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    SIC !
    AND LIFE FLOWS ON WITHIN YOU AND WITHOUT YOU ...
    21. September 2018

    Erlebnisse, die aus nichts anderem als aus tiefen, die Seele überwältigenden Empfindungen bestehen, sollte man in sich bewahren und alles daransetzen, sie tunlichst nicht zu Gedanken werden zu lassen, die einen dann nicht mehr loslassen und schnell ins Grübeln bringen, wenn man glaubt, unbedingt herausfinden zu müssen, was einem da gerade so Rätselhaftes widerfuhr. Ein wahrhaft törichtes Unterfangen, weiß man doch von vornherein schon allein intuitiv, dass es absolut sinnlos ist, sich über Erfahrungen dieserart den Kopf zu zerbrechen, die sich wesensmäßig jeglicher Konkretion entziehen und aus nichts als absonderlichen Schwingungen bestehen, die einen – wie aus dem Nichts kommend – urplötzlich durchströmen und in ungeahnte seelische Schwerelosigkeit versetzen, so das man glaubt, die Zeit stünde still.

    Ein solches Erlebnis, das mit Drogen nun wirklich nicht das Geringste zu tun hat, hatte ich 1967 mit gerade mal Achtzehn zum ersten Mal in meinem Leben in Großbritannien. Ich kann mich praktisch noch an alle Einzelheiten erinnern, was aber auch nicht weiter verwunderlich ist, denn auch mein Körper erinnert sich noch sehr genau.

    Als Austauschschüler bin ich in den Sommerferien bei einer Familie in Wales zu Gast, mit der ich viel mit dem Auto durch die Gegend kutschiere – meist über enge, sanft gewundene und von Hecken oder niedrigen, unbehauenen Steinmauern gesäumte Straßen durch idyllisch blühende, weit aus schwingende Landschaften, die mich durch die selbstverständliche Ruhe und Vollkommenheit, die sie ausstrahlen, augenblicklich verzaubern. Und überall, wo wir Rast machen, schallen mir aus offenen Fenstern oder in Kneipen, die am Wegesrand liegen, die Songs von Sgt. Pepper’s Hearts Club Band entgegen, welche die Beatles gerade veröffentlicht haben: „And life flows on within you and without you ...“ – selten in meinem Leben habe ich mich so unbeschwert und leicht gefühlt.

    Gerade sind wir bei herrlichstem Sommerwetter am Fuße der Malvern Hills angekommen und beschließen spontan, das Auto für den Nachmittag stehen zu lassen und einen der imposanten, bergartigen Hügel des langgestreckten Höhenzugs zu erklimmen, der sich inmitten einer ansonsten eher flachen, sich sanft wellenden Landschaft so überraschend und fremdartig aus seiner Umgebung hoch in den Sommerdunst erhebt als gehöre er nicht hierher, sondern einer eher fremdartigen und fernliegenden Landschaft an.

    Nachdem wir losgegangen sind, finde ich mich nach einiger Zeit mit einem Mal mutterseelenallein an einem baumlosen, stark ansteigenden Abhang wieder, ohne mich bewusst von den anderen entfernt zu haben. Irritiert halte ich inne und schaue mich um – von den anderen fehlt jede Spur. Als ich schließlich benommen nach oben den nicht enden wollenden Berghang hochblicke, kommt der mir wie eine breite Rampe vor, die direkt in den stahlblauen Himmel hinaufzuführen scheint. Wie angezogen klettere ich weiter in die Höhe – die eigentümliche Stille, die mir in Ohren rauscht, und der intensive Duft, den die blühenden Wiesen um mich herum verströmen, animieren mich und geben mir ungeahnten Schwung.

    Als ich endlich oben auf der riesigen Bergkuppe angelangt bin und ringsum in die Weite blicke verschlägt es mir den Atem – so voller Anmut und in sich ruhend muss einst das Paradies gewesen sein, fährt es mir durch den Kopf. Vom Anblick überwältigt will ich mich niedersetzen. Aber irgendetwas hält mich zurück. Es ist, wie ich auf einmal bemerke, der vibrierende Strom einer mir völlig unbekannten Energie, der mich urplötzlich durchweht und in der Aufrechten hält. Irritiert halte ich inne, gebe mich dann aber neugierig den weichen, mir völlig fremden Empfindungen hin, die wie im Nu von mir Besitz ergreifen und mich glauben lassen, ich löste mich auf. Innen und Außen verschmelzen zu einer immensen Sphäre, in der ich mich mit einem Mal verwundert schweben sehe – nicht mehr getrennt von den Dingen um mich herum, sondern diese in mir und ich in ihnen.

    Und doch, angesichts der Unendlichkeit, die jede Faser meines Herzens durchdringt, fühle ich mich auf einmal winzig klein und letztlich völlig bedeutungslos in meinem Dasein. Und ehe ich mich versehe, ergreift mich ein tiefes Einsamkeitsgefühl und eine abgründige Angst, die mich augenblicklich erstarren lässt, so schutzlos dem eiskalten Nichts ausgeliefert. Gebannt stehe ich da und weiß mir nicht mehr zu helfen – das Herz klopft mir bis zum Hals. Nach einer Ewigkeit aber, wie mir vorkommt, beginnt mit einem Mal meine innere Starre zu schmelzen, erst zögerlich, dann immer rascher, und weicht allmählich der Empfindung absoluter Geborgenheit in den Dingen, die mir Trost und nie gefühlte Ruhe schenkt – ganz eins mit der Natur.

    Und meine Seele spannte,
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    als flöge sie nach Haus.

    Das Entgrenzungserlebnis unterm glitzernden Sommerhimmel der Malvern Hills war für mich alles andere als mystisch: so nämlich werden jene sensuellen Erlebnisse bezeichnet, die mit der Empfindung einer Ich-Auflösung einhergehen, im Grunde aber nach Meinung Aufgeklärter nichts anderes bedeuten sollen als einer veritablen Sinnestäuschung auf den Leim gegangen zu sein.

    Aber was soll’s? Angesichts der um sich greifenden Sinnverflachung des menschlichen Lebens, das sich besinnungslos von Algorithmen bekochen lässt und die Welt aus den Augen verliert, müssen derartige Erlebnisse wohl für so manche für immer ein Rätsel bleiben, welche die im Geiste häkelnden Esoteriker zwar zum Schwärmen bringen, die Blinden aber blindblind sein lassen. Und das ist ebenso wenig mystisch, sondern leider Fakt.

    So aber auch mein Erlebnis oben auf den Malvern Hills, dass nun alles andere als übersinnlich war. Verweist es doch auf den potenziellen Erlebnishorizont, den das Leben so bieten kann, ohne gleich zum psychiatrischen Fall zu werden. Und die meinen Horizont eklatant weitenden Erfahrungen, die mir bei vollem Bewusstsein zuteil wurden und sich praktisch in jede Zelle meines Körpers eingruben, haben, wenn ich heute zurückblicke, von da an mein Denken und Fühlen, mein Sein in der Welt grundlegend verändert und wirken noch heute immer wieder im Hier und Jetzt in mir nach.

    So wenn ich beispielsweise Bachs Goldbergvariationen oder Olivier Messiaens Éclairs sur l’Au-Delà (Streiflichter über das Jenseits) höre, deren magische Klangwellen mich unversehens wieder in jene Sphären zurückversetzen, die mich den praktisch unvorstellbaren Dimensionen gegenüber mittlerweile nicht mehr ängstigen, sondern geradezu zu Sehnsuchtsorten für mich geworden sind, die mich leicht wie eine Feder fühlen lassen, hingegeben an eine namenlose Bewegung, die alles Subjektive von mir abstreift und jegliches Denken in mir zum Verstummen bringt – geborgen in einem sinnfreien Raum, der aus nichts als Schwingung besteht und wahrscheinlich nur in großer Musik ihren Ausdruck findet.

    Dies alles hat mit religiös getriggerten Empfindungen nun wirklich nichts zu tun. Der nachgerade infantile Versuch, sich hinter all dem sinnlich erfahrbaren Geschehen die „Person eines großartig erhöhten Vaters“ (Freud) vorzustellen, war mir schon immer fremd. Zudem machen mir Organisationen, in denen sich Gleichgesinnte zusammentun wie in Kirchen, um sich für die rechte Sache einzusetzen, ein eher mulmiges Gefühl. So hat auch der organisierte Glaube mehr Unheil über die Welt gebracht, als den Menschen wirklich geholfen, wie gegenwärtig wieder einmal besonders drastisch zu beobachten ist.

    Vom Übel in diesem Sinn erzählt Wilhelm Reich folgende Anekdote. Eines Tages kommt ein aufgeregter Mann zum Teufel in die Hölle. Die Menschen hätten die Wahrheit gefunden, warnt er ihn. Der Teufel erschrickt fürchterlich und verzieht sich. Dann aber kommt er entspannt zurück und sagt den Mann animierend: „Geh hoch und schau, dass sie sich organisieren!“

    Gegen die „Sache“ des organisierten Kollektivs wirkt große Kunst nachgerade imprägnierend – zumindest auf mich. In ihr die immer wieder neuen Perspektiven und teilweise völlig widersprüchlichen Entwürfe des Menschseins zu studieren, mit denen visionäre Kunst in der Geschichte des Menschen stets andere und neue Aspekte seines Wesens betonte und beseelt versuchte, diesem in all seinen rätselhaften Dimensionen auf die Spur zu kommen, lassen mich grundsätzlich an Massenbewegungen zweifeln, die das Ei des Columbus zum Wohl der Menschheit gefunden zu haben glauben. „Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht“, so könnte man in Büchners Geist das vielschichtig schillernde Imago vom Menschen charakterisieren, von dem Kunst im Verlauf ihrer Geschichte trotz all ihrer Gegensätzlichkeit immer wieder erzählt.

    Vor dem Hintergrund dieses historischen Vexierspiels der menschlichen Identität, die sich chamäleonartig durch die Zeiten dahinbewegt und wesentlich von diesen geprägt wird, scheint es aberwitzig zu glauben, das Ich sei eine stabile Größe. Selbst in einem einzigen Leben ist das nicht immer so. Auch meine Identität changiert zwischen den Valenzen und verändert sich mit den tief reichenden Erfahrungen, die ich mache. Die Malvern Hills sind dafür ein schlagendes Beispiel, denn seitdem bin ich ein anderer.

    Und als ich Anfang 1980 während meines Medizinstudiums zum ersten Mal von der Neuronalen Plastizität hörte schlug es in mir ein wie eine Bombe. Das Gehirn hat die Fähigkeit sich selbst zu verändern, lautete die revolutionäre Botschaft, und verwies den Jahrhunderte lang verbreiteten Glauben, das Gehirn sei ab dem Erwachsenenalter nicht mehr formbar und zu keiner neuen neuronalen Verbindung mehr fähig, in die zwielichtigen Regionen des kruden wissenschaftlichen Irrtums. Mit einem Mal war mir klar geworden, dass ich die Möglichkeit hatte, mein Gehirn bewusst zu beeinflussen, statt mich von ihm beeindrucken zu lassen.

    In der Folge begann ich, ihm eher zu misstrauen und es nassforsch herauszufordern. Denn jetzt weiß ich auch um die Effekte. Da ich schon lange Klavier spiele, ist das motorische Areal in meiner Hirnrinde, das mir die rasche Bewegung meiner mehr oder weniger geübten Hände ermöglicht, wesentlich größer als bei denjenigen, die nicht Klavier spielen.

    Auch meiner sogenannten Identität stehe ich mittlerweile distanziert gegenüber. Ehrlich gesagt, fühle ich mich eher wie ein Instrument, auf dem mein Leben spielt. Und dies in allen denkbaren Variationen und Tonarten, manchmal in Moll und manchmal in Dur und manchmal sogar in Vierteltönen – so what! So gut ich es eben vermag, versuche ich, mich nicht mehr dagegen zu wehren. Denn durch die körperliche Erfahrung, die ich auf den Malvern Hills machte, haben sich meine Existenzängste wunderbarer Weise in Luft aufgelöst. So ist es mir möglich geworden, mich mehr und mehr den Bewegungen meines Lebens hinzugeben und die Dinge auf mich zukommen zu lassen, statt es zwanghaft zu planen oder gar karrieristisch zu forcieren. Es kommt wie es kommt. Und meine Neugierde auf Neues ist einfach zu groß – eine gradlinige Biografie interessiert mich nicht, dafür habe ich schon zu viele Berufe hinter mir. Und ebenso wenig mein Ich, solange es sich nur frei bewegen kann.

    In den Kosmos hinein beispielsweise, der mich nach meinem Erlebnis auf den Malvern Hills nachvollziehbarer Weise nicht mehr losgelassen hat. Schließlich wollte ich mehr über ihn wissen, als ihn nur einmal gefühlt zu haben. So wurde die Kosmologie zu einem Gebiet, das mich brennend interessierte. Sowohl Johannes Kepler, der vom Kosmos spricht als sei er in ihn verliebt, als auch Giordano Bruno der den Kosmos geradezu umarmt, haben mir dabei den Weg gewiesen. Letzterer hat nämlich in seinem Hauptwerk, den Heroischen Leidenschaften, erstmal darauf hingewiesen, worauf es ankommt, wenn man sich mit dem Kosmos beschäftigen will. Auf die Leidenschaft nämlich, wie er hervorhob. Nur die Leidenschaft für die Dinge führe letztlich auch zur Erkenntnis. Ihr zugrunde läge die Ergriffenheit von den Dingen, die sich mit einem Mal aufdrängten und die Leidenschaft entfache. Leidenschaft und Hingabe, und Hingabe und Liebe, und Liebe und Erkenntnis, alles wirke zusammen.

    Dabei kommt mir ein Naturwissenschaftler, dessen Name ich leider vergessen habe, in den Sinn, der das Phänomen der Schönheit in der Natur folgendermaßen beschrieb: Schön wäre die Natur dann, wenn sie in ihrem Anblick gleichzeitig auch die diesem zugrunde liegende natürliche Funktion zum Ausdruck brächte. In der Anschauung läge der Schlüssel zum Verstehen. Das hätte mit Religion nun nicht das Geringste zu tun.

    Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
    Hat auch Religion.
    Wer jene beiden nicht besitzt,
    Der habe Religion.

    Möglicherweise ist es in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass sich die Theorie, alles irdische Leben stamme letztlich von Meteoriten ab, die mit Vorstufen essentieller Aminosäuren auf die Erde herabregneten, die so unter irdischen Bedingungen nicht hätten synthetisiert werden können. Dann wären die kosmischen Geborgenheitsgefühle, die der Anblick des Sternenhimmels im Menschen provoziert, tatsächlich nichts anderes als evolutionsbedingte Ahnungen, ursprünglich aus nichts anderem bestanden zu haben, als aus Sternenstaub.

    Kein Wunder also, dass ich mittlerweile gelernt habe, mehr auf meine Gefühle und meine innere Stimme zu bauen, als meinem Kopf zu trauen. Robert Schumann hat solch eine innere Stimme in seiner Humoreske für Klavier zu zwei Händen komponiert und diese als drittes System zwischen dem der rechten Hand oben und der linken unten notiert. Allerdings dürfen deren Noten nicht gespielt werden und bleiben folglich unhörbar. Schumann wollte „wohl nur die im oberen System verborgene Stimme deutlicher veranschaulichen“ merkt der Herausgeber Emil von Sauer an. Welch wunderbare Idee des Komponisten, das Wesen der inneren Stimme so zu veranschaulichen, als schwänge sie zwischen den Zeilen mit und offenbare sich nur dem, der sie auch wirklich hören wolle. So habe ich auch mittlerweile nicht selten den Eindruck, sie inmitten meiner Gedanken klingen zu hören, so als würden nicht diese sondern sie selbst laut und bewahrte mich vor der Illusion, mein Denken verdanke sich einzig dem Bewusstsein.

    Allerdings ist Schumanns Humoreske alles andere als amüsant, sondern driftet immer wieder in Wirrungen und Untiefen ab. So eben, wie das Leben selbst, das damit allerdings Ängste provoziert, mit denen es umzugehen gilt. Ihnen auszuweichen oder sie zu verdrängen, führt nicht weit, werden sie so doch nur umso größer und vernichten die Lebensfreude, wenn’s übel kommt. Dann wird der Mensch zum das Leben hassenden Monster das gegenwärtig ja im Vormarsch zu sein scheint wie allenthalben zu beobachten ist.

    Nein, nur der, der sich seinen Ängsten wirklich stellt und den Mut dazu hat, durch sie hindurchzugehen, hat die Chance, sie letztlich auch zu überwinden. Dies haben mich meine Erfahrungen auf den Malvern Hills gelehrt, als mich angesichts der Unendlichkeit abgründige Angst überfiel, die erst zu verfliegen begann, als ich ihr scheinbar völlig hilflos ausgeliefert war. Durch die Nacht zum Licht. Viele aber scheinen Angst vor der Angst zu haben und versuchen, sich besinnungslos abzulenken. Ein neues Zeitalter der Angst zieht herauf, dass uns schon seine hasserfüllte Fratze zeigt.

    Sich einmal im Leben vollkommen eins mit der Natur zu fühlen und das besser früh als zu spät, ist jedem nur zu wünschen, provoziert ein solches Erlebnis doch ein ganz anderes Lebensgefühl, das der Körper nie mehr vergisst. Erlebnisse dieserart kann man nicht kaufen, weder durch einen Crashkurs für Aufmerksamkeitsmeditation, noch durch exklusive Reisen mitten in die wilde, unberührte Natur hinein. Da aber viele den unmittelbaren Kontakt zur Natur verloren haben, setzen sie hilflos aufs Surrogat und stellen sie somit zur Disposition. Diese Leute aber eilfertig daran zu erinnern, Teil derselben zu sein, muss auf taube Ohren stoßen, haben die doch das Gefühl für sie verloren – von wegen zurück zur Natur!

    Zum Thema Lebensgefühl schildert David Foster Wallace eine den Kern des Problems treffende Szene. Zwei junge Fische schwimmen durchs Meer. Da kreuzt ein älterer Fisch deren Weg und fragt sie im Vorbeischwimmen: „Hey Jungs! Wie ist das Wasser heute?“ Die Jungs aber schwimmen weiter als hätten sie nicht gehört, bis einer der beiden sich plötzlich an den anderen wendet und ihn verwirrt fragt: „Was, zum Teufel ist Wasser?“

    Die tief sinnliche Erfahrung der Unendlichkeit aber hat mich nicht abheben lassen, sondern sachte aufs Leben und meine Endlichkeit zurückgeworfen und mich wachsam für seinen Reichtum und seine Vielfalt werden lassen. Mich so gut ich kann seiner Bewegung hinzugeben, hat mein Dasein reicher gemacht und offenherziger dem Zufall gegenüber, der, wenn man es so betrachtet, vielleicht gar kein Zufall mehr ist, sondern etwas, das einem zugefallen ist. In jedem Fall aber ist es besser sich nicht zum Opfer der eigenen Willkür zu machen. Sondern sich stattdessen den Bewegungen des Lebendigen anzuschmiegen. Das macht wach und außerdem extrem kritisch jenen Strömungen gegenüber, die das Leben verachten und daraus auch noch Kapital schlagen.

    Nach Heidegger ist der Mensch in „einem letzten Sinn ... so zufällig, dass die höchste Form der Existenz des Daseins sich nur zurückführen lässt auf ganz wenige und seltene Augenblick der Dauer des Daseins zwischen Leben und Tod, dass nur in ganz wenigen Augenblicken auf der Spitze seiner eigenen Möglichkeiten existiert, sonst aber inmitten seines Seienden sich bewegt.“

    And Life flows on Within you And without you ...

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    MUSIK
    DIE JUNGE CELLISTIN
    14. August 2018

    Eine der erstaunlichsten Geschichten über die geheimnisvolle Kraft der Musik hat mir vor Jahren ein guter Freund erzählt: Eine junge, in einem Symphonieorchester engagierte Cellistin, will sich zuhause auf das nächste Konzert mit einer Symphonie von Schostakovitsch vorbereiten. Sie kennt die Symphonie nicht und hat sie in ihrem Leben noch nie gehört. Zudem ist sie verdammt spät dran und muss sich sputen. Als sie die Cellostimme aufschlägt und die hochkomplizierten Notengirlanden erblickt, wird ihr ganz flau im Magen – sie hat Angst, es in der kurzen Zeit, die ihr noch verbleibt, nicht zu schaffen. Überstürzt greift sie nach ihrem Cello und beginnt zu üben. Aber schon nach den ersten Takten entzieht sich ihr Körper mit einem Mal ihrer Kontrolle und verselbstständigt sich, wobei ihr Arm, mit dem sie den Bogen hält, ohne ihr Zutun hochvirtuos die Saiten in Schwingung versetzt, während Hand und Finger des anderen so elegant übers Griffbrett gleiten, als hätte sie das Stück schon monatelang bis zum Exzess durchexerziert und könnte es im Schlaf spielen. Augenblicklich gerät sie in Trance, während ihr Körper allein musiziert – das gesamte Stück auswendig von Anfang bis Ende.

    Na, woher kennt die junge Cellistin die Symphonie? Mein Freund sieht mich grinsend an und zwinkert mir zu. Ich rätsele: Natürlich musste sie das Stück kennen und es schon mal irgendwann geübt haben, das war klar. Leidet sie etwa unter einer Amnesie, frage ich? Mein Freund lacht amüsiert auf: Nein, die junge Frau ist völlig okay. Ich hatte mal ein Verhältnis mit ihr. Dann muss sie mutterseelenallein in einem schottischen Gespensterschloss um Mitternacht ihre Cellostimme bei flackerndem Kerzenlicht geübt haben, witzele ich. Dabei ist ihr dann urplötzlich Schostakovitsch’ Geist in den Körper gefahren, so dass sie seine Musik spielen konnte, ohne auch nur einen Funken Ahnung von ihr zu haben, ganz einfach. Die Sache aber hatte sich mitten in der Hochzivilisation bei helllichtem Tag in New York zugetragen, wie mir mein Freund trocken erwidert. Sei’s drum, ich komm nicht drauf.

    Als er mir endlich den Grund des Geschehens nennt, reagiert mein Körper wie elektrisiert: Die junge Cellistin hatte die Cellostimme als Ungeborene im Leib ihrer Mutter gehört, die auch Cellistin in einem Symphonieorchester gewesen war und just zu der Zeit, als sie mit ihr schwanger war, die Cellopartie dieser Schostakovitsch Symphonie ebenfalls hatte üben müssen, weil diese auf dem Programm eines Konzerts gestanden war – die Doppelung von Ereignissen, welch verrückte Koinzidenz! Während ich von der Geschichte höre, geraten meine Hände urplötzlich in nervöse Bewegung und beginnen mit einem Mal auf meinen Oberschenkeln ohne mein Zutun Klavier zu spielen – mit dumpfem Klacken auf dem Stoff.

    Eine Weile sitze ich da und bin fassungslos ob der schier unglaublichen Geschichte, die der jungen Cellistin da im Mutterbauch widerfahren war – im Fruchtwasser schwimmend dem Cellospiel ihrer Mutter lauschend, drinnen im Dunkel der Uterushöhle sanft eingebettet in deren vibrierenden Körper, den die Musik in Schwingung versetzt hatte.

    Eine Musik, die sich offenbar so tief in ihr festsetzt und vergräbt, dass sie sich fortan nicht mehr an sie erinnern kann, und erst zu jenem Zeitpunkt wieder in ihr wirksam wird, als sie Jahrzehnte später dieses ihr vermeintlich völlig unbekannte Musik selbst zu üben beginnt. Ein Moment, in dem sich diese Musik gleichsam selbst evoziert (schließlich handelt es sich ja um dasselbe Stück), urplötzlich in ihrem Körper zur Entladung kommt, von ihm Besitz ergreift und ihn zum autonomen Musizieren bringt, ohne dass sie weiß, wie ihr geschieht.

    Ein geradezu neurophysiologisches Wunder, wenn man so will, dass der jungen Cellistin sicherlich nicht zuteil geworden wäre, hätte sie nicht selbst zum Cello gegriffen und das Stück praktisch zu üben begonnen. Das bloße Hören allein hätte vermutlich nicht ausgereicht, um dessen Musik wieder in ihr lebendig werden zu lassen – allein der physische Vollzug am Cello selbst war wohl der absolut notwendige Stimulus dafür, dass das rätselhafte Geschehen ihr auf so berückende Art und Weise überhaupt widerfahren konnte.

    Wie aber ist das alles zu verstehen? Selbst wenn die junge Cellistin ihrer Mutter als Kleinkind beim Musizieren zugehört hätte wäre es ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht möglich gewesen, die gesamte Cellopartie nach so langer Zeit frei aus dem Gedächtnis so hochvirtuos spielen zu können. Dazu hätte es zumindest ein funktionierendes Langzeitgedächtnis gebraucht, das in dieser frühen Entwicklungsstufe noch lange nicht ausgereift ist und sich erst mit dem dritten Lebensjahr zu voller Leistungsfähigkeit entwickelt hat. Aber selbst dann hätte die junge Cellistin wahrhaft ein Genie sein müssen, das ganze Stück bei nur einmaligem Hören überhaupt memorieren zu können. Nur Mozart hat solch ein wahnwitziges Kunststück fertig gebracht wie folgende Geschichte beweist:

    Im Jahre 1770 kommt der Vierzehnjährige gemeinsam mit seinem Vater Leopold zum ersten Mal nach Rom. Beide erreichen sie die ewige Stadt zur Karwoche am Gründonnerstag und machen sich sofort über die Piazza del Popolo auf den Weg zum Petersdom, wo sie an einer Messfeier, die in Anwesenheit von Papst Clemens XIV. in der sixtinischen Kapelle stattfindet, teilnehmen wollen. Während der Messe hört Mozart das berühmte Miserere, das Giorgio Allegri ein Jahrhundert zuvor exklusiv für den Vatikan komponiert hatte, und das einmal im Jahr just zur Karwoche nur dort zur Aufführung gelangen darf. Gesungen von einem neunstimmigen Chor, der - in zwei Gruppierungen im Raum verteilt – den betörten Anwesenden eine wahrhaft sphärische Musik, die mit dem Text des 50. Psalms unterlegt ist, in höchsten Höhen zu Gehör bringt,. Die Noten sind absolute Geheimsache und unter strengem Verschluss des römischen Klerus. Wer sie dennoch zu kopieren wagt, droht die Exkommunikation und damit ewige Verdammnis. Das aber kümmert den jungen Mozart nicht. Kaum ist er in seiner und des Vaters Unterkunft zurück, schreibt er das ganze Stück in einem Rutsch nieder und zeigt es stolz seinem Vater. Der ist überwältigt und schreibt umgehend seiner Frau und Wolfgangs Mutter Anna nach Salzburg: „Vielleicht hast du vom berühmten Miserere gehört? Seine Veröffentlichung ist unter Strafe der Exkommunikation verboten. Gut, wir haben es. Wolfgang hat es aus dem Gedächtnis niedergeschrieben.“

    Eine irre Geschichte, die geradezu typisch ist für Mozart, der in seinem kurzen, nur fünfunddreißig Jahre währenden Leben zudem so viele Noten zu Papier brachte, dass selbst ein genialer Kopist es nicht vermochte, diese in diesem Zeitraum lediglich abzuschreiben, selbst wenn er niemals schlafen und vierundzwanzig Stunden durcharbeiten würde. Und dennoch wirkt die Geschichte der jungen Cellistin im Vergleich zu Mozarts Miserere-Coup geradezu mystisch, hörte sie die Musik doch nicht auf irgendeiner Kirchenbank sitzend, sondern als Fötus Kopf unter im Fruchtwasser schwimmend – eine wirklich verrückte Situation.

    In diesem Zusammenhang kommt mir spontan das Thermalbad im oberbayrischen Bad Tölz in den Sinn, das ich besonders liebe, weil man dort beim Tauchen im dampfenden Außenschwimmbecken über Unterwasserlautsprecher klassische Musik hören kann. Mozart zum Beispiel – Klangwellen, die einem den Körper umspülen, als schwämme man in Musik und würde sie mit jede seiner Zellen hören. Vielleicht kann man sich so die Situation der jungen Cellistin als Fötus vorstellen, während sie Schostakowitschs Musik lauschte. Mit dem großen Unterschied allerdings, dass Schostakowitsch mit Mozart nun wahrhaft nicht zu vergleichen ist und der Fötus beileibe noch keine Ahnung von der Welt da draußen haben kann, geschweige denn von Noten – gepunktete Zeichen, in denen Musik sich niederschlägt. Woher bitte sollte er diese kennen? Ein Treppenwitz!

    Aber wie auch immer: Das intrauterine Erlebnis der jungen Cellistin muss sich wohl am Ende der Schwangerschaft ereignet haben. Etwa ab der 35. Woche kann der Fötus nämlich Tonhöhen voneinander unterscheiden, obgleich er schon ab der 23. die Stimme seiner Mutter, deren Herzschlag oder das vorbeirauschende Blut zu hören vermag: Und an Töne beziehungsweise Klänge, die er zuletzt im Mutterbauch mitbekommen hat, kann er sich sogar später noch als Neugeborenes erinnern, wenn auch leider nicht für lange Zeit.

    Dazu gibt es ein eindrückliches Experiment von DeCaspar & Spence, 1986: Babys, denen ihre Mütter ein paar Wochen vor der Geburt eine rhythmisch und klanglich besonders prononcierte Geschichte vorlasen, konnten diese noch Wochen nach ihrer Geburt wiedererkennen – ihre Puls- und Saugfrequenz erhöhte sich, weil sie offensichtlich in Erregung gerieten, wenn sie die bekannte Geschichte wieder hörten. Darüber hinaus wussten sie die Veränderung ihres Verhaltens sogar als Signal einzusetzen, wenn sie ihre Mutter darauf aufmerksam machen wollten, lieber doch wieder die alte Geschichte vorgelesen zu bekommen, statt einer neuen wie gerade. Natürlich erkannten die Babys die Geschichte nicht an deren konkreten Sinn wieder, sondern an deren Prosodie, ihrem Klanggeschehen also, ohne auch nur im Ansatz zu erahnen worum es in dieser Kindergeschichte eigentlich ging.

    Vielleicht liegt das Geheimnis des wahnwitzigen Erlebnisses, dass der jungen Cellistin im Mutterbauch widerfahren war, genau in dieser geradezu abstrakten Art und Weise begründet, mit welcher der Fötus hört? Insbesondere dann, wenn er keine konkrete Geschichte vorgelesen bekommt, sondern dem Cellospiel der Mutter lauscht. Von einem Klanggeschehen durchdrungen und beseelt, dessen Laute, Töne und Melodien nicht unwiederbringlich an Worte, Sätze mit Bedeutungen gebunden sind und vom Tempo und Rhythmus der die Geschichte rezitierenden Mutter beherrscht werden, sondern das gänzlich aus frei schwingenden Energien besteht, die erstmal von nichts anderem erzählen als von dieser Energie selbst – von Bedeutung ohne Bedeutung. Physikalische und in der Folge natürlich auch psychisch hoch aufgeladene Schwingungen, die unmittelbar auf den Körper einwirken und ihn in fantastische Bewegung versetzen, wobei sie sich tief in jede seiner Zellen eingraben. Zelluläre Engramme, die es dem Körper noch Jahrzehnte später erlauben, eine dem Kopf völlig unbekannte Cellostimme quasi von allein zu musizieren, währenddessen er behände den Arm des Bogens über die Saiten gleiten lässt und die Hand des anderen hochvirtuos übers Griffbrett führt.

    Wer partout nicht glauben will, dass so etwas möglich ist, sollte mal einen Blick auf Vladimir Horowitz und sein Klavierspiel werfen. Denn da spielen die Hände auch allein. Der Wunderpianist selbst sitzt dabei eigentümlich gefasst an seinem Flügel und schaut ihnen hochkonzentriert zu.

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    MUSIK
    VON MUSIK, KÜHEN UND STAREN
    13. Juli 2018

    Gerade lese ich, dass die Hochschule der Künste in Bern gemeinsam mit dem Burgdorfer Tierarzt und Käseproduzenten Beat Wampfler vorhaben, besseren Käse durch Musik zu produzieren. Ab Herbst soll Käse aus dem Emmental während des Reifungsprozesses mit Mozarts Zauberflöte beschallt werden. Auch Hiphop, elektronische Klubmusik und Songs von Led Zeppelin kommen zum Einsatz. „Wir sind überzeugt, dass es funktioniert“, frohlockt Wampfler.

    Die Geschichte ist nicht ganz neu. Kühe geben mit Musik mehr Milch! geisterte schon vor Jahren als Headline durch die Gazetten. So war damals beispielsweise von einer Großstudie von Psychologen der University of Leicester zu lesen, im Rahmen derer Kühen tagtäglich zwölf Stunden lang Musik verschiedenster Stilrichtungen vorgespielt worden war. Und siehe da, die Tiere reagierten und gaben im Vergleich zu denjenigen die leider ohne Musik auskommen mussten deutlich mehr Milch.

    Allerdings wirkte nur ruhige und entspannende Musik. Der Hit aber war Beethovens Pastorale, seine sechste Symphonie in F-Dur. Eine Musik, die sich (wie ihre Tonart) ganz der Natur verdankt und den Hörer mit sich aufs Land nimmt. Wobei es Beethoven nun wahrlich nicht um Lautmalerei ging, obwohl tatsächlich Vogelstimmen vorkommen – die Flöte imitiert die Nachtigall, die Oboe die Wachtel, und die Klarinette den Kuckuck. Und dennoch „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ soll Beethoven zu seiner Symphonie gesagt haben. Bei Drucklegung nannte er sie Pastoral-Sinfonie oder Erinnerungen an das Landleben. Welch wunderbare Konstellation – Empfindungen, die mit den Erinnerungen an ein Leben in der Natur musikalisch Wirklichkeit werden. Erwachen heiterer Empfindungen bei Ankunft auf dem Lande ist der erste Satz überschrieben. Folglich macht es Beethoven dem Hörer auf seiner inneren Reise durch idyllische Landschaften nicht allzu schwer und lässt ihn erst einmal in der Natur ankommen, bevor er ihn mit heiteren Empfindungen erfüllt und ihn in der Musik aufgehen lässt.

    Natürlich gibt es auch ein veritables Gewitter mit mächtig dreinfahrenden Blitzen, das nicht nur alle Natur von der drückenden Schwüle befreit und ihr Erfrischung bringt, sondern auch dem Hörer, dem die wunderbare Entspannung frische Gefühle und freie Gedanken schenkt, mit denen er sich ganz der Bewegung hingeben kann.

    Ruhig und entspannt ist der zweite Satz der Symphonie – Szene am Bach hat ihn Beethoven überschrieben. Die Musik dazu soll er tatsächlich an einem Bach komponiert haben, behauptet sein Zeitgenosse Anton Schindler und zitiert den Komponisten aus dem Gedächtnis: „Am Schreiberbach habe ich die Szene am Bach geschrieben. Und die Goldammern da oben, die Wachteln, Nachtigallen und Kuckucke ringsum haben mitkomponiert.“ Und möglicherweise auch eine Geliebte, wer weiß? Szenen am Bach waren damals beliebt.

    Auf Debussy hingegen muss der zweite Satz wohl eher abturnend gewirkt haben: „Sehen Sie sich die Szene am Bach an“ schrieb er. „Es ist ein Bach aus dem allen Anschein nach Kühe trinken. Jedenfalls veranlassen mich die Fagottstimmen, das zu glauben.“ Wahrscheinlich kannten die Psychologen der University of Leicester Debussys Auslassung und spielten ihren Versuchskühen gerade deshalb das Murmeln des Bachs vor.

    In diesem Zusammenhang aber gibt es noch eine verrücktere Geschichte, die 2010 in Dortmund spielt: Damals startete das dortige Konzerthaus eine von dessen Werbeagentur Jung von Matt initiierte Kampagne, die glatt unter dem Motto MUSIK FÜR WIRKLICH ALLE! hätte rangieren können. Denn im Rahmen dieser Aktion reiste das Orchester des Konzerthauses stante pede zu einem Bauernhof aufs Land, um dort exklusiv für Kühe nicht etwa die schon in Leicester erprobte Szene am Bach von Beethoven, sondern stattdessen eine Symphonie von Haydn in Es-Dur zur Aufführung zu bringen. Welche der elf Es-Dur-Symphonien es allerdings war, die Haydn von insgesamt einhundertdrei komponierte, wird leider nicht erwähnt. Hoffentlich war es nicht die Nummer 22, die den Titel Der Philosoph trägt, denn die wäre mit Sicherheit selbst den Kühen zu hoch gewesen.

    Und dennoch, nicht nur Kühe, sondern auch andere Tiere reagieren positiv auf Musik, wie sollte es auch anders sein? Musik kann eine Droge sein und wohl alle Lebewesen verzaubern. Man stelle sich nur einmal vor, wie erstaunt manche Waldesbewohner wären, wenn sie statt eines ordentlichen Gewitters urplötzlich das aus Beethovens Pastorale hören würden. Vermutlich wären sie zunächst völlig verwirrt und verlören für Augenblicke das Gleichgewicht, weil sie, nach oben blinzelnd, in nichts als einen blaublauen wolkenlosen Sommerhimmel sähen, gleichzeitig aber tiefes Donnergrollen und heftige Blitzeinschläge um sich herum hörten wie bei einem richtigen Gewitter. Dann aber, da bin ich mir sicher, würden sie gebannt innehalten, wenn sie mit einem Mal den fünften und letzten Satz der Symphonie mitbekommen würden, der unmittelbar aufs Gewitter folgt – schwebende und alles besänftigende Klänge nämlich, die Beethoven Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm nannte. Eine Musik, die sich wie ein ungeahnter Zauber über die Landschaft legte und ein Jedes zum Staunen brächte. „Die Zeit verstreicht langsam, die Musik wirkt abgeklärt, wie von einer tiefen inneren Ruhe erfüllt“, schreibt der Beethoven-Biograph Jan Caeyers. „Kaum eine Themenentwicklung, es fehlt der Sog in eine bestimmte Richtung.“ Glücklicherweise, möchte man antworten, denn eine Musik, die keinen Vektor kennt, befreit die Welt von ihrer Zeitlichkeit. Wie im Nu löst sie das Zeitempfinden des Hörers auf und versetzt ihn in sanft betäubende Ruhe – davon wusste schon Novalis ein Lied zu singen.

    Auch Stare lieben solch kosmische Musik, wie ich selbst schon mehrfach beobachten konnte. Werden die witzigen Vögel bei ihrem Professorengang über die Wiese urplötzlich von Musik überrascht, die vom Haus durch offene Fenster zu ihnen in den Garten herübertönt, halten sie irritiert inne, trippeln dann aber in Etappen neugierig näher heran, als wollten sie sich das Ganze einmal genauer anhören. Minutenlang hocken sie da im Gras und lauschen.

    Die Musik, die ich bei der ersten Beobachtung einer solchen Szene zufällig hörte, war The Unanswered Question von Charles Ives. Ein Orchesterstück, das den Staren offenbar die Sinne raubt, wie ich bei kleinen Experimenten in der Folge ein jedes Mal feststellen konnte. Kaum, dass ich sie im Garten draußen erblickte schlich ich leise zur Stereoanlage und legte Ives’ Musik auf. Und prompt rückten sie, so wie ihre Artgenossen es vorher auch schon getan hatten, nahe heran und hörten vor den offenen Fenstern eine Weile interessiert zu, als würden sie verstehen. Beethoven hingegen, der vor allem Kühe aufhorchen lässt, hatte die gegenteilige Wirkung: Die Stare gerieten schnell unter Druck und flogen kopfschüttelnd auf und davon.

    Vielleicht liegt das an der hohen Intelligenz dieser Tiere. Denn im Grunde ist Ives’ Komposition eine hochphilosophische Musik, die drei unterschiedliche Haltungen des Seins anhand dreier Instrumentalgruppen thematisiert: Da sind zunächst die Streicher des Orchesters, die „immerwährend dreifaches Pianissimo in striktem ruhigen Tempo“ spielen und „das Schweigen der Druiden repräsentieren, welche nichts wissen, sehen und hören“, erklärt der Komponist in der Vorrede zu seiner Partitur. Die Solotrompete hingegen intoniert mehrfach „die immerwährende Frage nach dem Sein“, die letztlich aber unbeantwortet bleibt. Denn die Flöten, die „wie die Menschen“ verzweifelt versuchen, immer „aktiver und schneller und lauter“ auf die richtige Antwort zu kommen, müssen letztlich „die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens“ erkennen, wobei ihnen am Ende nichts anderes mehr übrigbleibt, als die Frage nach dem Sinn des Lebens nur noch resigniert „nachzuäffen“.

    Über all dies aber scheinen sich Stare furchtbar zu amüsieren. Kichernd reiben sie sich am Ende des Stücks die Schnäbel und plustern sich so gestelzt auf wie die törichten Flöten die in allem einen Sinn sehen wollen. Stare aber haben gut reden, sie leben im vollkommener Einheit mit der Natur und müssen sich um solch dämliche Fragen nicht kümmern.

    Es ist sicher kein Zufall, dass Mozart in Stare vernarrt war. Denn wie diese, so hatte auch er Humor. Und zwar den des gleichen Schlags. Er verhalf ihm dazu, die Dinge des Lebens todernst und gleichzeitig auchheiter nehmen zu können – gleichsam distanziert und doch mitten drin wie die Stare. Eine Art kosmischer Humor, in dem die Dinge sich aufzulösen beginnen, aber ihr Wesen behalten. Mit dieser nachgerade göttlichen Gabe mussten die stahlblau gefiederten Professoren geradezu zwangsläufig Mozarts Aufmerksamkeit auf sich ziehen, vor allem aber auch dann, wenn sie zackig durchs Gras marschierten und dabei seine Melodien zu ihm herüber pfiffen.

    Mozart ließ sich nicht lumpen und griff zu: Am 27. Mai 1784 erwarb der damals 28-Jährige für 34 Kreuzer seinen Vogel Stahrl, wie er seinen Star fortan nannte und der für drei Jahre sein getreuer Gefährte werden sollte. Dass sich Mozart mit diesem in irgendeiner Form austauschte, ja unterhielt, scheint nicht ausgeschlossen. Immerhin konnte Vogel Stahrl schon nach wenigen Wochen das Rondothema aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 17 in G-Dur perfekt pfeifen. Zwei Wahlverwandte hatten sich getroffen, die waren, was sie waren und wurden, was sie wurden – ein Körnchen Staub in Allem.

    Die herzzerreißende Beerdigungsfeier, die Mozart seinem überraschend verstorbenen Vogel Stahrl ausrichtete, ist Legende, und seine Abschiedsrede, die er in Anwesenheit einer kleinen Trauergemeinde an dessen winzigem Grab hielt mehr als bekannt.

    Hier ruht ein lieber Narr
    Ein Vogel Staar
    Noch in den besten Jahren
    Mußt’ er erfahren
    Des Todes bittern Schmerz ...

    Die Psychologen und Tierverhaltensforscher Meredith J. West und Andrew P. King, Professoren an der Indiana University und der Duke University, gehen einen gewaltigen Schritt weiter, indem sie Mozarts Star sogar kompositorische Fähigkeiten unterstellen. So habe der Star, der bald natürlich nicht mehr nur Mozart sang, diesem zu einem Sextett verholfen, dem Musikalischen Spaß KV 453 nämlich. Nach eingehender Analyse des Stücks, experimentierten die Forscher über Jahre selbst mit Staren, die täglich engen Kontakt zu ihnen hatten. Dabei konnten sie feststellen, dass die Stare so zu großer Form aufliefen und es zu erstaunlichen Leistungen brachten. Schon nach wenigen Tagen konnten sie Kunstlieder singen oder längere Sätze nachsprechen. Und ebenso rasch vermochten sie zu lachen, zu seufzen oder zu husten, was sie sich vom Menschen abgehört hatten. Mit ihren Geräuschen von Telefon, Wecker oder rasselnden Schlüsselbunden aber nervten sie selbst die Forscher.

    In diesem Zusammenhang fällt mir noch eine lustige Geschichte ein, die sich vor Jahren in unserer Nachbarschaft zugetragen hat. Eines Samstagnachmittags kürzte irgendwer zur absoluten Ruhezeit mit seinem penetrant lauten und offenkundig in die Jahre gekommenen Rasenmäher seine Wiese in der Nachbarschaft. Einer Nachbarin ging das zu weit, sie rief die Polizei. Die aber fand niemanden. Stattessen aber einen Star, der irgendwo in einem Baum saß und den Rasenmäher lauthals imitierte.

    Aber zurück zum Musikalischen Spaß. „Das unlogische Zusammenstückeln der vermeintlich parodistischen Melodien entspreche ziemlich exakt der Vorliebe der Stare, musikalische Versatzstücke in ihren natürlichen Gesang einzuflechten“, schreiben die amerikanischen Forscher. Ein Charakteristikum ihrer gepfiffenen Arien seien auch die „ausgedehnten, wandernden Phrasierungen“, wie sie in diesem Sextett für zwei Violinen, Viola, Bass und zwei Hörner vorkämen. Typisch für einen Star sei zudem auch das „abrupte Ende des Stücks“, so die Experten. Ob der Star nun Mozart das Sextett in die Feder diktierte oder nicht, sei dahingestellt. In jedem Fall aber sollte der doppelten Autorschaft des Stücks Rechnung getragen werden und neben Mozart auch Vogel Stahrl als Komponist genannt werden.

    Neulich, man darf es eigentlich nicht laut sagen, habe ich mich mit einer Nachtigall unterhalten. Ich saß bei offenen Fenstern am Klavier und übte, als ich sie urplötzlich draußen tirilieren hörte. Sofort unterbrach ich mein Spiel und hörte ihr fasziniert zu. Als sie nach einer Weile verstummte, imitierte ich sie spontan mit der rechten Hand im Diskant und versuchte zu antworten, woraufhin sie sich nach einigen zögernden Zwischentönen relativ rasch auf mein Spiel einließ und mit mir in eine Art musikalischen Dialog eintrat, den wir wechselseitig, einer dem anderen zuhörend und dann antwortend, immer animierter führten. Natürlich nicht bis tief in die Nacht hinein, auch Nachtigallen werden mal müde. 

    Wie das Experiment im Berner Oberland mit dem Käse und der Zauberflöte allerdings ausgehen wird ist offen. Obgleich bei genauerer Betrachtung auch in diesem Fall Lebewesen mit im Spiel sind und nicht nur Materie wie man auf Anhieb denken könnte. Schließlich befinden sich Säure bildende Bakterien im Rohkäse ohne die dieser gar nicht zum richtigen Käse heranreifen könnte. Und genau auf diese Bakterien haben es die Berner Experimentatoren abgesehen und erhoffen sich von diesen eine entsprechend dankbare Reaktion, wenn sie bei ihrer anstrengenden Arbeit schon gratis von schöner Musik begleitet werden. Schließlich soll mit Musik alles besser gehen. Und vor allem auch leichter.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 11ZEITGENÖSSISCHER ESKAPISMUS
    02. Juli 2018

    Die Welt wird täglich rauer und öder. Und gleichzeitig auch unwirtlicher, ja unwirklicher. Keine leichte Kost also für ZARTBESAITETE SEELEN, denen es partout nicht gelingen will, sich ein dickes Fell zuzulegen, um bei dem ganzen Irrsinn noch mithalten zu können. Das Leben in den Megacitys mag hierfür ein treffendes, wenn auch extremes Beispiel sein, aber immerhin lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung bereits in solchen Millionenstädten – im Jahre 2020 werden es bereits knapp sechzig Prozent sein.

    Für SCHWACHE NERVEN können die schier sich endlos dahin ziehenden Areale in ihrer Trostlosigkeit schnell zum Albtraum werden, vor allem dann, wenn sie sich tagtäglich mit Abermillionen Menschen in den Zentren durch enge Wolkenkratzerschluchten schieben müssen – frühmorgens zur Arbeit hetzend und abends wieder erschöpft das Weite suchend, um dann – nach einer Odyssee durch endlose Straßenlabyrinthe und U-Bahnröhren endlich irgendwo in den Randzonen angekommen – in ihrer Wohnwabe noch eine Weile dämmernd vorm TV zu hocken, bevor ihnen die Augen zufallen.

    Allein schon Luftaufnahmen solcher Städte können selbst HARDGESOTTENE mächtig ins Schwitzen bringen. Insbesondere dann, wenn sie dort unten mit einem Mal die konturlosen, nicht enden wollenden Menschenströme entdecken, die im dichten Smog wie grauschwarz mäandernde Pechadern zähflüssig das aberwitzige Straßengeflecht durchziehen und ihnen der Schauder über den Rücken läuft.

    In ZAGHAFTEN und DEPRESSIVEN werden solche Bilder vermutlich rasch düstere Gedanken hervorrufen und sie spontan an lauter Einsame denken lassen, die in den Untiefen zwischen hoch aufragenden Glas- und Stahlfassaden dahinirren wie Ortlose, denen der Giftdunst, der wie eine riesige Dunstglocke über der City hängt, tief in die Poren dringt und Mensch und Ding der Auflösung entgegen treibt.

    ÜBERÄNGSTLICHE und MISSTRAUISCHE hingegen werden sich wahrscheinlich sofort an Flüchtlingsströme erinnern, die in abstrusen Abgründen verzweifelt versuchen, dem aberwitzigen Chaos zu entkommen, den Weg in die Freiheit aber nicht finden können.

    Horrorbilder für eingefleischte TECHNOLOGIESKEPTIKER, die in ihrer aufgeheizten Fantasie womöglich Abertausende schemenhafter Androiden erkennen werden, die – automatisch ihrem einprogrammierten Code folgend – auf einen unbekannten Zielort zusteuern, wo sie vermutlich entsorgt werden.

    REAKTIONÄRE und FASCHISTEN aber werden skeptischer hinschauen und sicher nicht umhinkommen, sich dort unten eine versprengte Riesenarmee auf dem Weg zurück in die Heimat vorzustellen, mit schwärzlichen Schlieren in den ausgelaugten Visagen, die unter den Atemmasken hervorquellen wie die Kriegsbemalung ehemaliger Dschungelkämpfer.

    RESIGNIERTE schließlich, die mit der Welt abgeschlossen haben, werden aller Wahrscheinlichkeit nach Massen von Behinderten oder Versehrten assoziieren, die sich im labyrinthischen Gewimmel wie Aufgeschmissene hilflos an ihren Handys festkrallen, deren Displays wie Myriaden matt bläulich leuchtender Sternenzwerge aus einer Art umgedrehten Himmel heraufschimmern und einem ungewissen Ende entgegenzittern.

    HIKIKOMORIS hingegen werden solche Bilder überhaupt nicht sehen wollen. Diese jungen, meist männlichen Japaner haben sich nämlich dazu entschlossen, sich vom absurden Treiben draußen in der Welt schon beizeiten zu verabschieden um nicht als Erwachsene eines Tages gezwungenermaßen Teil dieses Irrsinns werden zu müssen. Deshalb sperren sie sich schon als junge Menschen in ihre Zimmer ein und lassen die Familie nicht mehr an sich heran. Das hat ihnen übrigens auch ihren Namen eingetragen: hikikomori heißt sich wegschließen.

    Und dies für mindestens sechs Monate wie es das japanische Gesundheitsministerium beschönigend definiert, wobei dies wahrlich untertrieben scheint, handelt es sich in den meisten Fällen doch um mehrere Jahre oder sogar um Jahrzehnte. Gegenwärtig soll es schon mehr als eine Million Hikikomoris in Japan geben, schätzt der Psychologe Saito Tamaki und spricht in diesem Zusammenhang von einer ‚nationalen Katastrophe’.

    Über die Ursachen dieser spezifisch japanischen Soziophobie streiten sich die Experten. Immer wieder weisen sie auf den extrem fordernden Sozialcharakter der japanischen Gesellschaft hin, der unbedingte Anpassung und die Unterdrückung persönlicher Regungen vom Einzelnen einfordere. Auch Japans Wirtschaft wird thematisiert, die seit zwanzig Jahren stagniere und Jungendliche im Regen stehen lasse. Hinzu käme der enorme familiäre Druck, der sie zusätzlich belasten würde.

    Warum aber jemand tatsächlich zum Hikikomori wird können die Experten letztlich nicht sagen. Wie es überhaupt völlig offen ist, warum Menschen so unterschiedlich auf den stetigen Druck, den eine immer verrückter spielende Welt auf sie ausübt, reagieren und sie auf so unterschiedliche Art und Weise erkranken lässt.

    Dass dieses Phänomen etwas mit dem individuellen Wesen des je Einzelnen zu tun hat, also mit dessen spezifischer Gemütsart und dem ihm eigenen Charakter, scheint auf der Hand zu liegen. Und doch gibt es ganz offensichtlich etwas, das die Stressgeplagten gemeinsam haben und sie verbindet. Denn alle scheinen sie die Probleme, die das gesellschaftliche Leben nun einmal mit sich bringt, gleichsam zu verinnerlichen, statt sich des Drucks erwehren zu können. Du frisst deine Gefühle in dich hinein, sagt schon der Volksmund. In der Folge erkrankt auch der Körper an den psychisch aufgestauten Problemen, die sich somit somatisieren.

    Hikikomoris aber entziehen sich derartigen Problemen, indem sie sich der gesellschaftlichen Pression gerade noch rechtzeitig entziehen. Und das typischerweise in der Pubertät, in welcher die drohende Rigidität des gesellschaftlichen Lebens schon deutlich spürbar wird und für sie zum Albtraum gerinnt. Interessanterweise aber erscheinen die Hikikomoris nicht wie wohlstandsverwöhnte und verhätschelte Kinder, sondern eher als ZARTBESAITETE SEELEN, die sich schon dem einfachen sozialen Miteinander nicht gewachsen fühlen. Sie sind einfach zu unsicher und zu ängstlich für diese Welt und offenbar zum Einzelgänger verdammt.

    Die meisten von ihnen, so der Psychiater Toshika Furukawa, seien als Kinder schon in der Schule gehänselt worden und seien schlichtweg unfähig, sich zur Wehr setzen. Deshalb bedienten sie sich von früh auf kleiner Tricks, um ja nicht aufzufallen. So trügen sie beispielsweise hochgeschlossene Kleidung, damit der Hals nicht zu sehen wäre, wenn sie erröteten. Oder sie fassten beim Trinken das Glas mit beiden Händen an damit keiner sie zittern sehen könne. Und meist schauten sie zu schamvoll zu Boden und sprächen möglichst wenig: Für solche Menschen gibt es keine Diagnosen. Wehrlos entfliehen sie der Welt und verbarrikadieren sich zuhause in ihrem Zimmer, allerdings mit der Gewissheit, dass jemand da ist, der sie versorgt, hilflos wie sie sind. Und das ist in den meisten Fällen die Mutter, die ihr Kind rat- und sprachlos gewähren lässt, dabei aber alles daransetzt, dass niemand erfährt, dass sie einen Hikikomori als Sohn zuhause hat.

    In ihrem Verhalten aber wirken die Hikikomoris erstaunlich besonnen und alles andere als psychisch auffällig, wenn man sie in den wenigen TV-Dokumentationen, in denen sie sich vor der Kamera zeigen, beobachten und reden hören kann: erstaunlich konzise und klar und dem Interviewer offen zugewandt.

    So ist es auch der Fotografin Maika Elan ergangen, die einige Hikikomoris in ihrer abgeschotteten Welt besuchen konnte: "Ich dachte anfangs, sie wären faul, aber es sind alles sehr kluge, empathische und freundliche Leute", schildert sie ihre Erlebnisse in Japan. Und dennoch wirken sie todtraurig, wenn auch nicht im Geringsten depressiv oder gar suizidal. Einsam vegetieren sie in ihren voll gerammelten Zimmern dahin, in denen sie die Dinge draußen aus größtmöglicher Distanz übers TV mitverfolgen. Oder sich die Nächte mit VIDEOGAMES um die Ohren schlagen. Mit SECOND LIFE vielleicht, wer weiß? Eremiten wider willen.

    Im Vergleich zu den Hikikomoris sind INFLUENCER ein ganz anderes Kaliber und haben im Gegensatz zu jenen ganz offensichtlich keinerlei Problem mit der aus den Fugen geratenen Welt. Nassforsch agieren sie vor ihren Videokameras wie Galionsfiguren eines durch nichts bekümmerten Luxuslebens in vorderster Front. Dies allerdings nicht physisch präsent, indem sie sich wagemutig mitten ins Getümmel stürzen und versuchen würden, ihrem hohlen Leben einen Sinn abzugewinnen, sondern gleichsam über Bande und rein virtuell in den SOCIAL MEDIA, wo sie sich – vom Scheitel bis zur Sohle entsprechend aufgemotzt – möglichst authentisch zu präsentieren versuchen, einzig um andere hinters Licht zu führen.

    Den Hikikomoris darin nicht ganz unähnlich, scheuen also auch die Influencer den direkten Kontakt zur Gesellschaft, wenn auch aus blankem Kalkül und unter der Maßgabe, dass ihnen die Gesellschaft am Arsch vorbeigeht, wohingegen jene unter der Verrohung der total durchkommerzialisierten Gesellschaft unsäglich leiden, weil sie sich partout nicht einpassen können. Und obwohl sich beide Gruppierungen extrem eskapistisch verhalten, erweisen sich die Influencer als die modernere Variante, sind sie doch nicht Gesellschaftsflüchtige wie die Hikikomoris, sondern krude Gesellschaftsverächter, die mit ihren Problemen aggressiv und destruktiv umgehen, die Gesellschaft schamlos, attackieren, und sie dabei hohnlächelnd und brutal ausbeuten, egal was sie damit anrichten, statt sich ihr hilflos und defensiv zu entziehen wie jene es tun.

    Obgleich praktisch im selben Alter wie die Hikikomoris sind Influencer schon richtig ausgebufft und denken nicht im Entfernsteten an Maloche: Offensichtlich können sie es sich leisten, nicht in irgendeinem Kaufhaus ihr ödes Leben zu fristen, oder angepisst von Haus zu Haus zu ziehen, um ihre krummen Versicherungspolicen an den Mann zu bringen, sondern – gleichsam wie nebenbei – auf Facebook, YouTube, Instagram, Snapchat und Co. schmarotzerhaft den Star zu spielen und alles daranzusetzen, quasi unter der Hand x-beliebige Artikel der Konsumindustrie unters Volk zu bringen, egal was es koste.

    Gemäß der mehr als fragwürdigen Definition von Grabs, Bannour und Vogl sind Influencer „online User in Sozialen Medien, die in ihrem Netzwerk Meinungsführer sind, viele Freunde haben und als themenkompetent und vertrauenswürdig wahrgenommen werden, so dass sie die Kaufentscheidungen der Community maßgeblich beeinflussen können.“ Mit trockneren Worten kommt es also einzig auf deren Online-Präsenz an, und auf nichts sonst. Deshalb vertreten die Influencer auch keine Meinung, mit der sie etwa auf andere kritisch einwirken oder sie gar überzeugen könnten. Im Grunde sind sie nichts anderes als gerissene Protagonisten einer global agierenden Konsumindustrie die ohne Rücksicht auf Verluste den radikalen Ausverkauf des Planten betreibt.

    Für ihre Onlineaktionen aber brauchen die Content-Creator, wie die Influencer gerne genannt werden wollen, erst mal Freunde im Netz. Und die heißen dort Followers und haben mit Freunden im herkömmlichen Sinn nicht das Geringste zu tun. Trotzdem aber können die Influencer ohne Followers einpacken, denn sie sind das Kapital, auf das die Marketing-Strategie der Konsumindustrie setzt. So hat die Influencerin Leonie Hanne, in Deutschland die Nummer 1, mit 1,7 Millionen Followern einen Mediawert von rund 6000 US-Dollar pro Post inklusive Markennennung, man stelle sich vor. Influencer mit solchen Zahlen sind mittlerweile die Supertargets im Marketing und die gibt es heutzutage – wenn auch im kleinerem Maßstab – praktisch schon für jeden Geschmack: Gaminginfluencer. Modeinfluencer. Beautyinfluencer. Pferdeinfluencerinnen. Powerpaareinfluencer mit ihrem Neugeborenen im Visier und womöglich von PENATEN finanziert. Und neuerdings, wie sollte es auch anders sein, Minimalismusinfluencer, die dreisten Sozialkitsch betreiben und für ein alternatives und vor allem bescheideneres Leben werben, und damit Kohle abkassieren.

    Das wirklich Perverse an den Influencern aber ist das dreiste Changieren zwischen Identität und Rolle, das sie für ihre Follower an den Tag legen. Und die sind meist Kinder an ihren Handys irgendwo, die auf deren kommerzielles Wechselspiel blindlings hereinfallen und sie mit Herzchenaugen-Smileys millionenfach überschütten. In ihrem kindlichen Erleben, das ohnehin zur Fantastik neigt, glauben sie im Virtuellen längst das Reale zu sehen, und empfinden die Influencer als authentisch und cool, weshalb sie diese rasch zu ihren Idolen erklären und auch so werden wollen wie sie. Minderjährige Opfer billiger Absatztricks, denen der schmarotzerhafte Konsum als einziger Lebenswert schon frühzeitig ins Hirn geblasen wird, ohne dass sie es mitbekämen. In Form einer Art unbewusstem DOUBLE BIND, das sie den Kommerz als Lebensinhalt missverstehen lässt.

    INSTAGRAMER haben es da wesentlich leichter. Denn sie fackeln nicht lang herum und lassen sich die immer bizarrer werdende Realität gleich so umbauen, dass sie zum Cyberspace passt. So richten viele Städte schon leere Grundstücke zeitweilig als speziell inszenierte Eventräume ein, um ihnen geile, noch nie gesehene Hintergründe für ihre Selfies zu verschaffen – der Pop-up-Urbanismus blüht international auf.

    Auch Restaurants und Cafés halten mit und richten ihre Räumlichkeiten für die Instagramer heller ein, gehalten natürlich in Pastelltönen, auf die diese stehen und servieren ihnen quietschbunte Gerichte, die auf weißweißen Tellern serviert werden, damit in schicker Atmosphäre wirklich ultimative Fotos im sakrosankten Quadrat Wirklichkeit werden können, die garantiert Like-Tsunamis auslösen werden. Selbst auf den Speisenkarten im Bordrestaurant der deutschen Bundesbahn steht „Mehr als nur Essen – gekocht, gebloggt, geliked!“ zu lesen.

    Auch Museen sind mit von der Partie, die Urgroßtanten des Virtuellen, für das die Kunst ja schon immer stand. Mit dem großen Unterschied jedoch, dass diese der Welt bislang stets eine Gegenwelt entgegensetzte. Eine imaginierte allerdings, die das Reale zum Spielball ihrer spielerischen Energien werden ließ, um die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens für Augenblicke außer Kraft zu setzten, einzig um sich des Lebens zu vergewissern.

    Das aber ist Schnee von gestern. Denn jetzt hat das Getty Museum in Los Angeles in seinen Ausstellungsräumen Spiegel aufgestellt, damit super Selfies mit aufregender Hintergrundkunst ein Klacks sind. Und das Museum of Modern Art in San Francisco stellt seit Neuestem den Instagramern speziell für sie eingerichtete Terrassen als selfie spots zur Verfügung, während das Birmingham Museum of Art eine neue Ausstellung mit dem Slogan Instagram Gold bewirbt. Die Welt ein Instagram-Quadrat mit Kunst als Accessoire.

    PREPPERS aber trauen dem Frieden nicht. Mit Argusaugen verfolgen sie die sich überschlagenden Ereignisse und lassen sich nicht so einfach einlullen. Die Welt ist instabil und krisengeschüttelt und wird bald in sich zusammenbrechen, davon sind sie felsenfest überzeugt. „Was glauben Sie, was in einer Großstadt los ist, wenn morgen der Discounter zumacht, und die Leute nichts mehr zu essen haben?“, spricht einer den Preppers aus dem Herzen.

    Preppers warten nicht auf die Apokalypse, sondern bauen dem drohenden Chaos vor, schließlich wollen sie überleben: to be prepared hat ihnen ihren Namen verliehen. Diese Fundamentalskeptiker entstammen den verschiedensten sozialen Schichten und Berufsgruppen und horten zuhause zentnerweise Konserven, Getränke, Wasseraufbereitungsmittel und säckeweise Kaliumjodidtabletten für den Super-Gau, wobei sie ihren Kindern schon mal Gasmasken über den Kopf ziehen, um für den Ernstfall gerüstet zu sein, und dabei probeweise ABC Schutzanzüge mit Atemschutz tragen, um denen ein Vorbild zu sein. Zudem graben sie sich unterirdische Bunker für ihre Familien und züchten Giftpflanzen zur Selbstverteidigung, üben sich außerdem in Kampfkunst und im Überleben in der Natur, in dem sie zu jagen, zu fischen, zu schlachten und zu konservieren, oder mit Batterien und Kaugummipapier Feuer zu machen lernen.

    Manche der Preppers aber haben sich längst radikalisiert und vom System abgespalten. Im Gegensatz zu ihren Kollegen sehen sie die Dinge wesentlich konkreter und rüsten für den Endkampf auf. Mit Armbrüsten, Speeren, Messern und Äxten, als probten sie schon den Kampf Mann gegen Mann. Und der wird stattfinden, da sind sie sich sicher. Morgen, wenn die Muselmanen das Land überrennen.

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