• TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 9KOLLEKTIVER MASOCHISMUS
    28. März 2017

    Die Freiheit, tun (oder auch lassen) zu können, was man will, solange man kein Gesetz bricht, steht Jedem zu, der in einer Demokratie lebt. Ein derartig buntes Leben macht die Gesellschaft lebendig und attraktiv, möchte man meinen. Doch der Schein trügt. Denn über die demokratischen Gesellschaften hat sich ein grauer Schleier gelegt, sie drohen ihre Lebendigkeit und Vielfältigkeit zu verlieren – die Tendenz zum Uniformen ist unübersehbar. Ein Phänomen, das man bislang eigentlich nur von totalitären Gesellschaftssystemen her zu kennen glaubte. Aber im Gegensatz zu diesen, die den Zwang zur Gleichschaltung gnadenlos von oben ausüben, liegt die grassierende Entpersönlichung der in den Demokratien lebenden Menschen bizarrer Weise in deren freiem Willen begründet und unterliegt einer ganz anderen Ideologie – der Ideologie der Selbstverwirklichung nämlich. Werde Du selbst! verspricht sie groß tönend den Menschen. Denen aber ist der Sinn des Lebens abhandengekommen. Und damit die Fähigkeit, es selbst zu gestalten und den eigenen Weg zu finden – ihre Instinkte verkümmern. Jünger, attraktiver, gesünder, erfolgreicher dröhnt es von allen Seiten auf sie ein. Und wie auf Befehl folgen die Ratlosen blindwütig den ach so verheißungsvollen Parolen, schließlich will jeder es sein – die Falle schnappt zu. Diese dem Totalitarismus scheinbar entgegenstehende Ideologie, ist vielleicht noch perfider als jene, übt sie den Zwang zur Egalisierung doch gleichsam von unten aus, indem sie ihre verführerischen Energien im Inneren der Menschen entfaltet, deren geheime Sehnsüchte instrumentalisiert und sie hinterhältig bei ihren Minderwertigkeitsgefühlen und Eitelkeiten packt. Ohne es wirklich mitzubekommen, werden die Ahnungslosen so zu Opfern ihrer selbst und massenhaft zu Lifestyle-Uniformierten degradiert. Woher rührt dieser kollektive Masochismus, der letztlich auf purer Selbsttäuschung beruht?

    Zunächst: die Lebensverhältnisse in den westlichen Demokratien werden vom Kapitalismus beherrscht. Diese Anmerkung mag zunächst trivial erscheinen, ist als Faktum jedoch von entscheidender Bedeutung, um sich der Antwort zu nähern, steht der Kapitalismus doch in krassem Gegensatz zum demokratischen Grundrecht auf FREIE ENTFALTUNG DER PERSÖNLICHKEIT.

    Im globalen Kreislauf seiner Kapitalströme und Akkumulationsprozesse zählt der Einzelne als Person nichts. Einzig auf seine Arbeitskraft und Leistung kommt es an, auf nichts anderes sonst. Im weltumspannenden Prozess des sich selbst verwertenden Werts spielen Individualität und Charakter keine Rolle. Der Einzelne muss sehen, wo er bleibt, austauschbar und wie ein Spielball „dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung“ (Marx) ausgesetzt. Sein Ich kann er da vergessen!

    Dieser nachgerade schizoide Konflikt zwischen Innen und Außen, dem eklatanten Widerspruch von individuell eingefordertem Recht auf Selbstentfaltung auf der einen und der sozioökonomischen Rigidität auf der anderen Seite, charakterisiert die krude Lebenswirklichkeit, in der sich die in den Demokratien vergesellschafteten Individuen wiederfinden. Wer bin ich? Wie soll ich sein? tönen ihre Hilferufe immer penetranter durch den öffentlichen Raum, zerrieben vom alltäglichen Selbstoptimierungswahn und steter Ungewissheit sich selbst gegenüber. Jünger, attraktiver, gesünder und erfolgreicher hallt es harsch zurück – eine atemlose Gesellschaft, deren manische Ichsucht immer groteskere Formen annimmt.

    Es verwundert nicht, dass der zermürbende Kampf um Selbstbestimmung unter solch aberwitzigen Bedingungen aussichtslos bleiben muss und letztlich das Gegenteil bewirkt – die Schwächung des Individuellen nämlich, das dabei an Eigenart verliert, statt an Kontur zu gewinnen. Der existentielle Druck, sich den durchkapitalisierten Lebensverhältnissen unterzuordnen, ist einfach zu groß und raubt Zeit um Atem zu holen. Noch gravierender aber ist die Tatsache, dass der die Dinge nivellierende Charakter des kapitalistischen Systems, das alles nur nach Geld bemisst, auch vor dem Inneren der Menschen nicht Halt macht und zunehmend auch deren Fühlen und Denken ergreift und es verflachen lässt. Mit der mentalen Einebnung und sinnlichen Verdinglichung des Erlebnisraums aber büßt das menschliche Leben den Reichtum der ihm innewohnenden Dimensionen ein und lässt in den Herzen das Verlangen nach einem selbstgestalteten Leben verkümmern. Die kaltblütige Eingrenzung des Lebenssinns auf eine sinnentleerte und horizontlose Gegenwart hin, die sich auf den Überlebenskampf der Armen, die Karrieresucht der Erfolg-Reichen und die Ratlosigkeit des Mittelstands reduziert, zieht nicht nur die Erlahmung der Lebensfreude nach sich, sondern (nachgerade zwingend) auch den Verlust ihrer besonderen Qualitäten und Potenzialitäten, die das Leben erst lebenswert werden lassen: Neugier. Staunen. Stille. Wagemut. Liebe. Mut. Hingabe. Kreativität. Und Spiritualität – jene Sphären tiefster Empfindung Natur und Kosmos gegenüber, die das menschliche Dasein zu ganzer Erfüllung bringt. Der seelische Innenraum dampft ein und hinterlässt in den Menschen das ohnmächtige Gefühl einer zäh dräuenden Leere – die Selbstempfindung schrumpft zum Phantom und der Körper zum Apparat, an dem herumgedoktert wird wie an einer reparaturbedürftigen Maschine.

    Die Folgen der mentalen Depravation der Menschen sind dramatisch und besitzen in ihrem Kern eine fatale, die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit von Grund auf verändernde Dynamik. Denn mit dem Verlust ihrer Selbstgewissheit geht auch deren Unfähigkeit einher, von ihrem verbrieften Recht auf Selbstentfaltung überhaupt Gebrauch machen zu können. Zudem aber sind sie nun nicht nur existenziell, sondern auch seelisch zu Abhängigen der ökonomischen Realität geworden und haben sich dieser mit Haut und Haar ausgeliefert. Gänzlich aus der Spur gekommen, verlangen sie Halt und gieren nach Lebensregeln, um ihre innere Leere notdürftig zu kompensieren.

    Wer bin ich? Wie soll ich sein? – die Antwort der Industrie kommt prompt: Schließlich ist mit der schier unstillbaren Ich-Sucht ihrer Konsumenten (Diagnose: seelische Bulimie) viel Geld zu verdienen. Diese greifen begierig zu und inhalieren deren allseits offerierten Selbstverwirklichungsprogramme wie Lebensodem. Der verdinglichte Mensch tritt auf den Plan, sein Selbst ist Ware, die ihm natürlich nicht kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Das massenhaft geklonte Produkt einer freiheitlichen Gesellschaft, die ihren offensichtlich ahnungslosen Mitgliedern keine andere Wahl mehr lässt - nicht jünger, attraktiver, gesünder und erfolgreicher allerdings, sondern matter, kränkelnder, unzufriedener und depressiver.

    abgelegt in #Tags:
  • MIERDA
    MIERDA
    DER ARME FUCHS
    15. Februar 2017

    Es ist an der Zeit, den Fuchs endlich von seinem üblen Leumund zu befreien, der ihm und seiner Art ein listiges und vor allem durchtriebenes Wesen unterstellt. Derartige Vorurteile grenzen an Rassismus und erinnern schon im Ansatz an den weit verbreiteten Irrglauben, alle Muslime seien Terroristen. Nein, auch der Fuchs verdient Respekt, zählt das Tier doch ebenso wie der Mensch zu den Geschöpfen unter Gottes freiem Himmel und kann, wenn auch nicht unter allen Umständen, wie dieser ein richtig netter Kumpel sein. Also sollte man sich schleunigst darum bemühen, der im Grunde eher possierlichen Kreatur ohne große Vorurteile zu begegnen. Denn was sich für den Umgang mit dem Menschentier ziemt, sollte auch für den Fuchs gelten. Tier bleibt schließlich Tier!

    Nun aber ist es einer zivilcouragierten Limburgerin völlig überraschend gelungen, dem hinterhältigen Fuchs-Bashing ein jähes Ende zu bereiten. Und das mit gehörigem, ja völlig unerwartbarem Erfolg. Dem eigenen Bekunden nach arbeitet die rechtschaffene Dame in einem Büro in unmittelbarer Nähe des historischen Rathauses, dessen Turm ein wirklich besonderes Glockenspiel ziert, das mit seinen dreiunddreißig Liedern im außergewöhnlich reichhaltigen Repertoire die Limburger immer wieder variationsreich zu überraschen weiß. Die Glöckchen, die ihre Glitzerklänge wie Zephirhauch durch Gassen und Winkel der Domstadt schweben lassen, haben zweifelsohne etwas Betörendes, ja vielleicht sogar Verzauberndes wie die in der Zauberflöte. Dies aber nur dann, wenn ihre Klanggirlanden, die sie durch die Luft tanzen lassen, auch wirklich die Herzen der Menschen erreichen, statt sie zu irritieren oder gar aus dem Rhythmus bringen.

    So nämlich erging es erwähnter Dame, die hochsensibel und deshalb nachgerade zwangsläufig auch strenge Veganerin ist. Wohl über Jahre fühlte die sich an ihrem Arbeitsplatz immer wieder vom Volkslied Fuchs, du hast die Gans gestohlen überrumpelt, welches das Glockenspiel ihr vom nahegelegenen Rathausturm ins Trommelfell stichelte, wobei dessen fuchsfeindlichen Textzeilen, die der dünnhäutigen Veganerin natürlich geläufig waren, ein jedes Mal grauenerregende Bilder von blindwütigem Tiermord, blutverschmierten Schlachthauswänden und fetten Würsten der Fleischindustrie in ihr wachriefen, ohne sich, festgesetzt an ihrem Arbeitsplatz, der Horrorszenarien erwehren zu können. Gut, manch anderer hätte vielleicht Mac Donalds assoziiert, aber ein derartiger Schweinkram kam der das Tier Vergötternden natürlich nicht in den Sinn. Sie quälte sich aufrichtig und musste den brutalen Text im Kopf förmlich mitanhören:

    Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
    gib sie wieder her!
    Sonst wird dich der Jäger holen,
    mit dem Schießgewehr.

    Seine große, lange Flinte
    schießt auf dich den Schrot,
    dass dich färbt die rote Tinte

    und dann bist du tot.

    Liebes Füchslein, lass dir raten,
    sei doch nur kein Dieb;
    nimm, du brauchst nicht Gänsebraten,
    mit der Maus vorlieb.

    Man muss keine große Textinterpretation betreiben, um den Text, der täglich das Gemüt der Zartbesaiteten verdüsterte, zu dechiffrieren: Da ist – ganz einfach – zunächst der hinterhältige Jäger, welcher der Veganerin wieder und wieder das besinnungslose Niedermetzeln von arglosen Tieren vor Augen führte, was ihr wohl regelmäßig einen Schauder über den Rücken jagte. „Mir ging es weniger um die Gans, sondern um den Jäger, der den Fuchs in der nächsten Zeile abschießt“, beklagte sich die Dame. Und dann kam auch schon die rote Tinte in der zweiten Strophe auf sie zu, die die Erschreckte das Blut sehen ließ, das in alle Richtungen spritzte, wenn der Schrot der Flinte Adern und Fleisch des ahnungslosen Fuchses zerfetzte.

    Der Hinweis jedoch, der Fuchs solle doch, bitte, von der Gans ablassen und besser zur Maus greifen, mag die Stimmung der Dame am Ende vielleicht ein wenig aufgehellt haben, schließlich wird dem Fuchs da noch eine Alternative zur Gans geboten. Dies aber leider nur wieder in Form von Fleischverzehr und nicht mit dem alles entscheidenden Hinweis, stattdessen doch besser auf Gras oder Blatt umzuschwenken, was schließlich auch für den Fuchs bei weitem gesünder wäre. Den Traum von einem rein veganen Tierreich durfte die Limburger Fleischverächterin also nie träumen, denn dafür fehlt der Text. Dem aber wäre mit einer vierten Strophe ohne großen Aufwand nachzuhelfen, auch um künftiger Hetze gegen das Lied vorzubeugen:

    Willst du aber sicher sein,
    friss das Blatt, den Klee,
    lass die Mäuse Mäuse sein,
    dann tust du niemand weh.

    Jetzt aber hat sich die malträtierte Dame ein Herz gefasst und den Bürgermeister der Stadt inständig darum gebeten, das den Tiermord verherrlichende Lied aus dem Programm zu nehmen, um sie von den bösen Bildern, die es in ihr provozierte, zu befreien. Der Bürgermeister reagierte prompt und ließ das Lied unverzüglich aus dem Programm nehmen: „Wer bin ich, einen so freundlich vorgetragenen Wunsch abzuschlagen“, hat das Stadtoberhaupt den Vorgang kommentiert. „Schließlich wolle er keinen Glaubenskrieg zwischen Fleischessern und Veganern anzetteln.“ Eine wohl weise Entscheidung, wenn man an die ohnehin schon schwer gebeutelte Bürgerschaft Limburgs denkt, die ja – es ist noch nicht so lange her – eine schwere Glaubenskrise durchleben musste: Bischof Tebartz-van Elst und die Folgen.

    „Eine empathische Geste“, sprang ihm der Vorsitzende der Veganen Gesellschaft Deutschlands in böser Vorahnung bei, räumte aber kleinlaut ein, „dass sich womöglich nicht jeder Limburger mit der Bitte identifizieren könne.“ Doch es half nichts: Die bundesweite Empörung ließ nicht lang auf sich warten und fegte als Shitstorm mit Vehemenz über den wohlmeinenden Bürgermeister, der zu allem Überfluss auch noch Hahn heißt, hinweg. Angezettelt von entrüsteten Fleischadepten, von wem sonst, die sich von Hahn übel herausgefordert sahen und ihn umgehend zum Rücktritt aufforderten.

    Dieses rüde Verhalten brachte umgehend die Tierrechtsorganisation Peta auf den Plan, die Hahn und der veganen Dame zur Seite sprang. „Die Jagd auf Füchse sei unnötig und grausam“, ließ sie verlauten und forderte Hahn auf, das skandalöse Lied dauerhaft aus dem zu Programm nehmen. "Altertümliche Lieder wie dieses oder auch Märchen wie ‚Rotkäppchen und der böse Wolf' sind leider noch immer weit verbreitet und senden vor allem an Kinder ein falsches Zeichen, indem sie ein schlechtes Licht auf bestimmte Tiere werfen."

    Prompt hakte der Vegetarierbund Deutschlands nach und setzte noch eins drauf: "Wir erleben in unserer Gesellschaft gerade einen grundlegenden Wandel unserer Einstellung zum Thema Ernährung. Solche Veränderungen brauchen immer eine gewisse Zeit und erzeugen oft zunächst auch Diskussionen und Widerstände", ließ der Geschäftsführer des Fleischhasserbunds die aufgebrachten Bürger der Republik wissen, von denen mutmaßlich wohl kaum einer das Glockenspiel je gehört hat. Außerdem sei es gut, „Traditionen kritisch zu hinterfragen“, ergänzte der philosophierende Geschäftsführer. „Wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind, sollten wir uns von ihnen verabschieden. Unsere Tradition ist so vielfältig, dass sie nicht gleich daran zusammenbricht, wenn wir uns von einem Lied trennen.“

    Vom schwer gerupften Hahn ist allerdings kaum noch etwas zu hören. „Er denke an eine Schonfrist für den Fuchs, wolle das Lied jedoch in einigen Wochen wieder spielen“, lässt er die Leute wissen. Wahrscheinlich träumt er von den Bremer Stadtmusikanten. Da sitzt der Hahn nämlich obenauf und alles tanzt nach seinem Gekrächze.

    abgelegt in #Tags:
  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    GEDANKEN / 2
    TELEPATHIE FÜR ALLE
    11. Januar 2017

     

    Gedanken können etwas Wunderbares sein, schrieb ich hier im Dezember 2014 über die Inspiration. Vor allem dann, wenn sie einem so mir nichts, dir nichts in den Kopf schießen und man sich verwundert fragt, woher man sie nur hat. Solch befremdliche und wie aus jedem Zusammenhang gerissenen Gedanken, die den Anschein erwecken, als seien sie gar nicht die eigenen, kennt jeder. Und doch, von ihnen Notiz zu nehmen und sich auf sie einzulassen scheint aus der Mode gekommen, setzt man heutzutage doch auf Maschine statt auf Kopf.

    Jetzt aber haben sich die Dinge schlagartig geändert und zwingen mich dazu, vor solchen Gedanken eindrücklich zu warnen, denn sie könnten tatsächlich fremde sein und sich nicht nur so anfühlen. Facebook arbeitet nämlich an einer neuen Technologie, die es seinen Usern ermöglichen soll, eigene Gedanken ganz unmittelbar und sozusagen drahtlos mit Freunden zu teilen. Direkt von Gehirn zu Gehirn, und ohne sich dazu auch nur für einen Moment vor den PC hocken zu müssen. Wir werden einfach an etwas denken können und unsere Freunde werden im gleichem Moment in der Lage sein, diese Gedanken mitzuerleben, schwärmt der Konzernchef und verspricht seinen Kunden damit nichts anderes als die TELEPATHIE.

    Mir wird’s schwarz vor Augen, jetzt haben wir den Salat. Ab morgen gibt es Facebook also via Gedankenstrom, mir kribbelt es jetzt schon unter der Schädeldecke. Dank Telepathie, der Kunst des Gedankenlesens, zu welcher der Begriff Technologie bislang wirklich nicht passen wollte, glaubten doch nur Esoteriker wirklich an die Sache. Dabei räumten sie allerdings ein, dass diese Fähigkeit lediglich denjenigen vorbehalten sei, die übersinnliche Fähigkeiten besäßen. Gestandene Wissenschaftler hingegen schüttelten nur sarkastisch grinsend den Kopf, nannten das Ganze ein Psi-Phänom, was in deren Sprache nichts anderes als bekloppt bedeutet, und überließen es der Parapsychologie sich mit diesem Humbug herumzuschlagen. Wobei die James Randi Educational Foundation, die sich kritisch mit Psi-Phänomenen auseinandersetzt, ein Preisgeld von einer Million US-Dollar für denjenigen aussetzt, der unter wissenschaftlichen Bedingungen paranormale Fähigkeiten unter Beweis stellen kann – man weiß ja nie! Die Geheimdienste jedoch waren an diesem Gezänk nie wirklich richtig interessiert. Den Gedanken der telepathischen Nachrichtenübermittlung fanden sie einfach viel zu verlockend. So auch der KGB oder die CIA, die schon seit den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts intensiv an der Gedankenübertragung arbeiten.

    Schon 1960 wurde in der französischen Zeitschrift „Science et Vie“ behauptet, die Amerikaner hätten telepathischen Kontakt zu einem getauchten U-Boot hergestellt. Der Nautilus nämlich, dem ersten nuklear angetriebenen U-Boot der Welt. Angeblich fanden die Versuche während der Unterquerung des Nordpols im August 1958 statt. Die Sowjet-Offiziellen waren mächtig irritiert: sie fragten jeden Besucher aus dem Westen, was es denn mit dem Gerücht auf sich habe. Die Amerikaner konterten mit der Gegenfrage, ob es denn in der Sowjetunion noch Gespenster gäbe und ob es stimme, dass einer Moskauerin der Geist Lenins erschienen sei und sie diesen über Stalins wahren Charakter aufgeklärt habe?

    Jetzt aber hat Facebook die Katze aus dem Sack gelassen, das schier Unmögliche möglich gemacht und damit ein wahres Wunder vollbracht: Denn quasi über Nacht hat der Megakonzern aus einem diffusen esoterischen Hirnnebel eine praktikable Technologie entwickelt, die er künftig nicht nur einigen wenigen, sondern Milliarden von Facebookern zur Verfügung stellen will. Telepathie für alle! lautet die Devise. Ein Horrorszenario, das Schlimmstes befürchten lässt.

    Denn das heißt ja, dass wir bald unseren Gedanken nicht mehr werden vertrauen dürfen – unfähig zwischen eigenen und fremden zu unterscheiden. Und das nur, weil irgendein Userarschloch einem gerade im Hirn herumfuhrwerkt und im Stirnlappen ein Posting abgesetzt hat. Folglich ist es nicht unvernünftig, vor allem spontane Gedanken erst einmal aufmerksam von allen Seiten auf ihre Originalität hin zu überprüfen.

    Gedanken wie Ich liebe Dich! könnte man natürlich sofort als fremd dingfest machen. Wer sagt schon Ich liebe Dich! zu sich? Es sei denn, er ist Narzisst und denkt gerne so. Auch einen Gedanken wie Ach mein Lieber, ich hoffe, Du denkst so oft an mich wie ich an Dich? Entschuldige die Frage, sie ist mir nur gerade so durch den Kopf gegangen. Aber denk bloß nicht, dass ich dich unter Druck setzen will. Es war nur ein Gedanke. Ich jedenfalls denk an dich, hatte gerade dein Bild vor Augen! könnte auf Anhieb identifiziert werden. Wer denkt schon so? Nur Zwanghafte. Allerdings ginge einem der Schwachsinn nicht so schnell wieder aus dem Kopf, was einem mentalen Hausfriedensbruch gleich käme. Und apropos ... hatte gerade dein Bild vor Augen! Plant Facebook jetzt unter der Hand etwa auch noch die Bildertelepathie? Dann würde ich durchdrehen. Ständig fremde Bilder im Kopf hält doch kein Mensch aus!

    Und wer sagt denn, dass die User die Technik auch wirklich einigermaßen professionell beherrschen? Unter den Milliarden von Facebookern gibt es sicher auch eine Menge Deppen, die nur saudumme Gedanken durch die Gegend telepathieren und sich auch noch in der Adresse irren. Nichts anderes als Spam-Gedanken also, gegen die es allerdings keine Firewall gäbe. Ein Albtraum! Völlig ungeschützt diesen sogenannten Gedanken ausgesetzt.

    Die Gedanken sind frei! Dieser Gedanke bekäme augenblicklich eine nachgerade apokalyptische Dimension. Man würde sich auf einmal beim Wunsch ertappen, nicht mehr denken zu müssen. Wahnsinn!

    abgelegt in #Tags:
  • TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 8 RECHTSRADIKALE INTERNETREVOLTE
    19. Dezember 2016

    Eine Demokratie funktioniert nur dann, wenn ihre Bürger informiert, bedacht und vernünftig sind. Und natürlich dementsprechend handeln und auch wählen - denn auf Letzteres kommt’s schließlich an. So das Ideal, das aber angesichts der gegenwärtigen Ereignisse auch eine rechte Binsenweisheit ist. Vor allem dann, wenn man mit dem einen oder anderen zufällig ins Reden kommt - sei’s auf der Straße, im Supermarkt oder in der Kneipe -, und konsterniert bemerkt, dass mancher Bürger alles andere als einen bedachten, geschweige denn vernünftigen Eindruck erweckt. Und die Frage, ob der nun hinreichend informiert ist oder nicht, erübrigt sich rasch, wenn man feststellt, dass er Fakten gegenüber resistent zu sein scheint.

    Ach ja, wir leben in postfaktischen Zeiten wie uns allenthalben ins Ohr geblasen wird, beinahe hätte ich’s vergessen. Welch’ Idiotie: als ob wir vor faktischen in präfaktischen Zeiten gelebt hätten. Bezeichnenderweise ist dieser Unsinn jetzt auch noch zum Wort des Jahres gekürt geworden, was so einiges über den geistigen Zustand unserer Gegenwart verrät - der Virus scheint im Hirn und nicht auf der Festplatte zu sitzen.

    Was sich da aber gerade in den Köpfen so überraschend vieler abspielt, ereignet sich nun wahrlich nicht in Abwesenheit, sondern in knallharter Anwesenheit von Faktizität. Wie sollte es auch anders sein? Die Welt ist nicht zum Stillstand gekommen. Ganz im Gegenteil. Die Ereignisse überstürzen sich, die Welt scheint in freiem Fall. Es herrscht Chaos und Verwirrung. So auch in der Nachrichtenindustrie, wo es schon längst nicht mehr um Inhalte geht. Ihre massenhaft produzierte, auf allen Geräten rund um die Uhr verfügbare Ware soll gewinnbringend an den Mann gebracht werden, nicht mehr oder weniger. Also greift sie zu anderen Mitteln, die im aberwitzigen Konkurrenzkampf von Kommentierungswahn und Meinungssucht den Realitätsgehalt ihrer Informationsprodukte mehr und mehr verschleiern. Ein schrilles, die Sinne gnadenlos überforderndes Bombardement, das unerbittlich auf Bürger- und Politikerhirne niederprasselt und sie allmählich außer Funktion zu setzen scheint. Was ist nun wahr, und was nicht?

    Ein unerbittlicher Kampf um die Deutungshoheit der Realität ist entbrannt: Wer da nicht zu gewichten und auszuwählen weiß, weil er charakterschwach und selbstunsicher der Welt in seinem Innersten nichts entgegenzusetzen weiß, fühlt sich bald verloren und glaubt nicht mehr zu wissen, wo ihm der Kopf steht. Notgedrungen wird er den Dingen gegenüber noch befangener und misstrauischer, als er ohnehin schon ist. Von ohnmächtiger Angst gepackt verkriecht er sich in die dunkelsten Winkel seiner Minderwertigkeitsgefühle, schiebt ohnmächtigen Hass auf die Welt und wartet dumpf vor sich hindräuend auf Hilfe. Und wer sich dabei auch noch zum Fortschrittsverlierer zählt, vom Abstieg bedroht oder zukunftslos abgehängt, träumt sich - nachgerade zwangsläufig - in längst überkommen geglaubte und mystisch extrem aufgeladene Zeiten zurück, die ihm, dem Schwachen einstmals vermeintlich Schutz und Sicherheit versprachen. Reflexartig unterliegt er den abgründigen Impulsen seines autoritären Charakters und mutiert zum kleinen Mann, der sich nun anschickt, den Rechtsradikalismus in die Welt zu tragen, besessen von wahnhaften Zerrbildern eines ewigen Reichs, das ihm und seinesgleichen die Herrschaft seiner weißen Rasse verspricht. Mithilfe des starken Mannes natürlich, denn allein empfindet er sich als Nichts. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen die Globalisierung – vor wenigen Jahren noch gefeiert, jetzt aber laut Demagogen total an die Wand gefahren - ihren letzten Kredit zu verlieren droht. Also Mauern hoch. Und Fremde raus!

    Nun aber wagt sich der kleine Mann aus der Versenkung  und wittert Morgenluft. Denn nun kann er seinen impertinenten Hassgefühlen in den SOCIAL MEDIA freien Lauf lassen, und muss (montags) gar nicht mehr auf die Straße. Zudem bleibt er im Netz anonym und greift aus dem Hinterhalt an ohne von Videokameras überwacht zu werden. Geschützt in sogenannten Filterblasen, in denen er sich mit Gleichgesinnten millionenfach zusammenrottet, um mit der „Stimme des Volkes“ donnernd zur Revolte aufzurufen. In finsteren Echoräumen verborgen, wo seine radikalistischen Giftparolen wie Vorboten eines dumpf heraufziehenden Gewitters widerhallen und unsere Lebenswirklichkeit endgültig zu verdüstern drohen. Und dabei scheint dem Feigen jedes Mittel recht.

    Denn jetzt darf er auch noch Autor spielen und seine selbst verfassten „Nachrichten“ tolldreist der Welt entgegenstellen. FAKE NEWS sind hierbei die neuesten Geschosse seines rechtsradikalen Gebarens. Krude Falschmeldungen also, die immer häufiger in den SOCIAL MEDIA kursieren und sich dort jeglicher Kontrolle entziehen: Seitdem Facebook im August sein News-Team entließ und durch autonom agierende Algorithmen ersetzte, verbreiten sich diese in den Nachrichtenmodulen des Netzwerks wie ein böses Geschwür. Automatisierung der Nachrichtenlese und Aushebelung der Gatekeeper-Funktionen, das sind die Ursachen des Phänomens. Denn Algorithmen sind gleichsam blind für das, was sie generieren und können zwischen wahr oder falsch nicht unterscheiden. Zudem lancieren sie automatisch das, was massenhaft Clicks bringt, gelikt und geteilt wird, und spülen so eben auch Fake News auf den Timelines nach oben, als wären sie von allgemeiner Bedeutung und deshalb auch wahr. Insbesondere dann, wenn sie auf Vorurteile treffen und diese bestätigen: kurzerhand werden Lügen zu Fakten, nur weil es den Extremisten so in den Kram passt. So treibt die digitale Automatisierung scheinbar besinnungslos die Radikalisierung und Fragmentierung der Gesellschaft voran: triggert Masse und entfesselt die Masse. Eine virtuelle Revolte, die in den Köpfen der Rechtsradikalen Realität annimmt. Hier einige Kostproben aus der viralen Dreckschleuder:

    „Papst Franziskus schockt die Welt, er unterstützt Donald Trump“ war die „erfolgreichste“ Falschmeldung im amerikanischen Wahlkampf. Das geistliche Oberhaupt der Katholiken sei entsetzt über Hillary Clintons E-Mail-Affäre und unterstütze deswegen ihren Konkurrenten. Die Nachricht erschien auf der Website WTOE5News.com und war mit über eine Million Mal auf Facebook die meist geteilte Falschmeldung des Wahlkampfes. Diese „Meldung“ veranlasste sogar den Papst selbst, sich öffentlich über Fake-News zu empören.

    -   In Italien ging einige Tage vor dem Verfassungsreferendum eine Meldung durch Facebook, es hätten sich in Renzis Wahlkreis 50 000 mit Ja ausgefüllte Wahlzettel gefunden. Wahlbetrug lautete die Devise!

    -   In Österreich geisterte folgende Nachricht durchs Netz. „Achtung liebe Österreicher: Die Wahlkommission der kommenden Bundespräsidentenwahl prognostiziert eine enorm hohe Wahlbeteiligung. Um ein Chaos durch die vielen Wähler zu vermeiden, bittet die Wahlkommission alle Ing. Norbert Hofer Wähler am 4.12.2016 die Wahllokale aufzusuchen und alle Dr. Alexander van der Bellen am 5.12.2016. Ich bitte diesen Post zu teilen, um so zumindest einen Teil der Bevölkerung zu informieren.“ Tatsache aber war, dass der Bundespräsident nur am 4.12. gewählt werden konnte.

    -   Von seinem Wohnzimmer in einem Vorort von Los Angeles aus gelang es einem Extremisten, über Facebook millionenfach Fake News zu verbreiten. Der Mann hatte teilweise mehr Zugriffe auf seine Geschichten als USA Today, eine der größten Tageszeitungen des Landes.

    Nun könnte man meinen, der hochnotpeinliche Vorgang zwänge den Megakonzern zu unmittelbarer Reaktion, sein Ruf ist ja ohnehin schon ziemlich ramponiert. Aber nein, der Konzern reagiert nicht. Denn Facebook selbst scheint vom Phänomen der Fake-News völlig überrascht. Also lässt er die Algorithmen munter weiterlaufen und lacht sich heimlich ins Fäustchen. Ahnt er doch, dass ihm das, was er sich schon immer erträumte, Realität werden kann  – in die Hirne der Bürger einzudringen und sie eines nicht allzu fernen Tages auch zu beherrschen.

    Und richtig, das Statement von Facebook-Manager Eliot Schrage auf einer Konferenz an der Harvard-Universität ist in dieser Hinsicht völlig unmissverständlich, ja schon Klartext: "Mir ist nicht klar, warum es angesichts von 1,8 Milliarden Nutzern und ihren vielen verschiedenen Sprachen klug sein soll, jetzt damit anzufangen, Redakteure einzustellen. Das ist einfach nicht das, was wir tun ... Unser Geschäft ist es, den Menschen die Möglichkeit zum Austausch zu geben. Dazu gehört, ihnen zu ermöglichen, Inhalte bedacht und verantwortungsbewusst zu teilen und zu konsumieren. Ich denke, wir brauchen ein Programm namens 'Denk nach, bevor du etwas teilst', damit die Leute dummes Zeug nicht weiter verbreiten."

    Der Mann spricht wahr und lügt zugleich, wenn er einerseits auf die sich verbreitende Dummheit seiner User hinweist, andererseits aber gleichzeitig auch deren massenhafte Verbreitung wie ein verkappter Demagoge propagiert, dem die Richtung unverhohlen passt. Denn unaufhörlich Likes posten macht dumm, und das bringt dem Konzern Milliarden – egal um welchen Preis. 40 % der Italiener informieren sich bereits allein über Facebook. Das nur zum Beispiel.

    Und in den USA kann die große Mehrheit junger Menschen im Internet nicht mehr zwischen wahr und unwahr unterscheiden, wie Sam Wineburg in seiner neuesten Studie belegt, der Mythos ihrer "digitalen Intelligenz" sei schlichtweg falsch. „Und bei den 12- und 13-Jährigen können 80 Prozent nicht mehr zwischen Nachrichten und Werbung unterscheiden. Der Journalismus in den USA finanziert sich inzwischen stark durch gesponserte Inhalte, sogenanntes native advertising. Also Werbung, die sich als journalistischer Text tarnt. Über den Artikeln steht zwar "sponsored content" – aber die große Mehrheit der jungen Menschen, die ja den ganzen Tag online verbringen, haben keine Ahnung, was das bedeutet. ... Wir haben Highschool-Schülern zwei Artikel über den Klimawandel vorgelegt. Einen verfasst von einem Wissenschaftsjournalisten, einen zweiten auf derselben Website – gesponsert vom Mineralölkonzern Shell. Fast 70 Prozent der Schüler empfand den Shell-Beitrag als glaubwürdiger.“ Soweit Wineburg. Und das neueste Ausweichmanöver von Facebook, verdächtige Nachrichten künftig mit einem Warnstempel zu versehen, falls User einen solchen Artikel mit ihrer Community teilen wollen, ist aufgrund der beschrieben Tatsachen mehr als ein Hohn. Weitere Maßnahmen sind denkbar, ergänzt der Konzern und lacht den Politikern frech ins Gesicht.

    Die digitale Welt scheint mehr und mehr zu einer Parallelwelt zu werden, in deren Realität der Bürger lebt und agiert, und dabei die Welt draußen aus den Augen verliert. Erschreckend rasch hat das Virtuelle von dessen Hirn Besitz ergriffen und es zu seinem Instrument gemacht. Nicht die Wirklichkeit ist aus den Fugen geraten, sondern die Bürgerhirne, die sie aus den Fugen geraten lässt. Die entfesselten Algorithmen scheinen diesen Prozess massiv zu beschleunigen - im Handumdrehen ist aus Facebook ein Fakebook geworden. Das aber wird von vielen nicht mehr registriert, weil sie den Fake selbst produzieren und auch noch für Realität halten. Die Irren hast du eingesperrt, kleiner Mann, du verwaltest diese Welt. Wer also ist an allem Übel schuld? (Wilhelm Reich)

    Wenn die steile These stimmt, dass russische Hacker durch gezielte Falschmeldungen Trump übers Internet zum Wahlsieg verholfen hätten, dann Gnade uns Gott. Denn das hieße ja, dass es bereits möglich wäre, die Bürger eines mutmaßlich feindlichen Landes von außen direkt so zu manipulieren, dass sie selbst – willentlich oder unwillentlich wie neben sich – den Wunschkandidaten gewählt hätten, den ein ausländischer Geheimdienst für opportun hielt, um das Land - gleichsam von innen heraus - zu schwächen. Wer hat hier bitte wen gewählt, würde man sich entsetzt fragen. Ohnmächtig einem Höllenszenario gegenüber, in dem sich die Demokratie selbst abwählt, weil der Cyberwar schon in den Köpfen der Bürger angekommen ist. Der Bürger in Trance und wie ferngesteuert – so etwas war bislang nur Sciencefiction.

    Die weitverbreitete Angst, die Maschinen würden uns bald überholen und einsam zurücklassen (Turing-Test), scheint unbegründet. Vermutlich werden wir das Überholmanöver der Maschinen gar nicht mehr mitbekommen, weil wir dann schon längst von der Bildfläche verschwunden sind. Also keine Angst!

    abgelegt in #Tags: