• TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    NEVEN'S LAW
    18. November 2019

    Den Eindruck, die Zeit rase und das immer schneller, teilen gegenwärtig viele Menschen: Die Ereignisse überschlagen sich! Man weiß schon gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht! jammern sie allenthalben. Selbst jüngeren Menschen, die noch nicht an der fixen Idee der älteren leiden, mit den Jahren beschleunige sich die Zeit und laufe immer rascher auf das eigene Ende zu, scheint das ebenso zu ergehen, obwohl sie das Leben ja praktisch noch vor sich haben.

    Dies allerdings nur äußerst vage und völlig diffus, kann doch niemand in die Zukunft sehen. So bleibt das Zukünftige für den Menschen immer nur ein rein imaginärer Raum, der ihm unter Umständen aber auch unversehens zur Projektionsfläche seiner eigenen Befindlichkeiten werden kann und ihn dann entweder hoffnungsfroh oder hoffnungslos in die Zukunft blicken lassen.

    Beim Gedanken an vergangene Epochen hingegen erscheint die Zeit eher wie eine eiskalte Abfolge von Daten und Ereignissen – nachgerade gnadenlos in die Dinge eingemeißelt oder in ihnen eingefroren, für immer ihrer Flüchtigkeit beraubt.

    So scheinen der Zeit – zumindest in der menschlichen Vorstellung – zwei Aggregatzustände eigen. Denn im Zukünftigen wirkt sie flüchtig wie Gas und im Vergangenen fest wie Eis. Und nur im Gegenwärtigen scheint sie für Momente etwas von ihrem wahren Charakter preisgeben zu wollen – so beispielsweise beim Blick aufs Ziffernblatt der Bewegung des Sekundenzeigers folgend. Denn mit jeder Sekunde, die der Zeiger weiter vorrückt, ist die gerade vergangene bereits Vergangenheit, wohingegen die nächstfolgende noch die Zukunft repräsentiert. Allein im Moment des Zeigersprungs also scheint Gegenwart zu herrschen – im Augenblick einer rein abstrakten Zeigerbewegung, in dem sich – wenigstens einen Wimpernschlag lang – aber auch jene physikalischen Abgründe auftun, in deren mystischen Tiefen sich der ewig dahinströmende Zeitfluss vermuten lässt, der alles mit sich wegzuspülen scheint.

    In diesem Sinne erscheint die Zeit mit dem Phänomen des Unwiederbringlichen absolut identisch. Eine Tatsache, die den Menschen zuweilen in tiefe Verzweiflung stürzt, weiß er doch, dass er sterblich ist – auf Gedeih und Verderb dem Lauf der Dinge ausgeliefert, der nur eine Richtung kennt und jegliches Zurück unmöglich macht: Ein zerbrochenes Glas bleibt für immer zerbrochen.

    Und dennoch, auch im Gegenwärtigen, dem Fluss der Zeit unmittelbar ausgesetzt, weist das menschliche Zeitempfinden ganz offensichtlich so seine Tücken auf, denn im Grunde ist und bleibt es es höchst subjektiv: So dehnt sich die Zeit beim Warten zuweilen ins schier Unerträgliche, als stünde sie still, wohingegen sie in Momenten des Glücks scheinbar wie im Nu vergeht und schon verflogen ist, ohne dass man es überhaupt mitbekommen hätte.

    So nimmt es auch nicht weiter Wunder, wenn alle Welt dem Glück wie besinnungslos hinterher jagt, als könne man es einfangen, wenn man nur schnell genug ist. Denn der Mensch scheint süchtig nach jenen Momenten, die ihn vermeintlich der Zeit entheben und so leicht werden lassen wie eine Feder, vermeintlich verschmolzen mit den Dingen um ihn herum.

    Werd ich zum Augenblicke sagen:
    Verweile doch! du bist so schön!
    Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
    Dann will ich gern zugrunde gehen!

    Faust, in dessen Person das Menschliche in all seinen Facetten zum Vorschein kommt, würde Goethe zufolge sogar sein Leben für einen solchen Moment hingeben, wie er Mephisto gegenüber behauptet.

    Doch der Schein trügt: Denn obgleich das menschliche Zeitgefühl eine überaus relative Angelegenheit ist, so ist es die Zeit selbst auch. Denn entgegen aller Erwartung fließt sie beileibe nicht so gleichmäßig und linear dahin, wie man vermuten könnte, obwohl sich Einsteins Erkenntnis mittlerweile eigentlich herumgesprochen haben dürfte.

    Doch die Relativität der Zeit scheint das menschliche Vorstellungsvermögen bei weitem zu übersteigen, da sich diese Mikroprozesse seiner Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit völlig entziehen und lediglich mithilfe von Präzisionsmessungen tatsächlich zu erfassen sind: So verrinnt die Zeit oben auf den Bergen etwas schneller als unten im Tal, weil starke Gravitationsfelder (wie die Erde zum Beispiel) den Zeitpfeil durch ihre Anziehungskräfte umlenken oder gar abbremsen, wenn dieser in deren Nähe und Wirkungsbereich gelangt. Körper (wie beispielsweise Satelliten) hingegen, die mit ungeheurem Tempo dahinrasen, lassen die Zeit auf diesen verwirrender Weise langsamer vergehen. Denn je schneller sich ein Objekt im Raum bewegt, desto träger läuft die Zeit dort auch ab.

    Mit diesen vielfältigen Interaktionen und Abhängigkeiten aber hat die Zeit ihre Absolutheit, die ihr im 17. Jahrhundert von Newton zugesprochen wurde, und die über Jahrhunderte ein fester Baustein der theoretischen Physik gewesen war, Einsteins Relativitätstheorie zufolge verloren, obwohl Newton felsenfest davon überzeugt war, ihr Geheimnis schlussendlich gelüftet zu haben: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit fließt an sich und ihrer Natur nach gleichmäßig, ohne Beziehung auf äußere Gegenstände“, erklärte er. Und eine solche Absolutheit gelte auch für den Raum, der vermöge seiner Natur und ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich bleibe.

    Diese Sichtweise aber hat sich seit Einstein grundlegend gewandelt, sind Raum und Zeit diesem zufolge doch nicht zwei voneinander völlig unabhängige physikalische Größen, sondern vielmehr funktional in der Raumzeit ineinander verschränkt, die neben ihren drei räumlichen Dimensionen die Zeit als vierte zur Seite hat. So gäbe es Einstein zufolge auch keine absolute Zeit, denn in verschiedenen physikalischen Bezugssystemen, wie sie beispielsweise starke Gravitationsfelder darstellen, vergehe sie unterschiedlich schnell.

    Doch solche Gesetzmäßigkeiten scheinen nicht nur für die Bezugssysteme der reinen Physik zu gelten, sondern irritierenderweise auch für diejenigen der digitalen Technologie. Das wenigstens behauptete der Halbleiter-Pionier Gordon Moore in einem Artikel, den er am 19. April 1965 in der Zeitschrift Electronics publizierte. Darin stellte er die These auf, dass sich die Anzahl an Transistoren, die in einen Schaltkreis festgelegter Größe passen würden, sich in der Zukunft etwa alle zwei Jahre verdoppele. Mit dieser Annahme hatte Moore den Nagel ganz offensichtlich auf den Kopf getroffen, da sich dessen Vorhersage im Verlauf der folgenden 50 Jahre tatsächlich bewahrheiten und bald auch als Mooresches Gesetz die Runde machen sollte, wobei es wenig später dann auch für die Prozessorleistung von Computern galt.

    Mit dieser Tatsache aber scheint für die Dynamik der Zeit ein völlig neues Bezugssystem in die Welt gekommen, das in erster Linie nicht auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruht, sondern eklatanterweise zunächst auf nichts anderem, als auf rein zivilisatorischen Errungenschaften. Und dennoch scheint auch dieses Bezugssystem, das den Entwicklungsprozess der digitalen Technologie repräsentiert, den Zeitablauf zu beeinflussen und ihn als digitale Revolution derart voranzutreiben, dass dieser die im normalen und alltäglichen Leben herrschende Zeit längst überholt und hinter sich gelassen hat. Was also bleibt den Menschen da anderes übrig, als seinen eigenen Errungenschaften besinnungslos hinterher zu hetzen?

    Die exorbitante Rasanz, die der digitalen Technologie innewohnt, lässt sich am besten an einigen wenigen drastischen Beispielen vor Augen führen: So besitzt heutzutage ein ganz normales Smartphone eine 120 Millionen Mal höhere Rechenleistung als sie der NASA-Steuercomputer des Apollo-Mondlandungsprogramms vor 50 Jahren hatte. Und noch 1994 wäre das iPad 2 einer der schnellsten Supercomputer der Welt gewesen, denn gegenwärtig passen schon bis zu 4000 Transistoren auf die Breite eines menschlichen Haares und sind so viermal kleiner als ein Influenzavirus.

    Diese atemberaubende Geschwindigkeit aber halte sich nicht mehr lange, orakelt der Fraunhofer-Experte Michael Bollerott, scheint aber nicht mitzubekommen, dass die Konzerne die Entwicklungsgeschwindigkeit von Computerchips mit neuen Aufbau- und Verbindungsmethoden eher noch steigern, da diese die mittlerweile in der Horizontalen ausgereizten Chip-Bauflächen jetzt auch in die Höhe treiben und die Transistoren einfach vertikal stapeln – ein Prinzip, das beispielsweise bei der Entwicklung von Toshibas 3D-Varianten nun auch Anwendung findet. Man könne sich den Bau solcher Chips wie bei einer Stadt vorstellen, die immer dichter besiedelt würde, meint Axel Störmann, der sich bei Toshiba vor allem mit Flash-Speichern beschäftigt. Irgendwann seien eben alle Bauflächen ausgenutzt, da ginge es nur in die Höhe weiter. So entstünden dann Hochhäuser und Wolkenkratzer – was soll’s!

    Demgemäß scheint die atemberaubende Geschwindigkeit der Zeit im Bezugssystem der digitalen Technologie trotz der Unkenrufe Störmanns absolut stabil zu bleiben und weiterhin exponentiell zu verlaufen. Das aber überrascht nicht, da der Zeitverlauf in einem derartigen System physikalisch vorgegeben ist und vom Menschen praktisch nicht zu beeinflussen oder gar aufzuhalten ist. Deshalb bleibt diesem auch nichts anderes übrig, als klein beizugeben und dennoch stoisch zu behaupten, bei der Entwicklung dieser Technologie lediglich das wirklich Machbare Schritt für Schritt voranzutreiben.

    In Wirklichkeit aber wird dem Menschen im Verlauf seiner vermeintlichen Forschungsaktivität praktisch jeder Schritt von der digitalen Maschine und den Prinzipien ihrer Technologie diktiert. Wobei diese ihm den jeweils nächsten nicht nur nahelegen, sondern nachgerade zwingend aufoktroyieren. Gefangen im Kanon einer mechanischen Entwicklungslogik, der die präformierten Konstruktionsmechanismen, die sich aus dem spezifischen Charakter der Maschine ergeben, lediglich ausführt, wobei ihm die Zeit um die Ohren fliegt.

    Jetzt aber drängt mit einem Mal eine vermeintlich völlig neuartige Technologie in die Welt, die das Digitale wohl bald in den Schatten stellen wird – die Technologie des Quantencomputers nämlich, die dieser Tage weltweit für Furore sorgte.

    Schuld daran ist eine Mitteilung von Google, in der es lapidar heißt: „Ein von Google entwickelter Chip, Sycamore genannt, konnte in 200 Sekunden eine Berechnung durchführen, für die der schnellste Supercomputer der Welt 10 000 Jahre gebraucht hätte." Deshalb sprechen die Forscher in ihrem Paper, das im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde, wohl auch von einem Meilenstein, da hiermit auch die Ära der Quantenüberlegenheit eingeläutet worden wäre, die ihr gemäß dann eingetreten sei, wenn ein Quantencomputer eine Aufgabe schneller als ein herkömmlicher Computer, der auf Digitaltechnik basiere, gelöst habe. Selbst der gegenwärtig beste Superrechner dieser Art, der Summit des Oak Ridge Labaratory in den USA, hätte bei diesem Tempo nicht mitgehalten und wäre schnell in die Knie gegangen. „Es ist der Hello world-Moment, auf den wir gewartet haben“, schreibt Googles CEO Sundar Pichai.

    Der von Googles Artificial Intelligence Quantum Team entwickelte Prozessor beruht also auf den Gesetzmäßigkeiten der Quantenmechanik, die mit denen der klassischen Physik nicht viel gemein haben und selbst Quantenphysiker manchmal ins Schwitzen bringen. So rechnet dieser nicht mit traditionellen Bits, die entweder den Wert von 1 oder 0 annehmen können, sondern mit Qubits, die dank dem quantenphysikalischen Phänomen der Superimposition, das die Überlagerung gleicher physikalischer Größen möglich macht, jeden Wert zwischen 1 und 0 annehmen können, was zu einer schier unvorstellbaren Steigerung der Rechenkapazität führt.

    Darüber hinaus ist jeder einzelne Qubit mit allen anderen verschränkt, was letztlich bedeutet, dass alle Qubits nicht nur absolut identisch und synchron operieren, sondern darüber hinaus auch alle Rechenoperationen nicht nacheinander, sondern parallel durchführen, womit sich die Rechenkapazität noch einmal ins Unermessliche steigert. Mit den 53 Qubits von Sycamore, die an der Berechnung beteiligt waren, wurde demzufolge eine parallele Darstellung von 2 hoch 53 Zuständen erreicht. Dies aber bedeutet noch lange nicht das Ende, denn schon 300 Qubits würden bereits mehr Zustände verkörpern, als es Atome im Universum gibt.

    Die Forscherinnen und Forscher ließen den Chip von Sycamore mit seinen 53 Qubits zufällig ausgewählte Algorithmen ausführen, deren Berechnung selbst auf Googles gigantischen Servern 50 Billionen Stunden gedauert hätte, wiederholten diese Sequenz dann millionenfach, und zeichneten währenddessen alle Ergebnisse auf. Zum Vergleich wurden die Ergebnisse mit einem herkömmlichen Supercomputer berechnet. Wie Google-Mitarbeiter in einem Video berichten, sei man irgendwann aber rasch an den Punkt gelangt, an dem die Supercomputer nicht mehr nachkamen.

    In diesem Sinne repräsentiert die Technologie des Quantencomputers das praktisch unvorstellbare Potenzial eines Bezugssystems, das die Zeit, die in dessen Wirkungsbereich gelangt – im Vergleich zum ohnehin schon exponentiell beschleunigten Zeitverlauf der digitalen Technologie – noch einmal exponentiell beschleunigt und damit deren Geschwindigkeit – zumindest in Teilbereichen des menschlichen Lebens – ins Schwindelerregende steigert.

    Dieses aberwitzige Phänomen wird vom Neven'sche Gesetz beschrieben. Es verdankt sich Hartmut Neven, dem Direktor von Quantum Artificial lab und besagt, dass sich Quantencomputer im Vergleich zu klassischen Computern künftig mit einer doppelt exponentiellen Geschwindigkeit an Rechenleistung entwickeln werden. Eine Absurdität, ist ein solcher Wachstumsprozess in der realen Welt doch nicht zu finden, was Bände spricht. Erst „sieht es so aus, als ob nichts passiert, gar nichts, und dann hoppla, plötzlich bist du in einer anderen Welt“ schwärmt Neven, der für das Projekt Sycamore federführend verantwortlich war.

    In einer anderen Welt? – Das wäre wohl wahrlich eine zu viel, wenn man allein an die unsere denkt, in der ohnehin schon alles so schnell vonstatten geht, dass keiner mehr mitzukommen scheint.

    abgelegt in #Tags:
  • MIERDA
    MIERDA
    VERÄPPELT!
    19. Oktober 2019

    Neulich machte eine Nachricht die Runde, die sprachlos macht. Zeigt sie doch auf besonders drastische Art und Weise, wie es wirklich um die instrumentale Mentalität der global agierenden Großkonzerne bestellt ist. So ist APPLE zwar ein amerikanischer Konzern, der im kalifornischen Cupertino seinen Sitz hat, das aber leider noch lange nicht heißt, dass dieser Megakonzern damit auch automatisch mit der Demokratie des Landes konform ginge und demgemäß agieren würde.

    So bekundet Apple nach außen hin zwar immer wieder, sich, zumindest in seiner Domäne, für ein transparenteres Internet einzusetzen – die sich ausbreitende Internetsucht sei wirklich eine Schande, wobei der Konzern auch nicht davor zurückscheut, dem Affen Political Correctness Zucker zu geben und für die Entwicklung neuer Emojis einzutreten, die Behinderte im Rollstuhl zeigen, als ob diese nicht weinen oder lachen könnten.

    Doch im Inneren des Konzerns scheint man von all dem nicht allzu viel wissen zu wollen und verfolgt offensichtlich eine ganz andere Strategie – und die heißt: Umsatz um jeden Preis. Mit dieser Ausverkauf-Devise scheint Apple mit allen Mitteln gegen den drohenden Imageverlust ankämpfen zu wollen, um weiterhin florierende Geschäfte machen zu können. Denn wirklich Neues hat der Konzern seit Jahren kaum mehr zu bieten, grundlegende innovative Ideen scheinen ihm auszugehen. Aber auch der ehemalige Absahner des Megakonzerns schwächelt – die Technologie des einst so erfolgreichen iPhones scheint völlig ausgelutscht. Steve Jobs, der Vater von Apple, der den Konzern mit seinen exorbitanten Erfindungen prägte und ihm damit seine vormals so schillernde Gestalt gab, ist schon eine Weile tot. Und ein frischer, ultrakreativer Kopf, der sein Erbe kühn weiterzuführen wüsste, bislang nicht in Sicht – APPLES Aura bröckelt.

    Also lebt der Konzern von dem, was er mehr oder weniger schon immer auf der Palette hatte. Was bleibt ihm sonst auch anderes übrig? Dabei ist APPLE gegenwärtig zu 20 Prozent seines Gesamtumsatzes von der Volksrepublik China abhängig. Und auf dieses Standbein will oder kann der Konzern offenbar unter keinen Umständen verzichten.

    Denn jetzt ist APPLE vor dem chinesischen Staatsapparat kurzerhand in die Knie gegangen und hat auf dessen harsches Drängen hin, die an sich relativ harmlose Verkehrsapp hkmap.live aus seinem Angebot entfernt. Da diese mobile Verkehrsanwendung aber auch die Bewegungen der Polizei dokumentiert hatte und deshalb von den Protestlern in Hongkong während deren Demonstrationen dazu benutzt worden war, ihre Aktionen und Bewegungen in der Stadt dementsprechend auszurichten, geriet APPLE rasch in den Fokus des chinesischen Regimes. APPLE hätte so die Aufständischen schamlos unterstützt und es ihnen so leichter gemacht, ihre gewalttätigen Aktionen durchzuführen, beklagte die Staats-Zeitung der Kommunistischen Partei aufgebracht. Man habe „Grund zu der Annahme, dass APPLE das Geschäft mit Politik und sogar illegalen Handlungen vermischt. Über die Konsequenzen seiner unklugen und rücksichtslosen Entscheidung“ müsse der Konzern nachdenken (Subtext: wisse er ja Bescheid), drohte das Parteiorgan. Das ließ sich APPLE offenbar nicht zweimal sagen und löschte die Anwendung umgehend aus seinem App Store Wer will sich schon seine Geschäfte verderben lassen? Diktatur hin, Diktatur her!

    Damit aber nicht genug: Denn schon vor zwei Jahren beugte sich APPLE der chinesischen Diktatur und entfernte auf deren Drohungen hin zahlreiche sogenannte VPN-Programme aus seinem Programm, mit deren Hilfe die ultrastrengen Internetsperren des Landes zu umgehen waren. Selbst die App der New York Times ließ APPLE schon in der Versenkung verschwinden und strich die Zeitung in seinem chinesischen Internetauftritt, weil der Staat es so wollte.

    In Wahrheit scheint APPLE mit dem demokratischen Rechtssystem nicht viel am Hut zu haben. Offenbar steht die Meinungsfreiheit für den Konzern zur Disposition. Im Gegensatz zum Prinzip der Gewinnmaximierung scheint APPLE von dieser nicht so viel zu halten. Stattdessen arbeitet das Unternehmen der gnadenlosen Zensur der chinesischen Diktatur kleinmütig zu, während es sich im Westen als liberal und aufgeschlossen präsentiert.

    Dem Kapitalismus aber sind solche Schlenker egal. Moralische oder gar ethische Kategorien sind ihm nun wirklich fremd. Und offenbar ebenso das politische System, mit dem er kooperiert, solange nur der Umsatz stimmt.

    Und damit operiert die chinesische Diktatur, die APPLE nun wahrlich nicht hängen lässt. So profitiert der Konzern gewaltig von den niedrigen Löhnen des Landes, in dem die Sonne nie untergeht, der dort allein im vergangenen Jahr 220 Millionen seiner iPhones und viele andere seiner Geräte produzieren ließ. Nicht zu vergessen, dass Foxconn, der einer der Vertragspartner von APPLE ist, zu den größten Arbeitgebern Chinas zählt.

    Im Grunde aber erscheinen APPLES chinesische Aktivitäten – so dumm es auch klingt – hinsichtlich ihrer menschenverachtenden Aspekte durchaus plausibel. Stehen sich Diktatur und Kapitalismus im Grunde doch wesentlich näher, als das zwischen Kapitalismus und Demokratie der Fall ist: Denn während diese all ihre Karten auf den Menschen setzt und ihn zum Volkssouverän erhebt, halten Kapitalismus und Diktatur nicht viel von diesem – es sei denn, er ist Konsument und funktioniert. Wie überhaupt der Konsum das einzige Phänomen zu sein scheint, das die Gesellschaften noch einigermaßen zusammenhält.

    So scheint auch Tim Cook, der gegenwärtige Chef von APPLE, genau der richtige Mann für das Unternehmen und vor allem für die Situation, in der es sich befindet, zu sein. Cook ist es nämlich gelungen, einen direkten Draht zum gegenwärtigen Präsidenten der USA Donald Trump herzustellen, ohne damit seine eigene multinationale Belegschaft oder gar die Kunden des Unternehmens zu vergraulen, die diesen Präsidenten verachten. Immer diskret im Hintergrund scheint Cook – den Trump schon mal Tim Apple nannte – stets das Optimale für seinen Konzern herauszuholen. So war es auch er, der Trump dazu überredete, zumindest das Weihnachtsgeschäft der Branche von den Strafzöllen gegen China zu verschonen.

    Hauptsache der Umsatz stimmt!

    abgelegt in #Tags:
  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    MYTHISCHE KOINZIDENZ
    18. September 2019

    Dass der Klimawandel und die nicht mehr zu leugnende Überhitzung des menschlichen Wesens so unmittelbar zusammentreffen, mutet wie eine eigentümliche, ja nachgerade mythische Koinzidenz an, die von fatalen Analogien zeugt: Denn während es in der Natur nur so brodelt, als würde das Klima überkochen, rauchen die Köpfe der Menschen, als hätten sie einen Hitzschlag erlitten und könnten keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen – Mensch und Natur drehen durch: Der Psychotisierung des menschlichen Geistes scheinen die chaotischen Turbulenzen der meteorologischen Strömungsverhältnisse zu entsprechen. Und während es im Amazonas lichterloh brennt entzünden sich die Gemüter der Menschen schon an jeder Bagatelle und schlagen hysterische Flammen. Ist das bloßer Zufall oder steckt doch mehr dahinter?

    Die Natur nimmt Rache am Menschen, da er sie zu zerstören droht – so ist allenthalben zu hören oder zu lesen. Doch halt, derartige Gedanken grenzen beileibe an puren Kitsch! Denn längst vergangen sind die Zeiten, in denen der Mensch noch glaubte, im Wirken der Natur das der Götter zu erkennen, die ihm durch Blitz und Donner ihren Willen kundtaten oder ihn gar durch Stürme und Unwetter für seine Hybris zu bestrafen suchten.

    Und doch, noch im 18. Jahrhundert schienen solch tief verinnerlichte Naturempfindungen im Menschen wach geblieben zu sein. So beispielsweise im Pantheismus, dessen Begriff auf den britischen Philosophen John Toland zurückgeht. „Es gebe kein von der Materie und diesem Weltgebäude unterschiedenes göttliches Wesen, und die Natur selbst, d.h. die Gesamtheit der Dinge, sei der einzige und höchste Gott“, bekundete dieser in seiner Abhandlung Adeisidaemon 1709.

    So waren die Götter jetzt zwar stumm geworden und hatten sich ins Ungefähre verzogen, doch das Göttliche an der Natur war im Empfinden des Menschen offenbar fest verankert geblieben, der sie nun sogar selbst zu Gott erklärte und diesen darüber hinaus auch in deren materiellen Dingen manifestiert sah. Hatte nicht schon Demokrit behauptet, alle Materie sei belebt?

    Die Gaia-Hypothese der Mikrobiologin Lynn Margulis und des Chemikers, Biophysikers und Mediziners James Lovelock aus der Mitte der 1960er Jahre revitalisiert diese atavistischen Naturempfindungen und transformiert sie kurzerhand ins Naturwissenschaftliche, indem sie jetzt die gesamte Erde und deren Biosphäre als Lebewesen betrachtet, das sich als ein dynamisches System selbst reguliere und allen Organismen ein selbstorganisiertes Leben ermögliche. So halte dieses System die natürlichen Bedingungen für deren Entwicklung und Evolution im stabilen Gleichgewicht und gleiche auch riskante Ungleichgewichte aus, welche die Existenz dieser Organismen ansonsten gefährden würden. Die Erde hilft sich selbst! – das ist die Kernaussage der Gaia-Hypothese.

    Demgemäß sei der Salzgehalt der Meere über Jahrmillionen nicht wesentlich angestiegen, wie auch der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre in diesem Zeitraum relativ konstant geblieben wäre. In diesem Sinn könne die Erdensphäre, in der alle Organismen symbiotisch zusammenwirken würden, als ein einziger, übergeordneter Organismus verstanden werden – so faszinierend und gleichsam magisch wie die Natur offenbar schon immer auf den Menschen gewirkt haben mochte.

    Offenbar konnten selbst die Säkularisierung und Verwissenschaftlichung des Denkens Lynn Margulis und James Lovelock nicht davon abhalten, sich mit ihrer „Hypothese“ ausdrücklich auf Gaia, die Urmutter der griechischen Mythologie, zu beziehen, was zunächst wie ein platter Anachronismus anmuten mag, in Wahrheit aber als ein mahnendes Plädoyer für ein offenes und weitsichtiges Denken verstanden werden muss, das – von tiefer Empfindung geleitet – immer nach dem Wesentlichen frage und trotz aller Systematik und allem Detailreichtum das Zusammenwirken der Dinge nicht aus den Augen verlieren würde.

    Deshalb müssten einem mechanischen Denken, dem es nur um Ursache und Wirkung ginge, solche Zusammenhänge zwangsläufig verborgen bleiben, wohingegen sich einem funktionalen Denken, das die mannigfachen Wechselwirkungen natürlicher Prozesse immer berücksichtige, diese gleichsam intuitiv erschließen würden. Ohne Hingabe an die Dinge sei keine profunde Erkenntnis möglich – Erbsen zählen, bringe in den Wissenschaften nichts! „Ich verstehe mich in erster Linie als Erfinder, nicht als Forscher“, sagt Lovelock. „Erst kommt die Erfindung, dann kommt die Wissenschaft. Und Erfindung beruht auf Intuition.“

    Obwohl die erwähnten Naturvorstellungen historisch so eklatant weit auseinander liegenden Epochen entstammen, haben sie doch alle eines gemeinsam: die tief gründende Überzeugung nämlich, in der Natur das Wirken nachgerade übergeordneter Kräfte erkennen zu können: Die Quelle aller spirituellen Empfindungen, die beispielsweise beim Blick in den nächtlichen Sternenhimmel in einem wachwerden und den Betrachter urplötzlich mit einer ungeahnten inneren Ruhe erfüllen, verbunden mit dem unbestimmbaren Verlangen, sich in den kosmischen Weiten auflösen zu wollen.

    Wen wundert es da, wenn wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge der Ursprung allen irdischen Lebens im Kosmos und nicht auf der Erde vermutet wird: So wären die Vorstufen bestimmter Aminosäuren, die unter terrestrischen Bedingungen nie hätten synthetisiert werden können, über Meteoriten vom Himmel auf die Erde herabgeregnet und hätten ihr so das Leben gebracht.

    Heutzutage aber spielen solch’ kosmische Empfindungen kaum noch eine Rolle. Das liegt vielleicht auch daran, dass immer weniger Menschen kaum mehr die Chance haben, die Natur überhaupt noch erleben zu können. So ist der nächtliche Sternenhimmel in den Ballungszentren der menschlichen Zivilisationen aufgrund der allgegenwärtigen Lichtverschmutzung praktisch nicht mehr zu sehen. Und auch der unmittelbare Naturkontakt in der Einsamkeit ist für viele Erdenbürger kaum mehr zu haben: Der krebsgeschwürartig anwachsende Massentourismus zum Schnäppchenpreis frisst sich mittlerweile ja schon in die unzugänglichsten Erdregionen, wo man es den ignoranten Touristenmassen allerdings relativ leicht zu machen versucht, sich über steile Schluchten hinwegführende Spannbrückenkonstruktionen hinweg, oder über extrem enge Trampelpfade, angeseilt in luftiger Höhe am Abgrund entlang, allmählich ihrem Zielpunkt nähern zu können, um sich dann endlich auf irgendeiner gigantischen Aussichtsplattform wiederzufinden, von wo aus die Eventgeilen wie automatisch Millionen ultimativer Instagram-Bilder vom aufgeilenden Panorama produzieren, für das sie sonst offenbar kein Auge mehr haben – my God, how nice!

    Sogar kurz vor dem Gipfel des Mount Everest in 8848 Metern Höhe bilden sich auf den letzten Schritten neuerdings schon Menschenschlangen, sodass die Angeschlagenen der Höhenberauschten, die kurz vor dem Ziel in der dünnen Luft noch eine Ewigkeit warten müssen, irgendwann vor Erschöpfung in die Knie gehen, einen Herzinfarkt erleiden oder gleich in die Tiefe stürzen.

    So ist dem Menschen die Natur mittlerweile fremd geworden oder gar zur bloßen Kulisse verkommen – leblos und stumm. Ein Ehepaar aus München streitet sich mit einem Hotel aus Zell am See in Österreich. Weil dieses sich durch zu lautes Vogelzwitschern gestört fühlte, verlangt es jetzt sein Geld zurück. An einem spanischen Strand erstickt ein Babydelphin, weil eine Horde von Touristen ihn so lange herumträgt und betätschelt, um Selfies mit dem Tier zu machen, bis dieses schließlich in ihren Händen erstickt. Für manche Gartenbesitzer ist die Natur heutzutage sogar schon zum veritablen Feindbild geworden. Wild entschlossen lassen sie sich ihre Gärten mit Kies oder Beton versiegeln, um endlich Ruhe vom Wildwuchs zu haben.

    Aber so oder so – jetzt meldet sich die Natur zurück. Und dies, ohne von irgendjemanden darum gebeten worden zu sein, und alles andere als magisch, sondern vielmehr knallhart und ganz ohne Gott, da sie sich offenbar – ganz entgegen Lovelocks Überzeugung – selbst nicht mehr zu helfen weiß. In Wahrheit aber reagiert sie lediglich auf den Menschen: Die exorbitanten Schadstoffemissionen seiner Zivilisationen und den eklatanten Raubbau, den er mit ihr betreibt, bringen sie im wahrsten Sinn des Wortes zum Überkochen, wobei sie doch im Grunde nur eben denselben physikalischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten folgt, denen auch der Mensch unterworfen ist. Dessen Gemüt kocht zwar ebenso über, dies aber aus ganz anderen, eher inneren Gründen, die vor allem psychodynamischer Natur sind und mit der äußeren erst einmal wenig gemein haben.

    Denn gegenwärtig setzt sich der Mensch selbst mächtig unter Dampf und heizt sich gehörig ein: Denn die Tatsache, dass ihm die Dinge mehr und mehr entgleiten und im Eigenlauf begriffen scheinen, lässt ihn zunehmend unsicherer, nervöser und sprunghafter werden. Doch der eigentliche Grund hierfür bleibt ihm offenbar verborgen, denn unter den Bedingungen des allgemein grassierenden Konsumwahns, der das psychopathologische Unterfutter des allgemeinen Wohlstands darstellt, schwindet ihm zusehends die kritische Selbsteinschätzung, während seinem Verstand die wesentlichen Qualitäten einer adäquaten Wahrnehmung und profunden Analysefähigkeit verlustig gehen. Die Dinge des Lebens einzig nur noch nach Geld zu bemessen, haben in dessen Mentalität fatale Folgen hinterlassen – seine Sinne und Instinkte erlahmen und fügen seinem ohnehin schon mechanisiertem Denk- und Empfindungsvermögen zusehends erhebliche Blessuren zu. Demgemäß zerfällt ihm die Welt vor seinen ratlosen Augen in lauter Fragmente – physisch wie psychisch!

    Darunter leidet nicht zuletzt auch die instrumentale Intelligenz seiner Vernunft: Angesichts der enormen Herausforderungen des Klimawandels, den er sich selbst eingebrockt hat, wirkt er zunehmend ungeschickt, hektisch und letztlich ratlos, die Dinge noch beim Schopf packen zu können, um seine existenziellen Grundlagen den natürlichen Gegebenheiten auf Erden anzupassen. In diesem Zusammenhang treibt dessen beklemmende Irrationalität die absurdesten Blüten. In ihrer Rubrik Wie erkläre ich’s meinem Kind? lässt die FAZ die Leute Folgendes wissen: „Wer etwas für den Klimaschutz tun will, sollte am besten aufhören Fleisch zu essen. Das hört man immer wieder. Doch unter Umständen sind Kühe sogar gut fürs Klima!“ Und in der Reihe Die großen Fragen der Liebe zieht sich DIE ZEIT ins Schneckenhaus zurück und fragt „Wie viel Erdbeermüsli braucht man für die Gemütlichkeit?

    Aber auch der Gemeinschaftssinn des Menschen zerbröckelt. Die Verhaltensweisen, die er in der Öffentlichkeit mittlerweile an den Tag legt, scheinen immer irrationaler und unberechenbarer zu werden und keinem Gefühl von Anstand, Verantwortungsgefühl oder gar Scham mehr zu gehorchen. In manchen Fällen stellt sich sogar die Frage, ob der Mensch überhaupt noch Herr seiner Sinne ist? Denn nicht selten entziehen sich dessen Verhaltensweisen mittlerweile jeglicher Nachvollziehbarkeit und ergeben im Kontext seiner privaten und sozialen Bedingtheiten psychodynamisch keinen rechten Sinn mehr.

    Die offenkundige Psychotisierung des menschlichen Geistes und Verhaltens, welche den psychischen Impuls und die äußere Aktion gleichsam entkoppelt, so dass diese praktisch sinnlos erscheint, stellt den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor schwerwiegende Probleme. Schließlich funktioniert das Miteinander nur dann, wenn (möglichst) alle Mitglieder einer Gesellschaft den ihr zugrunde liegenden, wie auch immer kulturell ausgeformten Sozialkodex verinnerlicht haben und sich dementsprechend verhalten.

    So hat der Mensch nicht nur die äußere, sondern auch seine innere Natur aus dem Blick verloren. Man könnte sogar sagen, er fühle sich nicht mehr und wäre deshalb auf äußeren Beistand angewiesen. Und richtig – was wäre der Mensch heutzutage noch ohne App!

    Nun aber steht der mental Geschwächte mit einem Mal völlig konsterniert vor einer in Rage geratenen Natur, die ihn in seine Grenzen verweist. Bibbernd bangt er um seine Lebensgrundlagen. Zum ersten Mal in seiner ohnehin relativ kurzen Geschichte auf Erden sieht er sich mit dem möglichen Ende seiner eigenen Gattung konfrontiert.

    Doch das will der Hilflose offenkundig nicht so recht wahrnehmen und vergiftet nicht nur die Natur, sondern jetzt auch sich selbst und wird so auch zum physischen Opfer seiner zivilisatorischen Errungenschaften: Einer Studie zufolge sind mittlerweile „fast alle Kinder und Jugendliche in Deutschland mit Weichmachern, also Rückständen von Plastikinhaltsstoffen belastet“, konstatiert Marike Kolossa-Gehring, eine der Autorinnen der Studie und Toxikologin beim Umweltbundesamt. „Dabei ist wirklich besorgniserregend, dass die jüngsten Kinder als die sensibelste Gruppe am stärksten betroffen sind." (1)

    Das aber scheint viele (erst einmal) nur mittelbar zu tangieren, da sie sich von der Realität längst verabschiedet und sich in den Cyberspace zurückgezogen haben. Dessen virtuelle Sphären sind es, von denen sie sich wie magisch angezogen fühlen und die ihnen offenbar mittlerweile zur Ersatzrealität geworden sind. Das dröge und enervierende Leben draußen hat ihnen ohnehin kaum noch etwas zu sagen. Denn dort herrscht Stress, Druck und Zwang bei allgegenwärtiger Konkurrenz und gnadenlosem Wettbewerb, dem sie sich letztlich als Einzelkämpfer stellen müssen. Ein jeder muss sehen, wo er bleibt, wenn er denn mithalten will, lautet deren innere Devise.

    Da scheint es nachgerade plausibel, wenn die so Gebeutelten sich ins Onlineleben hinüberretten und der Wirklichkeit allmählich verdrossen den Rücken zukehren. Denn in den schier grenzenlosen Gefilden des Cyberspace können sie wenigstens noch der Hoffnung nachjagen, eines Tages doch noch ihre Ansprüche ans Leben in Erfüllung gehen zu sehen. Wie Besessene hetzten sie dem Glück hinterher, das ihnen allerdings so unter ihren schwitzenden Händen auf der Tastatur zerrinnen muss.

    Aus dem Menschen ist ein User geworden, der allerdings auch im Cyberspace ein Einsamer bleibt: „Ich fühle mich wie eine Hülle ohne Inhalt. Langsam leer gesaugt von einer Kraft, die ich gar nicht recht fassen kann. Ich wache morgens auf und lasse mich in eine Welt saugen, die auf den ersten Blick so unendlich vieles bereithält, mich am Ende des Tages aber wieder ausspuckt – leer und taub. Rausspuckt in eine Welt, die mir immer fremder wird, weil in ihr immer mehr Menschen leben, die scrollend umherwandern wie Tote, physisch da, aber innerlich weg. Die Welt, die ich manchmal sehe, wenn ich die digitalisierte Zukunft sehe, macht mich traurig. Sie fühlt sich so fremd an und so gar nicht nach etwas, was glücklich macht.“ (2)

    Glück? – Endgültig vergessen scheint der Tag des 21. Juli 1969, als um 3:56 Uhr MEZ im Zuge der Mission Apollo 11 mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin die ersten Menschen den Mond betraten, deren Aufnahmen vom Aufgang der blauen Erdkugel überm Mondhorizont in den Herzen der Menschen rund um den Globus bald für Furore sorgten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte auf Erden sahen die Menschen ihren Heimatplaneten einsam und verloren durch die schwarzen kosmischen Weiten dahinschweben, wodurch ihnen mit einem Mal auf ganz besonders eindrückliche Art und Weise bewusst wurde, wie klein und verletzlich die Weltenkugel ist – für Momente hielt die Menschheit den Atem an, rückte zusammen und ließ sie ihrer Existenz inne werden – ein tiefes Verantwortungsgefühl für ihren Heimatplaneten erwachte plötzlich in ihren Herzen. Empfindungen, die jedoch nicht lange währten, da sie entweder bald vergessen waren, oder binnen kurzer Zeit den Verschwörungstheoretikern zum Opfer fielen, die behaupteten, Stanley Kubrick hätte diese Bilder in seinen Londoner Filmstudios produziert.

    So hat es mittlerweile nicht nur die Natur, sondern auch die Realität schwer, überhaupt noch in die vernagelten Köpfe der User vorzudringen. Sind deren Gehirne doch mit dem virtuellen Geglitzer des Cyberspace so vollgepackt, dass diese bizarre Welt ihm längst zur zweiten Natur geworden ist. So scheint es den Usern immer schwerer zu fallen, sich überhaupt noch auf die Welt der realen Dinge einzulassen und sich auf sie zu konzentrieren. Ohne den Cyberspace scheinen sie verloren: Neulich ist in Ulm eine junge Frau verzweifelt ins Wasser gesprungen weil ihr das Smartphone in die Donau gefallen war. Wie von Sinnen tauchte sie nach ihrem versunkenen Cyberspace und ertrank.

    Ob der Mensch in seiner gegenwärtigen mentalen Verfassung überhaupt noch in der Lage ist, sich seiner Zukunft zu stellen, scheint mehr als fraglich, weiß er doch gegenwärtig schon nicht mehr so genau, zwischen Fakt und Fake zu unterscheiden. Der zunehmend seine Sinne vernebelnde Realitätskonflikt der Wirklichkeit gegenüber machen ihn immer unsicherer und anfälliger, den Dingen nicht auf den Leim zu gehen. What’s real? Zukunftsfähigkeit sieht anders aus!

    Während der Klimawandel ungebremst seinen Verlauf zu nehmen scheint, hat sich der Mensch aus vollem Herzen in die Arme der Cyberspacemaschine geworfen. Und dies freiwillig, und ohne groß nachzudenken. Dass er damit sein Denken und Fühlen mehr und mehr schwächt, scheint ihn nicht zu bekümmern. Und offenkundig ebenso wenig die Tatsache, dass er beim Surfen nach Strich und Faden betrogen und darüber hinaus auch noch rund um die Uhr schonungslos überwacht wird. „Zuviel Freiheit ist nicht gut für den Menschen!“, sagt ein Staatschinese über die Revolte in Hongkong.

    Aus dem Leben des Menschen ist ein Onlineleben geworden. Ohne Haut und Haar lebt er im Cyberspace – dem Zerrbild der Wirklichkeit draußen in der Welt. Und im Cyberspace ist der Klimawandel natürlich Hype. Wie alles andere, das den User bewegt. Und das kann erst einmal alles sein. Denn ihm kommt es im Wesentlichen nur auf die Klicks an, mit denen ein Thema auf ihn zurauscht, wenn er sich dafür schon interessieren soll. Millionen Klicks machen den User heiß, da ist ihm das Thema schon beinahe egal, wenn er nur in Dauererregung richtig mitmischen kann. Seine Meinung zählt – Daumen hoch oder Daumen runter!

    So hat es auch das Thema des Klimawandels im Cyberspace ziemlich schwer. Denn auch dieses wird (wie jedes andere) gnadenlos durch den Cyberspacewolf gedreht. Und dies hektisch und kopflos überzogen und immerzu aufgebracht oder empört – eine andere Gemütslage scheint der User nicht zu kennen. Damit aber wird dem Klima im Cyberspace erst richtig zugesetzt, wobei es dort jetzt noch ungemütlicher wird, als es ohnehin schon draußen ist: Denn im Geschwätz der User spaltet sich die reale Bedeutung des Klimawandels in Blitzesschnelle von den imaginierten Phänomenen, die dessen Gestalt und Charakter in den Köpfen der Menschen hervorruft, ab, sodass diese Imaginationen im Posten und Chatten der User ohne reales Gegenlager bald zu deren wildesten Fantasien verkommen, die sich in Sekundenbruchteilen auf inflationäre Art und Weise vervielfältigen und schließlich nichts anderes mehr hinterlassen, als einen milliardenfach aufgeheizten Meinungsbrei, in dessen hysterischem Furor noch jedes Thema zwangsläufig ersticken muss. Kein Wunder also, dass viele der User vehement für den Klimawandel eintreten, sich aber in Wahrheit rigoros gegen persönliche Einschnitte wehren: Realität ist eben nicht gleich Realität – so funktioniert das Gehirn des Users nun mal.

    Der Mensch braucht Hilfe, um wieder in die Realität zurückzufinden, das scheint klar! Wer aber könnte ihm diese bieten? Das ist die entscheidende Frage! Die Maschinen, auf die er so große Hoffnungen setzt, werden ihn wohl nicht retten können. Oder etwa doch?

    So wenigstens sieht es völlig überraschend James Lovelock, der Vater der Gaia-Hypothese. Denn jetzt hat der Forscher mit 100 Jahren ein neues Buch verfasst, das mehr als Erstaunen hinterlässt: Denn offenkundig hat er das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Erde, und erst recht das in den Menschen verloren. Novozän heißt das Buch Lovelocks. Darin skizziert er ein bemerkenswertes, ja aberwitziges Zukunftsszenario, das allerdings gar nicht so abwegig erscheinen mag, wenn man die gegenwärtige Entwicklung des Menschen in ihrer schier ausweglosen Brisanz konsequent in die Zukunft weiterdenkt.

    So würde an die Stelle des Anthropozäns, einer Ära der vom Menschen geprägten und veränderten Erde, eines Tages das Novozän treten, in dem Wesen der Künstlichen Existenz das Sagen hätten. Wesen, die um ein Vielfaches schneller denken könnten als Menschen und als einzige in der Lage wären, die Erdtemperaturen – allein aus eigenem Interesse – auf verträglichem Niveau zu halten. Dass sie hierfür organisches Leben bräuchten, sei diesen Wesen absolut klar. Deshalb würden sie die Menschen konsequenterweise unter Naturschutz stellen und diese sich als Haustiere oder Spielzeuge halten, um sie von weiteren Schandtaten abzuhalten.

    „So we do not have to assume that the new artificial life that emerges in the Novascene is automatically as cruel, deadly and aggressive as we are“, erläutert Lockewood in diesem Zusammenhang. „It may be that the Novascene becomes one of the most peaceful ages of Earth. But we humans will for the first time be sharing the Earth with other beings more intelligent than we are.“ (3)

    Aber wie immer es auch zukünftig um den Menschen bestellt sein wird, das Allerschlimmste ist es wohl, dass er gegenwärtig den Glauben an sich verloren zu haben scheint. Wer aber will ihm diesen zurückgeben? Er selbst scheint dazu nicht in der Lage, zu weit schon hat er sich von sich selbst entfernt. Wie ein Lemming hastet er auf den Abgrund zu. Vielleicht braucht er also doch irgendwelche superintelligente Ammen, die ihn vor dem Gröbsten bewahren und ihn im Krabbelkasten überleben lassen?

     

    (1)  Annette Bruhns und Milena Pieper
          Umweltbundesamt – Fast alle Kinder sind mit Weichmachern belastet.
          SPIEGEL ONLINE

    (2)  Anna Miller
          Ein Leben nach dem Internet. Jetzt.
          ZEIT ONLINE 2019

    (3.1)  nature - International journal of science
             James Lovelock
             Novascene. The Coming Age of Hyperintelligence. ALLEN LANE.

    (3.2)  Penguin Random House
             James Lovelock
             Novascene. The Coming Age of Hyperintelligence. ALLEN LANE.
             Penguin Random House. UK. 2019

    abgelegt in #Tags:
  • TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 16ALS WÄR’S EIN ZEICHEN
    21. Mai 2019

    Foto: screenshot/ instagram mathieulehanneur

    NOTRE-DAME, die Kathedrale des Erzbistums von Paris, steht in Flammen und die ganze Welt schaut zu: Live-Bilder in Medien und TV machen die Menschen rund um den Globus zu Augenzeugen der Katastrophe und lassen sie erschüttert und entsetzt zurück. Ein globales Lamento hebt an – eine Art lang gedehnter Twitter-Aufschrei mit dem die Erdenbürger, egal welcher Couleur oder Nation, angesichts des Desasters für Augenblicke zusammenzurücken scheinen. Was ist bloß in sie gefahren? Der Brand eines 900 Jahre alten Sakralbaus scheint sie mitten ins Herz getroffen zu haben. Warum? Die Spekulationen darüber treiben irre Blüten.

    Frankreich blutet Flammen! – Oh mein Gott! Die Hölle holt Notre-Dame! titelt die Journaille am nächsten Tag und versucht aus dem Kathedralenbrand mit pseudoreligiösem Jenseitsgeschwafel medial Kapital zu schlagen. Doch die verlogenen Töne wollen nicht so recht zünden: Über Paris ist nicht urplötzlich Gottes Rache hereingebrochen. Und ebenso wenig hat der Teufel seine Krallen nach der französischen Nation ausgestreckt. Solch ein Nonsens lässt die User kalt, spielt die christliche Religion in deren Leben doch kaum noch eine Rolle.

    Aber auch die Kathedrale NOTRE-DAME selbst hat sich im Verlauf ihrer langen und ereignisreichen Geschichte weit von ihrer einst so illustren religiösen und kulturellen Bedeutung entfernt und steht heutzutage nur mehr für ein relativ einsames Bauwerk aus grauer Vorzeit, das allein wegen seiner nach wie vor äußerst beeindruckenden Monumentalität zu einer der Toppattraktionen der französischen Hauptstadt zählt und jährlich von 13 Millionen Touristen auf der Île de la Cité besucht und bestaunt wird.

    Dabei war es ursprünglich ein wahrhaft kosmischer Glaube, der NOTRE-DAME Mitte des zwölften Jahrhunderts Realität werden ließ. Animiert von einem Traktat, der Theologia Mystica des Dionysius Aereopagita, dem ersten Bischof von Athen im ersten nachchristlichen Jahrhundert.
    Dieses Traktat inspirierte den aus einfachen Verhältnissen kommenden Mönch Suger, der im Jahre 1122 zum Abt des Klosters Saint-Denis gewählt worden war und damit auch für dessen Neugestaltung und Erweiterung Sorge tragen sollte, zu einer absolut neuartigen und bahnbrechenden Sakralarchitektur, die in der Folge als gotischer Baustil Geschichte schreiben sollte, und sich demzufolge einzig der Idee eines einzelnen Mannes verdankt.

    Das im Norden von Paris liegende Kloster Saint-Denis blickte damals schon auf eine äußerst bewegte und vor allem machtpolitisch geprägte Geschichte zurück: Es war im 4. Jahrhundert über dem Grab des heiligen Dionysius von Paris – dem ersten Bischof der Stadt, errichtet worden, und diente den fränkischen Königen bereits seit dem Jahre 564 als geistig zentraler Ort und Beisetzungsstätte. Mit dem 10. Jahrhundert entwickelte sich das Kloster dann rasch zum Mittelpunkt der aufstrebenden französischen Monarchie und bildete bald den Kristallisationspunkt der Nationalidee Frankreichs, weshalb auch dessen Könige bis 1830 beinahe alle in Saint-Denis beerdigt wurden.

    Gott ist Licht – das ist die zentrale Aussage der Theologia Mystica. „An diesem ursprünglichen, diesem unerschaffenen und schöpferischen Licht hat jeder teil“, so kommentiert Georges Duby das Traktat des Dionysius Aereopagita in seinem grundlegenden Buch Die Zeit der Kathedralen. (1) „So empfängt jede Kreatur die göttliche Erleuchtung, um sie selbst wieder auszustrahlen. Hervorgegangen aus einem Strahlenmeer, ist das Universum ein leuchtender Quell, der in Kaskaden herabstürzt, und das Licht, das vom höchsten Wesen ausgeht, beruft jedes einzelne erschaffene Wesen auf seinen unveränderlichen Platz. Zugleich vereinigt es sie alle. Als Band der Liebe durchflutet es die ganze Welt, versetzt sie in den Zustand der Ordnung, verleiht ihr inneren Zusammenhalt, und da jeder Gegenstand das Licht mehr oder weniger reflektiert, bringt das Strahlenmeer durch eine ununterbrochene Kette von Reflexen eine umgekehrte Bewegung in Gang, die aus der tiefsten Finsternis emporsteigt, eine Spiegelbewegung, die zum Herd des Lichts zurückkehrt.“

    Dionysius Aereopagitas Vision war für Suger bald zur Obsession geworden, sodass er beim Neubau der Kirche von Saint-Denis alles daransetzte, eine Architektur ganz aus Licht zu erschaffen. So wollte er das Göttliche sinnlich erfahrbar werden lassen. Eine aberwitzige Idee, die in letzter Konsequenz ja bedeutet hätte, beim Bau der Kirche auf alle Materialität zu verzichten. Suger aber sah die Dinge offenbar wesentlich realistischer und zielte ingeniös aufs wirklich Machbare ab.

    Folglich versuchte er das Mauerwerk gleichsam zum Verschwinden zu bringen indem er die Außenmauern – hinter Säulengängen im Hauptschiff, den sogenannten Arkadenzonen verborgen – so weit wie möglich nach Außen rückte, um sie den Blicken der Gläubigen zu entziehen. In den Außenmauern selbst sollten überdimensionale Buntglasfenster in überraschend filigranen Wandstrukturen dafür sorgen, den imposanten Innenraum der Kathedrale auf indirekte und magische Art und Weise mit in allen Spektralfarben funkelndem Licht zu durchfluten, so als wären dessen Sphären nicht von dieser Welt. Demgemäß sollten sich die Strahlen einer schwebenden Jenseitigkeit mit den Seelen der Diesseitigkeit in einem irisierenden Lichtermeer paaren – in ewiger Kreisbewegung und als „Kunst des Lichtspiels und seiner strömenden Ausstrahlung“. (Duby)

    So wurde das Äußere des Bauwerks für Suger nachgerade zwangsläufig zur Nebensache und musste erst einmal dazu dienen mithilfe eines ausgeklügelten Stütz- und Strebewerks an den Außenseiten der Kathedrale die enormen statischen und konstruktiven Probleme seines aberwitzigen Lichtprojekts im Inneren lösen zu helfen. Schließlich träumte Suger von waghalsigen Höhen und ungeahnten Tiefen, welche die Baumeister seiner Zeit zunächst zwar vor schier unlösbare Herausforderungen stellten, sie dann aber doch bravourös obsiegen und triumphieren ließ.

    Von Visionen dieser Art ist heutzutage kaum noch etwas übriggeblieben, denn das spirituelle Empfinden und Denken, in kosmischen Phänomenen Sinn und Struktur zu vermuten, scheint aus der Welt gekommen. Mit dieser tiefen Überzeugung aber führte Sugers spektakuläres Vorhaben den Glauben nachgerade intuitiv aus der klerikalen Enge eines Jahrhunderte alten, mystischen und dunklen Denkens urplötzlich aus der Finsternis mitten ins faszinierende Reich des Lichts, dessen physikalische Strahlungsenergien der Welt zu ihrer Erscheinung verhelfen und sie in all ihrer Einzigartigkeit und Besonderheit erst sichtbar und erlebbar werden lässt – Gott ist Physik.

    Mit Sugers kosmischem Denken kommt überraschend frischer Wind in die Geistesgeschichte: Denn allmählich befreit sich der religiöse Glaube vom Numinosen und beginnt sich in den offenen und vielgestaltigen Sphären des sich brechenden Lichts zu sonnen. Dann wird es nur mehr wenige Jahrhunderte dauern, bis sich dieses, vor allem nach dem belebten Außenraum hin orientierende Empfinden und Denken in der Renaissance in blanke Neugier und unstillbare Wissbegier verwandelt haben wird. Denn jetzt will der Mensch wissen, was wirklich hinter den Dingen steckt – angetrieben von einem Ganzheitsempfinden, das in Zusammenhängen denkt und keine Grenzen zwischen Kunst und Architektur und Wissenschaft mehr kennt.

    Es ist sicher kein Zufall, dass mit der Erbauung von NOTRE-DAME in den Jahren 1163 bis 1345 nicht nur die gotische Architektur erneut für Furore sorgte, sondern auch eine ganz andere Kunstgattung, deren Quantensprung zu dieser Zeit ohne das irisierende, in allen Rosettenfarben funkelnde Strahlenmeer des Kathedralenraums nicht denkbar gewesen wäre. Denn offenbar bestachen dessen magische Schwingungen nicht nur die Augen der Gläubigen, sondern auch die Ohren der Musiker der NOTRE-DAME-SCHULE, die in der Kathedrale wirkten und angesichts der optischen Vielstimmigkeit des Wunderlichtraums mit dem Organum die mehrstimmige Musik erfanden.

    Es waren die Magister Léonin und Pérotin, die im Zeitraum von 1160 bis 1250 diese bahnbrechende Erfindung zu Wege brachten. Zwei Musiker, die den bis dahin im Prinzip nur einstimmig gesungenen gregorianischen Chorälen Raum und Farbe zu geben wussten und diese mit einem Mal vielstimmig den Gläubigen in der Kathedrale zu Gehör brachten – so als sängen Raum und Licht zugleich und würden sich ineinander verschränken.

    Die Prinzipien ihrer neuen Musik legten Léonin und Pérotin in ihrem Traktat Magnus liber de antifonario et graduali dar und schufen somit die wohl erste Kompositionslehre in der Musikgeschichte. Mit dieser war es nun möglich, die bislang geübte Tradition erst zu singen und dann das Gesungene aufzuschreiben, gleichsam zu entkoppeln und das, was gesungen werden sollte, in seiner präzisen musikalischen Ausgestaltung schon vorher festzulegen und zu notieren. So war mit dieser Methode mit einem Mal die Idee der Partitur geboren, eine sensationelle Erfindung, welche die Musikgeschichte fürderhin revolutionieren sollte.

    Mit der Mehrstimmigkeit aber sah sich die musikalische Zunft vor ähnlich große Herausforderungen gestellt, wie die damalige Baukunst, die sich mit Sugers ingeniösen Lichtsphären urplötzlich konfrontiert sah. Ging es für die Komponisten nun doch darum, das bislang nur einstimmig Gesungene in ein vielstimmig geordnetes Miteinander zu überführen, um keine wilde Kakophonie entstehen zu lassen. Dies aber war nur möglich, wenn jede einzelne Stimme sich an übergeordneten Regeln orientierte, die für alle verbindlich sein sollten und einen harmonischen Zusammenklang so erst ermöglichen würden.

    Die Kriterien für einen derartigen Abgleich der Stimmen waren Léonin und Pérotin im Grunde klar, betraf dieser doch konkret die Zeitdauer der Töne und damit deren rhythmische Aufeinanderfolge – Qualitäten also, die in der Notation der Komposition präzise verankert sein mussten. Nur so konnte es gelingen, nicht nur jeder einzelnen Stimme einen eigenen und sinnvollen Verlauf zu geben, sondern diese darüber hinaus auch sinnvoll mit all den anderen in eine koordinierte Beziehung zu setzen. Demgemäß legten die Komponisten der NOTRE-DAME-SCHULE nun zwei verschiedene Tondauern mit einem langen Wert, der Longa, und einen kurzen, der Brevis fest, wobei beide Zeitwerte jetzt in exakt bestimmter Struktur und Aufeinanderfolge für jede einzelne der Stimmen fixiert werden konnten und dementsprechend auch als Modus bezeichnet wurden. Und genau sechs solcher Kombinationsmöglichkeiten bildeten im Regelwerk als Modi das gesamte Reservoir aus denen die Komponisten bis zur wohl abgestimmten Vierstimmigkeit schöpfen konnten.

    Es ist in diesem Zusammenhang nicht weiter verwunderlich, dass Léonin und Pérotin ihre geniale Architektur der Töne mit der Kathedrale NOTRE-DAME selbst verglichen: Durch die Anordnung von kurzen und langen Notenwerten in wiederkehrenden und übereinander gelegten rhythmischen Mustern sei ihre neue Musik nichts anderes als „die Ziegel auf dem Dach" dieses Bauwerks, das mit seiner äußerst beeindruckenden Gestalt in der Folge nicht nur architekturgeschichtlich ganze Epochen beflügeln sollte, sondern darüber hinaus auch mit der in ihr entwickelten Kompositionsmethode als Grundstein in die Musikgeschichte eingehen sollte

    Mit dem 18. Jahrhundert aber, dem Zeitalter der Aufklärung und der französischen Revolution, gerät NOTRE-DAME ins Visier des esprit libre – einem Denken also, das sich nicht nur von schnöder Religion und falscher Tradition zu befreien versucht, sondern sich darüber hinaus auch anschickt, die menschliche Vernunft über alles andere im Leben des Menschen stellen zu wollen. In diesem Sinne werden 1728 die Buntglasfenster der Kathedrale durch ungefärbte Glasfenster ersetzt, deren Innenwände weiß übertüncht und ein Großteil der Figuren von ihren Türmen abmontiert. 1793 dann wird sie kurzerhand gestürmt, deren metallene Gegenstände ins Hotel de Monnnaies verbracht und dort eingeschmolzen, und sie selbst schließlich ohne zu zögern entweiht und zum Tempel des höchsten Wesens, der Vernunft, erklärt. Später dann gerät sie bald in Vergessenheit, dient als Weindepot und beginnt zu zerfallen.

    Dann aber wird das marode und anonymisierte Bauwerk von Victor Hugo gleichsam über Nacht auf eklatante Art und Weise rehabilitiert, ins öffentliche Bewusstsein zurückgeholt und spektakulär neu erfunden. Denn in seinem Mittelalterroman Notre-Dame de Paris erklärt er die Kathedrale schlechterdings wieder zum Zentrum der Stadt und macht sie damit gleichzeitig zum Sinnbild einer fantastischen Vergangenheit die sich in der Gegenwart des städtischen Raums neu verankert sieht. Ein Unternehmen, welches das Bauwerk aufgrund der ungeheuren Resonanz des Romans binnen kurzem zwar zum Symbol der französischen Nation werden lässt, ihm aber in Wahrheit einen rechten Bärendienst erweist, weil es nun zu einem mehr oder weniger abstrakten Superkörper verkommt, der nur mehr für eine fiktive und pittoreske Historie steht.

    Diese poetische Heiligsprechung besiegelte das weitere Schicksal von NOTRE-DAME bis in unsere Tage: Von Victor Hugos Schauergeschichte aus dem Jahre 1831 vehement beeinflusst, wurde die Kathedrale zwischen 1845 und 1855 vom Architekten Eugène Viollet-le-Duc zwar wiederhergestellt, dies allerdings ganz im Sinne ihres neuen Sozialcharakters als „ein phantasievoll dekoriertes neues Mittelaltermonument“, wie es Valentin Groebner beschreibt. (2) „Die alte Bischofskirche war von den französischen Königen zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert immer wieder neu umgebaut worden. Viollet-le-Duc ließ diese unterschiedlichen Baustufen zugunsten eines einheitlichen und buchstäblich verewigten Erscheinungsbilds verschwinden und reicherte es mit wirkungsvollen neu erfundenen Details an. Zu ihnen gehören die Wasserspeier und die pittoresken Ungeheuer auf der Balustrade des nördlichen Turms. ... Mit Victor Hugos Roman als Drehbuch und dem durch Viollet-le-Duc optimierten Originalschauplatz ließ sich der Schauereffekt von bedrohtem Alten inmitten der beschleunigten Moderne in wechselnden Medien beliebig oft wiederaufführen, bis hin zu Walt Disneys Zeichentrickfilm von Hugos Klassiker, in dem die neumittelalterlichen Ungeheuer von der Balustrade zu lustigen Unterhaltungsmonstern in Farbe mutierten. Die Restauration von Viollet-le-Ducs Skulpturen in den 1990ern haben ihnen übrigens, wie Michael Camille in seinem großen Buch über die Ungeheuer der Pariser Kathedrale gezeigt hat, nachträglich Züge ihrer amerikanischen Zeichentrickadaption verliehen.“

    Und nun der Brand am 15. April 2019, den die Kathedrale aber wie durch ein Wunder überstand. Und selbstredend gibt es nun schon erste Entwürfe für deren Rekonstruktion, von denen der des Designers Mathieu Lehanneur (siehe das Bild oben) der Triftigste von allen zu sein scheint und die Frage, was die Menschen angesichts der in Flammen stehenden Kathedrale wohl weltweit bewegte, auf stupende Art und Weise beantwortet.

    Denn war diese noch bis vor kurzem nichts anderes mehr, als ein uraltes und unverwüstliches Monument, das alle historischen Turbulenzen geradezu unzerstörbar überdauert hatte, verkommen zu einer geistig ausgehöhlten steinernen Kulisse, die für eine Zivilisation stand, die ewig fortzubestehen schien, so hatten die weltweiten Reaktionen auf die Flammen von NOTRE-DAME doch damit nicht das Geringste zu tun, sondern in Wahrheit eine ganz andere Bedeutung. Denn offenkundig sind diese nur vor dem Hintergrund einer mittlerweile völlig aus dem Ruder geratenen, gebeutelten und chaotischen Welt, die gehörig an den Nerven der Menschen zu rütteln scheint und diese weltweit überaus ängstlich in die Zukunft blicken lässt, adäquat zu verstehen. Düstere Empfindungen also, welche die brennende Kathedrale für Augenblicke zum Zeichen dieser überaus diffusen Ängste werden ließ und im Grunde nichts anderes besagten, als – ES BRENNT!

    (1) George Duby: Das Zeitalter der Kathedralen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1985

    (2) Valentin Groebner: Das nationale Superzeichen. FAS, 21. April 2019. S. 33

    abgelegt in #Tags: