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    ANTHROPOZÄN
    #OMAGATE
    22. Januar 2020

    Es gibt Ereignisse, in denen sich der spezifische geistige Zustand einer Gesellschaft derart bündelt, dass dessen wahrer Charakter mit einem Mal besonders drastisch zum Vorschein kommt. Solchen Ereignissen liegen, gemessen an der frappierenden Wirkung, die sie sozial entfalten, zumeist eher marginale, relativ unbedeutende Vorkommnisse zugrunde, die allerdings wie Zünder wirken, den Oberflächenschein von den gesellschaftlichen Verhältnissen absprengen und die eigentlichen, sonst eher im Verborgenen wirkenden Energien und Gefühle, die die Bürger in ihrem Denken und Fühlen an- und umtreiben, gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit befördern. Und dies so eindeutig und unmissverständlich, dass kein Interpretationsspielraum mehr übrigbleibt, die Dinge, wie mittlerweile so üblich, nach rechts oder links hin zu biegen, weil solche Ereignisse den mentalen Gesamtzustand der Gesellschaft jenseits aller politisch-ideologischen Haltungen erschreckend klar vor Augen führen.

    Mit #OMAGATE ist der Gesellschaft gerade wieder einmal solch ein im Grunde völlig nichtiges, aber offenbar überaus wirkmächtiges Ereignis um die Ohren geflogen, dessen bizarre Nachwehen die Bürger dieser Tage noch immer gehörig auf Trab halten. Allerdings sind deren kopf- und herzlosen Verhaltensweisen, die sie dabei an den Tag legen, kaum mehr nachvollziehbar, und haben mittlerweile derart verwirrende Züge angenommen, dass eine Diagnose dringend erforderlich erscheint, um das pathologische Gebaren des Bürgers, das das gesellschaftliche Miteinander auseinanderreißt, überhaupt noch einigermaßen verstehen oder einordnen zu können.

    Die Welt ist krank!
    Der Müll ist überall, auch in uns!
    Der ganz normale alltägliche Wahnsinn!

    Wischiwaschi-Diagnosen dieser Art, die sich im Vagen oder Larmoyanten verlieren, helfen da jedoch nun wahrlich nicht weiter und offenbaren lediglich die allgemeine Rat- und Hilflosigkeit dem die Gesellschaft zersetzenden Geschehen gegenüber, das ungebremst seinen Verlauf zu nehmen scheint, sich immer weiter ausbreitet und offenbar von niemandem gestoppt werden kann.

    In diesem Zusammenhang ist es allerdings von großer Bedeutung, dass es offensichtlich überhaupt nichts nützt, vom Bürger mehr Empathie und Solidarität einzufordern, oder ihn gar ernsthaft dazu bewegen zu wollen, sich entschlossen dem allseits grassierenden Rassismus entgegenzustellen, wie es gegenwärtig die Politik gebetsmühlengleich versucht (MEHR DEMOKRATIE WAGEN!) und dabei völlig ratlos, ja manchmal nachgerade ohnmächtig erscheint – von den irrsinnigen Turbulenzen, die das öffentliche Leben durcheinander wirbeln, offensichtlich total überfordert.

    Dabei scheint es der Politik völlig zu entgehen, dass der Bürger für derartige Parolen offenbar kein Ohr mehr hat, da er als Monade nur noch mit sich selbst beschäftigt scheint und damit ohnehin schon mächtig überfordert wirkt. Wie besessen wirft er sich in die Arme des allgegenwärtigen konsumnihilistischen Allerleis und versucht sich mit Fitness, Diät, Fashion, Lifting und Lifestyle über Wasser zu halten, wobei er auch in diesen sinnentleerten und aufgepeppten Regionen einsam bleibt, so wie im Leben sonst, kommt es dort doch ebenfalls nur auf den Einzelkämpfer an, der sich auf dem Laufband die Lunge aus dem Hals rennt, oder sich bäuchlings einer Thaimassage hinzugeben versucht, oder es irgendwann sogar mit Bungee-Jumping probiert, um es den anderen einmal so richtig zu zeigen. Der Bürger von heute ist, wenn überhaupt, mit sich solidarisch – Offenheit und Achtsamkeit den anderen gegenüber ist für ihn Schnee von gestern.

    Der wie ein Zwang wirkende Irrglaube aber, sich angesichts seiner inneren Bedrängnis mit einem mechanischen und durchdesigntem Selbstoptimierungsprogramm auf die Sprünge helfen zu können, kann nur schief gehen und zieht in ihm zwangsläufig nichts als Unzufriedenheit, Missmut, Erschöpfung und innere Leere nach sich und bewirkt dieserart das glatte Gegenteil: Der Bürger verfettet, und das nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental. Den Schlüssel zu seiner Genesung könnte der Hilflose dagegen nur in seinem Inneren finden und nicht im Außenraum seines mittlerweile völlig durchorganisierten Alltags, von dem er sich jede Minute abzuzwacken versucht, um seinem Ichwahn zu frönen.

    Der Frust und die Ungeduld des Bürgers wachsen ins Bedrohliche an. Und dies nicht nur dann, wenn ihm das Geld für das Optimierungsprogramm und den entsprechenden Lifestyle fehlt – nein, alle scheinen von dieser Volkskrankheit betroffen und deshalb auch immer unfähiger, sich auf die Dinge noch wirklich einlassen zu können. Der Bürger der Gegenwart wirkt müde und abgekämpft und scheint das Vertrauen in die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verlieren. Und dies wohlgemerkt auf dem Boden einer gesellschaftlichen Grundordnung, die sich der Demokratie verdankt und eo ipso all ihre Karten auf einen aufgeklärten und vernünftigen Bürger setzt.

    Der aber hat sich in Luft aufgelöst: Übrig geblieben scheint ein eher lebensskeptisches und argwöhnisches Subjekt, das den anderen grundsätzlich misstraut und das gesellschaftliche Geschehen zumeist eher mit skeptischen Augen verfolgt – stets wie wahnhaft auf der Lauer, dass etwas passiert, was dessen paranoiden Vorurteilen gemäß nie hätte passieren dürfen. Dieses Subjekt scheint seltsam verwirrt und wie neben sich zu stehen: „Die Verrückten hast du eingesperrt, der Normalmensch verwaltet diese Welt. Wer also ist an allem Übel schuld?“, fragt Wilhelm Reich in seiner Rede an den Kleinen Mann?

    Die Symptome allerdings, die im Verhalten des Bürgers zum Vorschein kommen, deuten auf eine Psychose hin. Auf eine Erkrankung also, die die Lebenswirklichkeit des Patienten spaltet, indem sie tief in dessen Innerem eine unüberbrückbare Wand zwischen ihm und der Außenwelt errichtet, sodass dessen nun eingesperrtes und sich selbst ausgeliefertes Ich aus panischer Angst immer orientierungsloser und konfuser wird.

    Die psychodynamischen Konsequenzen, die sich aus solch einem seelischen Ausnahmezustand ergeben, sind dramatischer Natur: Denn mit der Zeit zerfällt dem Psychotiker die Realität allmählich in lauter Fragmente, die er sinnhaft nicht mehr zusammenzubringen weiß, weshalb ihm die Wirklichkeit so auch immer verstörender, fremder, ja feindlicher erscheint und ihn schließlich zum Opfer seiner Verfolgungsängste werden lässt, die finster in ihm aufsteigen und ihn bald wahnhaft übermannen. Auf diese Weise gerät ihm das Leben draußen immer mehr zum Albtraum, der in seinem paranoiden Erleben allerdings immer realere Züge annimmt.

    WHAT IS REAL?
    WHAT’ IS FAKE?

    An solch einer Art Realitätsverkennung scheint auch der Bürger heutzutage zu leiden, dem die freie Sicht auf die Dinge und gesellschaftlichen Verhältnisse von seinem Argwohn und Selbstzweifel verstellt werden.

    Der chronische Realitätskonflikt aber, in dem er sich so verfangen hat, findet im Phänomen des Cyberspace, der dem Bürger offenbar zum Lebensmittelpunkt geworden ist, seine fatale Parallele, vermag dieser doch zwischen Realität und Fiktion mittlerweile schon kaum mehr zu unterscheiden. Wobei ihm die Sphären des Cyberspace wie wirklich vorkommen, die realen Dinge hingegen wie künstlich und fremdartig. Diese Wahrnehmungsverschiebung aber kann mit der Zeit nicht nur für den Psychotiker, sondern auch für den Bürger zur Falle werden – dann nämlich, wenn sich dessen krankhafte Verwirrung ins Wahnhafte steigert, und er schon bei jeder Kleinigkeit nur das Schlimmste vermutet.

    Das Auseinanderdriften von realer Bedrohung und subjektiver Reaktion, die Tatsache also, gleich über zu reagieren und schon beim geringsten Anlass aus der Haut zu fahren, scheint gegenwärtig eine gängige Verkehrsform des gesellschaftlichen Zusammenlebens geworden zu sein, an die man sich offenbar schon gewöhnt hat, ist es doch der chronisch aufgebrachte und genervte Bürger, der dieser Tage das öffentliche Bild der Gesellschaft nicht unwesentlich bestimmt. Dessen Empörung scheint sich vom Anlass völlig abgekoppelt zu haben und droht zu seiner Grundhaltung zu verkommen. Und im Cyberspace scheint er den geeigneten Raum dafür gefunden zu haben, dieser freien Lauf zu lassen.

    Die Ängste aber, die solch einem Erleben und Verhalten zugrunde liegen, sind nicht psychotischer, sondern ihrem Charakter nach eher bürgerlicher Natur: Denn während der Psychotiker tatsächlich Monster zu sehen glaubt, vermutet sie der Bürger hinter jeder Ecke, ohne allerdings je eines wirklich gesehen zu haben. Der Bürger hat Angst vor der potentiellen Gefahr, die für ihn mittlerweile reale Züge trägt – sie lauert überall und allenthalben. Es ist die blanke Existenzangst, die ihn beherrscht und im Grunde auch wesentlich charakterisiert. So lebt der Bürger in beständiger Angst, alles zu verlieren. Wenn er ehrlich ist, sieht er sich schon manchmal in der Gosse sitzen.

    Aus diesem Grund ist der Bürger auch nicht unbedingt derjenige, der gerne voranschreitet. Den Schritt nach vorn, der ihn ja ins Ungewisse oder gar ins Elend führen könnte, überlässt er besser anderen. Lieber hätte er da jemanden, der ihm sagt, wo’s lang geht. Aus diesem Grund ist der Bürger in aller Regel auch eher ein rechter Feigling, der nur ungern etwas auf die eigenen Schultern nimmt und etwas riskiert. Dabei aber ist er wahrlich kein harmloser Geselle, denn je unsicherer das Leben, desto unberechenbarer droht er zu werden.

    Tiefe Verunsicherung und latente Lebenspanik rumoren mittlerweile im Innenleben des Bürgers, dessen Aggression, Neid und Hass in seiner Erscheinung immer deutlicher und vehementer zum Vorschein kommen: Seine Charaktermaske fällt und seine Hemmungen schwinden und überschwemmen in der Folge auch dessen Urteilsvermögen mehr und mehr mit dumpfen, irrationalen Gefühlen, die ihn die Welt nicht selten schon von feindlichen oder gar bösen Kräften unterwandert sehen lassen. Der aber versucht sich zu wehren und hält dagegen, indem er unermüdlich eine Verschwörungstheorie nach der anderen in die Welt setzt und sich anschickt, diesen im Cyberspace zu voller Wirkung zu verhelfen. Darüberhinaus glaubt er aber anscheinend auch in der Political Correctness das probate Mittel dafür gefunden zu haben, die Welt zu domestizieren und sie mit seiner verdammten Zwangsmoral wieder in den Griff zu bekommen, denn ohne festgezurrte Regeln und erstarrte Prinzipien scheint er offenbar nicht mehr zurechtzukommen, auch wenn diese seinem Leben allmählich das Leben nehmen.

    Auf diese erbärmliche Art und Weise ist der Bürger nun zum Generalangriff auf die Gesellschaft übergegangen und setzt damit natürlich auch die Politik gehörig unter Druck. Deren Wehrhaftigkeit aber scheint geschwächt, denn sie hat Angst vor dem Bürger bekommen. Dies aber ist dem Bürger offenbar nicht entgangen, der sich dadurch nur angespornt fühlt und noch aufmüpfiger und resistenter wird, was die Politik wiederum noch kopfloser und ängstlicher werden lässt. Die hehren Werte aber, um die es wirklich geht und für die der Bürger kämpft, sind ihm im Herzen zu leeren Hülsen vertrocknet, die er nur noch mit seiner Angst und Frustration zu füllen weiß, nur um diesen wenigstens etwas Kontur zu verleihen: Der Bürger braucht Sicherheit und Ordnung und hat Angst, was soll er sagen?

    Die Angst aber können ihm die gesellschaftlichen Institutionen natürlich nicht nehmen, wie sollten sie auch? Und diese Tatsache scheint auch der eigentliche Grund dafür zu sein, warum diese für den Bürger jegliche Legitimation verloren haben, und von ihm nur mehr als korrupt, repressiv und verlogen erachtet werden. Zu diesen Institutionen zählen natürlich vorrangig die öffentlich-rechtlichen Medien, die ihn beständig mit schlimmen Nachrichten bombardieren, und selbstredend auch der Staat, dessen Beamte, seien sie nun aus der Kommunalpolitik, der Polizei oder dem Rettungswesen, dieser Tage immer häufiger attackiert werden und nicht selten sogar um ihr Leben fürchten müssen, wobei die Sanitäter ja nur deswegen unterwegs sind, um das Leben anderer zu erhalten. Der Unwille und Hass des Bürgers sind zum Automatismus verkommen.

    So eben, wie gerade bei #OMAGATE, dessen Hergang und erschreckende Dynamik den allgemeinen Geisteszerfall der Gesellschaft wieder einmal erschreckend deutlich vor Augen führt, und dabei auch das mittlerweile völlig engstirnige und nachgerade mechanisierte Sozialverhalten des aus der Spur geratenen Bürgers dokumentiert: Ein sattsam bekanntes Geschehen, das sich wie eine dummdreiste Abfolge von Verhaltensklischees liest, die der Bürger gegenwärtig an den Tag legt und offenbar zu nichts anderem mehr fähig scheint. Ein krudes Abziehbild all jener Empörungswellen, die mittlerweile beinahe täglich das gesellschaftliche Miteinander in gekünstelte Aufregung versetzen, immer der gleichen vulgär-konformen Dramaturgie folgen und zivilcouragierte Abweichler mit hirnlosem Unrat bewerfen und jenen dabei auch immer öfter nach Leib und Leben trachten.

    In diesem Sinne hat auch #OMAGATE den für derartige Empörungswellen typischen Zünder. Diesmal in Gestalt eines alten und wahrlich trivialen Gassenhauers, der als Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad aus den frühen 30er Jahren allseits bekannt ist und nun in einem Videoclip vom Dortmunder Kinderchor des WDR einen neuen Text erhalten hat, der sich – man höre und staune – ausschließlich dem Klimawandel widmet. Dabei sollte man wissen, dass das besagte Oma-Lied im Verlauf seiner Geschichte mit immer wieder neuen Textvarianten unterlegt wurde, da es den Kinder offenbar einen Höllenspaß bereitete, mit diesen noch nie gehörten Omastrophen die Welt immer wieder aufs Neue zu ergötzen, die allerdings – wie eine infantile Erkennungsmarke – stets mit dem gleichen Refrain endeten: Meine Oma ist 'ne ganz patente Frau.

    Schon die Textversion aus dem Jahre 1958 aber, also aus der Frühzeit der Bundesrepublik Deutschland, abgedruckt in einem Liederbuch, das auch noch Der Zündschlüssel hieß, mutete der Oma schon damals so einiges zu und beleidigte sie, wie man nur konnte, nicht zuletzt auch wegen ihrer geistigen und körperlichen Gebrechlichkeit. Diese Tatsache aber schien sich auch zur damaligen Zeit dem stink-normalen Generationskonflikt zwischen Alt und Jung zu verdanken, den jede Gesellschaft zu jeder Zeit auszugleichen hatte, weil dieser Konflikt – schon allein aus rein biologischen Gründen – ganz einfach zum gesellschaftlichen Miteinander gehört, den die Kindern noch spielerisch, die Pubertierenden hingegen schon ernster nahmen, da diese ihr eigenes Leben führen und partout nicht in die Fußstapfen der Älteren treten wollten. Das aber hat sich gewaltig geändert, denn gegenwärtig werden die Kinder ja schon von Helikoptereltern rund um die Uhr überwacht und Pubertierende nehmen es nicht mehr so genau.

    Und dennoch, selbst die Strophen aus dem Jahr 1958, die sich hemmungslos über die Oma lustig machen durften, hätten heutzutage partout keine Chance mehr, einfach so hingenommen zu werden, und würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit augenblicklich für heftige Shitstorms sorgen und vermutlich sogar der gegenwärtigen Forderung, die Strafmündigkeit der Jugendlichen auf 14 Jahre herabzusetzen, reichlich Futter geben:

    Meine Oma hat im hohlen Zahn ein Radio.
    Meine Oma hat ’nen Nachttopf mit Beleuchtung.
    Meine Oma hat ’ne Glatze mit Geländer.
    Meine Oma hat ’ne Brille mit Gardinen.
    Meine Oma hat ’nen Petticoat aus Wellblech.

    Aber auch die Hunderte von Strophen, die seitdem hinzukamen, sind nun wirklich nicht von schlechten Eltern und würden dieser Tage wegen der ungeheuren Zumutung, die in ihnen auf absehbare Art und Weise gesehen würde, von der Gesellschaft ebenfalls schwer gebrandmarkt – dies allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen:

    Meine Oma hat ´nen Löffel mit Propeller. – Wer bitte denkt hier an die Mitinsassen der Oma im Pflegeheim, wenn es mittags Grießbrei gibt? Diese Sauerei wäre bei all dem gegenwärtigen Mangel an Pflegekräften nun wirklich nicht mehr zu bewältigen.

    Meine Oma hat Klosettpapier mit Blümchen. – Das geht vielleicht gerade noch, denn immerhin sind gedruckte Blümchen neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge deutlich weniger giftig als HAKLE FEUCHT.

    Meine Oma guckt die Tagesschau mit Fernrohr. – Wenn das nicht wieder einmal gegen die Öffentlich-Rechtlichen geht, die für die altersbedingte Sehschwäche der Oma nun wahrlich nicht verantwortlich gemacht werden dürfen. Gott sei Dank gibt es diese Sender noch, bei all dem Schwachsinn.

    Meine Oma fährt im Nachttopf auf der Elbe. – Derart hämisch über Alzheimerpatienten herzuziehen, geht nun überhaupt nicht. Denn selbst wenn sich die Oma einmal auf dem Wasser verirrt haben sollte, so hat sie (natürlich auch) in diesem Fall dann doch wenigstens ihren schwimmenden Untersatz dabei, der sie vor dem Ertrinken rettet: Glück im Unglück. Außerdem sollten die Kinder besonders in diesem Fall besser ihr Maul halten und ehrlicherweise zugeben, dass sie selbst nicht schwimmen können und gerade in solch einer lebensgefährlichen Situation über jeden Nachttopf Gott dankbar wären.
     
    Meine Oma macht aus Kuhdreck Marmelade. – Das ist einfach nur widerlich. Selbst wenn alle Suche nach einem vernünftigen Fleischersatz im Endeffekt ergebnislos bleiben sollte und sonst möglicherweise auch die Nahrung knapp werden würde, dürfte selbst dann eine solche Schweinerei von Ernährungsersatz von keiner Oma je unter irgendwelche Leute gebracht werden. Nicht zuletzt auch um einer dann sicherlich drohenden Koprophilie-Epidemie unter Zuhilfenahme aller nur erdenklichen Gesetze entschieden entgegenzuwirken.

    Meine Oma hat ’nen Goldfisch, der raucht Pfeife. – Warum nur strengt sich alle Welt an, endlich die öffentliche Zigarettenwerbung komplett aus dem Verkehr zu ziehen, um unsere Kinder vor der Nikotinsucht und die Jüngeren vor dem Lungenkrebs zu bewahren, wenn jetzt schon Fische rauchen?

    Meine Oma hat ein Himmelbett mit Brause. – Das klingt ja so, als ob Oma schon halb im Himmel wäre, das Bett nicht mehr verlassen könnte und auf eine sicher von Japanern erfundene Bettdusche angewiesen wäre, um jederzeit einigermaßen frisch ins Jenseits abwandern zu können. Aber aufgepasst Kinder, schließlich haben die Japaner ja schon die heizbare Klobrille erfunden. Aber auch über die sollte man nicht gleich wegen des Atomstroms, an dem deren Brillen da hängen, den Stab brechen, schließlich waren die Japaner ja schon im 2. Weltkrieg unsere Partner.

    Meine Oma fährt im Panzer zum Finanzamt. – Was soll das? Will man hier der Oma auch noch eine hochkriminelle Haltung unterschieben? Aber bei allem, wie bitte sollte die Oma so auf die Schnelle einen Panzer herkriegen? Da müsste ihr Schwiegersohn ja mindestens General bei der Bundeswehr sein. Und dass es der Panzer jetzt auch schon nur mehr bis zum Finanzamt schafft, ist kaum zu glauben und scheint leicht übertrieben.

    Meine Oma hat ein Waschbecken mit Sprungbrett. – Diese Strophe ist wahrhaft hinterhältig, weil sie bösartig mit völlig harmlosen Wörtern spielt. Die Oma hat keinen Sprung in der Schüssel – das ist es doch, was dick und fett zwischen den Zeilen steht. Den Sprung in der Schüssel haben die Kinder, die solch üble Nachreden in die Welt setzen.

    Die allerschlimmste Strophe ist jedoch diejenige, die der ohnehin schon schwer gebeutelten Oma einen Parasiten anzudichten versucht, mit dem sie aufgrund ihrer Verwirrung praktisch schon per Du sei: Meine Oma hat 'nen Bandwurm, der gibt Pfötchen, gibt Pfötchen, gibt Pfötchen, Meine Oma ist 'ne ganz patente Frau. – Welch Unverfrorenheit! Möglicherweise ist der Bandwurm ja das einzige Lebewesen, das der Oma in all ihrer Einsamkeit noch geblieben ist?

    Der brandneue Text des WDR-Kinderchores aber, der so unnötig ist wie ein Kropf und so öde, dass selbst die Haare aufhören zu wachsen, macht aus der fiktiven Oma jetzt einfach eine hilflos-dümmliche Projektionsfläche der allgemeinen Klimahysterie, um auch mit dabei zu sein und dichten ihr in diesem Zusammenhang allerlei Idiotisches an, von dem nun keiner denken würde, dass jemand dies ernst nehmen könnte. Aber auch in diesem Fall täuscht der Schein, denn die Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus.

    So fährt die Oma jetzt zwar immer noch im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad, verbraucht dabei aber auf einmal 1000 Liter Super jeden Monat. 1000 Liter Super jeden Monat allein im Hühnerstall, da kann doch etwas nicht stimmen? Und doch: Die aktuelle PISA Studie scheint recht zu haben, wenn sie den deutschen Schülern schwere Mängel im Rechnen unterstellt.

    Die Strophe Meine Oma sagt, Motorradfahren ist voll cool. Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl tut man besser gleich zum Übrigen. Und auch über die nächste, in der die Oma dann im SUV beim Arzt vorfährt, und dabei zwei Opis mit Rollator überfährt muss man wahrlich nicht groß reden. Dann brät sich noch jeden Tag ein Kotelett, weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet und ist nebenbei auch noch pausenlos auf dem Schiff unterwegs, fliegt nicht mehr und ist offenbar geläutert, macht sie jetzt doch zehnmal im Jahr ‘ne Kreuzfahrt. Meine Oma ist doch keine Umweltsau! so lautet dabei auf einmal der Refrain, als hätte das Kreuzfahren die Oma mit einem Mal bekehrt.

    Wie das jetzt? Hirnrissiger geht’s kaum mehr. Denn Kreuzfahrer sind die Pest, denen geht die Natur doch nun wirklich am Arsch vorbei. Völlig ignorant verpesten sie die Luft und überschwemmen darüber hinaus auch noch den Globus mit ihrem Plastik- und Aluminiumdosenmüll. Verdammt, da hätte sich doch wenigstens irgendein WDR-Praktikant bitte vorher einmal kurz über den Text beugen sollen.

    Am Ende aber geht dieses hohle und lächerliche Klimaengagement vollends in die Hose und gerinnt zum puren Sozialkitsch: We will not let you get away with this! singen die Kinder da auf einmal mit plötzlich furchtbar ernstem Gesicht. Der Satz stammt natürlich von Greta Thunberg, wie könnte es dieser Tage auch anders sein. Idiotischer geht es wirklich nicht. Wer bitte wollte sich über eine derartig dürftige Klamotte schon aufregen? Doch dass auch selbst eine solche Nullnummer in der hochaufgereizten Gesellschaft zündet, war leider absehbar.

    Kurz nachdem die eineinhalbminütige Studioaufnahme des WDR-Kinderchores am Tag nach Weihnachten bei Facebook online geht, bricht die Hölle in den SOCIAL MEDIA los. Wieder einmal scheint die Dauerregung des Bürgers frisches Futter gefunden zu haben, dem die Empörung offenbar zur Hauptbeschäftigung geworden ist. Und der trifft – empörungserfahren wie er mittlerweile ist – natürlich gleich ins Schwarze, indem er dem WDR gleich einmal geistigen Kindesmissbrauch andichtet, was praktisch ja schon unter ME TOO rangiert: „Gab es das nicht früher in Diktaturen – Volkserziehung über „Comedy“/Theater?“, twittert der Erregte, wobei es dahingestellt sei, ob es je eine Diktatur in der Geschichte gab, die sich ihre Untertanen durch Comedy herangezüchtet hätte.

    Und dennoch, wie selbstverständlich reagiert der WDR so prompt, als hätte ihn der Bürger am Schlafittchen gepackt und endlich in flagranti erwischt, gibt sich dabei jedoch alle Mühe, die Sache mit der Omaumweltsau wieder in den Griff zu kriegen und sie im gewohnten Betroffenheitston herunter zu kochen. Allerdings wiederum in Facebook, wo noch jedes Statement schonungslos im Strudel von Millionen Meinungsblasen versinken muss: Bei dem Clip der Oma-Umwelt-Sau hätte es sich um eine Satire (!) gehandelt, stottert der Sender, der besser gleich zugegeben hätte, dass das idiotische Filmchen nichts anderes als ein Rohrkrepierer sei.

    Stattdessen aber begrüßt der WDR „die sehr unterschiedlichen Reaktionen“ (DEMOKRATIE HEISST MEINUNGSFREIHEIT!), lässt seine Hörerinnen und Hörer allerdings schmallippig wissen, dass ihn der Vorwurf, die beteiligten Kinder seien „instrumentalisiert“ worden, schwer betroffen gemacht habe. Fehlte nur noch, dass einige der Bürger dem Sender von Anfang an Kindesmissbrauch vorgeworfen hätten, dann hätte dieser sicher nicht mehr anders gekonnt, als diesem Vorwurf unbedingt nachgehen zu wollen, da der WDR-Chorleiter möglicherweise pädophil sei. Und wenn? Nicht auszudenken. Der WDR hätte wegen Bombendrohungen geräumt werden müssen.

    Wollt ihr die Alten etwa vernichten? So tönt es hingegen von anderer Seite. Kein Wunder, hatte doch kurz vorher ein offenbar jüngerer Bürger im Netz schon behauptet, die Alten wären kein Problem, die würden ja ohnehin übermorgen ins Gras beißen.

    Die Oma spaltet Deutschland! schaltet sich wie zu erwarten jetzt auch die Demoskopie ein, um die sensationsgeilen Bürger im Land über den aktuellen Pegelstand der aktuellen Empörungswelle zu informieren. Wobei die sogenannte Demoskopie mittlerweile nur noch die Political-Correctness-Sprüche der Bürger misst, da ja keiner von denen wirklich noch den Mut hat freiwillig zuzugeben, schon seit geraumer Zeit Plastiktüten zu sammeln, da es bald keine mehr gäbe. Und siehe da, das was bei dieser pseudoaktuellen Volksbefragung herauskommt, weiß eh schon jeder und dokumentiert lediglich die fatale mentale Starre der Gesellschaft, die allmählich an ihrem nachgerade psychotischen Gebaren erstickt:

    32,1 % der Befragten finden die Kritik nicht gerechtfertigt. 58 % sagen, sie ist gerechtfertigt. 9.9 % sind unentschieden. Besonders Wähler der AfD halten die Kritik für berechtigt, hier entschieden sich 91 % für „Ja“. Auch Unions-Wähler halten die Kritik mehrheitlich für berechtigt, 75,1 % votierten mit „Ja“. Starke Abweichungen im Trend gibt es bei den jüngeren Personengruppen. So stimmten 51,9 %der Personen, die sich noch in Ausbildung befinden, für „Nein, die Kritik ist nicht berechtigt“. Im Vergleich: Bei der Personengruppe der Rentner antworteten 65,8 % mit „Ja“.

    Und jetzt kommt endlich auch die Politik ins Spiel und konstatiert moralinsauer, der WDR habe mit seiner Omaumweltsau die Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber den Älteren weit überschritten. Es ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, der versucht, auf Twitter diesen abgestandenen Gedankenbrei loszuwerden und freimütig bekennt, zutiefst besorgt zu sein: „Jung gegen Alt zu instrumentalisieren ist nicht akzeptabel“, predigt er postend. Zugleich wehre er sich dagegen, dass die Kritik am „Umweltsau“-Lied des WDR-Kinderchors als „rechts“ diffamiert würde und warnt ausdrücklich davor, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen.

    Wer in einer Diskussion eine andere Auffassung vertrete, sei „keine Sau und auch kein Schwein“, hakt Laschet wenige Tage später in der „ZEIT“ nach, lässt einfach nicht locker und warnt den Bürger auf eindringliche Weise: „Wenn wir die Debatten, die jetzt anstehen, tribunalisieren, wird die Gesellschaft daran zerbrechen“, schreibt er stirnrunzelnd. 2020 müsse das Jahr einer „Renaissance unserer Debattenkultur“ werden. Wer politischen Diskurs als Konfrontation eskaliere, spiele ungewollt denjenigen in die Hände, die die Gesellschaft spalten wollten. „Rechte Netzwerke inszenieren sich als Helfer und Schutztrupp der Opfer und Vergessenen des Mainstreams.“ Deshalb sei eine faire Debattenkultur heute notwendiger denn je. Dabei kämen den Medien eine besondere Verantwortung zu. „In diesen Zeiten brauchen wir dringend einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dem Zusammenhalt dient, wie es seinem Auftrag entspricht.“

    Diesen dreisten Seitenhieb will der Intendant des WDR Tom Buhrow natürlich nicht auf sich sitzen lassen und meldet sich telefonisch in einer kurz zuvor anberaumten Sondersendung von WDR 2 Hörfunk, in der sich dessen Chef Jochen Rausch stellvertretend für die Redaktion den Hörerinnen und Hörern zum Thema Omaumweltsau zu stellen versucht, weil ihm der Druck durch die Social Media offensichtlich keinen anderen Ausweg mehr lässt, als sich den Bürgern zu stellen und sich mit ihnen blind ins Getümmel des dringend notwenigen Meinungsaustauschs zu werfen.

    Wie aber sollte Rauschs Versuch gelingen, wenn es offenbar nur dessen blanke Angst vor dem unberechenbaren Bürger war, die ihn zur Idee dieser bizarren Sendung verleitet hatte, wohl auch mit dem heimlichen Hintergedanken, mit dieser Sonderaktion Dampf aus der Sache nehmen zu können. Stattdessen aber gelingt, wie ebenso absehbar, das glatte Gegenteil: Die Bürger reden sich an den Dingen heiß, und werfen sie sich gegenseitig wutentbrannt an den Kopf. Rausch zieht den Kopf ein.

    Den Vogel aber schießt Tom Buhrow ab, der sich in der scheinbar hochbrisanten Sondersendung wie aus heiterem Himmel aus dem Krankenhaus meldet, wo er offenbar gerade seinen 92-jährigen Vater besucht. Ohne Umschweife bittet dieser alle Hörerinnen und Hörer um Verzeihung und lässt diese wissen, sie könnten beruhigt sein, er habe den Clip auf Facebook bereits sperren lassen. Die Omaumweltsau sei vom WDR schlichtweg ein schwerer Fehler gewesen. Ein Missgriff!

    Unerträglich aber sei für ihn der Verdacht, man habe Kinder schlichtweg „instrumentalisiert“. Das habe für ihn den Ausschlag gegeben, die Oma umgehend aus dem Netz zu nehmen. Darüber hinaus sei sein Vater gewiss keine Umweltsau, fügt Buhrow noch völlig zusammenhangslos hinzu, denkt aber leider nicht daran, aus dieser Tatsache noch persönlich Kapital zu schlagen. Die unfreiwillige und im Gegensatz zur Omaumweltsau wahre WDR-Satire wäre wirklich perfekt gewesen, hätte Buhrow den naheliegenden Gedanken nur fortzuspinnen gewusst: Und da mein Vater keine Umweltsau ist, bin ich es auch nicht, werte Hörerinnen und Hörer, hätte er noch sagen sollen. Wir müssen alle etwas gegen den Klimawandel tun, werte Hörerinnen und Hörer. Aber bitte nicht auf dem Motorrad!

    Dass Buhrow aber offenkundig nicht für alle Mitarbeiter seines Senders spricht, erweist sich bald als schwerer Fehler. Denn Dutzende seiner Autoren und Redakteure sehen sich durch dessen kopflose Entscheidung mehr als brüskiert, die Satire- und Rundfunkfreiheit folglich gravierend gefährdet und fordern diesen deshalb zum Rücktritt auf. Zur gleichen Zeit aber wird ein freier Mitarbeiter ganz von sich aus aktiv und zündet mit folgendem Tweet eine weitere Bombe: Man muss „mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über #Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine #Umweltsau. Stimmt. Sondern eine #Nazisau.“

    Dieser Tweet bleibt natürlich nicht ohne Folgen und versetzt den Bürger erst recht in Rage, indem sie diesem die Pest an den Hals wünschen und ihm unumwunden mit Mord drohen. Dieser mittlerweile schon beinahe völlig normal gewordene Wutausbruch ruft selbstredend den Deutschen Journalisten-Verband auf den Plan, der den WDR ultimativ dazu auffordert, unverzüglich die Sicherheitsbehörden zu alarmieren, damit diese das Leben des dummen WDR-Mitarbeiters schützen, was der Sender natürlich auch umgehend zusichert. Buhrow selbst hingegen scheint bei all dem Wahnsinn auf einmal einen lichten Moment zu haben und fragt sich in aller Öffentlichkeit: „Was ist mit unserem Land los, dass ein missglücktes Video zu Morddrohungen führt?“

    Gute Frage. Aber leider hat bislang noch keiner in der Republik eine Antwort auf diese gefunden.

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  • FLASH
    flash
    FROHE BOTSCHAFT
    24. Dezember 2019

    IN JAPAN HABEN SIE JETZT EINEN ROBOTER ALS MÖNCH, DER DEN GLÄUBIGEN INS GEWISSEN REDET.

    DER AUTOMAT ARBEITET IN KYOTOS KODAIYI-TEMPEL ALS PREDIGER UND HEISST EIGENTLICH MINDAR, OBWOHL ER ALS ERSCHEINUNG DER BUDDHISTISCHEN GOTTHEIT KANNON ZU DEN MENSCHEN SPRICHT.

    IN MINDAR ABER IST NICHT IRGENDEIN GOTT HINEINGEFAHREN, SONDERN LEDIGLICH ELEKTRISCHER STROM, DER DIE MASCHINE AM LAUFEN HÄLT.

    UND DENNOCH, DIE MASCHINE IST GOTT – DAS VERMUTLICH BEDEUTSAMSTE SIGNUM DER ZEIT.

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  • MIERDA
    MIERDA
    DIE VIER JAHRESZEITEN
    09. Dezember 2019

    Die Lage ist wahrhaft katastrophal, denn mittlerweile macht der Klimawandel vor rein gar nichts mehr halt. So wirbelt er nun auch schon das Wetter im Konzertsaal höllisch durcheinander – dort also, wo man bislang noch glaubte, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben, um sich, aller Unbill draußen zum Trotz, wieder einmal ganz der Musik hinzugeben. Und selbst die Gewitterstürme, die man dort ab und an über sich ergehen lassen musste, waren nur halb so schlimm, wusste man im Grunde doch, was auf einen zukommen würde.

    So wie beispielsweise in der Pastoralsymphonie von Ludwig van Beethoven, deren furchteinflößendes Gewitter über einem urplötzlich hereinbrach, wenn man schon eine geraume Weile mit dem Landvolk durch idyllische Gegenden gestreift war und nun, schon leicht besäuselt und völlig ahnungslos, mit den anderen in den Abend hineintanzte – ein Gewitter, das es mit seinen grellen Blitzen und niederschmetternden Donnerschlägen wirklich in sich hatte und einem auf der Stelle den Atem verschlug. Ja selbst den sturzbachartigen Regenguss, der urplötzlich auf die Erde niederprasselte, konnte man förmlich den Körper hinabrieseln fühlen, wenn man sich nur ganz dem Geschehen hingab.

    Aber, wie gesagt, der ganze Schrecken war nur halb so schlimm, schließlich wusste man ja genau, auf welche Art Gewitter sich man da gerade eingelassen hatte. Und bei Beethovens Pastorale konnte man sicher sein, dass das Ganze nicht länger als vier Minuten andauern und darüber hinaus auch keinen wirklichen Schaden anrichten würde. Außerdem fieberte man während des furchtbaren Getöses insgeheim schon dem letzten Satz der Symphonie entgegen, der einem nach all dem Schrecken schlussendlich „frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“ verhieß. Auf solch ein Wetter war einfach noch Verlass.

    Diese Zeiten aber scheinen längst vorbei. Denn nun ist man mit einem Mal auch in der Musik vor den verrückten Wetterkapriolen des Klimawandels nicht mehr sicher, hat dieser doch jetzt – völlig überraschender Weise – sogar die berühmten VIER JAHRESZEITEN von Antonio Vivaldi in Mitleidenschaft gezogen und in dessen wunderbarer Komposition durch seine zerstörerischen Kräfte nichts als Verwüstung hinterlassen. Und dies wohlgemerkt in einer Musik, von der man bislang geglaubt hatte, sie wäre absolut wind- und wetterfest und sei – wie keine andere sonst – vor dem Wetterchaos draußen nun wirklich gefeit.

    So war man beispielsweise von den jüngsten Überschwemmungen, die Venedig unter Wasser setzten, nicht sonderlich überrascht, ist es doch mit seiner prekären Lage mitten im Meer dessen beständig ansteigendem Pegel praktisch schutzlos ausgeliefert, wohingegen es einem eiskalt den Rücken herunterlief, als man von den VIER JAHRESZEITEN und den entsetzlichen Klimaturbulenzen erfuhr. Einem Werk also, das sich zwar bedingungslos dem Wettergeschehen ausliefert, sich dennoch aber über die Jahrhunderte hinweg klimatisch als erstaunlich stabil erwiesen hatte – so beständig in seinen konstanten und absolut harmonischen Schwankungen wie es das Wetter vor 300 Jahren eben noch war, als es tatsächlich noch einen die Sinne verzückenden Frühling gab, dem ein idyllischer Sommer mit saftigem, vor Energie berstendem Grün und besonders lauen Nächten folgte, woraufhin der laubbunte Herbst allmählich ins Land zog – die Zeit der dankbaren Ernte und angenehm kühlenden Winde, die schließlich frostig und stürmisch den Winter einläuteten, der die Welt bei klirrender Kälte mit tiefem Schnee ins echoarme Weiß tauchte und ihr so endlich für eine gewisse Zeit Ruhe und Besinnung brachte. Das heißt aber noch lange nicht, dass Vivaldis Musik wetternostalgisch alten Zeiten nachtrauern würde, schließlich entstammt sie dem Jahre 1725, als man noch nicht ständig über das Wetter jammerte und nicht gleich bei jedem Unwetter sofort das Allerschlimmste vermutete.

    Natürlich kommen in den VIER JAHRESZEITEN neben sachten Brisen und sanften Zephyrwinden ganz selbstverständlich auch immer wieder Stürme und Gewitter vor, die urplötzlich über Land und Mensch hinwegfegen, gehören diese zum Wetter doch einfach dazu. So beispielsweise ein veritabler Frühlingssturm, der selbst das Vogelgezwitscher augenblicklich zum Verstummen bringt. Und dann sogar auch ein übler Sommerorkan, der mit seinem eisigen Nordwind für kalte Nasen und Ohren sorgt, sich endlich aber – mit hochvirtuosen Tonleiterfolgen und wilden Akkordbrechungen – in einem fulminanten, aber auch wirklich befreienden Gewitter entlädt, sodass man bald wieder Ruhe findet und sich entspannt den letzten lauen Sommerabenden überlassen kann.

    Doch im Vergleich zu dieser Herz und Sinne erfüllenden Musik bieten die aktuellen und von den bösartigen Wetterexzessen des Klimawandels jüngst schwer getroffenen VIER JAHRESZEITEN, ein ganz anderes, wahrhaft deprimierendes Bild – das eines sich schier endlos dahin ziehenden Wettermischmaschs bei stets aufgeheizten Temperaturen nämlich, das den einst so wunderbar abwechslungsreichen Jahreszeiten jegliche Kontur genommen hat und nichts als absolute meteorologische Tristesse hinterlässt.

    Immer wieder durchsetzt vom schauerlichen und penetrantem Getöse ekelhafter, überdrehter und völlig aus der Fassung geratener Unwetter, deren Kakofonie furchtbar in den Ohren schmerzt und einen dazu auch noch immer paranoider macht, weil man bald schon hinter jeder banalen Wolkenformation einen fürchterlichen Taifun aufzuziehen glaubt.

    Demzufolge ist es im Grunde jetzt auch völlig egal, ob man die brandaktuelle Version der VIER JAHRESZEITEN noch anhört oder nicht, wird man doch in deren entfärbten und trostlosen Landschaften keine anderen Wettererlebnisse mehr erfahren dürfen, als die, die man draußen in der Stadt oder auf dem Land ohnehin schon gemacht hat.

    Trotz allem aber hat die ganze kompositorische Misere (wirklich überraschender Weise) auch ihr Gutes. Denn mit dem plötzlichen Klimawandel, der jetzt die VIER JAHRESZEITEN praktisch zugrunde gerichtet hat, ist es doch nun auch auf eklatante und nicht mehr zu leugnende Art und Weise endgültig bewiesen, dass einzig der Mensch es ist, der diese Katastrophe wirklich zu verantworten hat.

    Denn natürlich haben nicht irgendwelche widerwärtigen Wetterkapriolen die Noten dieses einzigartigen Stücks urplötzlich durcheinandergewirbelt und ins strukturlose Chaos gestürzt, sondern ein Mensch, der Soloposaunist Simone Candotto persönlich, der sich wohl auf die ganz dreiste Tour ins Orchester des einst so idyllischen Werks hat einschleichen wollen, das bislang ausschließlich auf ein Streichorchester mit obligatorischen Cembalo setzte und nicht ganz ohne Grund jeglichen unnötigen Blechbläserradau zu vermeiden wusste.

    Doch seine unverfrorene Rücksichtslosigkeit Vivaldis Partitur gegenüber weiß der Posaunist geschickt zu verbrämen, indem er nun nassforsch in der Öffentlichkeit behauptet, er habe mit seiner sogenannten Komposition lediglich auf den Klimawandel aufmerksam machen wollen und damit wohl auch enorme Zivilcourage bewiesen.

    „Bei dem Projekt handelt es sich natürlich nicht um eine konkrete Maßnahme“, springt ihm der Uraufführungsdirigent Alan Gilbert bei, der diese exorbitante Klimakuddelmuddelmaßnahme mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg aus der vor Kitsch triefenden Taufe hob. Sie basiere „auf dem aufrichtigen (!) Wunsch, die Menschen draußen zu erreichen und dadurch etwas zu verändern“, lässt der Chefdirigent Gilbert in diesem Zusammenhang die schon vor der Aufführung fröstelnden Zuhörer wissen, die mit einem Mal offenbar ahnen , sich für das Konzert viel zu leicht angezogen zu haben.

    Mit diesem Betroffenheitsquatsch aber reiht sich der Stab Schwinger mehr als eitel in die nicht enden wollende Liste jener Promis ein, die sich partout nicht lumpen lassen, wenn es darum geht, sich bei jeder x-beliebigen Aktion gegen den Klimawandel in vorderster Front zu zeigen, dabei aber im Grunde nichts anderes bewirken als heiße Luft abzulassen. Ob diese aber dem Erdenklima nicht ebenso unzuträglich ist wie CO2 und Methan es sind, sei einfach einmal kühl in den Raum gestellt.

    Das Projekt „mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, um die Aufmerksamkeit für das Thema zu erhöhen“, räumt Gilbert geflissentlich ein, wobei er mit seiner blöden Metapher aufpassen sollte, nicht missverstanden zu werden, ist seine angebliche Maßnahme doch noch viel spärlicher als ein Tröpfchen auf ein heißes Steinchen. Zudem sollte sich der Dirigent insbesondere auch davor hüten, sich während des Wedelns durch die heiße Luft nicht unfreiwillig die Hände zu verbrennen.

    Der Irrsinn aber geht noch weiter, obwohl der Posaunist – zunächst durchaus nachvollziehbarerweise – schon vor seiner Komponiererei genau wissen wollte, was er da eigentlich mit den VIER JAHRESZEITEN anstellen sollte, wenn es darum ging, Vivaldis dreihundertjährigen Wetterzyklus auf den gegenwärtigen Klimastand hin zu trimmen. Also setzte sich der wetterbesessene Posaunist erst einmal mit der Berliner Musikagentur Klingklangklong zusammen, um gemeinsam mit dieser Klimatabellen und Temperaturkurven möglichst gründlich auszuwerten und „auf Auffälligkeiten hin“ zu untersuchen, wie er es dem ansonsten wenig sensationsgeilen Hamburger Konzertpublikum stolz wissen ließ. Und dabei sei ihm und Klingklangklong ein „deutlicher Anstieg der Höchsttemperaturen aufgefallen, eine wachsende Häufigkeit von Naturkatastrophen im Herbst und Winter und darüber hinaus auch ein bemerkenswerter Niedergang der Vogelpopulation.“

    Mein Gott, welch verblüffende Ergebnisse – KLINGKLANGKLONG! Aber es kommt noch besser, denn nach dem mühseligen Studium der Wetterstatistiken fragte sich der immer noch ziemlich ratlose Posaunist, der allerdings nicht mehr der Allerjüngste ist und den Klimawandel eigentlich am eigenen Leib hätte verspüren müssen, „wie er diese Veränderungen in der Partitur von Vivaldi eigentlich sichtbar machen könnte.“

    Mit seinem krummem Deutsch und der daher geschwätzten sichtbaren Musik aber spielt der dummdreiste Candotto unwillentlich auf das Phänomen der Synästhesie an, das eine wahrhaft fantastische Fähigkeit beschreibt, die nur wenigen Menschen eigen ist – die Musik-Farben-Synästhesie nämlich, die nichts anderes bedeutet, als dass solche Menschen beim Musikhören gleichzeitig auch Farben sehen, ob sie nun wollen oder nicht. Man kann sich nur wünschen, dass keiner der Farbenhörer unter den Zuhörern der Uraufführung war, der dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur braunbraun wie Scheiße gesehen hätte.

    Doch der Klimaposaunist gibt vor, dann doch den absolut seriösen Weg gegangen zu sein: „Bleiben wir vielleicht gleich bei der Vogelpopulation“, versucht er sich hilflos zu rechtfertigen: „In jedem Satz nutzt Vivaldi bestimmte Instrumente, um Tierstimmen zu imitieren. Er schreibt Triller in die Geigenstimmen. Da nun die Population der Vögel von Jahr zu Jahr weniger werden, haben wir uns dazu entschieden, die Trillerfiguren auch dementsprechend zu kürzen“ – welch meisterliche kompositorische Großtat!

    Aber damit nicht genug: „Da der Sommer heute viel früher beginnt als im Jahr der Uraufführung 1732“, erklärt Candotto hölzern, „ertönt auch das musikalische Thema des Sommers in unserer Version sehr viel früher. Die Jahreszeiten verschieben sich immer mehr, also überlagern sich auch die einzelnen musikalischen Themen immer mehr. Gleichzeitig sind die Höchsttemperaturen immer weiter gestiegen, also brauchten wir mehr Stimmen, also mehr Instrumente. Die Masse der Stimmgruppen wird üppiger, als Zeichen, dass es immer heißer wird. Die Jahreszeiten, die nach unseren Beobachtungen am meisten verändert werden mussten, war aber gar nicht der Sommer, sondern der Herbst und Winter.“ Und jetzt kommt’s: „In unserer Fassung besetzten wir deshalb einige Instrumentengruppen neu und haben für die Naturkatastrophen im Herbst und Winter Blechbläser hinzugefügt. Die Posaunen dienten schon früher der Gestaltung von katastrophalen Momenten. Sie sollen auf die Bedrohlichkeit der gegenwärtigen Situation aufmerksam machen.“

    Jawohl, Candotto hat recht: Sein bescheuertes Unterfangen ist wahrlich katastrophal. Als nächstes sollte sich der ingeniöse Posaunist bitte Beethovens Pastorale vornehmen. Denn jeder, der diese Symphonie nach den auf das aktuelle Klima hin zugeschnittenen VIER JAHRESZEITEN jetzt hören wird, wird wohl oder übel, sofort bemerken, wie verlogen das Wettergeschehen bei Beethoven in Wirklichkeit daherkommt.

    Deshalb sollte der ultimative Klimakomponist das Gewitter im vierten Satz der Pastorale möglichst gleich an den Anfang der Symphonie stellen, um so dem die tatsächlichen Klimaprobleme verharmlosenden „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“, die Beethoven sich erwünschte, sofort mit Entschiedenheit entgegenzuwirken. Schließlich ist und bleibt es die Aufgabe jedes engagierten Posaunisten der Gegenwart, den Zuhörern im Zeitalter von Fake News und Verschwörungstheorien wenigstens in der Musik keine falschen Töne vorzugaukeln

    Bis dahin aber sollte Candotto unverzüglich eine internationale Petition initiieren, die für ein weltweites Aufführungsverbot von Beethovens Übeltat eintritt. Sorgt diese mit ihrem geschönten und wahrlich nicht mehr haltbaren Wetterspuk beim Publikum doch nur noch für schlimme Schuldgefühle und vermittelt ein völlig falsches Bild von der Welt. Eine solche Aktion wäre wahrlich zivilcouragiert und darüber hinaus auch vor allem klimapolitisch korrekt.

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  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    NEVEN'S LAW
    18. November 2019

    Den Eindruck, die Zeit rase und das immer schneller, teilen gegenwärtig viele Menschen: Die Ereignisse überschlagen sich! Man weiß schon gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht! jammern sie allenthalben. Selbst jüngeren Menschen, die noch nicht an der fixen Idee der älteren leiden, mit den Jahren beschleunige sich die Zeit und laufe immer rascher auf das eigene Ende zu, scheint das ebenso zu ergehen, obwohl sie das Leben ja praktisch noch vor sich haben.

    Dies allerdings nur äußerst vage und völlig diffus, kann doch niemand in die Zukunft sehen. So bleibt das Zukünftige für den Menschen immer nur ein rein imaginärer Raum, der ihm unter Umständen aber auch unversehens zur Projektionsfläche seiner eigenen Befindlichkeiten werden kann und ihn dann entweder hoffnungsfroh oder hoffnungslos in die Zukunft blicken lassen.

    Beim Gedanken an vergangene Epochen hingegen erscheint die Zeit eher wie eine eiskalte Abfolge von Daten und Ereignissen – nachgerade gnadenlos in die Dinge eingemeißelt oder in ihnen eingefroren, für immer ihrer Flüchtigkeit beraubt.

    So scheinen der Zeit – zumindest in der menschlichen Vorstellung – zwei Aggregatzustände eigen. Denn im Zukünftigen wirkt sie flüchtig wie Gas und im Vergangenen fest wie Eis. Und nur im Gegenwärtigen scheint sie für Momente etwas von ihrem wahren Charakter preisgeben zu wollen – so beispielsweise beim Blick aufs Ziffernblatt der Bewegung des Sekundenzeigers folgend. Denn mit jeder Sekunde, die der Zeiger weiter vorrückt, ist die gerade vergangene bereits Vergangenheit, wohingegen die nächstfolgende noch die Zukunft repräsentiert. Allein im Moment des Zeigersprungs also scheint Gegenwart zu herrschen – im Augenblick einer rein abstrakten Zeigerbewegung, in dem sich – wenigstens einen Wimpernschlag lang – aber auch jene physikalischen Abgründe auftun, in deren mystischen Tiefen sich der ewig dahinströmende Zeitfluss vermuten lässt, der alles mit sich wegzuspülen scheint.

    In diesem Sinne erscheint die Zeit mit dem Phänomen des Unwiederbringlichen absolut identisch. Eine Tatsache, die den Menschen zuweilen in tiefe Verzweiflung stürzt, weiß er doch, dass er sterblich ist – auf Gedeih und Verderb dem Lauf der Dinge ausgeliefert, der nur eine Richtung kennt und jegliches Zurück unmöglich macht: Ein zerbrochenes Glas bleibt für immer zerbrochen.

    Und dennoch, auch im Gegenwärtigen, dem Fluss der Zeit unmittelbar ausgesetzt, weist das menschliche Zeitempfinden ganz offensichtlich so seine Tücken auf, denn im Grunde ist und bleibt es es höchst subjektiv: So dehnt sich die Zeit beim Warten zuweilen ins schier Unerträgliche, als stünde sie still, wohingegen sie in Momenten des Glücks scheinbar wie im Nu vergeht und schon verflogen ist, ohne dass man es überhaupt mitbekommen hätte.

    So nimmt es auch nicht weiter Wunder, wenn alle Welt dem Glück wie besinnungslos hinterher jagt, als könne man es einfangen, wenn man nur schnell genug ist. Denn der Mensch scheint süchtig nach jenen Momenten, die ihn vermeintlich der Zeit entheben und so leicht werden lassen wie eine Feder, vermeintlich verschmolzen mit den Dingen um ihn herum.

    Werd ich zum Augenblicke sagen:
    Verweile doch! du bist so schön!
    Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
    Dann will ich gern zugrunde gehen!

    Faust, in dessen Person das Menschliche in all seinen Facetten zum Vorschein kommt, würde Goethe zufolge sogar sein Leben für einen solchen Moment hingeben, wie er Mephisto gegenüber behauptet.

    Doch der Schein trügt: Denn obgleich das menschliche Zeitgefühl eine überaus relative Angelegenheit ist, so ist es die Zeit selbst auch. Denn entgegen aller Erwartung fließt sie beileibe nicht so gleichmäßig und linear dahin, wie man vermuten könnte, obwohl sich Einsteins Erkenntnis mittlerweile eigentlich herumgesprochen haben dürfte.

    Doch die Relativität der Zeit scheint das menschliche Vorstellungsvermögen bei weitem zu übersteigen, da sich diese Mikroprozesse seiner Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit völlig entziehen und lediglich mithilfe von Präzisionsmessungen tatsächlich zu erfassen sind: So verrinnt die Zeit oben auf den Bergen etwas schneller als unten im Tal, weil starke Gravitationsfelder (wie die Erde zum Beispiel) den Zeitpfeil durch ihre Anziehungskräfte umlenken oder gar abbremsen, wenn dieser in deren Nähe und Wirkungsbereich gelangt. Körper (wie beispielsweise Satelliten) hingegen, die mit ungeheurem Tempo dahinrasen, lassen die Zeit auf diesen verwirrender Weise langsamer vergehen. Denn je schneller sich ein Objekt im Raum bewegt, desto träger läuft die Zeit dort auch ab.

    Mit diesen vielfältigen Interaktionen und Abhängigkeiten aber hat die Zeit ihre Absolutheit, die ihr im 17. Jahrhundert von Newton zugesprochen wurde, und die über Jahrhunderte ein fester Baustein der theoretischen Physik gewesen war, Einsteins Relativitätstheorie zufolge verloren, obwohl Newton felsenfest davon überzeugt war, ihr Geheimnis schlussendlich gelüftet zu haben: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit fließt an sich und ihrer Natur nach gleichmäßig, ohne Beziehung auf äußere Gegenstände“, erklärte er. Und eine solche Absolutheit gelte auch für den Raum, der vermöge seiner Natur und ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich bleibe.

    Diese Sichtweise aber hat sich seit Einstein grundlegend gewandelt, sind Raum und Zeit diesem zufolge doch nicht zwei voneinander völlig unabhängige physikalische Größen, sondern vielmehr funktional in der Raumzeit ineinander verschränkt, die neben ihren drei räumlichen Dimensionen die Zeit als vierte zur Seite hat. So gäbe es Einstein zufolge auch keine absolute Zeit, denn in verschiedenen physikalischen Bezugssystemen, wie sie beispielsweise starke Gravitationsfelder darstellen, vergehe sie unterschiedlich schnell.

    Doch solche Gesetzmäßigkeiten scheinen nicht nur für die Bezugssysteme der reinen Physik zu gelten, sondern irritierenderweise auch für diejenigen der digitalen Technologie. Das wenigstens behauptete der Halbleiter-Pionier Gordon Moore in einem Artikel, den er am 19. April 1965 in der Zeitschrift Electronics publizierte. Darin stellte er die These auf, dass sich die Anzahl an Transistoren, die in einen Schaltkreis festgelegter Größe passen würden, sich in der Zukunft etwa alle zwei Jahre verdoppele. Mit dieser Annahme hatte Moore den Nagel ganz offensichtlich auf den Kopf getroffen, da sich dessen Vorhersage im Verlauf der folgenden 50 Jahre tatsächlich bewahrheiten und bald auch als Mooresches Gesetz die Runde machen sollte, wobei es wenig später dann auch für die Prozessorleistung von Computern galt.

    Mit dieser Tatsache aber scheint für die Dynamik der Zeit ein völlig neues Bezugssystem in die Welt gekommen, das in erster Linie nicht auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruht, sondern eklatanterweise zunächst auf nichts anderem, als auf rein zivilisatorischen Errungenschaften. Und dennoch scheint auch dieses Bezugssystem, das den Entwicklungsprozess der digitalen Technologie repräsentiert, den Zeitablauf zu beeinflussen und ihn als digitale Revolution derart voranzutreiben, dass dieser die im normalen und alltäglichen Leben herrschende Zeit längst überholt und hinter sich gelassen hat. Was also bleibt den Menschen da anderes übrig, als seinen eigenen Errungenschaften besinnungslos hinterher zu hetzen?

    Die exorbitante Rasanz, die der digitalen Technologie innewohnt, lässt sich am besten an einigen wenigen drastischen Beispielen vor Augen führen: So besitzt heutzutage ein ganz normales Smartphone eine 120 Millionen Mal höhere Rechenleistung als sie der NASA-Steuercomputer des Apollo-Mondlandungsprogramms vor 50 Jahren hatte. Und noch 1994 wäre das iPad 2 einer der schnellsten Supercomputer der Welt gewesen, denn gegenwärtig passen schon bis zu 4000 Transistoren auf die Breite eines menschlichen Haares und sind so viermal kleiner als ein Influenzavirus.

    Diese atemberaubende Geschwindigkeit aber halte sich nicht mehr lange, orakelt der Fraunhofer-Experte Michael Bollerott, scheint aber nicht mitzubekommen, dass die Konzerne die Entwicklungsgeschwindigkeit von Computerchips mit neuen Aufbau- und Verbindungsmethoden eher noch steigern, da diese die mittlerweile in der Horizontalen ausgereizten Chip-Bauflächen jetzt auch in die Höhe treiben und die Transistoren einfach vertikal stapeln – ein Prinzip, das beispielsweise bei der Entwicklung von Toshibas 3D-Varianten nun auch Anwendung findet. Man könne sich den Bau solcher Chips wie bei einer Stadt vorstellen, die immer dichter besiedelt würde, meint Axel Störmann, der sich bei Toshiba vor allem mit Flash-Speichern beschäftigt. Irgendwann seien eben alle Bauflächen ausgenutzt, da ginge es nur in die Höhe weiter. So entstünden dann Hochhäuser und Wolkenkratzer – was soll’s!

    Demgemäß scheint die atemberaubende Geschwindigkeit der Zeit im Bezugssystem der digitalen Technologie trotz der Unkenrufe Störmanns absolut stabil zu bleiben und weiterhin exponentiell zu verlaufen. Das aber überrascht nicht, da der Zeitverlauf in einem derartigen System physikalisch vorgegeben ist und vom Menschen praktisch nicht zu beeinflussen oder gar aufzuhalten ist. Deshalb bleibt diesem auch nichts anderes übrig, als klein beizugeben und dennoch stoisch zu behaupten, bei der Entwicklung dieser Technologie lediglich das wirklich Machbare Schritt für Schritt voranzutreiben.

    In Wirklichkeit aber wird dem Menschen im Verlauf seiner vermeintlichen Forschungsaktivität praktisch jeder Schritt von der digitalen Maschine und den Prinzipien ihrer Technologie diktiert. Wobei diese ihm den jeweils nächsten nicht nur nahelegen, sondern nachgerade zwingend aufoktroyieren. Gefangen im Kanon einer mechanischen Entwicklungslogik, der die präformierten Konstruktionsmechanismen, die sich aus dem spezifischen Charakter der Maschine ergeben, lediglich ausführt, wobei ihm die Zeit um die Ohren fliegt.

    Jetzt aber drängt mit einem Mal eine vermeintlich völlig neuartige Technologie in die Welt, die das Digitale wohl bald in den Schatten stellen wird – die Technologie des Quantencomputers nämlich, die dieser Tage weltweit für Furore sorgte.

    Schuld daran ist eine Mitteilung von Google, in der es lapidar heißt: „Ein von Google entwickelter Chip, Sycamore genannt, konnte in 200 Sekunden eine Berechnung durchführen, für die der schnellste Supercomputer der Welt 10 000 Jahre gebraucht hätte." Deshalb sprechen die Forscher in ihrem Paper, das im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde, wohl auch von einem Meilenstein, da hiermit auch die Ära der Quantenüberlegenheit eingeläutet worden wäre, die ihr gemäß dann eingetreten sei, wenn ein Quantencomputer eine Aufgabe schneller als ein herkömmlicher Computer, der auf Digitaltechnik basiere, gelöst habe. Selbst der gegenwärtig beste Superrechner dieser Art, der Summit des Oak Ridge Labaratory in den USA, hätte bei diesem Tempo nicht mitgehalten und wäre schnell in die Knie gegangen. „Es ist der Hello world-Moment, auf den wir gewartet haben“, schreibt Googles CEO Sundar Pichai.

    Der von Googles Artificial Intelligence Quantum Team entwickelte Prozessor beruht also auf den Gesetzmäßigkeiten der Quantenmechanik, die mit denen der klassischen Physik nicht viel gemein haben und selbst Quantenphysiker manchmal ins Schwitzen bringen. So rechnet dieser nicht mit traditionellen Bits, die entweder den Wert von 1 oder 0 annehmen können, sondern mit Qubits, die dank dem quantenphysikalischen Phänomen der Superimposition, das die Überlagerung gleicher physikalischer Größen möglich macht, jeden Wert zwischen 1 und 0 annehmen können, was zu einer schier unvorstellbaren Steigerung der Rechenkapazität führt.

    Darüber hinaus ist jeder einzelne Qubit mit allen anderen verschränkt, was letztlich bedeutet, dass alle Qubits nicht nur absolut identisch und synchron operieren, sondern darüber hinaus auch alle Rechenoperationen nicht nacheinander, sondern parallel durchführen, womit sich die Rechenkapazität noch einmal ins Unermessliche steigert. Mit den 53 Qubits von Sycamore, die an der Berechnung beteiligt waren, wurde demzufolge eine parallele Darstellung von 2 hoch 53 Zuständen erreicht. Dies aber bedeutet noch lange nicht das Ende, denn schon 300 Qubits würden bereits mehr Zustände verkörpern, als es Atome im Universum gibt.

    Die Forscherinnen und Forscher ließen den Chip von Sycamore mit seinen 53 Qubits zufällig ausgewählte Algorithmen ausführen, deren Berechnung selbst auf Googles gigantischen Servern 50 Billionen Stunden gedauert hätte, wiederholten diese Sequenz dann millionenfach, und zeichneten währenddessen alle Ergebnisse auf. Zum Vergleich wurden die Ergebnisse mit einem herkömmlichen Supercomputer berechnet. Wie Google-Mitarbeiter in einem Video berichten, sei man irgendwann aber rasch an den Punkt gelangt, an dem die Supercomputer nicht mehr nachkamen.

    In diesem Sinne repräsentiert die Technologie des Quantencomputers das praktisch unvorstellbare Potenzial eines Bezugssystems, das die Zeit, die in dessen Wirkungsbereich gelangt – im Vergleich zum ohnehin schon exponentiell beschleunigten Zeitverlauf der digitalen Technologie – noch einmal exponentiell beschleunigt und damit deren Geschwindigkeit – zumindest in Teilbereichen des menschlichen Lebens – ins Schwindelerregende steigert.

    Dieses aberwitzige Phänomen wird vom Neven'sche Gesetz beschrieben. Es verdankt sich Hartmut Neven, dem Direktor von Quantum Artificial lab und besagt, dass sich Quantencomputer im Vergleich zu klassischen Computern künftig mit einer doppelt exponentiellen Geschwindigkeit an Rechenleistung entwickeln werden. Eine Absurdität, ist ein solcher Wachstumsprozess in der realen Welt doch nicht zu finden, was Bände spricht. Erst „sieht es so aus, als ob nichts passiert, gar nichts, und dann hoppla, plötzlich bist du in einer anderen Welt“ schwärmt Neven, der für das Projekt Sycamore federführend verantwortlich war.

    In einer anderen Welt? – Das wäre wohl wahrlich eine zu viel, wenn man allein an die unsere denkt, in der ohnehin schon alles so schnell vonstatten geht, dass keiner mehr mitzukommen scheint.

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