte. Es sind die Kugelschalen, die sich um die Erde drehen; die äußerste Schale mit den Fixsternen dreht sich mit einer Umdrehung pro Tag am schnellsten. Die inneren Sphären mit den Planeten drehen sich von außen nach innen, bzw. von oben nach unten immer langsamer, bis zur stillstehenden Erde!

    Pythagoras stellte sich nun vor, dass die Sphären klängen und für die Umdrehungsgeschwindigkeiten und/oder die Abstände der Himmelssphären ganzzahlige Verhältnisse gelten würden, so dass das ganze Himmelsgebilde – indem sich die Tonhöhe, in Analogie zur Saitenschwingung (eines Monochords), aus der Geschwindigkeit oder aus dem Abstand einer Sphäre ableiteten – einen harmonischen Zusammenklang erzeuge (griechisch: symphōnía). Auch in Pythagoras’ Begriff des Kosmos spiegelt sich die ästhetische Seite des Weltganzen, denn Kosmos heißt sowohl Ordnung als auch Schmuck. Der ganze Kosmos als Instrument, als wohlklingende Weltordnung – das ist die Idee der SPHÄRENMUSIK.“ (Bruno Binggeli, Sphärenmusik – das Unhörbare hören.)

    Das Stupende an Pythagoras’ Idee ist das ruhige und ausgleichende Grundgefühl den Dingen gegenüber, das in ihr zum Ausdruck kommt. Denken und Empfinden durchdringen sich gegenseitig und schwingen in Harmonie. So wie das Weltall in Musik. Was die Sinne stimuliert wird im Geiste zur Gestalt. Und was das Denken animiert, verleiht den Sinnen Anschauung.

    Pythagoras war von der Kugelform der Erde überzeugt. Die Sphäre galt ihm als die mathematisch vollkommenste Form. Für seinen Zeitgenossen Thales von Milet hingegen blieb die Erde eine Scheibe, die im unendlichen Ozean schwamm. Damit entsprach er der herrschenden Auffassung der Religion, die unwidersprochen sein sollte.

    Pythagoras gewann seine Überzeugung durch geistige Imagination. Thales untermauerte eine Doktrin, ohne sie zu hinterfragen. 200 Jahre später beobachtete Aristoteles eine Mondfinsternis und sah den runden Erdschatten durch das Mondlicht ziehen. Er wusste, nur eine Kugel wirft in jeder Stellung einen kreisförmigen Schatten.

    2:3, 3:4, 4:5 – „die Pythagoreer beschäftigten sich zuerst mit der Mathematik, förderten sie, und so in sie hineingewachsen, hielten sie die mathematischen Prinzipien für die Prinzipien alles Seienden. Und in den Zahlen die Eigenschaften und Gründe der Harmonie erblickend, da ihnen das andere seiner ganzen Natur nach den Zahlen nachgebildet erschien, die Zahlen aber als das Erste in der ganzen Natur, so fassten sie die Elemente der Zahlen als die Elemente aller Dinge auf und das ganze Weltall als Harmonie und Zahl.“ (Aristoteles. Metaphysik, I, 5).

    Angesichts solch allumfassender Harmonie muss es den Pythagoreern unsagbar leicht ums Herz gewesen sein. Durchdrungen von einem ganzheitlichen Lebensgefühl, das ihnen eine erstaunliche Gelassenheit der Welt und ihren Erscheinungen gegenüber schenkte. So waren sie auch die ersten, die sich der reinen Mathematik hingaben – der absolut zweckfreien und streng wissenschaftlichen Erforschung ihrer Funktionen und Gesetzmäßigkeiten. Die Ruhe, die sie dazu befähigte, verdankten sie ihrer inneren Gewissheit der harmonischen Kongruenz allen Seins, schwingend in Mathematik und Musik.

    Da erstaunt es auch nicht, dass die Pythagoreer von einer unsterblichen Seele göttlichen Ursprungs überzeugt waren, deren Aufgabe es sei, beizeiten in ihre kosmischen Gefilde zurückzukehren, um dort Erfüllung zu finden und aufzugehen. So sahen sie in der Natur beileibe keine abstrakten Zahlenverhältnisse wirken, wie Vorurteile vermuten, sondern kraftvolle Energien, die das All in einzigartiger Harmonie strukturierten und in mathematischen Proportionen zum Ausdruck kämen. Eine beseelte Kosmologie, die in Ciceros SOMNIUM SCIPIONIS besonders eindrücklich veranschaulicht wird.

    In diesem Traum findet sich der römische Feldherr und Staatsmann Scipio Aemilianus völlig unvermittelt im Weltall wieder. Auf der Milchstraße, der Heimstatt der Seelen. Dort trifft er auf seinen Großvater, Publius Cornelius Africanus, und seinen ebenso verstorbenen Vater, Lucius Aemilius Paullus. Vor seinen ungläubigen Augen offenbart sich der gesamte Kosmos in all seiner Herrlichkeit mit der ihm eigenen Ordnung und Struktur – genau so, wie Pythagoras ihn beschrieben hatte: Majestätisch kreisen die Planeten im Klang ihrer ewigen Bewegung, sphärische Töne erzeugend, die der Ursprung aller Musik sind wie ihm erklärt wird.

    Inmitten des tönenden Geschehens blickt Scipio auf die winzige Erde hinunter, auf der die Menschen auf der unteren Seite kopfüber gehen, während Scipios Großvater ihm die Zukunft prophezeit, unter anderem auch die erfolgreiche Belagerung und Zerstörung Karthagos der von ihm befehligten Heerscharen. Der Ruhm aber, den er erlange, sei nur von geringer Dauer und überstehe kein Weltenjahr. Scipio dürfe weder auf das Gerede der Masse hören noch von irgendjemanden menschlichen Lohn erwarten. Der Körper halte die Seele gefangen und nur die lebten wirklich, die schon gestorben seien.

    Ein Traum vom Sein in kosmischer Musik. – Und auch heute noch scheint der Kosmos voller Musik, zumindest wenn man den Astrophysikern Glauben schenken darf. In seinem Buch Das elegante Universum, schreibt Brian Greene im Kapitel KOSMISCHE SYMPHONIE. NICHTS ALS MUSIK: DIE GRUNDLAGEN DER STRINGTHEORIE: „Seit langem schon dient die Musik den Philosophen und Naturforschern, die sich über die Rätsel des Kosmos den Kopf zerbrechen, als Lieblingsmetapher. Von den ‚Sphärenklängen’ der Pythagoreer im antiken Griechenland bis zu den ‚Harmonien der Natur’, die Jahrhunderte lang das Leitmotiv der Forschung waren – immer wieder haben wir im majestätischen Gang der Himmelskörper wie im ausgelassenen Treiben der subatomaren Teilchen das Lied der Natur gesucht. Mit der Entdeckung der Superstringtheorie gewinnen diese musikalischen Metaphern eine verblüffende Realität, denn die Theorie geht davon aus, dass die mikroskopische Landschaft mit winzigen Saiten – den Strings – gefüllt ist, aus deren Schwingungsmustern die Evolution des Universums komponiert ist. Nach der Superstringtheorie bringt der Wind der Veränderung das ganze Universum wie eine riesige Äolsharfe zum Klingen!“

    Ist die Äolsharfe aber wirklich nur eine euphorische Metapher für die prinzipiell unhörbaren Klänge des Universums? Oder sind deren Töne nicht doch zu hören, zumindest bei außerordentlicher Begabung? Wohlgemerkt, auch die LIGO-Physiker übersetzen das CHIRPEN der Gravitationswellen in Schall, damit sie hörbar werden. Und auch die im Universum allgegenwärtigen Schwingungsfrequenzen wie das Trillern der Pulsare und Säuseln der Quasare, das Pulsieren der Sterne oder Brummen Schwarzer Löcher entziehen sich der akustischen Wahrnehmung und werden von Astrophysikern lediglich in hörbare Tonbereiche transformiert, um diese Phänomene sinnlich erfahrbar werden zu lassen.

    Pythagoras hingegen wurde die Fähigkeit, die Sphärenmusik tatsächlich hören zu können, von manchen seiner Zeitgenossen nachgesagt. Dies stellten sie sich ganz naturalistisch vor: Da schnelle Bewegungen großer Körper auf der Erde heftige Geräusche verursachen würden, würde dies erst recht für die viel größeren und schnelleren Himmelssphären gelten, lautete die Erklärung. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Gravitationswellen, die durch die Beschleunigung von Massen entstehen und sich mit Lichtgeschwindigkeit im Universum ausbreiten. Je stärker die Beschleunigung oder je größer die Masse, desto intensiver die Wellen.

    Dass viele andere die Sphärenklänge nicht wahrnehmen würden, begründeten die Pythagoreer mit einer überraschend plausiblen Erklärung: Die Sphären erklängen ja ununterbrochen, so dass der Kontrast zur Stille fehle. Dem pflichtete Cicero, der ein großer Bewunderer der pythagoreischen Kosmologie war, Jahrhunderte später bei: Den Menschen erginge es nicht anders als denjenigen der Nilkatarakte, behauptete er, denn beim ständigen Lärm des Wassers würden sie diesen nicht bemerken können. Seiner Überzeugung nach hatte Pythagoras der Menschheit die Sphärenmusik offenbart, weil er sie – wie nur ganz wenige – tatsächlich hätte hören können. Wer Ohren hat, der höre! – AHNUNG UND GEGENWART.

    Eine solche Ahnung, die ihn von frühauf an die Musik fesselte, scheint auch den Physiker Rainer Weiss , den ältesten der drei Gravitationswellen-Physiknobelpreisträger, schon als Knabe durchdrungen zu haben. Lange bevor er als Erwachsener endlich sagen konnte, warum? Als der Sechsjährige, der mit seiner Familie vor den Nazis in die Tschechoslowakei geflohen war, anlässlich einer Radioansprache Churchills ein großes Symphonieorchester spielen hörte, „war er zutiefst fasziniert von der Technologie, die auch die klassische Musik ferner Orchester auf wundersame Weise übertragen kann. Als Zwölfjähriger, nach der Flucht aus Europa, baute Weiss selbst Verstärker für Radios und Hi-Fi-Anlagen und verkaufte sie an andere Immigranten in New York. Als Student verliebte sich der gebürtige Berliner schließlich in eine deutlich ältere Klavierlehrerin.“ (Robert Gast. Der Klang der Sterne. Spektrum der Wissenschaft)

    Musik mithilfe Technologie! Das ist die große Faszination, die den späteren Physiker schon als Kind in den Bann zieht. Als der Sechsjährige ein Symphonieorchester zufällig im Radio spielen hört, kommt er spontan auf die Idee, diese eindrucksvolle Musik, wenn sie denn irgendwo auf der Welt ertönt, mithilfe technischer Mittel jedem zu Gehör zu bringen, egal wo sich dieser gerade auf dem Erdenrund befindet. Die Musik, die das Kind so fesselt, soll jeder hören können! Die wahre Dimension seiner Idee aber, die erst Jahrzehnte später, und dann in völlig unerwartbarer Form zur Vision des Physikers werden wird, bleibt dem Kind naturgemäß verborgen. Es wird lange dauern, bis sich ihm die Gründe endlich erschließen und er die Nuss knacken wird – gut Ding will Weile haben.

    „In der Hoffnung, die Klangqualität von Schallplattenspielern zu verbessern, beginnt er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Studium der Elektrotechnik, ist aber enttäuscht, dass es darin vor allem um Kraftwerke ging. Also wechselt er in den Studiengang Physik des Colleges – angeblich, weil dieser die geringsten Zugangshürden aufwies. Als Weiss der Klavierlehrerin nach Chicago hinterherläuft, bricht er sein Studium ab. Erst nach seiner Rückkehr an die Ostküste besinnt er sich wieder auf seine Technikleidenschaft. Für zwei Jahre arbeitet er als Labortechniker im berühmten Bostoner "Plywood Palace". Einem ehemaligen Weltkriegslabor, in dem Generationen von Physikern ihre kreativen Ideen verwirklichten. Der Atomphysiker Jerrold Zacharias fördert den jungen Tüftler, der 1955 seinen Bachelorabschluss nachholt und schließlich den Sprung in ein Promotionsprogramm schafft. Schließlich wird Weiss Physikprofessor am MIT, muss aber lange um seine Entfristung bangen, weil er es nicht einsieht, regelmäßig Fachartikel zu veröffentlichen.“ (Robert Gast)

    Der Physiker taumelt orientierungslos durchs Leben. Seine Idee, die ihn als Kind so leidenschaftlich bewegte, ist ihm abhanden gekommen, zusammengeschnurrt auf den kommerziellen Gedanken, die Klangqualität von Schallplattenspielern zu verbessern, so als läge seine Zukunft in der Phonoindustrie. Lustlos wirft er bald hin und macht planlos weiter. Und dennoch bleibt er am Ball, ohne dass es ihm bewusst wäre – geleitet von tief in seinem Inneren wirkenden Energien, die seine einstige Vision speisten, ihn über Wasser halten und - über die Physik zur Astrophysik – seiner Bestimmung zutreiben. Begleitet von seiner Liebe zur Musik, die ihn trotz allem hilflosem Hin und Her glücklicherweise nicht versanden lässt. Im Nachhinein erscheint diese völlig zerfaserte Phase seines Lebens wie die behutsame, viele Umwege nehmende Vorbereitung auf den mentalen Eklat hin, der ihn Jahre später urplötzlich auf die Idee kommen lassen wird, Einsteins Gravitationswellen entdecken zu wollen – wenn das mal Zufall ist.

    „Eher per Zufall stößt er auf das Gebiet, das ihm letztlich großen Ruhm bringen sollte: Als er Ende der 1960er Jahre eine Vorlesung über allgemeine Relativitätstheorie halten muss, kämpft er mit der zu Grunde liegenden Mathematik. Also flüchtet er sich in Gedankenexperimente, um zumindest die Idee von Einsteins Theorie den Studenten zu vermitteln. Bei der Vorbereitung einer Vorlesung hat er plötzlich die Idee, die vom Meister vorhergesagten Gravitationswellen mittels eines Michelson-Interferometers nachzuweisen und baut in den Jahren darauf einen 1,5-Meter-Prototypen!“ (Robert Gast)

    Wie aus heiterem Himmel scheint dem Physiker die uralte Idee aus Kindestagen wieder zuzufallen, die ihm eine schiere Ewigkeit lang aus dem Bewusstsein geraten war und sich ihm nun mit einem Mal in ihrem wahren Kern offenbart: Großartige Musik (= Gravitationswellen) mithilfe von Technologie (= LIGO) für alle hörbar werden zu lassen. Dass die damals noch in den Kinderschuhen steckende Idee so lange tief in seinem Inneren reifen musste, ist nicht allzu erstaunlich. Denn um auf fruchtbaren Boden zu fallen und in ihm wirksam werden zu können, brauchte sie Zeit um sich zu vervollkommnen. Jetzt aber, da er als Physiker (endlich) um die Dinge weiß, brechen sich deren Energien schlagartig Bahn und kehren ihm in ganzer Gestalt ins Hirn zurück. HEUREKA – Erleuchtung kommt immer von innen, nie von außen. Sonst hieße sie ja Beleuchtung.

    Ob Weiss Bachs h-moll Messe kennt, ist ungewiss. Jedenfalls hätte er in dieser Musik die durch manche Takte jagenden Gravitationswellen schon hören können, bevor er schier ewig durchs Leben irren musste ohne recht zu wissen wohin. Dann wäre dem Frühbestimmten vielleicht schon damals die Idee gekommen, die wahren Quellen dieser Wellen im Kosmos zu suchen.

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    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? TEIL 3
    09. Oktober 2017

    Die besondere Affinität des Gehirns zur Welt des Cyberspace beruht – wie in Teil 2 beschrieben – primär auf gesunden kognitiven Prozessen, denen, ganz im Gegenteil zur herrschenden Auffassung, zunächst überhaupt nichts Pathologisches anhaftet. Diese Tatsache, so befremdlich sie auch sein mag, ist für die Epidemiologie der Internetabhängigkeit der Menschen, die im Netz ihrem Gehirn freien Lauf lassen, von zentraler Bedeutung und lässt deren Verhalten in einem ganz anderen Licht erscheinen. Sind sie doch eher Opfer ihres Gehirns, statt es im Zaum zu halten oder es gar kontrollieren zu können. Dem Gehirn ist nicht zu trauen – es tendiert dazu, ein Eigenleben zu führen.

    Es ist die auf Virtualität beruhende Weltrepräsentanz, mit der sowohl Gehirn als auch Cyberspace operieren und beide auf so fatale Art und Weise zusammenschweißt: Denn ganz im Gegensatz zur herkömmlichen Realität sind die kognitiven Hirnprozesse in den irrealen Sphären des Cyberspace kaum gefordert und haben leichtes Spiel – in ihnen gibt es nichts, das ins Virtuelle transformiert werden müsste: Schein und Sein sind identisch, die Dinge gestanzt und eindimensional und deren Sinn täuschend bunt, aber schal – eine seichte Welt ohne Geheimnis. Das von Hause aus träge Gehirn hat sich in der ihm extrem affinen Welt der Algorithmen eingerichtet und baut sich konsequenterweise neuroplastisch um.

    Allein schon am BLICK DES USERS werden diese Veränderungen rein äußerlich besonders deutlich. Hatte man früher noch behauptet, die Augen des Menschen seien der Spiegel der Seele, so findet sich heutzutage im Userblick kaum mehr Beseeltes wieder: Dem einst aufmerksam oder ziellos durch die Umgebung schweifende Blick ist die Welt draußen aus dem Fokus geraten, stur gesenkt und wie abwesend aufs Display des Smartphones fixiert – dem Graphical User Interface, das der IT-Technologie zufolge genau jene Stelle und Ort markiert, an welcher der User mit seiner Weltmaschine in Kontakt treten kann. – Das DISPLAY, die Pforte zur Userrealität, von Panzerglas gedeckelt und flach wie eine Scheibe – die Chimäre eines Orts.

    Die grellbunte, mit Icons übersäte Benutzerschnittstelle muss natürlich auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Users zugeschnitten sein, sonst kann er, der zunehmend Überforderte, seinen Weg in die ersehnten Sphären nicht finden. Um ihn nicht hängen zu lassen, haben die IT-Experten eigens für ihn das sogenannte usability engineering ins Leben gerufen und überschütten den Bedürftigen mit immer wieder neuen und noch attraktiveren Produktsensationen – dem User gehen die Augen über:

    Das Highlight ist das große, nahezu randlose DISPLAY. Bereits der Vorgänger sorgte mit seinem DISPLAY, einigen innovativen Techniken und der ungewöhnlichen Platzierung der Selfie-Cam für Aufsehen. So hat das erste etwa einen Ultraschall-Näherungssensor und einen Speziallautsprecher, der unter dem DISPLAY liegt. Diese Technik ist einzigartig und ermöglicht das radikale Design, das diesen Trend fortführt, im Inneren aber mit verbesserter Hardware überrascht. So lässt sich das Gerät mit den aktuell schnellsten Mobilprozessoren nicht lumpen. Das DISPLAY fällt mit 5,99 Zoll kleiner als das des Vorgängers aus, es hat ein Seitenverhältnis von 18:9 und löst mit 2.160 x 1.080 Pixel auf. An drei Seiten ist es randlos und auch an der Unterseite hat sich die Breite des Rahmens um 12 Prozent gegenüber dem Vorgänger verringert. In diesem unteren Teil des DISPLAY-Rahmens sind die Front-Kamera und die Benachrichtigungs-LED verbaut. Das ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, bedeutet aber, dass das Gerät ohne die bekannte Lasche im oberen Teil des DISPLAYS auskommt - optisch auf jeden Fall ein Vorteil. Die Kamera schießt Fotos in 12 Megapixel. Der Arbeitsspeicher wird 6 GByte groß sein, der Datenspeicher hat entweder 64, 128 oder 256 GByte. Zudem verfügt der Akku über eine Kapazität von 3.400 mAh ...

     ... und so weiter und so fort. Aber was soll’s? Ein leichtes Tippen aufs Panzerglas seines berührungsempfindlichen Handys genügt dem User jedenfalls, um sich erst einmal getrost auf den Weg zu machen. Das Glas – auch GORILLA GLASS genannt – soll mit seiner Version 5 bereits 80% aller Stürze aus 1,6 Metern Höhe auf harte Oberflächen überstehen. Na also, welcher User will sich schon eine SPIDER-APP einhandeln – ein Netz auf dem Netz? Aber was soll’s? Auf in die unendlichen Weiten der Verheißung, ein sachtes Anklopfen genügt – SESAM ÖFFNE DICH!

    Das Cyberuniversum aber ist kein grenzenloser Raum, für den der User es hält, denn wie das physikalische, so ist auch das virtuelle begrenzt. Mit dem eklatanten Unterschied allerdings, dass es im Vergleich zum Kosmos im Cyberspace nichts Natürliches oder Fremdes, geschweige denn Mysteriöses zu entdecken gibt, wie beispielsweise ein schwarzes Loch, eine Supernova oder eine Außerirdische Intelligenz, nein, im Cyberspace sammelt sich ausschließlich Menschliches an – allzu Menschliches, und zwar jeden Moment mehr. Wie über eine unvorstellbar große Müllkippe, über die sich Myriaden von Artefakte menschlichen Denkens und Fühlens, Wollens und Meinens, Hassens und Irrens ergießen – in einen Raum. der eigentlich keiner ist. In dessen algorithmischen Landschaften führt nirgends ein Weg in unbekanntes Terrain, vielmehr nur immer wieder dorthin, wo andere längst waren, animiert von Links und Hyperlinks – ein irre gesponnenes Netz, in dem sich ausnahmslos das verfängt, was vom User in die Megamaschine hineingestopft bzw. „eingestellt“ wird. Eine WELTKOMMUNIKATIONSKONSUMMASCHINE, wie er vermeint, voller FRIENDS und FOLLOWERS, SHARES und LIKES, vor allem aber überbordend vor grellbunten Verheißungen, die dem User die Erfüllung seiner Begierden und Obsessionen verspricht – eine wirklich freie Welt, in welcher der Pornomarkt boomt wie nirgends sonst. Manche können schon nicht mehr anders.

    In Wahrheit aber ist der User im Cyberspace allein und auf sich zurückgeworfen. Ist das SELFIE nicht der Beweis dafür? Der alles Wollende spiegelt sich im Netz ohne es zu wollen und hinterlässt doch seine Spuren – sein PROFIL ist begehrt. Eine digitale Usermonade, die von sozialen Medien träumend Gemeinschaftlichkeit halluziniert. Gefangen in ihrem illusionären Wahn und abgeschottet von der Realität während Natur und Kosmos in der CLOUD verdunsten.

    Einige Stichpunkte zur Situation (zitiert aus einem Artikel in Spektrum der Wissenschaft. Juliette Irmer: Warum wird uns die Natur immer fremder?)

    Heute verbringen Kinder einen großen Teil ihrer Zeit in Innenräumen. Mit der Natur kommen sie kaum noch in Berührung. Der Trend scheint eindeutig.

    Jugendreport Natur. 7. Report 2016. Die Distanz zur Natur wird immer größer. Grundlegendes Wissen geht verloren. 35 Prozent der Befragten wussten nicht, wo die Sonne aufgeht. Ein Fünftel kreuzte "Norden" an. Nicht wenige gehen davon aus, dass man tropische Früchte aus dem Supermarkt im Wald draußen sammeln kann.

    Im deutschsprachigen Raum wird das Thema Natur im Alltag kaum wahrgenommen. In Amerika und England hingegen gibt es ein wachsendes Bewusstsein dafür und eine Vielzahl von Studien – NATURE DEFICIT DISORDER. Schon die Elterngeneration hat wichtige Verbindungen zur Natur verloren und kann sie daher auch nicht mehr für ihren Nachwuchs knüpfen. Viele Kinder kennen heute nur noch wenige einheimische Tierarten. Naturbegriffe verschwinden auch aus Songtexten, Romanen und Filmen.

    Laut einer Studie der Vereinten Nationen leben mittlerweile 75 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten in Städten, eine Tendenz, die sich in den nächsten Jahrzehnten verstärken wird. Und wer in der Stadt aufwächst, hat selten die Möglichkeit, Baumhütten zu bauen und Tiere zu beobachten. Früher war es selbstverständlich, sich als Kind ein Einmachglas mit Kaulquappen zu holen und die Umwandlung zum Frosch zu beobachten. Heute macht man sich damit strafbar. Wenn sich aber niemand mehr für die belebte Natur interessiert, woher kommen dann die zukünftigen Naturschützer? So sterben nicht nur Insekten und Vögel aus, sondern auch diejenigen, die sie auseinanderhalten können. Soweit der Bericht.

    Im Gegensatz zur natürlichen Umgebung besitzt der Cyberspace keine Topografie. Er ist strukturlos und diffus. Ein virtueller, sich praktisch jeder Vorstellung entziehender Raum, der am ehesten vielleicht an eine riesige Disk erinnert, die dem User den Kopf abtrennt. Im schier endlosen Wirrwarr der ihrer Körperlichkeit und Bedeutung entkleideten Dinge ist er jedenfalls aufgeschmissen – sein Orientierungssinn hat keine Chance. Wo sind die GUIDES, die APPS und LINKS?

    Aber weiß der User eigentlich immer so genau, wohin er im Netz will? Voll innerer Unruhe getrieben von Langeweile und Ablenkungssucht. Surft er nicht am liebsten durchs Netz wenn er ehrlich ist? Durch die Sphären seiner neu gewonnenen Realität zu treiben, ist seine klammheimliche Sucht – ein Besinnungsloser, der bald vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Sein Gehirn verführt ihn dazu – was heißt hier schon Baum, was Wald?

    Menschlich gesehen ist der User ein eher schwächlicher Typ, droht ihm doch das Leben draußen abhanden zu kommen, das ihm schnöde zum Alltagsallerlei zusammenschrumpft. Ein Tag gleicht dem anderen – und täglich grüßt das Murmeltier. Immer weniger findet sich der Unsichere in seiner in die Jahre gekommenen Realität zurecht, weil er bis zum Kopf im Cyberspace feststeckt. Nur damit ihm nichts entgeht. Aber nicht nur im Cyberspace auch im Öffentlichen Raum ist der Bemitleidenswerte auf Unterstützung angewiesen. Ohne NAVI kann er’s beispielsweise vergessen. Der entsinnlichte Sinn – der DIGITALISIERTE BLICK .

    Aber auch sich selbst gegenüber fremdelt der User. Dass sich sein Wahrnehmen, Denken und Erinnerungsvermögen verändern, scheint er am allerwenigsten mitzubekommen. Selbst sein Innerstes ist affiziert – seine Gefühle, ja sein Wesen, der User aber will es nicht wahrhaben. Längst hat er sich ans Seichte des Virtuellen gewöhnt das ihn innerlich verkümmern lässt.

    Ohne Netz ist der User ein eher unaufmerksamer und hibbeliger Zeitgenosse. Latent unsicher und misstrauisch. Vor allem der äußeren Welt gegenüber, die er mit Argusaugen belinst, wenn er schon mal hinschauen muss. Im Netz aber ist er für gewöhnlich im Rausch und deshalb auch leicht auf die falsche Seite zu ziehen. Weniger politisch oder gesellschaftlich allerdings, sondern vielmehr kommerziell: Der User konsumiert ums Verrecken gern und lässt sich dabei rasch über den Tisch ziehen, der Rest ist ihm egal. PARSHIP – keine Chance soll ihm entgehen. Aber verdammt, die schnöde Realität!

    Just dies ist der Augenblick, in dem die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ die Szene betritt. Maschinen also, die dem User versprechen, ihm seine Lebenstüchtigkeit zurückzugeben und dabei helfen sollen, seine Alltagsschwächen zu kompensieren: Der Benutzer wird zum Benutzten. Freiwillig und ohne mit der Wimper zu zucken. Was soll er auch machen? Ohne Maschinen ist er schlichtweg verloren – das Einfallstor für den globalen Kommerz, der den Hilflosen durchs Leben schleust und abkassiert. Ein Teufelskreis, der den vom Turbokapitalismus schon ohnehin Geschwächten endgültig in die kognitive Verwahrlosung treibt und ihn in seinen Filterblasen zappeln lässt. Wer weiß, ob er sich daraus je wieder befreit?

    Fortsetzung folgt

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    ZERO
    05. Oktober 2017

    WAS WÄRE DENN, WENN STEPHEN PADDOCK TATSÄCHLICH GÄNZLICH OHNE MOTIV GEHANDELT HÄTTE? EINFACH SO. DANN HÄTTEN WIR ES – ZUM ERSTEN MAL KLAR BELEGT – MIT EINEM TÄTERTYPUS ZU TUN, DER NACHGERADE PERFEKT ZUM ZUSTAND UNSERER GEGENWART PASST.

    DENN DAS GEHEIMNIS SEINER TAT WÄRE, DASS ER KEINES HATTE. DIE SCHRANKEN SIND GEFALLEN, ZIVILISATORISCHE HEMMUNGEN SCHNEE VON GESTERN. REALITÄT IST VIRTUELL UND VIRTUALITÄT REAL.

    MIXED REALITY – WAS MÖGLICH IST, IST MÖGLICH, DIREKT UND OHNE UMSCHWEIFE. SELBST DAS DESTRUKTIVE BRAUCHT KEINE UMMANTELUNG MEHR, UM SICH SINN ZU GEBEN – PLÖTZLICH IST ES DA UND BRICHT SICH BAHN.

    DIE TRIVIALISIERUNG DES LEBENS HEIßT AUCH, ES BIS AUF DIE KNOCHEN ZU RADIKALISIEREN.

    „ICH HOFFE, SIE FINDEN EINEN TUMOR IN SEINEM KOPF“, SAGT PADDOCKS BRUDER, DER SICH DIE SACHE SCHÖNREDEN WILL.

    ABER SEINE HOFFNUNGEN WERDEN SICH VERMUTLICH NICHT ERFÜLLEN!

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  • MIERDA
    MIERDA
    WIEN, WIEN, NUR DU ALLEIN . . .
    25. September 2017

    Kürzlich machte ein Experiment der Universität Wien (Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethodik) Schlagzeilen, das bei Männern vermutlich für Furore sorgte: „Frauen bewerten Bilder von männlichen Gesichtern als attraktiver und daten diese Männer eher, wenn sie zuvor Musik gehört haben“, ließ die Pressestelle der Universität verlauten. FOCUS Online reagierte prompt: „So erhöhen sie ihre Chancen auf einen One-Night-Stand!“, informierte das Magazin die Männerwelt.

    Wow, welch bahnbrechende Erkenntnis, könnte man meinen, bricht ob der Klamotte jedoch spontan in schallendes Gelächter aus. Doch halt, die Grundlagenforscher meinen es todernst:

    „Je größer die musikalische Erregung, desto größer ist der Effekt von Musik auf die sexuelle Anziehung.“ (Kurze Frage: Soll jetzt jeder Mann beim SACRE DU PRINTEMPS einen Orgasmus bekommen wenn eine Frau dirigiert?) „Musik ist Teil jeder Kultur, aber der Ursprung von Musik gibt nach wie vor große Rätsel auf. (So ist es. Trotzdem schön, dass es sie gibt!) „Warum investieren Menschen so viel Energie, Zeit und Geld in Musik?“ (Ist doch besser als in Drogen, oder?) „Es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen Entstehungstheorien, und einige davon betonen die biologischen und sozialen Aspekte von Musik. Charles Darwin meinte z.B. im Rahmen seiner Evolutionstheorie, dass sich Musik durch sexuelle Selektion entwickelt hat.“ (Aha Sex – der zieht immer, um in die Schlagzeilen zu kommen. Es gibt aber auch andere Theorien: Wie wär’s zum Beispiel mit der Mutter-Kind-Beziehung und dem Lullaby?) „Die motorischen und kognitiven Fähigkeiten, die beim Musizieren notwendig sind, dienen dabei als Indikator für gute Gene und erhöhen somit den Fortpflanzungserfolg. Dies ist vergleichbar mit dem Gesang von Vögeln in der Paarungszeit.“ (Welch windschiefer Vergleich, beim Menschen ist es doch genau andersherum. Hier sind nur die Frauen aufgebrezelt, und die Männer singen nicht, sondern wollen nur vögeln!) „Derzeit gibt es nur wenige empirische Befunde, die Darwins Theorie zum Ursprung von Musik stützen.“ (Wie schade. Aber jetzt kommt’s:) „Wir wollten ein neues experimentelles Paradigma anwenden, um die Rolle von Musik bei der Partnerwahl zu untersuchen. Die Attraktivität des Gesichts ist eines der wichtigsten körperlichen Merkmale, welche die Partnerwahl beeinflussen kann. Wir wollten herausfinden, wie Musik die Wahrnehmung dieses Merkmales verändern kann.“ (Ach so? Das ist doch sattsam bekannt!) „Da Musik vor allem vor der Technologisierung immer im Hier und Jetzt stattfand ...“ (Musik ereignet sich immer im Hier und Jetzt. ‚Musik befreit Zeit von Zeitlichkeit’ hat schon Novalis gesagt.) „ ... und meist im sozialen Kontext erlebt wurde, ist es plausibel anzunehmen, dass Musik die visuelle Wahrnehmung von Gesichtern positiv beeinflussen könnte.“ (Verdammt alter Zopf! Die Grundlagenforscher haben offenbar keine Ahnung von ihrem Metier: Als Ingrid Bergmann einmal von ihrer Tochter auf CASABLANCA angesprochen wurde, in dem die Bergmann an der Seite von Humphrey Bogart (Rick) und Paul Henreid (László) die weibliche Hauptrolle spielte, erzählte sie ihr, Michael Curtiz, der Regisseur, hätte sie schier in den Wahnsinn getrieben, weil er das Drehbuch erst während des Drehs konzipierte und Tag für Tag niederschrieb. So hätte sie nie gewusst, wie es weitergeht, geschweige denn, für welchen der beiden Rivalen sie sich am Ende entscheiden würde. Also hätte sie den beiden gegenüber eher neutral gespielt und sich dabei gedacht, die Filmmusik würde es dem Zuschauer am Ende schon verraten wer der Auserwählte sei!)

    „In ihrem Experiment präsentierten die WissenschaftlerInnen den heterosexuellen TeilnehmerInnen instrumentale Musikausschnitte, die in Bezug auf ihren emotionalen Gehalt variierten, gefolgt von Bildern von einem gegengeschlechtlichen Gesicht mit neutralem (Sic!) Gesichtsausdruck (Schon wieder die Bergmann!). Das Gesicht wurde in Bezug auf seine Attraktivität auf einer Skala bewertet. Zudem wurde auch die Bereitschaft, diese Person zu daten, erhoben. In der Kontrollgruppe wurden nur Gesichter ohne Musik präsentiert. Es gab drei Gruppen von TeilnehmerInnen: Frauen in der fruchtbaren Phase ihres Zyklus, Frauen in der unfruchtbaren Phase ihres Zyklus und Männer. Diese Gruppen waren sich in ihren musikalischen Vorlieben und ihrer musikalischen Ausbildung, sowie in ihrer Stimmung vor dem Experiment und in ihrem Beziehungsstatus ähnlich.“ (Was man nicht alles bedenken muss, um aufwühlende Ergebnisse zu erzielen!) „Die Resultate zeigten, dass Musik zu erhöhter Attraktivität von männlichen Gesichtern und Bereitschaft zu einem Date bei Frauen führte. Die Zyklusphase hatte keinen großen Einfluss auf die Bewertungen.“ (Von wegen Paarungszeit!) „Vor allem hoch erregende und somit komplexe Musik führte zum größten Effekt im Vergleich zur Kontrollbedingung. Bei Männern konnte dieser Effekt nicht nachgewiesen werden.“

    Trotz allem, der letzte Satz hat’s in sich und birgt wahrlich Sprengstoff. Denn wieder einmal bekommt der Mann sein Fett weg – und das auch noch wissenschaftlich unterfüttert. Offenbar ist er ein Ignorant und mit seinen Vogelkollegen in keiner Weise vergleichbar. Wer ist er denn, die Frauen so im Regen stehen zu lassen, wenn sie sich in aufreizende Klangwolken hüllen, um ihrem Look den ultimativen Kick zu verleihen, nur um ihn aufzugeilen? Offenbar hat er jeglichen Sinn für Romantik und betörende Musik verloren, das Weichei. Wo ist der Macho geblieben, der die Frau einst erst mal tanzen ließ, bevor er richtig zupackte – zu welchen Klängen und Rhythmen auch immer? Hat er denn vor lauter Feminismus derart Muffensausen, dass er seine erotischen Instinkte unter der Vorhaut versteckt, wenn er angemacht wird, vor lauter Angst, er könne falsch reagieren und sich lächerlich machen? Die Männer scheinen nur noch der Schatten ihrer selbst. Selbst die Spermien kommen ihnen allmählich abhanden, was ebenfalls wissenschaftlich belegt ist.

    Und dennoch, hinsichtlich ihres musikalischen Affronts sollten die Männer den Frauen wenigstens etwas entgegen kommen. Und das vielleicht auch nur, um das weibliche Vorurteil, der Mann von heute sei passiv und unbedarft, endlich aus der Welt zu schaffen. Folglich sollte sich der Mann den Frauen künftig nur noch musikalisch präsentieren, wenn er geil ist. Bei Schwulen aber sollte er vorsichtig sein, das sind nämlich Männer, die auf Musik anspringen. Aber die wurden von den Forschern nasskalt übergangen, offenkundig sollte das Experiment eindeutige Ergebnisse liefern und die Sache nicht unnötig verkomplizieren.

    Aber wie auch immer, um sich entsprechend zu präsentieren könnten die Heteros beispielsweise in einer Lounge ohne Muzak Platz nehmen, mit einem zweiten Handy unterm Jackett oder in der Hosentasche verborgen, aus dem supercoole Musik erklänge, von sanften, aber unerbittlichen Rhythmen unterlegt – die Frauen in der Lounge gerieten außer Rand und Band und würden sie wegen eines ONE-NIGHT-STANDS nur so umschwirren, wie das Wiener Grundlagenexperiment ja nahelegt. Auf einem Dating Portal hätte es der Hetero allerdings leichter, mit geilen Klängen und seinem Bild in der WEBCAM. Aber welcher Song wäre der richtige, welche Musik, verdammt, um die Frauen in der Lounge oder im Netz so richtig in Ekstase zu versetzten?

    In dieser Frage flüchten sich die Wiener Forscher ins Vage. Offensichtlich wollen sie sich keine Blöße geben, schließlich ist Musik reine Geschmackssache, wie jedes Kind weiß: Was die eine antörnt, törnt die andere ab. Also stehlen sich die Experimentatoren aus der Affäre und werden sybillinisch: „Die instrumentalen Musikausschnitte variierten in Bezug auf ihren emotionalen Gehalt. ... Vor allem hoch erregende und somit komplexe Musik führte zum größten Effekt!“ – Musik ohne Gesang, okay! Aber was heißt „hoch erregend“? Hoch erregend kann vieles sein – ein Instrumentalmedley der Stones zum Beispiel oder Berlioz Romeo und Julia. Es kommt da eben ganz auf die Frau an. Und „komplex“? Hauptsache das Mädel hat keine Komplexe, wenn sie ihren ONE-NIGHT-STAND einfordern will.

    Auch der Blick in die Studie selbst, publiziert in PLoS ONE 12(9): Marin, M. M., Schober, R., Gingras, B., & Leder, H. (2017). Misattribution of musical arousal increases sexual attraction towards opposite-sex faces in females bringt den Ratlosen nicht weiter und erhärtet den Verdacht des gewollt Nebulösen: „Eighty excerpts of 19th-century piano solo music were chosen from the stimulus set. ... This musical style was selected because it is mostly unfamiliar (!) to participants, and because we previously showed that music in this style can be used to prime the emotional processing of environmental scenes.“ 

    Unfamiliar? Durften die Probanden die Musik nicht mögen, die sie eigentlich elektrifizieren sollte? Sollte sie ungewohnt, unvertraut und fremd auf sie wirken? Wie konnte sie dann sexuelle Gefühle provozieren? Waren die weiblichen Probanden allesamt Masochistinnen? Kein Wunder, dass den Männern bei den achtzig (!) Ausschnitten antiquierter Klaviermusik aus dem 19. Jahrhunderts nicht das Herz überging. Beethoven, Schubert oder Chopin sind nun alles andere als Heißmacher. War da etwa auch die Hammerklaviersonate dabei? Und die sollte die Frauen heiß gemacht haben? Warum dann nicht gleich Gregorianische Gesänge auf der Playlist, die wären zwar von vorvorgestern, aber momentan ziemlich in.

    Verdammt, haben die Grundlagenforscher denn noch nie etwas von Baby-Making Music gehört? I Wanna Sex You Up von Color Me Badd beispielsweise. Der Song ist auf der Playlist von Spotify – also selbst in Wien für jedermann ohne großen Aufwand zugänglich. Die Ergebnisse wären wahrlich berauschender gewesen und die Männer mit Spaß an der Sache, soviel ist sicher.

    Etwas erfreulicher hingegen mag für manche Heteros die Nachricht klingen, dass die Wissenschaftler ein neues Experiment planen: Nun wollen sie nämlich untersuchen, inwieweit „musikalische Fähigkeiten und Kreativität Schwächen in Bezug auf körperliche Erscheinung und Fitness zum Teil (!) kompensieren können.“ Das Experiment lässt hellhörig werden, bietet sich vielleicht doch bald auch den Hässlichen die Chance, allein durch Musik wenigstens teilweise etwas ansehnlicher zu erscheinen. Wie wär’s in diesem Zusammenhang beispielsweise mit dem altbekannten Song „Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen!“ als erotischer Stimulus? Diesen Gassenhauer ins Experiment einzubauen wäre doch mal eine Idee. Wenn der aber nicht wirkt, könnten die Männer ja die Flucht nach vorn ergreifen und sich selbst ans Klavier setzen. Klavierspielen kann man auch noch im Erwachsenenalter lernen.

    Wem das aber alles nichts hilft, sollte den ganzen Kram vergessen, sich entspannt vor seinem Laptop fläzen und sich seinen Lieblingsporno reinziehen. Dabei könnte er ja mit ALEXA Dirty Talk pflegen. So was ist zwar keine Musik, aber trotzdem geil.

    "Du bekommst gleich den Aal abgezogen", sagt sie im Originalton. „Ich butter dir dein Brötchen, du Dreamboy. Es wird Zeit, dass du auf der G-Saite spielst."

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