RAY
Kapitel 5

Eine Erzählung in 9 Kapiteln
22. März 2021

5

Schon beim Anflug runzelt Ray skeptisch die Stirn: Verdammt, wie soll er jetzt in dieses Riesenhaus kommen? Beim alten Ehepaar da oben in der 36. Etage wird aus Sicherheitsgründen bestimmt kein Fenster zu öffnen sein. Da kann er solch einen Fensterspalt wie denjenigen, durch den er sich gestern Abend Zugang zu Tanias Wohnung verschafft hatte, vergessen. Und außerdem: Wie sollte er allein und ganz ohne Hilfe soweit nach oben kommen? So hoch hinaus, das hatte er bislang noch nie geschafft.
„Wie ich da reinkommen soll, habt ihr Stümper offenbar nicht überlegt“, ruft Ray aufgebracht. „Eine tolle Seelsorge nenn ich das, die noch nicht mal zu ihren Schäfchen vorzudringen weiß.“
„Courage, Ray!“, hört er Stephen völlig unbeeindruckt. „Schau doch, da unten will jemand gerade ins Haus. Los. Nimm die Spur auf!“

In trudelnder Abwärtsbewegung stürzt Ray dem Boden entgegen und kann gerade noch rechtzeitig auf der Schulter eines jungen Mannes mit Gesichtsmaske landen, bevor dieser durch eine hohe Glastür das Entree des Wohnblocks betritt. Das muss ein Typ von irgendeinem Lieferservice sein: Hinten auf dem Rücken seines knallgelben Overalls steht in Ketchup-Farbe HUNGER? WE COME! – das hat er beim Anflug gerade noch lesen können. In einer Hand balanciert der Typ einen Riesenstapel Pizzen in Flachkartons, während er mit dem Ellenbogen des anderen Arms gekonnt die Tür aufdrückt.

Und eh sich’s Ray versieht, findet er sich auch schon in einer Liftkabine wieder und ist total erleichtert, dass ihn der Typ nicht bemerkt. Gerade schließt sich etwas ruckelnd die automatische Türe, Ray ist mächtig gespannt, auf welches Stockwerk der Typ gleich drücken wird. Immerhin hat der alte Kasten hier 77 Stockwerke, wie er an den Nummern erkennen kann. Also sollte ihm das Glück wenigstens jetzt einmal hold sein: Wenn der Typ die 13 drückt, kann er seine Seelsorge vergessen. 31. Etage! Ray freut sich wie ein Schneekönig – den Rest hoch zur 36. wird er schon irgendwie schaffen.

Während Ray auf der Schulter des Mannes im Lift nach oben pest, schielt er heimlich hoch zur Decke der Kabine. Und als er direkt über sich ein Frischluftgebläse mit großen Lamellen entdeckt, atmet er erleichtert auf und wartet hochkonzentriert ab, bis der Lift am 29. Stockwerk vorbeifährt. Just in diesem Augenblick stößt er sich mit Aplomb von der Schulter des Mannes ab und fliegt nach oben zum Ventilator, wo er sich augenblicklich so dünn wie möglich zu machen versucht, um zwischen den Lamellen hindurch aufs Dach der Kabine zu gelangen. Doch durch sein plötzliches Brummen aufgeschreckt, lässt der Mann panikartig alle Kartons fallen und wirft sich – wild um sich schlagend – zur Seite, weil er Angst hat, von dem urplötzlich aufgetauchten Insekt attackiert und gestochen zu werden. Doch Ray hat Glück. Unversehrt gelangt er im letzten Moment zwischen zwei Lamellen des Gebläses hindurch aufs Kabinendach, atmet tief durch und äugt gespannt den düsteren Liftschacht hinauf. Und als der Lift schließlich im 31. Stockwerk stoppt, stößt er sich wiederum ab und fliegt die Reststrecke hoch bis zum 36. aus eigener Kraft weiter nach oben, wo er sich schließlich durch einen Schlitz zwischen der geschlossenen Schiebetür, der sich durch das vom Etagenflur in den Liftschacht dringende Licht verrät, mit letzter Kraft hindurchzuzwängen weiß und endlich an seinem Einsatzort angekommen ist.

Appartement 1077. Verdammt. Und wie soll er jetzt in die Wohnung der beiden Alten gelangen? Auf den Klingelknopf kann er nicht drücken. Und einfach zu klopfen macht keinen Sinn, das würden die alten Leute ja ohnehin nicht hören. Auf einmal vernimmt Ray schlurfende Schritte hinter der Wohnungstüre. Augenblicklich wirft er sich zur Seite und geht an der Wand des Flurs in Deckung. Da geht auch schon die Türe auf, in der eine alte gebrechliche Frau mit einem schwarzen Müllsack in der Hand erscheint, den sie mit Mühe an der ihm gegenüberliegenden Seite der Türe abstellt. Ray grinst über beide Ohren und schwänzelt unentdeckt im Rücken der Frau so schnell er kann in den engen, völlig versifften Wohnungsflur hinein, wo er sich unter einem Garderobentischchen hinter einem Stapel alter Zeitungen erst einmal in Sicherheit bringt. Angewidert hält er inne: In der Wohnung stinkt es gewaltig. Eine Höllenmischung aus schimmelnden Essensresten und Exkrementen liegt in der Luft.

Und schon schlurft auch schon die Alte, die schwerfällig die Wohnungstüre ins Schloss hat fallen lassen, an ihm vorbei und geht mit tief gebücktem Rücken und einem Arm im Kreuz auf die verwinkelte und völlig verdreckte Küche zu, in die Ray durch eine halboffene Türe am Ende des schmalen Flurs etwas blicken kann. Heftig aufstöhnend erreicht die Alte endlich die Küche, in der sie bald hinter der Türe verschwindet und sich Rays Blicken entzieht. Nur lautes Geschirrklappern weist dort noch auf sie hin.

Ratlos hockt Ray in seinem Versteck. Wie soll er nun vorgehen? In die Küche fliegen, sich da auf den schmuddeligen Tisch zwischen all den Unrat hocken, der darauf herumsteht, und sich der Alten mal so eben als Seelentröster der Firma BACK TO LIFE vorstellen, der ihren Ehemann vor ihr beschützen soll? Das kann er vergessen. Die Alte würde sicher ausrasten, wenn sie eine Hummel so mir nichts dir nichts in ihrer Küche anquatschen würde. Oder sie fiele augenblicklich tot um, was die ganze Angelegenheit allerdings mächtig erleichtern würde, denn dann hätte er zumindest ihren Ehemann vor ihr gerettet. Wo der wohl steckt? Um sich in der verwinkelten Wohnung etwas Überblick zu verschaffen, klettert Ray die Wand zur Decke hinan und schaut sich aufmerksam um.

„Ich halte es nicht mehr aus hier. Ich will raus“, hört er plötzlich Jemanden hinten aus einem Nebenraum röcheln. Ray wird hellwach, das kann nur der Ehemann sein.
„Dann geh doch“, schallt es kalt aus der Küche zurück.
„Mein Gott, wie abscheulich du bist“, stöhnt der Mann, der wohl dahinten im Schlafzimmer liegt. Ray wechselt etwas die Position, um einen Blick ins Schlafzimmer zu erheischen, aber leider kann er von hier aus auch nur die untere Bettkante und die Füße des Bettlägerigen erkennen. Sich aus der Deckung zu begeben, wagt Ray noch nicht. Lieber wartet er noch etwas ab. Vielleicht wird sich die Lage ja doch noch zu seinen Gunsten entwickeln.

„Wenn ich nicht so erbärmlich ans Bett gefesselt wäre, hätte ich schon längst das Weite gesucht, glaub mir.“
„Ach so. Dann hättest du dir ja sicherlich auch schon das Virus eingefangen und wärst jämmerlich erstickt.“
„Du wünschst mir doch ohnehin die Pest an den Hals, so gib es doch endlich zu.“
„Und wenn es so wäre, was dann?“
„Mein Gott, dass ich damals auf so was wie dich überhaupt reingefallen bin. Weiß gar nicht, wo mir da der Kopf stand?“
„Der war wohl das Einzige, was an dir stand“, lässt die Küche ihn wissen.
„Ich hasse dich!“, tönt es aus dem Schlafzimmer zurück.
„Und du wirst mich noch unter die Erde bringen, hörst du! Dir rund um die Uhr die Scheiße vom Arsch abzuwischen, hält mein Rücken bald nicht mehr aus. Und mein Herz noch weniger. Außerdem haben wir praktisch keine Bettlaken mehr. Die sind vom ständigen Waschen ja schon völlig zerfleddert. Aber mit dem Zeitungspapier als Unterlage geht‘s doch auch, oder?“
„Ich krieg noch die Krätze. Deine Fürsorglichkeit kennt keine Grenzen. … Ich habe Durst!“
„Erst mal müssen wir deinen Dekubitus wieder in den Griff kriegen. Alles andere muss warten!“
„Verflucht, außerdem habe ich heute noch nichts gegessen. Warum bringst du mir nichts? Willst du mich etwa verhungern lassen?“
„Reg dich nicht so künstlich auf, verdammt. Ich habe dir eine Pizza bestellt. Aber der Junge war noch nicht da. Keine Ahnung, wo der bleibt. Der ist sonst doch absolut zuverlässig.“
Ray kriegt Schuldgefühle. Wäre er in der Liftkabine nicht so erschreckend laut zur Decke hochgeflogen, wären dem Typen vom Lieferservice bestimmt nicht alle Pizzen zu Boden gefallen. Dann hätte der Mann schon längst sein Essen auf seiner Liegestatt.

„Was ist eigentlich mit der Waschmaschine? Geht die wieder?“, kommt ein vager Versöhnungsruf aus dem Schlafzimmer.
„Die Waschmaschine ist kaputt. Das habe ich dir doch nun schon tausendmal gesagt.“
„Ach ja. Jaja. Und jetzt?“
„Glaubst du denn etwa, es käme bei all dem Irrsinn da draußen jemand mal so eben vorbei, um das scheiß Ding zu reparieren? Aber was soll’s, dafür hätten wir ohnehin kein Geld. Da musst du schon mit den Zeitungen Vorlieb nehmen.“
„Du machst mir Angst!“
„Und du gehst mir auf die Nerven. Und das nun schon seit Jahren. Ich habe die Schnauze gestrichen voll“
„Aha, du drohst mir. Aber warte ab, jetzt bekomme ich Hilfe, hörst du. Jemand von der Seelsorge wird gleich da sein. Der wird mich aus deinen Fängen befreien, bevor es zu spät ist.“
„Die Seelsorge. Dass ich nicht lache.“
„Die schicken jemanden vorbei, du wirst schon sehen. Dann kannst du ein für alle Mal einpacken.“
„Ach so, du hast telefoniert? Wann das denn? Du hast doch gar kein Telefon!“
„Du hast dein Handy vorhin an meinem Bett vergessen. Siehst du, jetzt hast du einen großen Fehler gemacht. Das Blatt hat sich gewendet. Mir einfach mein Handy wegzunehmen, hat dir letztendlich nichts gebracht. Jetzt bist du dran, du Menschenverächterin.“

Mit einem Mal kommt die Alte überraschend agil aus der Küche in den Flur gehetzt und eilt wutentbrannt zum Schlafzimmer hinüber, in dem sie ein paar Sekunden später auch schon wieder verschwunden ist. Ray traut seinen Augen nicht.
„Du hast nicht telefoniert. Ich glaub dir kein Wort“, hört er die Alte im Schlafzimmer schreien.
„Aber natürlich habe ich das, was glaubst du denn? Du wirst sehen, gleich klingelt es an der Türe. Und dann …“
Urplötzlich verstummt der Mann, als hielte ihm die Alte auf einmal den Mund zu. Dumpfe Erstickungslaute dringen an Rays Ohr. Wie wild sieht er den Mann mit seinen dürren Beinen strampeln. In Ray steigen böse Ahnungen auf.

Ohne weiter zu zögern, fliegt Ray überstürzt los. Er muss dem Mann zu Hilfe eilen. Als er nach einer scharfen Linkskurve mit Karacho ins Schlafzimmer einbiegt, bemerkt er sofort, dass ihn seine Ahnung keineswegs trog: Tief gebeugt kniet die Alte wie eine Furie über ihrem ausgezehrten Mann auf dem Ehebett und presst mit beiden Händen und aller Gewalt ein Kissen auf dessen Gesicht. Der aber scheint unfähig, sich ihrer zu erwehren, kniet seine Frau doch unerbittlich auf dessen Oberarmen. Ein Bild wie von Füssli. Woher Ray das nun wieder weiß? Offenbar hat ihm Stephen zu allem Überfluss auch noch Kunstgeschichte einprogrammiert.  

Aber, was soll’s? Unverzüglich geht Ray zum Angriff über und umschwirrt die Alte – so laut brummend wie er nur kann. Diese aber lässt sich nicht lange lumpen und geht prompt zum Gegenangriff über: Wild aufschreiend richtet sie sich auf, packt das Kissen mit einer Hand und schlägt mit diesem wie wildgeworden nach Ray, um ihn unverzüglich zur Strecke zu bringen. Und schon mit dem dritten Schlag trifft sie diesen voll am Hinterteil, sodass dieser wie ein winziger Federball durch die Luft katapultiert wird, an der Wand abprallt und völlig benebelt in der hinteren Ecke des Zimmers zu Boden geht.

Noch eh er sich‘s versieht, ist die Alte auch schon überraschend behände vom Bett gerutscht und kommt mit wutverzerrtem Gesicht auf ihn zu. Schon sieht sich Ray von ihrem übergroßen Filzpantoffel am Boden zerquetscht, kann sich jedoch in letzter Sekunde noch in Sicherheit bringen, indem er mit all den ihm noch verbliebenen Kräften einen wirklich überraschenden Superstart hinlegt, der ihn rasch in die Höhe direkt unter die Decke bringt, wo ihn die Alte nicht mehr erreichen kann. Wachen Sinnes düst er zurück in den Flur und biegt gewagt durch eine halboffene Tür in einen dunklen Raum ein, den er trotz der Düsternis sofort als Badezimmer auszumachen weiß. Schon bedrohlich taumelnd versucht er sich in dem ihm völlig unbekannten Raum zu orientieren, findet jedoch im allerletzten Moment gerade noch rechtzeitig an einem Duschvorhang Halt, bevor er erneut zu Boden gegangen wäre. Mühsam arbeitet er sich bis zur Vorhangstange hoch, auf der er endlich einigermaßen sicher zu Sitzen kommt. Völlig atemlos hockt er da und nimmt die Türe zum Flur hochaufmerksam ins Visier.

„Verdammtes Ungeziefer, warte nur, dir werde ich’s zeigen“, hört er auf einmal die Alte vom Flur aus, die von draußen hektisch das Badezimmerlicht anknipst und kurz danach mit einem ohrenbetäubenden Schlag die Türe auftritt. „Wo bist du, du widerliche Kreatur?“, keucht die Alte. „Auch dich befördere ich jetzt ins Jenseits!“

Ray sieht sich panisch um und sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit zu entkommen, als er mit einem Mal direkt hinter sich einen rechteckigen, in die Wand eingelassenen Kasten der Klimaanlage entdeckt. Mutig hechtet er von der Stange des Duschvorhangs zum Duschkopf hinüber, der unter dem Kasten angebracht ist, wobei er wohlweislich jeglichen Flügelschlag zu vermeiden weiß, um nicht unnötig auf sich aufmerksam zu machen. Unverzüglich balanciert er über das alte, ziemlich poröse Plastik des Duschkopfs, dass ihm einigermaßen Halt verleiht, geschickt auf die völlig verschimmelte Wand zu, an der er nach extrem kurzer Distanz schließlich den Kasten der Klimaanlage erreicht, durch dessen Schutzgitter er der Alten in allerletzter Sekunde zu entschlüpfen vermag. Gerettet!

Fortsetzung folgt