• TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? / TEIL 1
    17. Juli 2017

    Der Homo Sapiens hat den Glauben an sich verloren – die Dinge entgleiten ihm. Nach seinem in der Evolutionsgeschichte allen irdischen Lebens wohl einzigartigen Siegeszug rund um den Globus, den er sich binnen 10.000 Jahren – ein Wimperschlag im Vergleich zur Erdgeschichte – untertan machte und sich selbst die Krone der Schöpfung aufs Haupt setzte, schlottern ihm auf einmal die Knie. Selbstzweifel zernagen ihn. Sein Selbstverständnis gerät ins Wanken. Schon werden Unkenrufe laut, die ihm und seiner Art ein baldiges Ende prophezeien.

    Solch ein Schicksal könnte den Menschen bereits 2050 ereilt haben, mutmaßt Jeff Nesbitt, der ehemalige Leiter für Rechts- und Öffentlichkeitsangelegenheiten der National Science Foundation, und warnt, wie unter anderen auch der KI-Pionier Stuart Russel von der Universität Berkeley, ausdrücklich vor den Folgen einer außer Kontrolle geratenen KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ, die sich zu einem Supercomputer weiterentwickeln könne, der, dem menschlichen Verstand weit überlegen, als Superintelligenz alle Probleme völlig autonom lösen und den Menschen letztlich überflüssig machen werde.

    Düstere, nicht selten von Weltuntergangsphantasien begleitete Warnungen vor Maschinen sind in der jüngeren Geschichte des Menschen wahrlich nicht neu: mit jeder die Lebensbedingungen von Grund auf verändernden technischen Innovation oder gar Revolution gingen beileibe nicht nur Jubel, sondern immer auch tiefes Misstrauen und abgründige Ängste einher. Heutzutage mag es vielleicht amüsieren, in Hans Christian Andersens En Digters Bazar (1842) von dessen Eisenbahnfieber zu lesen, das den Autor auf einer Zugfahrt von Magdeburg nach Leipzig ereilte. Der Geschwindigkeitsrausch und die damit verbundene Verschiebung der Raumwahrnehmung raubten ihm förmlich die Sinne. Jahre früher schon hatte ein Geistlicher aus dem Mittelfränkischen gegen die erste deutsche Eisenbahn gewettert, die ab 1835 zwischen Nürnberg und Fürth unterwegs war. Die Maschine sei ein Teufelsding, ereiferte sich der Geistliche von der Kanzel herab, die Menschheit werde die höllische Erfindung büßen: Der Qualm vergifte Fahrgäste und grasendes Vieh. Der Fahrtwind führe zu Lungenentzündungen, und das rasante Tempo unweigerlich zur Gehirnverwirrung. Es dauerte nicht lange, dann war das Eisenbahnfieber eine ärztliche Diagnose, und die Krankheit, das Delirium furiosum, die böse Folge einer menschenfeindlichen Technik.

    Episoden dieserart könnte man rasch als „verschroben“ abtun oder in der Schublade „Neurasthenie“ ablegen, verrieten sie nicht Grundsätzliches über das Verhältnis des Menschen zur Maschine, die er seinerseits immer auch mit gemischten Gefühlen wahrgenommen hatte. Maschinen sind dazu da, das Leben zu erleichtern. Und es angenehmer zu machen und – wenn möglich – stetig zu perfektionieren. Die Dampfmaschine aber hatte ihren Eigenlauf. Bald schon diktierte sie den Lebensrhythmus der Menschen (MODERN TIMES – CHAPLIN) und stellte die Gesellschaft auf den Kopf: Aus einer ständischen, auf Handel beruhenden Gesellschaft wurde im Handumdrehen eine Klassengesellschaft aus Kapitalisten und Lohnarbeitern. Das aber war denjenigen, die am Ruder saßen völlig egal – der Umsatz musste stimmen. Die Konsequenzen waren immens: Der Mensch hatte seine Arbeit aus den Händen gegeben und den Maschinen überlassen. Die Industrielle Revolution hatte begonnen und nahm ihren Lauf.

    Man muss keine große Phantasie entwickeln, um sich vorzustellen, dass die auf Schienen dahindonnernde Dampfmaschine auf viele Zeitgenossen furchteinflößend gewirkt haben muss. Ihr monströser Eindruck war so verstörend, dass selbst Pferde scheuten und Passanten bei ihrem bloßen Anblick erstarrten. Und natürlich war die Maschine viel zu schnell. An ein Tempo von 40 km/h – heute eine Lächerlichkeit – waren die Menschen damals einfach nicht gewöhnt – ihr Gehirn war von dieser Geschwindigkeit schlichtweg überfordert. Es konnte die völlig ungewohnt auf es einstürzenden Impulse so auf die Schnelle einfach nicht sinnvoll verarbeiten. Statt den Fahrgästen Orientierung und Stabilität zu verleihen (was immerhin mit zu seinen primären Aufgaben zählt), produzierte es nur Schwindel und Erbrechen – das Gehirn hatte das Eisenbahnfieber ereilt.

    Das soll heutzutage vielen Gehirnen mit der VR-Brille nicht viel anders ergehen: denen wird ebenso übel und schwindlig, wenn sich die User mit der Spaßbrille vor Augen urplötzlich im virtuellen Raum wiederfinden und ihr Gehirn aufgrund der bizarren Raumdimensionen außer Kontrolle gerät –  erfasst von einer Art Elektronikfieber, dem Eisenbahnfieber nicht ganz unähnlich.

    Das Gehirn ist ein faules Organ. Neurowissenschaftler werfen ihm sogar vor, mit dem einen oder anderen Reaktionsmuster noch in der Steinzeit festzustecken. Vornehm ausgedrückt arbeitet das Gehirn ökonomisch, wie es so schön heißt, stützt sich am Liebsten auf klassische Denkschubladen und bevorzugt im Wesentlichen Erfahrung – Routine und bekannte Wege. Seine dabei nun wirklich nicht unkomplizierte Aufgabe besteht auf der Reduktion von Komplexität, sonst würde der Mensch durchdrehen und wäre nicht überlebensfähig. Pro Sekunde prallen ca. 11 Millionen Sinneseindrücke auf das Gehirn ein. Und davon nimmt es glücklicherweise nur 40 bewusst wahr – ein Schutzmechanismus der vitale Gründe hat: Stabilität und Orientierung lautet die Devise. Deshalb überrascht es auch nicht, wenn Maschinen, die das Gehirn urplötzlich in völlig ungewohnte Dimensionen katapultieren, dieses erst einmal kapitulieren lässt. Ein Gehirn wohlgemerkt, das sich diese Maschinen selbst ausgedacht hatte.

    Aber zurück zur Eisenbahn, die im Grunde nichts anderes als die konsequente Weiterentwicklung der Dampfmaschinen war, die in eigens für sie aus dem Boden gestampften Fabriken massenhaft Ware produzierten, die an den Mann gebracht werden musste. Markterweiterung um jeden Preis lautete die Devise der Industriellen Revolution, die von Großbritannien ihren Ausgang nahm. Also begann man die bis dahin schier unüberwindbaren Unwegsamkeiten des Raums mit Schienensträngen zu überwinden. Die RAILWAY MANIA setzte ein: Eine globale „Verkehrsrevolution“ (Hans Rosenberg), mit der sich der Mensch die Erde ein zweites Mal unterwarf. Diesmal aber nicht neugierig auf die Welt und von Erkundungsdrang vorangetrieben wie in grauer Vorzeit, sondern einzig allein aus ökonomisch-strategischen Gründen. Mit der zweiten, der technisch-maschinellen Inbesitznahme der Erde war der moderne Kapitalismus geboren. Besessen von der Idee, den Widrigkeiten der Natur zu widerstehen und deren Kräfte und Ressourcen zu kapitalisieren. Der besinnungslose Raubbau an der Natur hatte begonnen und nahm seinen kompromisslosen, aber auch fatalen Verlauf, wie wir heute wissen. Der Geldrausch verblende die Hirne – die Weichen waren gestellt.

    Bald geriert auch die Eisenbahn in den Strudel des explodierenden Kapitals und wurde rasch zum beliebtesten Spekulationsobjekt. Ein in der Wirtschaftsgeschichte bislang nicht gekanntes Spekulationsfieber ergriff die Agenten einer aus den Fugen geratenen Ökonomie und generierte völlig neue Kapitalbeschaffungsmethoden: Fonds und öffentliche Anleihen zum Beispiel. Der Aktienhandel trieb horrende Blüten und die Börse stand Kopf. Bis die Blase schon 1857 platzte und die erste Weltwirtschaftskrise heraufbeschwor. Ausgelöst von Edward Ludlow, einem einzelnen Mann, der den noch blutjungen Kapitalismus kollabieren ließ. Er war ein einfacher Angestellter im New Yorker Büro der angesehenen Bank Ohio Life Insurance and Trust Company, die Unsummen am Eisenbahnboom verdiente. Und Ludlow zockte mit Eisenbahnaktien, lieh sich heimlich bei anderen Banken Geld und wurde immer maßloser, bis er schlagartig alles verlor und damit auch die Bank mit in den Abgrund stürzte. „Ich habe die unangenehme Pflicht bekanntzugeben, dass diese Gesellschaft ihre Zahlungen eingestellt hat“, teilte der Präsident der Ohio Life, Charles Stetson, am 24. August 1857 lapidar mit und generierte Millionen Arbeitslose.

    Die Industrielle Revolution – welch ein absurder Begriff. Verkehrt er doch die Dinge und dichtet dem 19. Jahrhundert eine Revolution der Maschinen an. Eine Bewegung, zu der eigentlich nur Menschen fähig sind: Maschinen haben keine Beine und können nicht auf die Barrikaden gehen! Und dennoch, dieser bizarre Anthropomorphismus verdankt sich tatsächlich einer Revolution – der Französischen von 1789 nämlich. Adolphe Jerome Blanqui hat ihn knapp fünfzig Jahre später in die Welt gesetzt: „Kaum dem Gehirn der beiden genialen Männer Watt und Arkwright entsprossen, nahm die industrielle Revolution von England Besitz“, schrieb er. Kaum dem menschlichen Gehirn entsprungen, unterjochten die Maschinen den Menschen als besäßen sie ein Eigenleben, lautet er im Klartext. Die Szenerie weckt böse Phantasien und erinnert an Fritz Langs Film Metropolis aus dem Jahre 1927: In diesem malochen Arbeiter in einer Fabrikhalle der Unterstadt roboterartig an einer monströsen Maschine, die durch den Bedienungsfehler eines völlig entkräfteten Arbeiters außer Kontrolle gerät, sich unversehens in einen Moloch verwandelt und die Arbeiter mit weit aufgerissenem Maul kurzerhand auffrisst und sie so zu Opfern des Maschinenzeitalters werden lässt. Einer Epoche, „die wohl wie keine andere im Leben der Menschen so fundamental gewesen ist“, wie Eric Hobsbawm in „Das lange 19. Jahrhundert“ anmerkt. Weder der Ackerbau, oder die Entdeckung der Metalle, noch die Siedlungen in der Jungsteinzeit seien mit dieser Epoche vergleichbar.

    Das Bild von der Menschen fressenden Maschine kommt nicht von ungefähr. Schließlich hatte der aufkeimende Kapitalismus die Gesellschaft binnen kurzem durcheinandergewirbelt und sich eine neue soziale Klasse geschaffen – das Proletariat, den Arbeiter an der Maschine. Jetzt bestimmte die Maschine den Lebensrhythmus der Masse, schließlich wollten die Maschinen bedient sein. Der Mensch war zur Ware geworden, reduziert auf seine Arbeitskraft, die er zu verkaufen hatte, wenn er überleben wollte.

    Die Rechnung ging auf: In Großbritannien, dem Heimatland des modernen Kapitalismus, lag die Wachstumsrate der Wirtschaft Mitte des 19. Jahrhunderts zeitweise bei 17 Prozent. Jeder lechzte nach Beschäftigung, denn Arbeitslosigkeit hieß nacktes Elend. Und auf der Straße standen genug Menschen bereit, noch länger und für noch weniger Geld zu schuften – die industrielle Reservearmee, wie Karl Marx sie nannte. Und dennoch: Trotz des schwindelerregenden Aufschwungs kam bald die nächste große Krise – die Weltwirtschaftskrise 1873. Ausgelöst von einer Überproduktion der Industrie und der Spekulation mit Aktien, ein damals völlig neues Geschäft. Streiks und Unruhen nehmen zu. Kein Wunder, dass man jetzt das Proletariat mit ganz anderen Augen betrachtet und in ihm eine Gefahr für soziale und politische Stabilität zu erkennen glaubt. Und in Deutschland wird nach einem Sündenbock für die anhaltende Stagnation gefahndet und findet ihn prompt beim „jüdischen Wucherer“ oder „Halsabschneider“. Der Historiker Heinrich von Treitschke bringt es 1879 auf den Punkt: „Die Juden sind unser Unglück.“ Mit der Dritten Weltwirtschaftskrise 1929 ist deren Schicksal in Europa endgültig besiegelt: Als die Weimarer Republik nach dem Börsencrash in den USA die aufgrund des verlorenen 1. Weltkriegs gestellten Reparationsforderungen an die Siegermächte nicht mehr berappen kann, die sich bis dahin vor allem durch amerikanische Anleihen finanzierten, werden Lohnsenkungen und Sozialabbau fällig. Hunger und Not zwingen die Bevölkerung in die Knie und soziale Unruhen brechen aus. 1933 steigt die Arbeitslosenzahl auf fast neun Millionen und Adolf Hitler erringt die Macht.

    Heutzutage geht es dem Menschen wahrlich besser, zumindest in der westlichen Hemisphäre. Das Leben scheint zivilisierter und viele, die früher nur davon träumen konnten, genießen heute den Wohlstand und frönen dem Konsum. Selbst die Maschinen haben ihren bedrohlichen Charakter verloren und arbeiten jetzt selbstständig und vollautomatisch in den verwaisenden Fabriken. Endlich hat sich der Mensch der schweißtreibenden und Kräfte verzehrenden Maloche entledigt und offenbar auch dazu gelernt. Denn nun hat er Maschinen, die ihm sogar zur Seite stehen und ihn – gleichsam auf Augenhöhe – rund um die Uhr umsorgen. Wie echte Kumpels, die ihm all das bieten, wonach ihm gerade so der Sinn steht, liefern sie ihm die Welt frei Haus und lassen ihn am Leben draußen in all seinen Facetten teilnehmen. Dies allerdings nicht real, sondern virtuell. Und dennoch, der Mensch ist süchtig nach dieser Maschine.

    Und sein Gehirn erst recht: denn es liebt das Virtuelle, schließlich arbeitet es ja selbst auf diese Art und Weise. Der Modus, in dem es dem Menschen die Welt vor Augen führt, ist beispielsweise alles andere als objektiv, denn der Mensch sieht beileibe nicht das, was ist, er sieht, was er sehen soll. Die Lichtimpulse, die auf die Netzhaut treffen, werden in elektrische Impulse umgewandelt und müssen erst einmal etliche Kontrollinstanzen durchlaufen, bevor sie zu den Bildern werden, die der Mensch in seinem Heimkino zu Gesicht bekommt. Dieses Areal liegt bezeichnenderweise im Hinterlappen des Gehirns und beweist allein schon anatomisch dass der Mensch nicht unmittelbar mit seinen Augen sieht. Schließlich soll das zensierte Bild seinem jeweiligen Naturell entsprechen, abgeglichen mit dessen bereits abgespeicherten Erfahrungen, Gefühlen, Vorlieben oder Abneigungen. Nähme der Mensch seine Umgebung ungefiltert war, könnte er gleich in die Klapsmühle abwandern. In diesem Sinne wandelt der Mensch von Anfang an durchs Virtuelle. Und das Gefühl, dass dem so ist, hat ihn schon immer umgetrieben – seine Philosophie legt davon ein beredtes Zeugnis ab.

    Bilder jedoch, die genuin virtuell sind, also von vorneherein gestanzt, werden vom Gehirn direkt ins Heimkino durchgewinkt. Solche Bilder sind unproblematisch und müssen nicht bearbeitet und zensiert werden, denn sie haben mit Orientierung und Stabilisierung im realen Raum nicht das Geringste zu tun. Für das Gehirn ist ein Drohnenbild aus großer Höhe auf dem Display ein wahrer Spaziergang, wohingegen diejenigen Bilder, die es beim aktiven Gleitschirmfliegen zu verarbeiten hat, ihm als Kraftakt richtig Arbeit machen und zuweilen auch zu Schwindel führen können. Auf den aber fällt das Gehirn nicht herein, wenn ihm das Drohnenbild vor Augen kommt. Im Gegenteil. Es bleibt entspannt und verlangt mehr von solcher Bequemlichkeit, die den Menschen letztlich abhängig macht.

    Besonders gravierend aber ist die Manipulierbarkeit des Gehirns. Es täuscht nicht nur den Menschen, wenn auch aus reinen Selbsterhaltungsgründen, nein, es lässt sich selbst auch täuschen. Auch die Neurowissenschaftler, Adepten einer wahren Modedisziplin, werden nicht müde vor der Verführbarkeit des Gehirns zu warnen, geben dem Affen Zucker und scheinen angesichts dessen Labilität selbst immer mehr in Verwirrung zu geraten. Selbst beim Shoppen ist der Mensch nicht bei Sinnen. Rabatte sorgen für Dopamin-Rausch. Schnäppchen bringen unser Gehirn zum Leuchten! behaupten sie allen Ernstes und schmeißen sich wie in Focus-Online an die Konsumenten ran, um ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen:

    Beim Einkaufen wird unser Gehirn offenbar außer Kraft gesetzt. Dann landen viele Artikel im Einkaufswagen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Der rationale Kunde ist ein Mythos. Hirnforscher haben in die Köpfe der Verbraucher geschaut und spannende Entdeckungen gemacht: Der Hirnforscher Bernd Weber von der Universität Bonn hat Testpersonen in einem Kernspintomographen (MRT) verschiedene Produkte mit und ohne Rabattzeichen auf einer Videobrille vorgespielt. Die Bereiche des Gehirns, die stärker aktiviert werden, werden stärker durchblutet. Das Ergebnis des Tests: Sonderangebote bringen das Belohnungsnetzwerk im Vorderhirn regelrecht zum Leuchten. Gemma Calvert, Professorin für Neuroimaging an der University of Warwick, hat bei Untersuchungen außerdem festgestellt, dass sich in den Gehirnen gläubiger Probanden immer dann, wenn sie starke Marken wahrnahmen – ein iPhone, eine Rolex, einen Ferrari – die gleichen Aktivitäten abspielten wie beim Anblick religiöser Bilder. Es gab keinen erkennbaren Unterschied in der Reaktion der Gehirne auf starke Marken oder auf religiöse Kultgegenstände und Personen. Das erklärt vielleicht den Apple-Kult. Wie können wir uns gegen die Schnäppchen-Falle schützen? Sind wir deshalb dem Handel blind ausgeliefert? Nein. Gehen Sie raus aus dem Geschäft, einmal um den Block oder schlafen Sie eine Nacht darüber. Dann hat das Frontalhirn Zeit, wieder seine Kontrollfunktion hochzufahren.

    Wie aber soll das Frontalhirn seine Kontrollfunktion wieder „hochfahren“, wo es doch ohnehin schlappzumachen droht? Im Frontalhirn – das auch der menschlichste Teil des Gehirns genannt wird – glauben die Neurowissenschaftler den Sitz der Persönlichkeit verortet und in dessen Area 24 das Selbstbewusstsein. Funktionsstörungen in diesem Hirnareal sind durch Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsstörungen, Interessensverlust, Gefühllosigkeit, sozialen Rückzug, Depression und Selbstzweifel charakterisiert – Symptome wohlgemerkt, die allesamt beim modernen Menschen zu beobachten sind.

    Die Gründe hierfür reichen tief, greifen auf fatale Art und Weise ineinander und verstärken sich gegenseitig. Dabei ist die Schwächung der individuellen Persönlichkeitsstruktur wahrlich nicht neu. Sie reicht in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, in denen sich mit dem sogenannten Wirtschaftswunder ein Konsumverhalten etablierte, das sich nicht mehr nur auf Dinge, sondern zunehmend auch auf menschliche Qualitäten auszudehnen begann. Die Ära, sich vermeintlich alles kaufen zu können, hatte begonnen. Das war neu und führte mehr und mehr zur Veräußerlichung der Lebensinhalte, deren Ideale jetzt vorwiegend in den Werbeannoncen zu finden waren, denn in den Herzen der Menschen. Die Außenwelt begann die Innenwelt zu dominieren.

    Mit der Einführung des Internets (= WORLD WIDE WEB) in den 90er-Jahren verstärkte sich diese Entwicklung und nahm rasant an Fahrt auf. Denn die neue Kommunikationsmaschine traf auf mental und kognitiv angeschlagene Gesellschaften, die dem Individualitätswahn und Konsumrausch seit Jahrzehnten bereits massenhaft verfallen waren und sich der Maschine umgehend bemächtigten. Und bald schon war aus diesem primär kommunikationsneutralen Instrument der Tummelplatz nichtiger Geschwätzigkeiten und selbstentblößender Selbstdarstellungsorgien geworden, durchsetzt von den hinterhältigen Strategien einer mit allen Wassern gewaschenen Konsumismusindustrie, die sich das Netz als weltweiten Absatzmarkt längst unter den Nagel gerissen hatte.

    Dabei war der Zweck des WWW ursprünglich ein ganz anderer, denn der junge Informatiker Tim Berner-Lee wollte für die Physiker des CERN – das unter hoher Personalfluktuation litt – im März 1989 ein Informationsmanagement entwickeln: Ein universell verbundenes Informationssystem, „in dem Allgemeingültigkeit und Portabilität (=Übertragbarkeit von Programmen auf unterschiedliche Datenverarbeitungsanlagen) wichtiger sind als aufwendige Grafiktechnik oder komplexe Extras. ... Von Menschen lesbare Informationen, die ohne Einschränkungen verknüpft werden können." Verblüffenderweise aber hatte Berner-Lee die möglichen Konsequenzen seiner Maschine schon vorausgedacht: In einigen Jahren werde der Rest der Welt dieselben Probleme haben wie das CERN, schrieb er. Und dafür werde es dann vermutlich „eine kommerzielle Lösung geben".
    Und richtig: die kommerzielle Lösung ist da. An die Kapitalisierung seiner Erfindung aber hatte die IT-Legende nicht gedacht. Und ebenso wenig an die Dummheit und Ignoranz, die Spießigkeit (=FACEBOOK), den Rassismus und die Menschenverachtung, die sich mittlerweile in seinem WWW breit gemacht hat und es, wenigstens in Teilen, auch zu beherrschen scheinen – das knallharte und schonungslose Spiegelbild der Gesellschaften, deren User es nutzen, um mit dabei zu sein. Und das kann jeder. Auch die gesellschaftlichen Extrembereiche – ob nun rechts oder links, denen einfach das Medium fehlte – kommen mehr denn je zum Vorschein und mischen sich unters Volk, das zu repräsentieren sie vorgeben. Statt verantwortungsbewusstem Austausch essentieller Informationen herrscht Chaos. Statt Überschaubarkeit und Transparenz, nichtiges Gequassel und Hass. Die Köpfe ersticken im Müll, die Meere im Plastik und der Himmel im Weltraum-Schrott. Schicksalsbehaftete Analogien!

    abgelegt in #Tags:
  • TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 9KOLLEKTIVER MASOCHISMUS
    28. März 2017

    Die Freiheit, tun (oder auch lassen) zu können, was man will, solange man kein Gesetz bricht, steht Jedem zu, der in einer Demokratie lebt. Ein derartig buntes Leben macht die Gesellschaft lebendig und attraktiv, möchte man meinen. Doch der Schein trügt. Denn über die demokratischen Gesellschaften hat sich ein grauer Schleier gelegt, sie drohen ihre Lebendigkeit und Vielfältigkeit zu verlieren – die Tendenz zum Uniformen ist unübersehbar. Ein Phänomen, das man bislang eigentlich nur von totalitären Gesellschaftssystemen her zu kennen glaubte. Aber im Gegensatz zu diesen, die den Zwang zur Gleichschaltung gnadenlos von oben ausüben, liegt die grassierende Entpersönlichung der in den Demokratien lebenden Menschen bizarrer Weise in deren freiem Willen begründet und unterliegt einer ganz anderen Ideologie – der Ideologie der Selbstverwirklichung nämlich. Werde Du selbst! verspricht sie groß tönend den Menschen. Denen aber ist der Sinn des Lebens abhandengekommen. Und damit die Fähigkeit, es selbst zu gestalten und den eigenen Weg zu finden – ihre Instinkte verkümmern. Jünger, attraktiver, gesünder, erfolgreicher dröhnt es von allen Seiten auf sie ein. Und wie auf Befehl folgen die Ratlosen blindwütig den ach so verheißungsvollen Parolen, schließlich will jeder es sein – die Falle schnappt zu. Diese dem Totalitarismus scheinbar entgegenstehende Ideologie, ist vielleicht noch perfider als jene, übt sie den Zwang zur Egalisierung doch gleichsam von unten aus, indem sie ihre verführerischen Energien im Inneren der Menschen entfaltet, deren geheime Sehnsüchte instrumentalisiert und sie hinterhältig bei ihren Minderwertigkeitsgefühlen und Eitelkeiten packt. Ohne es wirklich mitzubekommen, werden die Ahnungslosen so zu Opfern ihrer selbst und massenhaft zu Lifestyle-Uniformierten degradiert. Woher rührt dieser kollektive Masochismus, der letztlich auf purer Selbsttäuschung beruht?

    Zunächst: die Lebensverhältnisse in den westlichen Demokratien werden vom Kapitalismus beherrscht. Diese Anmerkung mag zunächst trivial erscheinen, ist als Faktum jedoch von entscheidender Bedeutung, um sich der Antwort zu nähern, steht der Kapitalismus doch in krassem Gegensatz zum demokratischen Grundrecht auf FREIE ENTFALTUNG DER PERSÖNLICHKEIT.

    Im globalen Kreislauf seiner Kapitalströme und Akkumulationsprozesse zählt der Einzelne als Person nichts. Einzig auf seine Arbeitskraft und Leistung kommt es an, auf nichts anderes sonst. Im weltumspannenden Prozess des sich selbst verwertenden Werts spielen Individualität und Charakter keine Rolle. Der Einzelne muss sehen, wo er bleibt, austauschbar und wie ein Spielball „dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung“ (Marx) ausgesetzt. Sein Ich kann er da vergessen!

    Dieser nachgerade schizoide Konflikt zwischen Innen und Außen, dem eklatanten Widerspruch von individuell eingefordertem Recht auf Selbstentfaltung auf der einen und der sozioökonomischen Rigidität auf der anderen Seite, charakterisiert die krude Lebenswirklichkeit, in der sich die in den Demokratien vergesellschafteten Individuen wiederfinden. Wer bin ich? Wie soll ich sein? tönen ihre Hilferufe immer penetranter durch den öffentlichen Raum, zerrieben vom alltäglichen Selbstoptimierungswahn und steter Ungewissheit sich selbst gegenüber. Jünger, attraktiver, gesünder und erfolgreicher hallt es harsch zurück – eine atemlose Gesellschaft, deren manische Ichsucht immer groteskere Formen annimmt.

    Es verwundert nicht, dass der zermürbende Kampf um Selbstbestimmung unter solch aberwitzigen Bedingungen aussichtslos bleiben muss und letztlich das Gegenteil bewirkt – die Schwächung des Individuellen nämlich, das dabei an Eigenart verliert, statt an Kontur zu gewinnen. Der existentielle Druck, sich den durchkapitalisierten Lebensverhältnissen unterzuordnen, ist einfach zu groß und raubt Zeit um Atem zu holen. Noch gravierender aber ist die Tatsache, dass der die Dinge nivellierende Charakter des kapitalistischen Systems, das alles nur nach Geld bemisst, auch vor dem Inneren der Menschen nicht Halt macht und zunehmend auch deren Fühlen und Denken ergreift und es verflachen lässt. Mit der mentalen Einebnung und sinnlichen Verdinglichung des Erlebnisraums aber büßt das menschliche Leben den Reichtum der ihm innewohnenden Dimensionen ein und lässt in den Herzen das Verlangen nach einem selbstgestalteten Leben verkümmern. Die kaltblütige Eingrenzung des Lebenssinns auf eine sinnentleerte und horizontlose Gegenwart hin, die sich auf den Überlebenskampf der Armen, die Karrieresucht der Erfolg-Reichen und die Ratlosigkeit des Mittelstands reduziert, zieht nicht nur die Erlahmung der Lebensfreude nach sich, sondern (nachgerade zwingend) auch den Verlust ihrer besonderen Qualitäten und Potenzialitäten, die das Leben erst lebenswert werden lassen: Neugier. Staunen. Stille. Wagemut. Liebe. Mut. Hingabe. Kreativität. Und Spiritualität – jene Sphären tiefster Empfindung Natur und Kosmos gegenüber, die das menschliche Dasein zu ganzer Erfüllung bringt. Der seelische Innenraum dampft ein und hinterlässt in den Menschen das ohnmächtige Gefühl einer zäh dräuenden Leere – die Selbstempfindung schrumpft zum Phantom und der Körper zum Apparat, an dem herumgedoktert wird wie an einer reparaturbedürftigen Maschine.

    Die Folgen der mentalen Depravation der Menschen sind dramatisch und besitzen in ihrem Kern eine fatale, die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit von Grund auf verändernde Dynamik. Denn mit dem Verlust ihrer Selbstgewissheit geht auch deren Unfähigkeit einher, von ihrem verbrieften Recht auf Selbstentfaltung überhaupt Gebrauch machen zu können. Zudem aber sind sie nun nicht nur existenziell, sondern auch seelisch zu Abhängigen der ökonomischen Realität geworden und haben sich dieser mit Haut und Haar ausgeliefert. Gänzlich aus der Spur gekommen, verlangen sie Halt und gieren nach Lebensregeln, um ihre innere Leere notdürftig zu kompensieren.

    Wer bin ich? Wie soll ich sein? – die Antwort der Industrie kommt prompt: Schließlich ist mit der schier unstillbaren Ich-Sucht ihrer Konsumenten (Diagnose: seelische Bulimie) viel Geld zu verdienen. Diese greifen begierig zu und inhalieren deren allseits offerierten Selbstverwirklichungsprogramme wie Lebensodem. Der verdinglichte Mensch tritt auf den Plan, sein Selbst ist Ware, die ihm natürlich nicht kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Das massenhaft geklonte Produkt einer freiheitlichen Gesellschaft, die ihren offensichtlich ahnungslosen Mitgliedern keine andere Wahl mehr lässt - nicht jünger, attraktiver, gesünder und erfolgreicher allerdings, sondern matter, kränkelnder, unzufriedener und depressiver.

    abgelegt in #Tags:
  • MIERDA
    MIERDA
    DER ARME FUCHS
    15. Februar 2017

    Es ist an der Zeit, den Fuchs endlich von seinem üblen Leumund zu befreien, der ihm und seiner Art ein listiges und vor allem durchtriebenes Wesen unterstellt. Derartige Vorurteile grenzen an Rassismus und erinnern schon im Ansatz an den weit verbreiteten Irrglauben, alle Muslime seien Terroristen. Nein, auch der Fuchs verdient Respekt, zählt das Tier doch ebenso wie der Mensch zu den Geschöpfen unter Gottes freiem Himmel und kann, wenn auch nicht unter allen Umständen, wie dieser ein richtig netter Kumpel sein. Also sollte man sich schleunigst darum bemühen, der im Grunde eher possierlichen Kreatur ohne große Vorurteile zu begegnen. Denn was sich für den Umgang mit dem Menschentier ziemt, sollte auch für den Fuchs gelten. Tier bleibt schließlich Tier!

    Nun aber ist es einer zivilcouragierten Limburgerin völlig überraschend gelungen, dem hinterhältigen Fuchs-Bashing ein jähes Ende zu bereiten. Und das mit gehörigem, ja völlig unerwartbarem Erfolg. Dem eigenen Bekunden nach arbeitet die rechtschaffene Dame in einem Büro in unmittelbarer Nähe des historischen Rathauses, dessen Turm ein wirklich besonderes Glockenspiel ziert, das mit seinen dreiunddreißig Liedern im außergewöhnlich reichhaltigen Repertoire die Limburger immer wieder variationsreich zu überraschen weiß. Die Glöckchen, die ihre Glitzerklänge wie Zephirhauch durch Gassen und Winkel der Domstadt schweben lassen, haben zweifelsohne etwas Betörendes, ja vielleicht sogar Verzauberndes wie die in der Zauberflöte. Dies aber nur dann, wenn ihre Klanggirlanden, die sie durch die Luft tanzen lassen, auch wirklich die Herzen der Menschen erreichen, statt sie zu irritieren oder gar aus dem Rhythmus bringen.

    So nämlich erging es erwähnter Dame, die hochsensibel und deshalb nachgerade zwangsläufig auch strenge Veganerin ist. Wohl über Jahre fühlte die sich an ihrem Arbeitsplatz immer wieder vom Volkslied Fuchs, du hast die Gans gestohlen überrumpelt, welches das Glockenspiel ihr vom nahegelegenen Rathausturm ins Trommelfell stichelte, wobei dessen fuchsfeindlichen Textzeilen, die der dünnhäutigen Veganerin natürlich geläufig waren, ein jedes Mal grauenerregende Bilder von blindwütigem Tiermord, blutverschmierten Schlachthauswänden und fetten Würsten der Fleischindustrie in ihr wachriefen, ohne sich, festgesetzt an ihrem Arbeitsplatz, der Horrorszenarien erwehren zu können. Gut, manch anderer hätte vielleicht Mac Donalds assoziiert, aber ein derartiger Schweinkram kam der das Tier Vergötternden natürlich nicht in den Sinn. Sie quälte sich aufrichtig und musste den brutalen Text im Kopf förmlich mitanhören:

    Fuchs, du hast die Gans gestohlen,
    gib sie wieder her!
    Sonst wird dich der Jäger holen,
    mit dem Schießgewehr.

    Seine große, lange Flinte
    schießt auf dich den Schrot,
    dass dich färbt die rote Tinte

    und dann bist du tot.

    Liebes Füchslein, lass dir raten,
    sei doch nur kein Dieb;
    nimm, du brauchst nicht Gänsebraten,
    mit der Maus vorlieb.

    Man muss keine große Textinterpretation betreiben, um den Text, der täglich das Gemüt der Zartbesaiteten verdüsterte, zu dechiffrieren: Da ist – ganz einfach – zunächst der hinterhältige Jäger, welcher der Veganerin wieder und wieder das besinnungslose Niedermetzeln von arglosen Tieren vor Augen führte, was ihr wohl regelmäßig einen Schauder über den Rücken jagte. „Mir ging es weniger um die Gans, sondern um den Jäger, der den Fuchs in der nächsten Zeile abschießt“, beklagte sich die Dame. Und dann kam auch schon die rote Tinte in der zweiten Strophe auf sie zu, die die Erschreckte das Blut sehen ließ, das in alle Richtungen spritzte, wenn der Schrot der Flinte Adern und Fleisch des ahnungslosen Fuchses zerfetzte.

    Der Hinweis jedoch, der Fuchs solle doch, bitte, von der Gans ablassen und besser zur Maus greifen, mag die Stimmung der Dame am Ende vielleicht ein wenig aufgehellt haben, schließlich wird dem Fuchs da noch eine Alternative zur Gans geboten. Dies aber leider nur wieder in Form von Fleischverzehr und nicht mit dem alles entscheidenden Hinweis, stattdessen doch besser auf Gras oder Blatt umzuschwenken, was schließlich auch für den Fuchs bei weitem gesünder wäre. Den Traum von einem rein veganen Tierreich durfte die Limburger Fleischverächterin also nie träumen, denn dafür fehlt der Text. Dem aber wäre mit einer vierten Strophe ohne großen Aufwand nachzuhelfen, auch um künftiger Hetze gegen das Lied vorzubeugen:

    Willst du aber sicher sein,
    friss das Blatt, den Klee,
    lass die Mäuse Mäuse sein,
    dann tust du niemand weh.

    Jetzt aber hat sich die malträtierte Dame ein Herz gefasst und den Bürgermeister der Stadt inständig darum gebeten, das den Tiermord verherrlichende Lied aus dem Programm zu nehmen, um sie von den bösen Bildern, die es in ihr provozierte, zu befreien. Der Bürgermeister reagierte prompt und ließ das Lied unverzüglich aus dem Programm nehmen: „Wer bin ich, einen so freundlich vorgetragenen Wunsch abzuschlagen“, hat das Stadtoberhaupt den Vorgang kommentiert. „Schließlich wolle er keinen Glaubenskrieg zwischen Fleischessern und Veganern anzetteln.“ Eine wohl weise Entscheidung, wenn man an die ohnehin schon schwer gebeutelte Bürgerschaft Limburgs denkt, die ja – es ist noch nicht so lange her – eine schwere Glaubenskrise durchleben musste: Bischof Tebartz-van Elst und die Folgen.

    „Eine empathische Geste“, sprang ihm der Vorsitzende der Veganen Gesellschaft Deutschlands in böser Vorahnung bei, räumte aber kleinlaut ein, „dass sich womöglich nicht jeder Limburger mit der Bitte identifizieren könne.“ Doch es half nichts: Die bundesweite Empörung ließ nicht lang auf sich warten und fegte als Shitstorm mit Vehemenz über den wohlmeinenden Bürgermeister, der zu allem Überfluss auch noch Hahn heißt, hinweg. Angezettelt von entrüsteten Fleischadepten, von wem sonst, die sich von Hahn übel herausgefordert sahen und ihn umgehend zum Rücktritt aufforderten.

    Dieses rüde Verhalten brachte umgehend die Tierrechtsorganisation Peta auf den Plan, die Hahn und der veganen Dame zur Seite sprang. „Die Jagd auf Füchse sei unnötig und grausam“, ließ sie verlauten und forderte Hahn auf, das skandalöse Lied dauerhaft aus dem zu Programm nehmen. "Altertümliche Lieder wie dieses oder auch Märchen wie ‚Rotkäppchen und der böse Wolf' sind leider noch immer weit verbreitet und senden vor allem an Kinder ein falsches Zeichen, indem sie ein schlechtes Licht auf bestimmte Tiere werfen."

    Prompt hakte der Vegetarierbund Deutschlands nach und setzte noch eins drauf: "Wir erleben in unserer Gesellschaft gerade einen grundlegenden Wandel unserer Einstellung zum Thema Ernährung. Solche Veränderungen brauchen immer eine gewisse Zeit und erzeugen oft zunächst auch Diskussionen und Widerstände", ließ der Geschäftsführer des Fleischhasserbunds die aufgebrachten Bürger der Republik wissen, von denen mutmaßlich wohl kaum einer das Glockenspiel je gehört hat. Außerdem sei es gut, „Traditionen kritisch zu hinterfragen“, ergänzte der philosophierende Geschäftsführer. „Wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind, sollten wir uns von ihnen verabschieden. Unsere Tradition ist so vielfältig, dass sie nicht gleich daran zusammenbricht, wenn wir uns von einem Lied trennen.“

    Vom schwer gerupften Hahn ist allerdings kaum noch etwas zu hören. „Er denke an eine Schonfrist für den Fuchs, wolle das Lied jedoch in einigen Wochen wieder spielen“, lässt er die Leute wissen. Wahrscheinlich träumt er von den Bremer Stadtmusikanten. Da sitzt der Hahn nämlich obenauf und alles tanzt nach seinem Gekrächze.

    abgelegt in #Tags:
  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    GEDANKEN / 2
    TELEPATHIE FÜR ALLE
    11. Januar 2017

     

    Gedanken können etwas Wunderbares sein, schrieb ich hier im Dezember 2014 über die Inspiration. Vor allem dann, wenn sie einem so mir nichts, dir nichts in den Kopf schießen und man sich verwundert fragt, woher man sie nur hat. Solch befremdliche und wie aus jedem Zusammenhang gerissenen Gedanken, die den Anschein erwecken, als seien sie gar nicht die eigenen, kennt jeder. Und doch, von ihnen Notiz zu nehmen und sich auf sie einzulassen scheint aus der Mode gekommen, setzt man heutzutage doch auf Maschine statt auf Kopf.

    Jetzt aber haben sich die Dinge schlagartig geändert und zwingen mich dazu, vor solchen Gedanken eindrücklich zu warnen, denn sie könnten tatsächlich fremde sein und sich nicht nur so anfühlen. Facebook arbeitet nämlich an einer neuen Technologie, die es seinen Usern ermöglichen soll, eigene Gedanken ganz unmittelbar und sozusagen drahtlos mit Freunden zu teilen. Direkt von Gehirn zu Gehirn, und ohne sich dazu auch nur für einen Moment vor den PC hocken zu müssen. Wir werden einfach an etwas denken können und unsere Freunde werden im gleichem Moment in der Lage sein, diese Gedanken mitzuerleben, schwärmt der Konzernchef und verspricht seinen Kunden damit nichts anderes als die TELEPATHIE.

    Mir wird’s schwarz vor Augen, jetzt haben wir den Salat. Ab morgen gibt es Facebook also via Gedankenstrom, mir kribbelt es jetzt schon unter der Schädeldecke. Dank Telepathie, der Kunst des Gedankenlesens, zu welcher der Begriff Technologie bislang wirklich nicht passen wollte, glaubten doch nur Esoteriker wirklich an die Sache. Dabei räumten sie allerdings ein, dass diese Fähigkeit lediglich denjenigen vorbehalten sei, die übersinnliche Fähigkeiten besäßen. Gestandene Wissenschaftler hingegen schüttelten nur sarkastisch grinsend den Kopf, nannten das Ganze ein Psi-Phänom, was in deren Sprache nichts anderes als bekloppt bedeutet, und überließen es der Parapsychologie sich mit diesem Humbug herumzuschlagen. Wobei die James Randi Educational Foundation, die sich kritisch mit Psi-Phänomenen auseinandersetzt, ein Preisgeld von einer Million US-Dollar für denjenigen aussetzt, der unter wissenschaftlichen Bedingungen paranormale Fähigkeiten unter Beweis stellen kann – man weiß ja nie! Die Geheimdienste jedoch waren an diesem Gezänk nie wirklich richtig interessiert. Den Gedanken der telepathischen Nachrichtenübermittlung fanden sie einfach viel zu verlockend. So auch der KGB oder die CIA, die schon seit den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts intensiv an der Gedankenübertragung arbeiten.

    Schon 1960 wurde in der französischen Zeitschrift „Science et Vie“ behauptet, die Amerikaner hätten telepathischen Kontakt zu einem getauchten U-Boot hergestellt. Der Nautilus nämlich, dem ersten nuklear angetriebenen U-Boot der Welt. Angeblich fanden die Versuche während der Unterquerung des Nordpols im August 1958 statt. Die Sowjet-Offiziellen waren mächtig irritiert: sie fragten jeden Besucher aus dem Westen, was es denn mit dem Gerücht auf sich habe. Die Amerikaner konterten mit der Gegenfrage, ob es denn in der Sowjetunion noch Gespenster gäbe und ob es stimme, dass einer Moskauerin der Geist Lenins erschienen sei und sie diesen über Stalins wahren Charakter aufgeklärt habe?

    Jetzt aber hat Facebook die Katze aus dem Sack gelassen, das schier Unmögliche möglich gemacht und damit ein wahres Wunder vollbracht: Denn quasi über Nacht hat der Megakonzern aus einem diffusen esoterischen Hirnnebel eine praktikable Technologie entwickelt, die er künftig nicht nur einigen wenigen, sondern Milliarden von Facebookern zur Verfügung stellen will. Telepathie für alle! lautet die Devise. Ein Horrorszenario, das Schlimmstes befürchten lässt.

    Denn das heißt ja, dass wir bald unseren Gedanken nicht mehr werden vertrauen dürfen – unfähig zwischen eigenen und fremden zu unterscheiden. Und das nur, weil irgendein Userarschloch einem gerade im Hirn herumfuhrwerkt und im Stirnlappen ein Posting abgesetzt hat. Folglich ist es nicht unvernünftig, vor allem spontane Gedanken erst einmal aufmerksam von allen Seiten auf ihre Originalität hin zu überprüfen.

    Gedanken wie Ich liebe Dich! könnte man natürlich sofort als fremd dingfest machen. Wer sagt schon Ich liebe Dich! zu sich? Es sei denn, er ist Narzisst und denkt gerne so. Auch einen Gedanken wie Ach mein Lieber, ich hoffe, Du denkst so oft an mich wie ich an Dich? Entschuldige die Frage, sie ist mir nur gerade so durch den Kopf gegangen. Aber denk bloß nicht, dass ich dich unter Druck setzen will. Es war nur ein Gedanke. Ich jedenfalls denk an dich, hatte gerade dein Bild vor Augen! könnte auf Anhieb identifiziert werden. Wer denkt schon so? Nur Zwanghafte. Allerdings ginge einem der Schwachsinn nicht so schnell wieder aus dem Kopf, was einem mentalen Hausfriedensbruch gleich käme. Und apropos ... hatte gerade dein Bild vor Augen! Plant Facebook jetzt unter der Hand etwa auch noch die Bildertelepathie? Dann würde ich durchdrehen. Ständig fremde Bilder im Kopf hält doch kein Mensch aus!

    Und wer sagt denn, dass die User die Technik auch wirklich einigermaßen professionell beherrschen? Unter den Milliarden von Facebookern gibt es sicher auch eine Menge Deppen, die nur saudumme Gedanken durch die Gegend telepathieren und sich auch noch in der Adresse irren. Nichts anderes als Spam-Gedanken also, gegen die es allerdings keine Firewall gäbe. Ein Albtraum! Völlig ungeschützt diesen sogenannten Gedanken ausgesetzt.

    Die Gedanken sind frei! Dieser Gedanke bekäme augenblicklich eine nachgerade apokalyptische Dimension. Man würde sich auf einmal beim Wunsch ertappen, nicht mehr denken zu müssen. Wahnsinn!

    abgelegt in #Tags: