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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 14DEMOKRATIETeil 2: DIE ÖFFENTLICHKEIT
    11. März 2019

    Um es – wie in Teil 1 bereits dargelegt – noch einmal auf den Punkt zu bringen: Das, was die Menschen der westlichen Demokratien gegenwärtig so unzufrieden und letztlich auch unberechenbar macht, hat mit Geld oder mangelnder Resilienz zunächst einmal nicht das Geringste zu tun. Gründen deren offenkundigen Verhaltensauffälligkeiten doch primär in den sinnentleerten und verflachten Bedingungen ihrer Lebenswirklichkeit, die sie geistig verarmen und verdrossen werden lassen und – je nach Charakter – zu ganz unterschiedlichen Reaktionsweisen führen: Entweder geben sie irgendwann klein bei, resignieren und werden womöglich noch depressiv, oder drängen wutschäumend und hasserfüllt auf die Straßen, um ihrem Frust durch Randale Luft zu verschaffen. Aber auch diejenigen, die mithalten, reüssieren und am Wohlstand mehr oder weniger partizipieren, bleiben von der sich in diesen Gesellschaften ausbreitenden inneren Leere und mentalen Stagnation nicht verschont, macht der ökonomische Profit allein doch nicht unbedingt vitaler und beseelter.

    Die Ursachen der intellektuellen und affektiven Deprivation liegen auf der Hand und wurzeln tief in den mittlerweile völlig durchökonomisierten Lebensverhältnissen der Menschen, die ihrem Erleben und Erfahrungsraum immer engere Grenzen setzen und ihnen kaum noch Spielraum lassen, ihre Persönlichkeit zu entfalten oder diese gar weiterentwickeln zu können. Positive, ihre Individualität natürlich stimulierende und fördernde Anreize sind rar geworden: Die Welt des alles beherrschenden und gleichschaltenden Konsumismus hat mittlerweise viele Bürger voll im Griff und verleiht ihrem Wesen zusehends uniforme Züge: Ihr Lebenshorizont engt sich ein und ihr Denkvermögen verliert an Elastizität und versteift, während sich ihre Empfindungen mehr und mehr auf die eindimensionalen Erscheinungen der verdinglichten Welt einpegeln und stumpf und reaktionsarm werden – die kognitiven Funktionen versanden in ihren Gehirnen. Der Geist der demokratischen Gesellschaften zerfällt in schale Rudimente. Sie drohen ihre Identität zu verlieren.

    Chronischer Missmut und innere Labilität sind die Folgen, deren weitreichende Konsequenzen den westlichen Demokratien mächtig auf die Füße fallen. Denn mittlerweile sehen nicht wenige in der demokratischen Staatsform den wahren Grund ihrer Lebensverdrossenheit und machen das System, wie sie die Demokratie inzwischen nennen, für alles verantwortlich. Nicht ganz zu Unrecht, so will es scheinen, stehen die Demokratien doch ganz offensichtlich unter dem Kuratel ihrer Ökonomie. Dass es aber exakt diese ist, die für die lebensunwürdigen Verhältnisse letztlich verantwortlich zeichnet, wollen die Missmutigen und Beleidigten offenbar nicht zur Kenntnis nehmen – den Demokratien kommt der Bürger abhanden. Immerhin derjenige, von dem verfassungsmäßig alle Macht im Staate ausgehen soll.

    Die Repräsentationskrise, in die sich die demokratischen Gesellschaften (völlig unbedacht) hineinmanövriert haben, kommt nicht von ungefähr, war die Liaison von Demokratie und Kapitalismus doch von jeher extrem krisenanfällig und im Grunde ein in sich zutiefst widersprüchliches Verhältnis: Denn während die Demokratie auf den freiheitlich aufgeschlossenen Menschen setzt, versucht der Kapitalismus diesen an der Nase herumzuführen und letztlich zu entmündigen.

    An den knallharten Strategien der kapitalistischen Ideologie, das Leben in all seinen Facetten zu Produkt und Ware degenerieren zu lassen, womit sie die Lebensvielfalt schonungslos der Eintönigkeit preisgibt, konnten offensichtlich auch alle marktwirtschaftlichen und sozialstaatlichen Gegenmaßnahmen der Demokratien nichts ändern – die Lebensinhalte verfliegen, das Leben gerinnt zum blanken Vollzug.

    Aus dem einstigen Souverän sind missmutige Ignoranten, spießige Alltagsvertreter oder neurotische Reaktionäre geworden, die nicht mehr so recht mitziehen wollen. Aber um diese bei der Stange zu halten oder gar in die Gesellschaft zurückholen zu können, fehlen mehr und mehr die finanziellen Mittel. Offenbar sind solche Transaktionen die einzige Möglichkeit, die den den Demokratien bleiben, um sich der sozialen Imbalancen und krisenhaften Zuspitzungen, die ihre Ökonomien immer wieder verursachen, wirklich erwehren zu können, was ihnen in der Vergangenheit auch mehr oder weniger erfolgreich gelang. Das sozialstaatliche Füllhorn aber geht zur Neige. Die Schuldenberge der Demokratien wachsen ins Unermessliche.

    Dabei stellt Francis Fukuyama dem Sozialstaat ganz generell ein schlechtes Zeugnis aus: In seinem neuen Buch Identity: The Demand for Dignity and the Politics of Resentment vertritt er die Auffassung, der Sozialstaat habe insbesondere in den USA in den letzten dreißig Jahren meist nur liberale Einflüsse begünstigt und sich vor allem um die Belange von Minderheiten gekümmert statt das Gleichheitsproblem der gesamten Gesellschaft im Auge zu behalten. So hätte sich die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter vergrößert. Der Sozialstaat hätte es schlichtweg verabsäumt, den „seit 30 Jahren andauernden Trend ausufernder sozioökonomischer Ungleichheit“ wirksam zu bekämpfen. Dies aber räche sich nun. Denn mittlerweile würde nicht nur „jede marginalisierte Gruppe auf einer besonderen Identität bestehen“, sondern jetzt auch praktisch jeder, der sich von der Gesellschaft in irgendeiner Art und Weise benachteiligt fühle.

    Fukuyamas Sätze lesen sich, als hätte der Sozialstaat fatal falsche Zeichen gesetzt und die Bürger damit derart verhätschelt, dass deren Ansprüche ins Maßlose gestiegen und kaum noch zu befriedigen wären. Seelisch so instabil, dass sie sich bei jeder x-beliebigen sozialen Irritation, Krise oder Enttäuschung gleich in einer existentiellen Krise wähnten. „Liberale Gesellschaften haben gute Gründe dafür, sich nicht um eine Reihe unablässig wuchernder Identitätsgruppen zu gruppieren, die für Außenstehende unzugänglich sind“, warnt Fukuyama die Demokratien.

    Wie dem auch immer sei: In jedem Fall hatten die demokratischen Staaten die mentale und seelische Verödung ihrer Bevölkerungen nicht auf dem Schirm. Die Gelbwesten in Frankreich sind hierfür ein drastisches Beispiel. Denn das einzige, was diese Menschen wirklich eint, ist das Gefühl tiefer Unzufriedenheit – ein völlig diffuses Unbehagen ihrer Lebensrealität gegenüber, der sie ratlos und nachgerade sprachlos gegenüberstehen fern jeglichen konkret politischen Inhalts.

    „Man hat den Eindruck, dass sich die gilets jaunes um jeden Preis in den Medien halten, dass sie weiter gefilmt und gezeigt werden wollen“, meint der französische Philosoph Alain Finkielkraut. „Es scheint wie ein Rausch zu sein: Bisher existierten sie kaum, und jetzt wollen sie krampfhaft die ganze Bühne besetzen.“ (1) Den psycho-sozialen Hintergrund aber, vor dem sich das Geschehen aus Unmut, Hass und Gewalt zusammenbraut, weiß Finkielkraut offenbar nicht recht einzuordnen, obwohl er „die zunehmende Ohnmacht der Bevölkerung“ als Quelle des Unmuts ausdrücklich erwähnt: Die Gewalt ist „leider seit einigen Jahren bei allen Protesten in Frankreich zu beobachten. Es gibt hier nur noch brutale Demonstrationen mit fürchterlichen Attacken gegen Polizisten. Ich bin darob völlig konsterniert und kann mir die Gewalt nicht erklären. Ich verstehe ihre Triebfedern nicht. Frankreich ist ja nicht im Elend!“

    Es ist erstaunlich, dass selbst ein Mann wie Finkielkraut, der es eigentlich besser wissen müsste, diesen immer wieder zitierten Scheinwiderspruch zum Thema macht. Geld allein macht nicht glücklich, das dürfte sich doch mittlerweile herumgesprochen haben. Nein, es ist der frustrierte Lebensimpuls, der die Gelbwesten massenhaft auf die Straßen treibt. Die „Aufständischen seien vor allem einsam“, kommentiert eine französische Paartherapeutin das Geschehen: "Vorher saßen sie traurig zu Hause, jetzt stehen sie zusammen am Kreisverkehr und trinken Kaffee."
     
    Und dennoch: Eines scheinen die Gelbwesten genau zu wissen: Auf die Medien kommt es an, wenn man heutzutage in der Gesellschaft beachtet werden will. Insbesondere natürlich auf das Internet, wo man, wenn man es nur richtig anstellt und entsprechend auf die Pauke haut, sicher sein kann, rasch Aufmerksamkeit zu erheischen. Dagegen sind Demonstrationen draußen auf den Straßen nur noch die halbe Miete – drastische Videoclips von diesen Revolten sind im Netz zehnmal mehr wert. Kein Wunder also, wenn die Gelbwesten, wie Finkielkraut bemerkt, vor die Kameras drängen und gefilmt werden wollen.

    In Windeseile hat sich das Internet zur eigentlichen Öffentlichkeit der demokratischen Gesellschaften entwickelt. Virtuelle, scheinbar klandestine Sphären, die dem mittlerweile verrohten und fragmentiert einsilbigen Kommunikationsverhalten vieler Bürger weitaus mehr zu entsprechen scheinen, als reale Begegnungen, Gespräche oder Auseinandersetzungen Auge in Auge.

    Der öffentliche Raum der Demokratien hingegen, die Orte des direkten gemeinschaftlichen Austauschs und der freien politisch-sozialen Debatte, die all’ ihren Mitgliedern offenstehen, verweisen auf drastische Art und Weise. Offenkundig haben diese Menschen keine rechte Lust mehr, sich persönlich mit anderen ins Benehmen zu setzen und ihre Meinung selbstkritisch in die Waagschale zu werfen. Lieber lassen sie ihre krude gestanzten Auslassungen heutzutage übers Smartphone oder Tablet laufen, um so ihre solipsistischen Ansichten mit engstirnigen Memes massenhaft in den sozialen Netzwerken zu verbreiten, wissen sie doch von vorneherein, wie sie dort diejenigen erreichen, die ihre Meinung teilen und umgehend weiterleiten. So gewinnen die kruden und vorurteilsbelasteten Weltanschauungen ihres Scheuklappendenkens im Unisono von Millionen Gleichgesinnter gleichsam im Handumdrehen den Charakter der Faktizität und bestärken diese im Glauben, die Realität für sich gepachtet zu haben.

    Die soziale Abstinenz dieser Bürger kommt jedoch nicht von ungefähr. Denn offenbar haben sie aufgehört, die Welt wirklich verstehen zu wollen. Zu undurchsichtig und zu komplex erscheint sie ihren erlahmten Sinnen. Da macht es ihnen der Blick durchs Raster wesentlich leichter sich einigermaßen zu orientieren. Schließlich haben die Brillen der Ideologien schon immer geholfen, sich der Welt wieder stellen zu können und sie zu begreifen – jetzt muss man ja gar nicht mehr hinschauen, um zu wissen, was wirklich läuft. Wer sich solch eine Brille auf die Nase setzt, hat es einfacher im Leben und weiß endlich wohin. Am besten zurück!

    So hat sich im Internet über die Jahre eine Art Gegenöffentlichkeit etabliert, die die demokratischen Grundregeln auszuhebeln weiß und die freie Rede schamlos verhöhnt. Setzt sich diese virtuelle Zone doch aus lauter irgendwie Enttäuschten oder Aufgebrachten zusammen, die in ihrem depravierten Lebensalltag keinen rechten Sinn mehr sehen und mit Abermillionen Ihresgleichen verzweifelt versuchen, sich mit reaktionären Waffen blindwütig zur Wehr zu setzen. Nachgerade zwangsläufig von ungesteuerten destruktiven Energien durchsetzt, mit denen sie Gesellschaft und Staat an den Kragen wollen. Aus der hilflosen, zwanghaft durchformten Eigenbezüglichkeit der Enttäuschten aber, die sich massenhaft im Netz in Filterblasen versammeln, formieren sich Kader, die auf das gesellschaftliche Leben vehement zurückwirken und es sukzessive unterwandern und zersetzen.

    Auf diese Weise bieten die demokratischen Gesellschaften gegenwärtig ein äußerst skurriles Bild, lässt sich deren wahrer Zustand doch nicht mehr an ihrer Öffentlichkeit ablesen, sondern nur noch an den virtuellen Sphären des Internets, in denen sich die wahre Physiognomie der gesamtgesellschaftlichen Verfasstheit widerspiegelt, die tief in die Köpfe der Bürger blicken lässt. Seismogramme der übergreifenden intellektuellen und affektiven Verwahrlosung. Seelenmikroskope, deren Präparate viel vom kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung verraten, das von hirnrissigen Denkschablonen zerfressen politische Korrektheit proklamiert. Beherrscht von Spießerregularien und Privatideologien, die das Leben zwar zur Galeere machen, aber für ein geordnetes Miteinander und Ruhe im Land sorgen sollen.

    Eine nachgerade masochistisch eingefärbte Pandemie der Verblödung und Verkrampfung hat die demokratischen Gesellschaften erfasst, die diese an den Rand ihrer Funktionsfähigkeit bringt. Äußerst brisante Phänomene, die mittlerweile eher Psychiater denn Systemanalytiker auf den Plan rufen sollten. Dabei ist der einst so lebendige Raum der demokratischen Öffentlichkeit zu grauen Transitzonen verkommen, durch die massenhaft die Schattenrisse Vereinzelter und Verstummter mit Smartphone oder Tablet tappen, während die Sphären des Cyberspace vom wahrhaft grotesken Ersatzleben erzählen, das sich in den so ausgehöhlten Demokratien ins Virtuelle zurückgezogen hat. „Ein Drittel des Landes lebt in einer alternativen Realität“, sagt Ben Rhodes über die USA.

    Der Bürger scheint an seine physischen und psychischen Grenzen gekommen: Entweder er verfettet oder leidet an Magersucht, ist chronisch mies drauf oder steckt schon im Burn-out. Lebensfreude und Optimismus sehen anders aus, unterschwellige Langweile und andauernde Empörung zerren mächtig an seinen zum Zerreißen angespannten Nerven. Druck und Stress machen ihn platt. Viele können nicht mehr und wollen sich Luft verschaffen, egal welcher Couleur und quer durch die Bevölkerung.

    So kommt vielen das Internet gerade recht, um sich mal so richtig auszukotzen. Mit der Maschine geht so etwas von zuhause aus und da ist keiner, der einen dabei stören oder gar daran hindern könnte. Schließlich geht’s nicht mehr um Politik, sondern um verletzte Gefühle. Und die müssen nun mal raus und haben ihre eigene Sprache. Zudem ist man im Netz nicht allein wie draußen auf den Straßen. Gleichgesinnte gibt’s dort en masse. Und das schweißt zusammen. So ist man endlich nicht mehr allein.“

    „Der Hass ist die böse Überraschung der sozialen Netzwerke“, sagt Finkielkraut. „Es gibt ihn inzwischen überall. Das ist ein weiterer Einfluss der sozialen Netzwerke. ... Man meint, diese würden die freie Rede ermöglichen, indem sie Macht und Hierarchie wegräumten. Doch vor allem, merkt man jetzt, ist die Zivilisation weggeräumt worden. Die Rede mag nun frei und spontan sein, aber sie ist auch frei von Anstand. Und ihre Spontaneität ist wild, ja barbarisch.“

    Wie wahr! Aber Finkielkraut geht fehl, wenn er glaubt, dass einzig das Internet den Hass in den Menschen erzeuge. Das Internet ist eine Maschine, und Maschinen erzeugen keinen Hass, es sei denn jemand steht sein Leben lang am Fließband.

    Als das World Wide Web vor etwa 30 Jahren Einzug in die Gesellschaften hielt, hatten zumindest die der Demokratien die freie Wahl, die brandneue Kommunikationsmaschine ganz in ihrem Sinne zu nutzen. Eine Maschine, die ihrem Erfinder Tim Berners-Lee, einem ehemaligen Physiker am CERN zufolge dem direkten und ungehinderten Austausch von wirklich Wichtigem und Wissenswertem dienen sollte – ein nachgerade perfektes Kommunikationsmodell, das für die Demokratien und ihre Bürger wie zugeschnitten schien.

    Wäre das Internet damals aber auf offene und wirklich liberal verfasste Gesellschaften gestoßen, hätte es sich vermutlich auch in diese Richtung entwickelt. Doch es kam anders, wie wir heute wissen: Denn binnen weniger Jahre verwandelte sich diese Maschine erschreckenderweise zu einer Art Dreckschleuder, mithilfe derer sich aller Unmut und Hass von Millionen Bürgern entlud, die sich im Netz offensichtlich ein Ventil verschafft hatten. Eine düstere Grundstimmung kam da zum Vorschein die sich in den demokratischen Gesellschaften offenbar wider Erwarten vieler aufgestaut hatte. Eine unterschwellige Frustation und Verbissenheit, die den immer kälter werdenden und mehr und mehr ins Sinn- und Bedeutungslose abgleitenden Lebensbedingungen geschuldet sein mussten. Woher sonst sollten diese Phänomene wohl rühren?

    Dass dieses pausenlose und impertinente Netz-Bombardement wie ein Feedback-Mechanismus auf Mensch und Gesellschaft zurückwirkt und die aggressiven Tendenzen in der Bevölkerung massenhaft potenziert, ist klar. Das heißt aber noch lange nicht, dass dieses destruktive Potenzial seine Ursache im Internet hätte. Derartige Schlussfolgerungen verschleiern die wahren Gründe des gegenwärtigen psycho-soziale Desasters und blenden die fatalen Aspekte der historischen Genese dieser mentalen Prozesse aus: Den Hass aus dem Netz zu verbannen, bedeutet in keiner Weise, diesen damit auch automatisch aus den Herzen der Menschen getilgt zu haben.

    Dass das World Wide Web kurz nach seiner Einführung auch von der kapitalistischen Ökonomie okkupiert wurde, spricht für sich. Schließlich war der Konsum schon vor 30 Jahren zu einer entscheidenden Größe im Leben vieler Bürger geworden. Und die Chance, diese jetzt mithilfe von Algorithmen auch qua Person ganz direkt mit auf sie ganz individuell zugeschnittenen Offerten in die Zange nehmen zu können, weil man diesen jetzt im Netz auch in Hirn und Herz schauen konnte, ließ sich die kapitalistische Industrie natürlich nicht entgehen. Ein Geschäftsmodell des Überwachungskapitalismus, das Sheryl Sandberg erst bei Google und dann auch bei Facebook einführte, weswegen sie die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff „Typhus Mary“ nennt. (2) Diese war eine Köchin, die im späten 19. Jahrhundert von Irland nach New York City auswanderte, und den Typhuserreger in sich trug, mit dem sie dort dann viele andere ansteckte, was zu einer veritablen Massenepedemie dieser Krankheit führte. „Anfangs ging es nur darum, möglichst viele Daten zu sammeln, um bei Vorhersagen auch noch so kleine Fehler auszumerzen“, führt Zuboff aus. „Aber dann haben die verstanden, dass man Verhalten am besten vorhersagen kann, wenn man eingreift. Pokémon Go und seine Monster zeigen das gut. Ursprünglich hat Google das Spiel entwickelt. Es ist ein groß angelegtes Experiment, um zu testen, wie man die Bevölkerung steuern kann, um damit Geld zu verdienen, ein Vorspiel, um die Methoden auf Städte zu übertragen, auf Regionen, auf Gesellschaften. Das Ziel der Überwachungskapitalisten ist nicht mehr nur, automatisch Informationen zu sammeln und zu verarbeiten. Sie versuchen jetzt, uns zu automatisieren und die Natur des Menschen zu verändern.“

    Und dennoch hat sich mit dem Internet das Konsumverhalten der Bürger mittlerweile ins nachgerade Absurde gesteigert. Denn jetzt verspricht ihnen der Cyberspace praktisch alles, um dem grauen Allerlei ihres Daseins angeblich neuen Glanz zu verleihen und ihrem angekränkelten Selbstwertgefühl, das unter den Bedingungen der kapitalistischen Ökonomie in den Seilen hängt, wieder auf die Sprünge zu helfen, was im Grunde aber nichts anderes bedeutet, als den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Der obszöne Markt der Selbstverwirklichungsindustrie, der durch den von der Ökonomie mental ausgezehrten Menschen erst möglich wird, ist krude Realität geworden – Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Gesundheit, Glück und Liebe, alles kann man heutzutage offenbar im Netz ergattern, solange man nur die Knete dafür hat.

    Diese vermeintliche Chance ist vielen Bürgern offenkundig zu Kopf gestiegen – sie scheinen die Absatzstrategien der Industrie verinnerlicht zu haben. Nachgerade obsessiv kreisen deren ausgetrocknete Gedanken und Empfindungen um die Flachscheibe der virtuellen Konsumwelt, deren aberwitzige Produkte den Börsenwert der Industriegiganten zwar in die Höhe schnellen lässt, dem ausgemergelten Selbstwertgefühl der Bürger damit jedoch einen Bärendienst erweisen, da deren entleerte Ichs somit schier ewig unbefriedigt bleiben.

    So ist von der ursprünglichen Idee des World Wide Web Gründers Tim Berners-Lee kaum etwas übriggeblieben. Denn selbst die Kommunikationsstrukturen, die das unmittelbare Miteinander zusehends durch virtuelle Messenger Dienste ersetzen, werden mittlerweile von Weltkonzernen einzig um der Gewinnmaximierung willen gesteuert und manipuliert, was die Bürger der demokratischen Gesellschaften aber offenkundig nicht weiter zu bekümmern scheint, werden sie doch von den hinterlistigen Methoden der Ökonomie in einer Art Dauerkonsumerregung gehalten und blenden diese Tatsachen demzufolge wie hypnotisiert aus.

    Kopflos flüchten sie in den kollektiven virtuellen Rausch – Online-Shopping. Facebook. Whatsapp. Tinder. YouTube und Instagram sind ihnen zur Lebenswirklichkeit geworden. Die reale Welt aber scheint ihnen allmählich abhandenzukommen, denn der Smartphone-Blick versperrt ihnen die Sicht auf die Wirklichkeit. Selbst das Bewusstsein dieser Netzgesteuerten hat mittlerweile virtuelle Züge angenommen: Das, was ihnen real erscheint, ist das Virtuelle. Und das Reale, das sie umgibt, halten sie zunehmend für irreal. Die mentale Verkümmerung und Verdummung vieler in der Gesellschaft kommen einem kognitiven Erdrutsch gleich, der vor 30 Jahren noch undenkbar schien. What’s real? Die Realität ist zum Spielball erlahmter Gehirne geworden – kein Wunder, dass die Fake News blühen.

    Der fatale Realitätskonflikt, der viele Bürger gegenwärtig erfasst und geistig auseinanderreißt, ist die wohl brisanteste Herausforderung, vor der sich die ohnehin schon geschwächten demokratischen Gesellschaften gestellt sehen. Gegen diese kognitiven Umwälzungen, die das Realitätsbewusstsein schwächen und einschränken, ist die anwachsende sozio-ökonomische Ungleichheit auf lange Sicht gesehen sicher das geringere Problem.  Denn ein immer größerer Teil ihrer Bevölkerungen verhält sich der gesellschaftlichen Realität gegenüber schon so, als sei er fortwährend im Cyberspace unterwegs. Der Bürger sei volatil geworden, also unberechenbar, heißt es stirnrunzelnd und irritiert von politischer Seite.

    Dies erstaunt kaum, denn die politische Sphäre der Demokratien ist es, die es gegenwärtig am Härtesten trifft. Die chronisch Unzufriedenen wählen reaktionär oder ihrer ängstlichen Engstirnigkeit gemäß. Und diejenigen, die von der Ökonomie profitieren, wählen meist schon im Stil des Like-Buttons. Mehr und mehr bestimmt das idiotische Prinzip von Like und Dislike die politische Realität der Demokratien. Dabei haben es neue Gesichter leicht. Dieselben aber einige Wochen später schon schwerer. Daumen hoch oder Daumen runter – nur das ultimativ Neue erregt offenbar noch Aufmerksamkeit und kollektives Interesse, das morgen jedoch schon wieder ziemlich alt aussieht.

    Der öffentliche Diskurs verrottet und macht sich allzu häufig nur noch an abstrusen und völlig belanglosen Nebensächlichkeiten fest, die in den verblödeten Köpfen jedoch zu veritablen gesellschaftlichen Miniskandalen hochstilisiert werden. Diese Nullnummern halten die demokratischen Gesellschaften mächtig auf Trab und scheinen sie in permanente Dauerempörung zu versetzen: Katzenfans treten gegen Katzenhasser an. Impfgegner pöbeln gegen Impfbefürworter. Veganer machen Fleischkonsumenten zu Hackfleisch oder umgekehrt. Blindwütige Adepten der Low-Carb-Diät machen redliche Intervallfaster zunichte. Scheich- und Indianerkostüme für Kinder zu Fasching werden des Rassismus bezichtigt und an den Pranger gestellt. Und Systemverächter verhöhnen die schweigende Mehrheit, die es in dieser Form aber schon längst nicht mehr gibt, da diese Menschen nur noch abgestumpft und saturiert als Vereinzelte das Geschehen verfolgen und sich bloß nicht einmischen wollen.

    Wer verzweifelt oder aber einfach nicht mehr hinsehen will, spielt besser CIVILIZATION IV. Gathering Storm heißt die neueste Variante dieses Simulators der Menschheitsgeschichte der Firma Firaxis. In diesem virtuellen Strategiespiel kann man Zivilisationen über tausende Jahre hinweg von der Steinzeit in die Moderne führen, gründet Städte, erforscht Technologien, führt Kriege und Friedensgespräche, bis am Ende der Tage eine der Zivilisationen gewonnen hat – Deutsche oder Engländer zum Beispiel. Oder Nubier oder Kanadier, Koreaner oder Maori.

    Dabei ist der Klimawandel das allerneueste und wohl spannendste Feature des Spiels. Je mehr Kohle und Öl verbraucht werden, desto heißer wird es. Gegen steigende Meeresspiegel helfen dann Flutmauern, schwimmende Siedlungen und in den allerschlimmsten Fällen letztlich nur noch Umsiedlungen. So kann man sich wenigstens im Kopf schon einmal darauf einstellen was kommen wird.

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    SIC - GEFÜHLE !
    VOM SINN DES LEBENS
    28. Januar 2019

    Über den Sinn des Lebens nachzudenken ist, ehrlich gesagt, nie so meine Sache gewesen. Neugierig und lebenslustig wie ich nun mal bin, ist es mir wichtiger, mich Hals über Kopf ins Leben zu stürzen und so viel wie möglich von ihm mitzubekommen, statt dazusitzen und mir über dessen Sinn den Kopf zu zerbrechen. Nicht dass es Leben gibt, ist für mich das eigentliche Wunder, sondern wie alles mit allem zusammenwirkt. So birgt das Leben selbst schon so viel geballten Sinn in sich, dass ich zuweilen nicht mehr so recht weiß, wo mir der Kopf steht, und womit ich mich auf meiner abenteuerlichen Entdeckungsreise durchs Dasein als nächstes beschäftigen soll. Schließlich lebt man nur einmal!

    Und doch bin ich mir da nicht so sicher. Vor allem dann, wenn ich mit einem Hund im Freien herumtolle. Dann kann es nämlich vorkommen, dass der Hund mich urplötzlich so behandelt, als sei auch ich ein Hund, mir kurzerhand den Stock wegschnappt und mit diesem quer im Maul davonjagt, bis er ihn dann irgendwo in der Ferne wie beiläufig ins Gras fallen lässt, grienend zu mir herüberäugt und mir mit kurzem, dreimaligen Bellen bedeutet, dass ich jetzt derjenige bin, der sich den Stock schnappen und ihm apportieren müsse. Wenn ich dann laut auflachend losrenne, um mir den Stock zu holen, wechselt der Hund mit fliegenden Ohren die Position und erwartet mich dort, wo ich gerade hechelnd losgespurtet bin.

    Derartige Erlebnisse färben ab, ertappe ich mich doch zuweilen bei dem Gedanken, in einem früheren Leben tatsächlich ein Hund gewesen zu sein. Ein wilder natürlich, das Leben eines Schoßhunds würde mir nie in den Kopf kommen. Dabei durchströmt mich regelmäßig ein absonderliches Gefühl, das mir den Eindruck vermittelt, ich könnte für Momente den ungeahnten Raum von Freiheit und Weite verspüren, der einem Tier wie selbstverständlich offenstehen muss – Innen und Außen im Einklang.

    Warum sollte ich solche Erlebnisse verschweigen? Im Leben scheint alles möglich, solange man keine Angst hat, auch Außergewöhnlichem zu begegnen. Den Dingen offen und frei entgegenzutreten, und den Empfindungen, die sie in einem auslösen, nicht von vorneherein zu misstrauen, bringt tolle Erfahrungen mit sich, die man sein Leben lang nicht mehr vergisst, weil sie das Leben relativieren. Empfindungen sind Seismographen, Gedanken hingegen Konstrukte.

    Allerdings hüte ich mich davor, solch verwegene Gefühle allzu persönlich zu nehmen, sonst wäre aus mir ja schon längst ein eingefleischter Reinkarnationstheoretiker geworden. Aber dennoch versuche ich ab und an, mich ganz spielerisch in das Lebensgefühl eines Tiers hineinzuversetzen, wobei es einem da angesichts der sich plötzlich auftuenden Weite und Offenheit des Raums ganz schwummrig werden kann, lebt das Tier doch in völligem Einklang mit der Natur, was mich manchmal nachgerade eifersüchtig werden lässt. Der krude Gedanke aber, vielleicht doch einmal ein Tier gewesen zu sein, langweilt mich, wenn ich ehrlich bin. Warum soll ich mich mit Fragen herumschlagen, die nicht zu beantworten sind?

    „Doch was folgt daraus? Für Kant eröffnen diese metaphysischen Rätsel, gerade weil sie sich nicht abschließend beantworten lassen, dem Menschen einen Horizont möglicher Vervollkommnung. Sie leiten uns in dem Bestreben an, möglichst viel in Erfahrung zu bringen, möglichst frei und selbstbestimmt zu handeln, (und) sich einer immerhin möglichen Unsterblichkeit der Seele möglichst würdig zu erweisen. Kant spricht in diesem Zusammenhang vor einer regulativen oder auch leitenden Funktion des metaphysischen Fragens.“ (1)

    So weit, so gut. Lieber aber lasse ich die Dinge auf mich wirken, statt die Sache zum Programm zu machen. Denn vieles ergibt sich von allein, wie ich glaube, bezeichnenderweise aber nur dann, wenn man sich nicht ständig zum Mittelpunkt des Geschehens macht und alles immer verstehen will. Grübeln macht schwermütig, sich leicht zu fühlen ist die Kunst. Folglich spiele ich weiter mit Hunden wie ein Hund, und lasse die Seelenwanderung dabei außer acht.

    Und dennoch haben sich diese Erlebnisse tief in mir eingeprägt und wirken wie selbstverständlich auf mein Leben zurück – ich liebe das Leben und weiß um meine Verantwortung. Meine stille Sehnsucht aber, wenigstens für Augenblicke über den Tellerrand meiner menschlichen Existenz hinwegsehen oder hinwegfühlen zu dürfen, und sei es auch nur rein imaginativ, gibt meinem Leben Kontur und Farbe.

    Der tief in mir verankerten Spiritualität verdanke ich viel in meinem Leben. So verhilft sie mir dazu, nicht falsch an den Dingen zu kleben und mich – so gut ich es eben vermag – den vielfältigen Bewegungen des Lebens anzuvertrauen, die in der Liebe ihren wahren Höhepunkt finden und in der Neugier die elementare Energie, die mich durchs Leben treibt. Ohne falsches Selbstbewusstsein oder gar chronische Ich-Sucht, deren fatale Wirbel diesen Bewegungen nur mächtig in die Quere kämen, sie rasch abebben liessen und schließlich zum Stillstand brächten. Wer will sich schon gern selbst auf den Leim gehen? Träumte ich von einem idealen Leben, wäre ich das Instrument, auf dem das Leben spielte – die Erfahrungen, die man dann machte, wären vermutlich grenzenlos.

    Ohne Fantasie macht das Leben nur halb so viel Spaß, denn vieles bleibt grau. Mit den Gedanken und Empfindungen aber zu spielen bringt richtig Leben in die Bude. Denn vergessen wir nicht: Unserem Dasein sind enge Grenzen gesetzt, und unserer Existenz ohnehin. Im Grunde ist sie nichts anderes als ein – wenn auch nicht ganz marginales – Ergebnis evolutionärer Prozesse denen keinerlei Sinn innewohnt. Die Natur spielt mit ihren Bausteinen, darin liegt deren einziger Sinn.

    Der Mensch aber ist verdammt dazu, in allem einen Sinn erkennen zu müssen, denn er hat Bewusstsein. Es zwingt ihn nachgerade dazu, die Dinge immer nur als Gegenstand und rein äußerlich zu begreifen, so dass er ständig nach deren Sinn fragt  und sie eilfertig mit Namen und Bedeutung belegt, die er in den Dingen vermutet. Sich ihrer Rätselhaftigkeit zu stellen, bringt ihn um den Verstand   – die reine Anschauung bleibt ihm für immer verwehrt.

    Dass dies so ist, macht mich manchmal ganz kirre. Vor allem dann, wenn ich irgendwo in der Natur sitze, zum Beispiel am Meer. Denn nichts ist schöner für mich, als einfach nur dazusitzen, in die Weite zu blicken und an nichts denken zu müssen. So etwas lernt man nicht in Selbstverwirklichungskursen. Das lehrt die Natur, deren Teil man ja schließlich ist: das Leben trägt seinen Sinn in sich.

    Dass alles Leben sterblich ist, weiß ein jeder. Aber diese scheinbare Plattitüde ist in Wahrheit die wohl brisanteste Tatsache, mit welcher der Mensch sich Zeit seines Lebens konfrontiert sieht und ihm vor allem im Alter mächtig Angst einflößt. Nur zu gerne würde er dem Tod entkommen.

    Für mich aber war der Tod schon von früh auf mein steter Begleiter. Denn als ich geboren wurde, waren meine beiden Brüder bereits gestorben. Ich erinnere mich noch, wie ich an der Hand meiner Mutter vor ihren dicht nebeneinander liegenden Gräbern stand, obwohl ich noch kaum laufen konnte. Oder wie sie zuhause im Wohnzimmer mir gleichsam gegenübersaßen – auf silbergerahmten Photos auf der Kommode mit ihren frechen Gesichtern zu mir herüberlachend.

    Eigentümlicherweise aber fühlte ich mich damals nicht sonderlich bedrückt. Denn für mich waren meine Brüder bald zu Zwillingen geworden, die immer irgendwie um mich herum waren. So blieb für mich die Grenze zwischen Leben und Tod von Kindesbeinen an verwischt. Die unversöhnlichen Sphären berührten sich und gingen in meinem Erleben wie offenes Gelände ineinander über. Diese Erlebnisse waren es wohl, die mir letztlich die Angst vor dem Tod nahmen, davon bin ich heute überzeugt. So können ursprünglich schlimme Erfahrungen später einmal auch von Segen sein – wie das Leben eben so spielt. „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, sagt Luther.

    In diesem Zusammenhang beschleicht mich nicht selten der eigentümliche Gedanke, dass es doch wirklich erstaunlich ist, wenn viele den Tod beziehungsweise das, was danach kommt, immer nur vor sich sehen und nicht auch hinter sich. Denn schließlich kommen wir ja alle aus jenen Sphären, in die wir einst wieder zurückkehren und eingehen werden. Folglich müssten wir doch wenigstens einen Funken Ahnung von diesen haben, die vielleicht ja doch mehr sind als nur Nichts. Solch ein Gedanke hat mit Spökenkiekerei nicht das Geringste zu tun, schließlich sind Ahnungen nicht selten auch der Schlüssel zu Einsichten, die sich normalerweise unserem Erkenntnisvermögen entziehen.

    Das Sein zeichnet das Tier aus. Das Dasein den Menschen, der in der Zeit steckt und um die Bedingtheiten seiner Existenz weiß. Deshalb scheint es ihm auch verwehrt, sein Leben wie selbstverständlich zu leben. Da kann das Bewusstsein schon mal zum Fallstrick werden. Vor allem dann, wenn man glaubt, alles in der Hand zu haben und kontrolliert und plant – bloß nichts dem Zufall überlassen! Zufall ist der beste Koch! würde ich dagegenhalten, wenn ich an mein bisheriges Leben denke.

    Sich den Dingen zu öffnen, braucht Mut, ich weiß. Wer Existenzangst hat, kann ein Lied davon singen. Bei mir aber liegt die Sache irgendwie anders, denn lange war ich mir dessen überhaupt nicht bewusst. Heute denke ich schon manchmal darüber nach, ob ich vielleicht einen Schutzengel habe, der mir den Mut gibt, mich den Dingen zu stellen, ohne gleich besinnungslos drauflos zu preschen und es allen beweisen zu wollen. Und dennoch, ich trage die Verantwortung für mein Leben, auch wenn es bislang eine einzige Achterbahnfahrt war. Aber auch das verlangt Mut oder einen Schutzengel.

    Ein gradliniges Leben, das schließlich zu einer schlüssig imaginierten Biographie führen soll, hat mich nie interessiert: Inhalte gingen mir schon immer vor Karriere. Sich in den Dingen zu verwirklichen, ist mir bedeutsamer als mein Ich in den Dingen zu spiegeln, wenn ich nach Sinn suche. So ist die gegenwärtig grassierende Selbstverwirklichungsmanie für mich nichts als platte Ideologie und sinnlose Tortur, schließlich will ich mir ja nicht ständig selbst begegnen. Wer die Pflanze Identität pausenlos verhätschelt, vergiftet sie.

    Die mich charakterisierende Lust, die Dinge und deren Bewegungen aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten und zu studieren, um ihnen wenigstens so auf die Spur zu kommen, sitzt tief in mir drin. Deshalb habe ich wohl auch mehrere Berufe. Ob dem allem aber nun ein übergeordneter Sinn zugrunde liegt, interessiert mich nicht die Bohne. Die Dinge tragen ihren Sinn in sich.

    Das hat mich die Musik gelehrt. Ohne sie wäre ich manchmal verloren. Musik befreit Zeit von Zeitlichkeit und Sinn von Sinn. Und die Ewigkeit zu empfinden ist es etwas ganz anderes, als sie verstehen zu wollen.

    (1) Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Klett-Cotta, Stuttgart. 2018. S. 26.

     

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    GESELLSCHAFT / 13DEMOKRATIETeil 1: DER BÜRGER
    10. Januar 2019

    Mit Sicherheit ist die Demokratie die gewagteste Gesellschaftsform, die sich die Menschen im Verlauf ihrer Geschichte ausgedacht und dann auch verwirklicht haben. Wobei es nun wahrlich nur einige wenige Denker waren, die sich nach der lange vergessenen attischen Demokratie im 5. Jahrhundert v. Chr. im 18. Jahrhundert wieder an die Idee der Herrschaft des Volkes heranwagten. So Montesquieu (Vom Geist der Gesetze, 1748) und wenig später vor allem Jean Jacques Rousseau, der dem damals herrschenden Absolutismus die Stirn bot und sich zivilcouragiert für die Idee einer freiheitlich verfassten Gesellschaft einsetzte, obwohl seine Werke Vom Gesellschaftsvertrag und Émile oder Über die Erziehung, beide 1762, nach ihrem Erscheinen kurzerhand vom Ancien Regime verboten wurden und Rousseau fliehen musste, um Kerker und Tod zu entgehen.

    Rousseau stirbt 1778 in Ermenonville bei Paris, wo er auch begraben wird. Dann aber wird sein Leichnam am 11. Oktober 1794 aufgrund eines Dekrets des französischen Revolutionsdirektoriums nach Paris überführt und dort neben Voltaire im Pantheon beigesetzt. Derjenige, der zunächst als Häretiker gilt, wird später heilig gesprochen – ein altbekannter Mechanismus der Macht, den auch so manche große wissenschaftliche Entdeckung kennt.

    Von profunder Liebe zum Menschen getrieben, schreckt Rousseau aber auch ebenso wenig davor zurück, die mit der Freiheit verbundenen Risiken für Mensch und Gesellschaft schonungslos offenzulegen: So sei diese – unter der Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft – zwar eine grandiose Idee, die dem Menschen endlich Gleichheit vor dem Gesetz verspreche, stelle ihn damit aber auch vor enorme Herausforderungen, da er sich von nun an jederzeit tolerant und solidarisch verhalten müsse, um die Freiheit aufrecht zu erhalten, wolle er sie eines Tages nicht wieder verlieren.

    „Auf seine Freiheit verzichten heißt auf seine Eigenschaft als Mensch, auf seine Menschenrechte, sogar auf seine Pflichten verzichten“ erklärt Rousseau in seiner Schrift Vom Gesellschaftsvertrag. „Wer auf alles verzichtet, für den ist keine Entschädigung möglich. Ein solcher Verzicht ist unvereinbar mit der Natur des Menschen; seinem Willen jegliche Freiheit nehmen, heißt seinen Handlungen jegliche Sittlichkeit nehmen. Endlich ist es ein nichtiger und widersprüchlicher Vertrag, einerseits unumschränkte Macht und andererseits unbegrenzten Gehorsam zu vereinbaren." (1)

    Was es aber letztlich heißt, wirklich frei zu sein, belässt Rousseau im Vagen, beleuchtet er im Wesentlichen doch die sozialen Aspekte der Freiheit und deren gesellschaftliche Dimension, geht aber der Frage nach der Kompetenz des je Einzelnen, den Prinzipien der Freiheit gemäß auch wirklich leben zu können, nur sporadisch nach, und wenn, dann aphoristisch. Rousseaus Überzeugung nach muss der Mensch zur Freiheit erzogen werden. Ob er dazu aber überhaupt fähig ist, lässt er letztlich offen: Die Freiheit sei eine „Eigenschaft“ des Menschen und gehöre gleichsam zu seiner Natur“, beschwichtigt er die Skeptiker und erstickt die Debatte im Keim.

    Die Grundsätze seiner Erziehungslehre legt Rousseau in seiner Schrift Émile oder Über die Erziehung dar. Darin betont er immer wieder, wie wichtig es für den Menschen sei, von früh auf Freiheit auf natürliche Art und Weise erfahren zu haben, um sich später dann ihr entsprechend auch verhalten zu können. Andererseits aber insistiert er auch darauf, dass es ebenso wichtig sei, dem Menschen beizeiten gelehrt zu haben, dass er sich gleichsam selbst gehorche, wenn er sich den freiheitlichen Gesetzen entsprechend verhält. „Nur in einer einzigen Wissenschaft muss man die Kinder unterweisen, in der Wissenschaft von den Pflichten des Menschen“, so Rousseau. (2) Die Quadratur des Kreises, so scheint es. Denn die Verpflichtung zu freiheitlichen Gefühlen ist ein Widerspruch in sich selbst. Nicht zufällig sind Freiheitsgefühle und Liebesempfindungen eng verwandt – die ungeahnte Leichtigkeit des Seins.

    Vielleicht aber ist nur der wirklich frei, der sich selbst gegenüber frei ist. Die natürliche Distanz zum Ich schafft Neugier, Offenheit und Raum, der den Anderen miteinbegreift. Die Achtung vor ihm setzt die vor sich selbst voraus. Solidarität stiftet sich nicht qua Verordnung.

    Wäre die Freiheit tatsächlich eine genuine Eigenschaft des Menschen, wie Rousseau behauptet, sollte es ihm bislang in seiner Geschichte auch nicht allzu schwergefallen sein, sich für diese einzusetzen und notfalls sogar um sie zu kämpfen. Doch dessen Geschichte vermittelt ein ganz anderes Bild: liest sie sich doch wie eine nicht enden wollende Abfolge von Epochen gesellschaftlicher Unfreiheit und Unterdrückung, die erst in jüngster Zeit von freiheitlichen Gesellschaftsformen durchbrochen wird: Offenbar ist der Mensch nur wenig erfolgreich darin, seine Freiheit zu erlangen und sich dementsprechend auch zu organisieren.

    Sicher, die Geschichte kennt auch den Aufstand, die Revolution. Doch wohin führten diese Befreiungsversuche in aller Regel? Einen Schritt weiter links oder rechts, aber keinen Schritt vorwärts, kommentiert Wilhelm Reich diese Ereignisse in seiner Rede an den kleinen Mann. Offenbar neigt der Mensch auch gesellschaftlich gesehen eher zur Passivität und nimmt die Freiheit – ganz entgegen Rousseaus Annahme – lieber als Geschenk entgegen das sich herausragende und mutige Denker für ihn ausgedacht haben statt selbst für diese einzutreten. An Geschenke aber gewöhnt man sich rasch. Visionen hingegen, die im Herzen brennen wirken ein Leben lang.

    Bezeichnenderweise erwächst der Freiheitsimpuls in aller Regel erst in Gegenwart von Unfreiheit, wohingegen ein Leben in Freiheit dazu neigt, rasch zur Normalität zu werden, der nichts Besonderes mehr anhafte – der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Sich frei zu fühlen, heißt aber noch lange nicht, gesellschaftlich auch wirklich frei zu sein!

    Unter diesem menschlichen Handicap leidet vor allem die alles auf die Karte der Freiheit setzende Demokratie.Experten warnen bereits vor deren Niedergang und denken schon öffentlich darüber nach, ob diese Gesellschaftsform unter den gegenwärtigen Bedingungen überhaupt noch funktionieren kann. Und dies wohlgemerkt vor dem Hintergrund der Tatsache, dass jeder Bürger einer Demokratie so sein kann, wie er will, ohne dass seine politische, religiöse oder sexuelle Orientierung dabei irgendeine Rolle spielt. Historisch gesehen wohl einmalige existentielle Bedingungen, die die westlichen Demokratien ihren Bürgern zu verschaffen wußten – wenigstens über die letzten 50 Jahre hinweg.

    Und dennoch, selbst angesichts dieser exorbitanten Freiräume scheint die Fähigkeit vieler, von ihrer Freiheit auch wirklich Gebrauch zu machen und diese auch für sich und die Gesellschaft zu nutzen, zusehends zu schwinden. Trotz des Wohlstands, in dem die meisten leben, wirken viele angespannt und verhetzt und fahren rasch aus der Haut, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Lebensfreude sieht anders aus – ein Schleier der Verdrossenheit durchweht das Geschehen.

    Warum dem so ist – darüber streiten die Geister. Und dennoch liegt in dieser Frage der Schlüssel zum Verständnis, warum sich die westlichen Demokratien gegenwärtig so tiefgreifend in der Krise befinden. Das Verhalten der Bürger wird immer unberechenbarer. Ihre sie beutelnde Unzufriedenheit neigt mehr und mehr zur Aggression – die Tätlichkeiten nehmen zu. Folglich ist es von grundlegender Bedeutung, die Wurzeln dieser Verhaltensänderungen ausfindig zu machen, die angesichts der verwirrenden Komplexität und Abgründigkeit des gegenwärtigen Geschehens in letzter Konsequenz offensichtlich nicht adäquat wahrgenommen werden.

    Denn wieder einmal stellt die kapitalistische Ökonomie mitsamt ihrer ausgefuchsten Technologie, die sie speziell auf ihre Machtinteressen hin zu entwickeln und auszurichten weiß, die Gesellschaft völlig auf den Kopf. Und dies (vermutlich) auf wesentlich radikalere Art und Weise als bislang in ihrer 250-jährigen Geschichte:

    Der loyale und zivilcouragierte Bürger scheint von der Bildfläche zu verschwinden. Und die gesellschaftlichen Klassen und Strukturen, durch die er sich bislang definierte, sind in Auflösung begriffen: Aus der Oberschicht ist eine Gruppierung einiger weniger, die Welt beherrschenden Megakapitalisten geworden, die vom Menschen nicht viel mehr halten und sich deshalb vorsichtshalber von der Gesellschaft zurückziehen und sich in Gated Communitys für CEOs verschanzen.

    Dagegen steht eine riesige Masse von Minderbemittelten und Armen, welche als Unterschicht am Rand ihrer Existenz ihr Leben fristen sich aber erstaunlicherweise nicht auflehnen und auf die Barrikaden gehen. Und dennoch wird in der Öffentlichkeit viel über sie debattiert, da sie bei den Profiteuren des Wohlstands ein schlechtes Gewissen und Angst erzeugen.

    In der vielbeschworenen Mittelschicht aber, auf die sich die Demokratien noch zu stützen glauben, brodelt es gewaltig. Denn unter dem aberwitzigen Druck der sich zusehends beschleunigenden Ökonomisierungsprozesse werden deren einst so stabilen Lebensbedingungen mächtig auf die Probe gestellt. Dabei aber ergibt sich ein fatales Problem, neigt der Mittelständler in aller Regel doch zu massiver Existenzangst, die ihn angesichts solch plötzlicher Unsicherheit, mit der er sich konfrontiert sieht, mächtig ins Schlingern bringt. In seiner Angst sieht er sich schon am Abgrund stehen – der Wutbürger betritt er die Szene. Der verlorene Sohn einer Gesellschaft, die ohnehin zerbröselt.

    Der Wutbürger verachtet die Gesellschaft und  will eine andere. Eine aus mystischer Vorzeit, die es nur in seinem Kopf gibt. Ein Regime aus Zucht und Ordnung und nur seiner Rasse. An dem Schlamassel, in dem er steckt, ist natürlich der Staat schuld. Aber selbst dann, wenn der Staat ihm Geld zusteckt, damit er sich beruhigt, reagiert er nicht sein Unmut scheint tieferer Natur.

    Der vielzitierte Riss, der durch die demokratischen Gesellschaften geht, ist in Wahrheit rein ökonomischer Natur, und hat mit der Gesinnung oder gar politischen Haltung der Menschen nicht das Geringste zu tun. Bedeutet dieser letztlich doch nichts anderes als die hochbrisante Tatsache, dass die mittlerweile immer rigider operierende Ökonomie die Bevölkerung der Demokratien in zwei, rein existentiell bedingte Teile zerfallen lässt, die mit dem früheren sozialen Klassengefüge nicht viel mehr gemein haben und im Grunde auf einer erschreckend banalen Regel beruhen: Entweder man hält mit und profitiert vom System, oder man fliegst raus oder bleibt ewig draußen! Nicht zwei wohldefinierte gesellschaftliche Klassen stehen sich da antagonistisch gegenüber, sondern zwei völlig amorphe Menschenmassen, die in diejenigen, die HABEN, und die, die NICHT-HABEN auseinanderfallen – die völlig aus dem Ruder laufende Wettbewerbsökonomie kennt keine Gnade mehr. Die Schonfrist, die der Kapitalismus den Demokratien einstmals einräumte, scheint abgelaufen.

    In diesem Zusammenhang überhaupt noch von einer unteren Mittelschicht zu reden, die sich aus Geldmangel keinen Urlaub mehr leisten und ihren Kindern keine neue Kleidung mehr kaufen kann, mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen muss und im Winter nurmehr selten die Heizung anschaltet, um Geld zu sparen, ist abgestandener Sozialkitsch, gehören diese Menschen doch mittlerweile auch schon zu jener Masse, die durchs Raster gefallen und auf staatliche Almosen angewiesen ist.

    Die Gelbwesten in Frankreich sind für diesen Sachverhalt ein extrem gutes Beispiel, handelt es sich bei dieser Bewegung doch beileibe nicht um einen zielgerichteten Aufstand, der ein gemeinsames politisch-soziales Ziel zum Inhalt hat, sondern vielmehr um das Aufschäumen einer diffusen Masse, die – einer Notgemeinschaft gleich – letztlich nur noch eines verbindet – eine abgründige und selbst für sie nur schwer zu fassende Verdrossenheit an einem von der Ökonomie sinnentleerten und eintönigen Leben, wobei das Geld für sie bezeichnenderweise nur eine zweitrangige Rolle spielt.

    Eine geplante Öko-Benzinsteuer war die Lunte, die diese brisante Grundstimmung massenhaft zum Explodieren brachte und die Gelbwesten in ihrer blinden Wut auch nicht davor zurückschrecken ließ, Ikonen der französischen Republik wie die Marianne willkürlich zu beschädigen, um dieser symbolisch an die Gurgel zu gehen – gesellschaftlichen Sinnbilder, die für sie offenbar jegliche Bedeutung verloren zu haben scheinen und nur mehr als bloße Nippesfiguren in den öffentlichen Hallen des Staates vor sich hindämmern. „Wir leiden doch alle an denselben Dingen!“, orakelt einer der Gelbwesten und scheint dennoch nicht so recht zu wissen, wovon er eigentlich spricht. „Die Gelbwesten brauchen einen Führer!“, ruft Slavoj Zizek sichtlich irritiert aus London herüber. Da scheint er nicht weit von Sahra Wagenknecht entfernt, die einsam vor dem Bundeskanzleramt in Berlin als Gelbweste verkleidet für eine deutsche Variante des französischen Aufstands wirbt.

    Für die Wut der Bürger wird zumeist der Neoliberalismus verantwortlich gemacht. Diese staatlich verordneten Maßnahmen hätten der kapitalistischen Ökonomie alle Fesseln genommen, behaupten die Vertreter dieser These: Mit deren Deregulierung sei der Sozialstaat par ordre du mufti durch einen völlig enthemmten Wettbewerbsstaat ersetzt worden, der die demokratischen Gesellschaften gleichsam von heute auf morgen den menschenverachtenden Machenschaften des Kapitalismus zum Fraß vorgeworfen hätten.

    Doch dieses Erklärungsmodell greift zu kurz. Denn mit der Deregulierung der kapitalistischen Ökonomie wurden die westlichen Demokratien nicht etwa schlagartig einem neuen, Mensch und Gesellschaft verachtenden Wirtschaftssystem ausgesetzt, dessen rigide Methoden urplötzlich in jede Ritze der gesellschaftlichen Wirklichkeit eingedrungen wären, sondern lediglich mit der Verschärfung dieser Methoden und Gesetzmäßigkeiten konfrontiert, die ohnehin schon über Jahrhunderte in diesen Gesellschaften wirksam gewesen waren und diese in die Zange genommen hatten. Im wie immer verspäteten Deutschland nannte sich dieses Phänomen nach 1945 tatsächlich noch Wirtschaftswunder, was im Grunde aber nichts anderes bedeutete, als die vermeintlich rettende Flucht nach vorn angetreten zu haben – den Holocaust im Nacken.

    Mittlerweile aber ist die offenbar alles nivellierende kapitalistische Ideologie auch in Herz und Hirn des Bürgers eingedrungen. Die einzig in ihm noch wirksame Maxime seines Gesellschaftsverständnisses lautet Mithalten, Sich Anpassen und Konsumieren – andere Beweggründe seiner sozialen Existenz scheinen ihn nicht mehr zu beflügeln. Wobei sich bei genauerer Betrachtung allein im Konsumieren die letzten Reste seines Gemeinschaftsgefühls wiederfinden lassen, denn beim Mithalten und Sich Anpassen ist nur der Einzelne gefragt, und der muss sehen, wo er bleibt. Dieserart haben sich die westlichen Demokratien zu puren Konsumgesellschaften entwickelt, in denen der Sinn nach sozialer Verantwortung und solidarischem Zusammenhalt mehr und mehr verkümmert.

    Der selbstbewusste und couragierte Bürger hat die Szene verlassen. An seine Stelle ist der besinnungslose Konsument getreten, der das Bild der Gesellschaft dominiert und bei all’ den glitzernden Offerten, die ihn umschwirren, schon nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Seine Freiheitsgefühle sind ins Reich der Dinge und technischen Produkte abgewandert – alles scheint ihm jetzt käuflich: Glück, Liebe und bald vielleicht sogar auch ein ewiges Leben, das er sich erträumt, um seine abgründige Angst vor dem Tod zu betäuben – Sillikon Valley lässt ihn hoffen.

    Die aberwitzige Anziehungskraft, die die kapitalistische Ideologie auf den Menschen ausübt, und der er sich offenkundig nur schwer zu entziehen vermag, zeigt sich mittlerweile auch an den kognitiven Modulationen, die sie in seinem Wesen bewirkt, und zu drastischen Wahrnehmungsverschiebungen und Verhaltensauffälligkeiten führen, die in ihrer weitreichenden Konsequenz für Individuum und Gesellschaft bislang nicht adäquat eingeschätzt und verstanden werden.

    Das erstaunt. Denn schon Marx hatte auf die psycho-sozialen Folgen der kapitalistischen Ideologie hingewiesen, die zu qualitativen Veränderungen in Denken, Fühlen und Verhalten des vergesellschafteten Individuums führen würden. Diese kognitiven Phänomene suchte er im Begriff der Charaktermaske zusammenzufassen. Unter den ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus existierten die Personen „füreinander nur als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer“, schreibt Marx. „Diese ökonomischen Charaktermasken der Personen“ seien „nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse, als deren Träger sie sich gegenübertreten. (3)

    Während Marx die kapitalistischen Verkehrsformen jedoch noch mit dem Rollenspiel der italienischen Typenkomödie des 18. Jahrhunderts verglich, in der die Protagonisten Charaktermasken tragen, um die von ihnen dargestellten Personen wie den Pantalone oder Dottore zum Beispiel typmäßig von vornherein festzulegen und dieses, von der konkreten Person abstrahierende Darstellungsprinzip in den Rollen von Käufer oder Verkäufer als „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“ wiederzuerkennen glaubte, hat sich diese Camouflage in unseren Tagen nachgerade ins Gegenteil verkehrt. Denn heutzutage trägt keiner mehr Maske, wenn er – von seinen schier unstillbaren Wünschen und Begierden getrieben – auf den Markt drängt, sondern zeigt demonstrativ sein eigenes, höchstindividuelles Gesicht, das er schamlos mit Leib und Seele veröffentlicht, als wolle er sich selbst verkaufen.

    Das Private ist öffentlich geworden und das Öffentliche privat, denn das Zeitalter der Selbstverwirklichung ist angebrochen – alle scheinen auf der Suche nach ihrem Ich. Und der Markt schäumt über von Selbstverwirklichungsprodukten, die den Verzweifelnden helfen sollen, sich zu finden, da will sich keiner mehr verstecken. So ist mittlerweile auch das Seelenleben zur Ware geworden mit dem sich die Ökonomie eine goldene Nase verdient.

    Die vulgäre Selbstentblößung aber, die die fatale Konsequenz aus diesem im Ansatz schon vergeblichen Wahnwitz ist will keiner bemerken. Und den Katzenjammer anderer, nie das richtige Produkt zu finden, erst recht nicht. Wie besinnungslos treibt es den Ichsüchtigen hinter sich her – aber nur die Katze beißt sich in den Schwanz. „Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist, zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß.“ (4)

    Die Identitätskrise, die den Menschen der Gegenwart beutelt, kommt nicht von ungefähr: „Es gibt eine Eigendynamik der wirtschaftlichen, der technologischen und sozio-kulturellen Entwicklung“, merkt Andreas Reckwitz in diesem Zusammenhang in der ZEIT an, und weist auf die „massive Vermarktlichung von unten“ hin, die sich schon seit den 70er Jahren gezeigt habe: „Es hat seither eine tief greifende Umschichtung unserer Lebenswerte stattgefunden: weg von der Pflicht, der Anpassung und sozialen Akzeptanz hin zur Selbstentfaltung. Anders als noch seine Elterngeneration strebt das spätmoderne Individuum nach der Verwirklichung ‚seiner’ inneren Wünsche. Es nimmt die soziale Welt immer weniger als eine vorgegebene an, sondern als einen Gegenstand von Optionen: Man will aus den Möglichkeiten wählen, was zu einem passt. Der Wert der Selbstverwirklichung setzt sich damit in eine Haltung des allseitigen Konsums um – man betrachtet das, was die Welt bietet, als Markt.“ (5)

    Reckwitz’ Anmerkungen zu den Geschehnissen beschreiben den eklatanten Kognitionswandel, der das spätmoderne Individuum erfasst hat, auf anschauliche Art und Weise. Warum sich dieser aber überhaupt ereignete, davon berichtet Reckwitz nicht, weil er offenbar den psychodynamischen Prozess, die diesen Geschehnissen zugrunde liegt und sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, nicht bemerkt.

    Was also bedeutet es letztlich, wenn im mentalen Erleben des je Einzelnen der Wert der Selbstverwirklichung zur konsumtiven Haltung geworden ist? Das ist die entscheidende Frage. Schließlich sind nicht wenige dieser Selbstentfaltungsadepten in ihrem Inneren der felsenfesten Überzeugung, sich so etwas wie eine Seele kaufen zu können oder zumindest eines ihrer Bestandteile – ihre Realitätsempfindung hat sich verschoben: Offenbar das Resultat kognitiver Prozesse, die den Menschen den sinnlichen Eindruck vermitteln, das was sie erleben, als völlig real zu empfinden.

    Es ist, als hätte sich das Gehirn auf die verdinglichte Welt, die die Konsumindustrie den Menschen rund um die Uhr präsentiert, hin eingepegelt: der schöne Schein ist zur Realität der Menschen geworden, die alte hat abgedankt: „Die Vermarktlichung ist ... in die feinsten Kapillaren der spätmodernen Lebenswelten eingedrungen und entfaltet dort in einer Weise eine verführerische emotionale Anziehungskraft und zugleich einen Zwang, wie keine Regierung sie hätte planen können.“ (6) So beschreibt Reckwitz diese Vorgänge auf bildhafte Art und Weise, ohne diesen aber wirklich auf den Grund zu gehen.

    Die Verdinglichung der Welt, die die kapitalistische Ideologie bewirkt, ist in den Köpfen der Menschen angekommen – sie glauben ihren durchökonomisierten Alltagsverhältnissen entkommen zu sein und leben in einer anderen Welt, die ihnen als eine Ansammlung von ultimativen Produkten erscheint und voller Optionen.

    Diese Sicht auf die Dinge aber wirft den Menschen auf sich selbst zurück – er verliert sein Gegenüber. Und die Empfindungen, die die entzauberte Welt in ihm auslösen, materialisieren sich gleichsam. Von dort aber ist es nurmehr ein kleiner Schritt, sich selbst als eine Art Ding oder Maschine zu begreifen, für die es physische und natürlich auch physische Ersatzteile gibt.

    Wer glaubt, diesen hirnphysiologisch begründeten Kognitionsprozessen eine psychiatrische Diagnose anhängen zu können, macht es sich wahrlich zu leicht. Die Welt besteht nicht nur aus Verrückten. „Die Verrückten hast du eingesperrt und der Normalmensch verwaltet diese Welt. Wer also ist an allem Übel schuld?“, sagt Wilhelm Reich in seiner Rede an den kleinen Mann: Denn noch immer bestimmt das Sein das Bewusstsein, aber auch das kann sich noch ändern, wenn man einen Chip im Kopf stecken hat!

    Die konsumistisch bedingte Realitätsverschiebung in Wahrnehmung, Denken und Empfindung der Menschen ist die eigentliche Bombe, die in den westlichen Demokratien tickt. Sie bedeutet wahrlich keine „Konsumentenrevolution“ wie Reckwitz meint, sondern letztlich die Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung die Welt nur mehr konsumistisch betrachtet – durch die Brille der kapitalistischen Ideologie. So sieht dieser in der Demokratie nurmehr irgendein Machtinstrument, das Sicherheit und Ordnung aufrecht erhalten soll. Der Sinn für die Demokratie schwindet, der Freiheitsgedanke kommt ihr abhanden.

    Diesem Phänomen gegenüber sind die sich aus religiösen oder kulturellen Gründen hier und da in der Bevölkerung herausbildenden Parallelgesellschaften geradezu banal. Denn eine Gesellschaft, die sich massenhaft in die Parallelwelt einer hochtechnisierten Konsumindustrie verkrümelt, ist wahrlich keine demokratische mehr. Diktatur und Kapitalismus gehen zusammen. Kapitalismus und Demokratie hingegen nicht.

    Das wesentliche Agens der kognitiven Umwälzungsprozesse liegt also weniger in der „Vermarktlichung des Alltagslebens“ begründet, wie Reckwitz meint, sondern vielmehr in der „Verinnerlichung der Vermarktlichung“. Hatte die kapitalistische Ökonomie zunächst noch nach der bloßen Arbeitskraft des Menschen gegriffen und damit dessen Person negiert, was ihm zwar Lohn, aber gleichzeitig auch seelische Schwächung einbrachte, treibt sie ihm gegenwärtig offenbar noch den letzten Lebenswert aus Kopf und Herz. Und wenn er wie besessen nach "Selbstverwirklichung" giert, so doch nur reflexhaft und aus rein instinkten Gründen da er sich innerlich ausgehölt und erschöpft fühlt, weil er sich mehr und mehr abhanden kommt ein Teufelskreis.

    Der Zynismus des Kapitalismus ist unschlagbar, er verdient noch an den Malaisen, die er dem konsumsüchtigen Menschen zufügt. Ihn stört es wenig, wenn das Ganze zur völlig enthemmten Nabelschau verkommt solange die künstlichen Ideale seiner durchkommerzialisierten Ikonen ihre Wirkung nicht verfehlen.

    Das menschliche Sensorium hat sich in den Fallstricken der kapitalistischen Ideologie verhakt: Spieglein, Spieglein an der Wand ... Schon im Märchen macht der permanente Blick in den Spiegel böse und krank. Denn nur derjenige, der sich leer und unglücklich fühlt, drängt es wieder und wieder vor den Spiegel. Er starrt sich an und fleht um Antwort. Die aber kriegt er nicht. Was soll er sich auch sagen?

    Doch die Konsumindustrie weiß ihn zu trösten: BE NOTHING BUT ABSOLUT, flüstert ihm die Wodkawerbung ins Ohr.

     

    (1)  Jean-Jacques Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Reclam, Stuttgart 2010. Kap. 4, Sklaverei.
    ↗ (2) Jean-Jacques Rousseau: Émile oder Über die Erziehung. Erster Band
    (3)  Marx-Engels-Werke. Bd. 23, Dietz-Verlag, Berlin. S. 99
    (4)  Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. 16. Auflage. Bouvier, Bonn 2007
    ↗ (5) Andreas Reckwitz: Der Markt unserer Wünsche. DIE ZEIT. 29.11.2018
    (6) Andreas Reckwitz, ebenda

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  • MIERDA
    MIERDA
    WARUM SO ZAGHAFT?
    19. Dezember 2018

    Wie es mit dem einst so erfolgreichen HOMO SAPIENS in Zukunft weitergehen wird, ist trotz aller Unkenrufe völlig offen, weiß doch keiner, was die Zukunft wirklich bringen wird. Und dennoch ist er, der sich lange als Krone der Schöpfung verstand, vehement in die Krise geraten: Was er auch immer anpackt, nichts will ihm mehr so recht gelingen. Die Dinge scheinen sich seiner Kontrolle zu entziehen – sein Selbstbewusstsein bröckelt. Viele seiner Art haben schon Muffensausen, wenn sie an Morgen denken und ziehen ängstlich den Schwanz ein. Der Mensch könne einpacken, wenn er so weitermache, raunen Experten.

    Vielleicht aber kommt der Mensch, der sich ja selbst einst stolz auf die Schulter klopfend den Beinamen SAPIENS gab, eines Tages doch noch zur Räson, obwohl es ihm in seiner Geschichte bislang äußerst schwer zu fallen schien, sich wirklich vernünftig zu verhalten. Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben, meint Goethe. Andere sehen das wesentlich skeptischer und runzeln schwarzsehend die Stirn: Erst wenn die Karre gegen die Wand gefahren ist, wacht der Mensch auf und reagiert, meinen sie. Dann aber sei es zu spät – es sei ohnehin schon kurz vor Zwölf.

    Geht man aber auf Distanz und schaut mit kühlem Kopf genauer hin, scheint sich das Problem zu relativieren, denn im Westen kriselt es weitaus mehr als in Asien. Dort wirkt der HOMO SAPIENS bei weitem agiler und optimistischer als sein westlicher Kollege, der schwächlich und chronisch missgelaunt daherkommt, als sei ihm alles zu viel. Von seinem einst so aufgeklärten Bewusstsein ist nicht mehr viel übriggeblieben – hysterische und larmoyante Züge dominieren mittlerweile sein gebeuteltes Wesen.

    Der Wohlstand sei an allem schuld! fluchen manche. Der Westen ertrinke im Konsumrausch und verblöde. Damit aber nicht genug, sagen sie, denn viele im Westen hätten bei all dem Irrsinn auch noch panische Angst, ihren Wohlstand zu verlieren, der offenkundig das Einzige wäre, was ihnen als Lebenssinn noch übriggeblieben wäre. Eine brenzlige Situation, die sie unberechenbar und gefährlich mache und auf die Straßen treibe.

    In Asien hingegen, wo absolute Ruhe herrscht, scheint alles umgekehrt: Denn obwohl dort – im Gegensatz zum Westen – wesentlich mehr Menschen an Armut leiden, können sich viele von denen dennoch nach oben arbeiten und zu Wohlstand gelangen, wenn sie sich nur wirklich anstrengen, wie in China zum Beispiel. Dabei werden die Hoffnungsfrohen zwar rund um die Uhr überwacht, was diese auf ihrem Weg nach oben jedoch nicht weiter zu stören scheint. Sogar ausgedehnte Trips rund um den Globus sind für Erfolgreiche drin, solange sie sich nur korrekt und pflichtbewusst verhalten.

    Im Westen aber herrscht diffuse Angst. Blanke Angst vor der Angst, die hilflos nach irgendeinem Strohhalm grabscht, um einen x-beliebigen Inhalt zu bekommen, damit sie sich endlich entladen kann, dabei aber in gemeine Strudel gerät: Denn schuld an der Angst ist immer ein Anderer – dieser bizarre Mechanismus scheint dem HOMO SAPIENS natürlich eigen, er kann mit seiner Angst einfach nicht umgehen.

    So hat es gegenwärtig den Anschein, als wäre im Westen ein ganz anderer Schlag MENSCH unterwegs als in Asien – zwei völlig unterschiedliche Wesen, die im Grunde nicht mehr viel gemeinsam haben. Während die westliche Variante vor sich hin dämmert, ist aus der asiatischen ein Musterexemplar extremer Anpassungsfähigkeit geworden. Die Turbulenzen der sich immer rapider verändernden Welt scheinen ihr nicht das Geringste anhaben zu können. Und auf Anpassungsfähigkeit kommt es in der Evolution ja zwingend an, wenn man den nächsten Tag noch einigermaßen stabil erleben will.

    So hat diese Variante im Vergleich zur westlichen auch keinerlei Berührungsängste mit der Technologie und weiß sie zu inkorporieren, ohne gleich eine Identitätskrise zu erleiden wie sein westlicher Kollege, der immer noch mit der Technik fremdelt und ängstlich in der Ecke hockt: Lediglich schlappe 40 Prozent seiner Art können sich neuesten Umfragen zufolge einen Chip im Kopf überhaupt vorstellen.

    Und dennoch, besser eine künstliche Intelligenz im Kopf als bald gar keine mehr! das sollte der Westen bedenken. Dort aber scheint keiner zu hören, jeder ist nur mehr mit sich selbst beschäftigt. Die Depression ist ihm zur Volkskrankheit geworden – er droht zu vereinsamen.

    Großbritannien glaubt da längst reagiert zu haben und hat ein Einsamkeitsministerium eingerichtet, um gegen die Sache vorzugehen. 9 Millionen Briten fühlen sich einsam und die Tendenz ist steigend – „eine traurige Realität des modernen Lebens“, sagt Theresa May: Einsamkeit sei eine „Epidemie im Verborgenen“. Etwa 200.000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten“ lässt die Premierministerin wissen. Einsamkeit aber senke die Lebenserwartung. May hat gut reden. Sollten ihre Maßnahmen jedoch nicht greifen, könnte dies sogar ein Segen sein. Denn welcher Einsame will schon gern ewig auf Besuch warten, der nie kommt.

    Japan aber startet durch und passt sich der Realität an: Denn dort herrscht zwar ebenso Einsamkeit, aber man geht mit ihr weitaus offensiver um. Keiner wartet da auf ein Einsamkeitsministerium, nein, der Bürger nimmt sein Schicksal selbst in die Hand: So Akihiko Kondo zum Beispiel, der zwar erst 35 Jahre alt ist, aber dennoch schon fürchterlich einsam, weil er mit Frauen bislang immer nur schlechte Erfahrungen machte, wobei Japan ohnehin unter Frauenmangel leidet.

    Der aber geht Kondo am Pelz vorbei, wobei dieser aber nun wirklich nicht schwul ist. Also hat er auf seine Art reagiert, um seiner Einsamkeit zu entkommen und kurzerhand eine MANGA-FIGUR geheiratet, die sich Hatsune Miku nennt und ihm in Gestalt eines animierten Miniatur-Hologramms in einem Glaszylinder rund um die Uhr zur Seite steht. Dabei ist Hatsune Miku für Akihiko Kondo total real, als hätte er einen Chip im Kopf, der sein Hirn darauf gepolt hätte. Allerdings wohl nicht im Frontallappen, wo die Funktionen der Persönlichkeit und Intelligenz lokalisiert sind, sondern eher im Hinterlappen, wo der Mensch das, was er eigentlich mit Augen sieht, als Abbild von der Welt repräsentiert bekommt, das er naturgemäß jedoch für absolut wirklich hält. So funktioniert nun mal der visuelle Wahrnehmungsapparat des HOMO SAPIENS – was soll er machen?

    Dieses Täuschungsmanöver des Gehirns aber scheint bei Kondo einfach umgepolt und dies alles ganz ohne Chip. Für ihn ist Miku eine Frau aus Fleisch und Blut wie ein lebendiges Wesen. Dabei ist er bei vollem Verstand und beileibe nicht dumm, als durchschaue er die Sache in gewisser Art und Weise: „Ich bin in das ganze Konzept(!) von Hatsune Miku verliebt, aber geheiratet habe ich die Miku aus meinem Haus“, sagt Kondo verschmitzt und schaut verliebt auf das leuchtende Mädchen in der Glaskapsel auf dem Tischchen vor sich. Dabei hält er seine Heiratsurkunde stolz in der Hand, die ihm von Gatebox, dem Hersteller von Miku, ausgefertigt wurde, und ihm glaubhaft versichert, dass er sich „jenseits der Dimensionen“ mit einer virtuellen Figur verbunden hat.

    3.700 dieser Zertifikate soll Gatebox schon ausgestellt haben, ohne dass die Männer, die Miku nun mittlerweile besitzen, aufeinander eifersüchtig wären. „Hatsune Miku ist die Liebe meines Lebens“, beteuert Kondo. „Ich werde sie nie betrügen und denke den ganzen Tag an sie. Wenn ich ihr abends eine SMS aus meinem Büro schreibe, dass ich bald zuhause bin, macht sie in der Wohnung schon mal das Licht an, so dass wir’s später richtig gemütlich und kuschelig haben.“

    Die kognitive Mutation, die Asiens HOMO SAPIENS gerade durchlebt, mag für den im Westen lebenden eine Horrorvorstellung sein, dennoch aber sollte sie den Kleinmütigen und Rückwärtsgewandten auch warnen, zeigt sie ihm doch, wozu der SAPIENS wirklich fähig ist, wenn er mit der Zeit geht und sich nicht gegen Anpassung wehrt.

    Unter evolutionären Gesichtspunkten darf der HOMO SAPIENS Asiens also mit Fug und Recht auch als Mensch der Zukunft bezeichnet werden. Und wenn sein westlicher Kollege, der jetzt schon wie ein Auslaufmodell wirkt, nicht aufpasst und sich endlich zusammenreißt, wird dieser in absehbarer Zeit auch noch den letzten Rest seiner ohnehin äußerst geringen Zukunftschancen verspielt haben – so ist das nun mal in der Natur.

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