SOMNIUM SCIPIONIS

Gravitationswellen existieren! Einstein hatte mit seiner Annahme recht, der er anlässlich eines Vortrags am 22. Juni 1916 in der Preußischen Akademie der Wissenschaften Ausdruck verlieh, ergäben sich diese doch direkt aus der von ihm entwickelten Allgemeinen Relativitätstheorie.

Die Entdecker, Rainer Weiss, Kip Thorne und Barry Barish, fingen die Gravitationswellen von zwei verschmelzenden Schwarzen Löchern mit LIGO-DETEKTOREN (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatories in Hanford, Washington, und Livingston, Louisiana) und Dank der über Tausend am Experiment beteiligten Forscher erstmals am 14. September 2015 ein, und erhielten für diese bahnbrechende Entdeckung gerade den Physiknobelpreis. Eine neue Ära der Astrophysik ist angebrochen: Laut Karsten Danzmann, der am Detektor GEO600 nahe Hannover die Suche nach Gravitationswellen leitet, „ging es den Forschern bei ihrer Suche um mehr, als deren bloße Existenz nachzuweisen. Sie wollten Gravitationswellen direkt messen, weil sie sich davon einen neuen Zugang zum Kosmos versprechen. Man kann das Universum so nicht nur sehen, sondern auch hören.“ Über 99 Prozent des Universums seien dunkel und entzögen sich somit der direkten visuellen Beobachtung, so Danzmann lapidar, „aber alles unterläge der Schwerkraft.“ Trotz allem aber ist es eine Sensation, die Gravitationswellen nicht nur nachgewiesen, sondern auch hörbar gemacht zu haben. Es jagt einem den Schauder über den Rücken, wenn man den Aufnahmen im Internet lauscht.

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VOM URSPRUNG DER MUSIK
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Wie aus dem Nichts ist da zunächst ein tiefes Brummen, das allerdings rasch anschwillt, sich währenddessen mit einem gewagten Glissando in die Höhe schwingt, und mit einem sich überschlagenden Impuls urplötzlich endet. Stille. Dann wieder das Brummen, das waghalsige Glissando und juchzende Ende – CHIRP. So nennen die Astrophysiker den Klang der Gravitationswellen, der in der Tat an das Zirpen oder Zwitschern eines Vogels erinnert. Mit unfassbarer Geschwindigkeit jagen die Wellen periodisch durchs All und lassen es erzittern. Pulsartige  Transversalwellen, die – ganz im Gegensatz zu Schallwellen – nirgendwo abprallen, hingegen alles durchdringen, was ihnen in die Quere kommt und es dehnen und stauchen, dass die Raumzeit zittert. Gravitationswellen ebben nie ab. Einmal ausgelöst, verschwinden sie nie wieder aus dem kosmischen Raum. Alle, die jemals erzeugt wurden, sind heute noch da – Zeugnisse Hunderte von Millionen Lichtjahren entfernter Ereignisse irgendwo im Kosmos, die sich Ewigkeiten vor unserer Zeitrechnung zutrugen wie die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher oder zweier Neutronensterne zum Beispiel. CHIRP!

Wen wundert es da, wenn die Forscher der beiden LIGO-DETEKTOREN, die aufgrund ihrer Disziplin ein ganz anderes Raumbewusstsein haben als der Normalbürger, mächtig ins Schwärmen gerieten, da sie endlich die Musik ihrer Träume hören konnten wie die Presseaussendung des Stockholmer Nobelpreiskomitees die Welt wissen ließ. Schon 1993 hatte Kip Thorne in seinem Buch Black Holes & Time Warps die Gravitationswellen als Musik beschrieben: „Diese Kräuselungen der Raumzeit lassen sich mit den Schallwellen einer Symphonie vergleichen. So wie die Symphonie in den Modulationen der Schallwellen verschlüsselt ist, enthalten die Modulationen der Gravitationswellen, die in einem wilden Crescendo münden, die Geschichte der verschmelzenden Schwarzen Löcher.“                                                                                               

Kip Thornes Anschauung mag versponnen oder gar verrückt erscheinen, wäre der Physiker nicht ganz offenkundig völlig bei Sinnen, was der Blick in seine Biographie beweist: Born June 1, 1940, Thorne is an American theoretical physicist and Nobel laureate, known for his contributions in gravitational physics and astrophysics. A longtime friend and colleague of Stephen Hawking and Carl Sagan, he was the Feynman Professor of Theoretical Physics at the California Institute of Technology (Caltech) until 2009 and is one of the world's leading experts on the astrophysical implications of Einstein's general theory of relativity. He continues to do scientific research and scientific consulting, most notably for the Christopher Nolan film Interstellar.

Mit seiner tief gründenden Empfindung, das Universum klänge wie Musik, steht Thorne in uralter Tradition der astronomischen Wissenschaftsgeschichte. Und womöglich ist diese Empfindung so alt wie die Musik selbst und aufs Engste mit ihr verbunden. Und noch heute würde kein wirklich engagierter Musiker bestreiten, dass der Musik auch eine kosmische Dimension innewohne. Selbst in den trivialsten Ausformungen dieser Anschauung wie in Gustav Holst Die Planeten, die mit der Tür ins Haus fallen und auf der Sache herumreiten, ist diese Faszination noch spürbar. Musik weitet den Raum ins Grenzenlose, in dem man sich aufzulösen glaubt.

Das älteste bislang aufgefundene Instrument ist eine etwa 35 000 Jahre alte FLÖTE, ausgegraben im Sommer 2008 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb. Gefertigt aus der Speiche eines Gänsegeierflügels, also von Natur aus hohl und mit zum Atmungsorgan des Vogels gehörend. Die Töne des vorzeitlichen Flötenspielers scheinen Flügel zu besitzen und tirilierend hoch in den Himmel emporzusteigen – CHIRP. Vielleicht auch, um sich den kosmischen Harmonien anzuschließen und sich von ihnen davontragen zu lassen – ganz Ohr den sphärischen Klängen gegenüber und gespielt mit hörendem Herzen, dem geistigen Ohr.

Es ist kein Zufall, dass hören und fühlen so nah beieinander liegen“, schreibt der Astrophysiker Bruno Binggeli. „Unser Gehör besitzt eine Eigenschaft, die es unter allen Sinnesorganen besonders auszeichnet: Wir können verschiedene Töne – akustische Schwingungen der Luft verschiedener Frequenzen – zusammen und dennoch separat hören. Tonfrequenzen vermischen sich nicht. Ganz anders unser Sehsinn: Wir können nicht, sagen wir, rot und grün (die Farben entsprechen verschiedenen Wellenlängen des Lichts) an derselben Stelle – als separate Farben – sehen. Farben vermischen sich, rot und grün zusammen empfinden wir als braun. Ein hoher Ton und ein tiefer Ton dagegen verschmelzen nicht zu einem mittleren Ton, wir hören beide gleichzeitig. Wenn wir von einem Zusammenspiel von Farben sagen, es sei schön (wie auch immer wir dieses Schönsein definieren), so ist es doch ein räumliches Nebeneinander der Farben, das wir empfinden. Bei Tönen gibt es nicht nur ein zeitliches Nacheinander, sondern auch ein zeitliches Miteinander, einen Zusammenklang, den wir als harmonisch, oder auch als disharmonisch empfinden können. Dies verschafft dem Hörsinn eine Unmittelbarkeit und Intensität, und deswegen auch eine psychische Wirksamkeit, die mit nichts vergleichbar ist. Darin wurzelt mithin die große Macht der Musik über unsere Gefühle. 

Was macht nun, dass wir diesen Klang als harmonisch empfinden, jenen aber als disharmonisch? Worin unterscheidet sich das Zusammenspiel der Töne? Es sind die Zahlenverhältnisse der Tonfrequenzen, die das bestimmen. Dieser Zusammenhang – zwischen Wohlklang und ganzzahliger Proportion – geht zurück auf eine Entdeckung des sagenumwobenen griechischen Philosophen Pythagoras im 6. Jh. v. Chr. Das klassische Experiment benutzt das sog. MONOCHORD, ein Instrument mit nur einer Saite. Zupft man diese Saite an, so erklingt ein Grundton. Wird die Saite auf genau halber Länge festgehalten, erklingt ein Ton, der um genau eine Oktave höher liegt und mit dem Grundton harmoniert. Fixiert man die Saite an andern Punkten, die einfachen Bruchteilen ihrer Gesamtlänge entsprechen, so können weitere harmonische Töne erzeugt werden: die Quinte bei 2:3, die Quarte bei 3:4, die große Terz bei 4:5 – so kriegt man die “Obertöne” der Saite.

Wo immer man in der Außenwelt ganzzahlige Verhältnisse vorfand, durfte man folglich – ausgehend von diesem Urexperiment mit dem MONOCHORD – auch umgekehrt verfahren und sich im Geiste eine unterliegende musikalische Harmonie vorstellen, oder allgemeiner: Quantitatives als etwas Qualitatives erleben. Und wo vor allem stieß – und stößt man noch immer – in der Außenwelt auf solche schönen Zahlenverhältnisse? Natürlich am gestirnten Firmament. Es sind die ewig gleichen Bewegungen der Himmelskörper, von Sonne, Mond und Sternen, die unserem Leben den festen Rhythmus von Tag, Monat und Jahr aufprägen. Hier fand die pythagoreeische Zahlenlehre ihren natürlichen Gegenstand, hier drängte sich eine erste mathematische Durchdringung der Wirklichkeit auf; Astronomie ist deshalb auch die älteste Wissenschaft.

In Pythagoras’ geozentrischem Weltbild ruht die kugelförmige Erde im Zentrum. Um sie herum schließen sich, so ähnlich wie bei einer Zwiebel, konzentrisch acht kristalline Kugelschalen an, und in diesen befinden sich die sieben Planeten, zu denen man auch Sonne und Mond zählte. Es sind die Kugelschalen, die sich um die Erde drehen; die äußerste Schale mit den Fixsternen dreht sich mit einer Umdrehung pro Tag am schnellsten. Die inneren Sphären mit den Planeten drehen sich von außen nach innen, bzw. von oben nach unten immer langsamer, bis zur stillstehenden Erde!

Pythagoras stellte sich nun vor, dass die Sphären klängen und für die Umdrehungsgeschwindigkeiten und/oder die Abstände der Himmelssphären ganzzahlige Verhältnisse gelten würden, so dass das ganze Himmelsgebilde – indem sich die Tonhöhe, in Analogie zur Saitenschwingung (eines Monochords), aus der Geschwindigkeit oder aus dem Abstand einer Sphäre ableiteten – einen harmonischen Zusammenklang erzeuge (griechisch: symphōnía). Auch in Pythagoras’ Begriff des Kosmos spiegelt sich die ästhetische Seite des Weltganzen, denn Kosmos heißt sowohl Ordnung als auch Schmuck. Der ganze Kosmos als Instrument, als wohlklingende Weltordnung – das ist die Idee der SPHÄRENMUSIK.“ (Bruno Binggeli, Sphärenmusik – das Unhörbare hören.)

Das Stupende an Pythagoras’ Idee ist das ruhige und ausgleichende Grundgefühl den Dingen gegenüber, das in ihr zum Ausdruck kommt. Denken und Empfinden durchdringen sich gegenseitig und schwingen in Harmonie. So wie das Weltall in Musik. Was die Sinne stimuliert wird im Geiste zur Gestalt. Und was das Denken animiert, verleiht den Sinnen Anschauung.

Pythagoras war von der Kugelform der Erde überzeugt. Die Sphäre galt ihm als die mathematisch vollkommenste Form. Für seinen Zeitgenossen Thales von Milet hingegen blieb die Erde eine Scheibe, die im unendlichen Ozean schwamm. Damit entsprach er der herrschenden Auffassung der Religion, die unwidersprochen sein sollte.

Pythagoras gewann seine Überzeugung durch geistige Imagination. Thales untermauerte eine Doktrin, ohne sie zu hinterfragen. 200 Jahre später beobachtete Aristoteles eine Mondfinsternis und sah den runden Erdschatten durch das Mondlicht ziehen. Er wusste, nur eine Kugel wirft in jeder Stellung einen kreisförmigen Schatten.

2:3, 3:4, 4:5 – „die Pythagoreer beschäftigten sich zuerst mit der Mathematik, förderten sie, und so in sie hineingewachsen, hielten sie die mathematischen Prinzipien für die Prinzipien alles Seienden. Und in den Zahlen die Eigenschaften und Gründe der Harmonie erblickend, da ihnen das andere seiner ganzen Natur nach den Zahlen nachgebildet erschien, die Zahlen aber als das Erste in der ganzen Natur, so fassten sie die Elemente der Zahlen als die Elemente aller Dinge auf und das ganze Weltall als Harmonie und Zahl.“ (Aristoteles. Metaphysik, I, 5).

Angesichts solch allumfassender Harmonie muss es den Pythagoreern unsagbar leicht ums Herz gewesen sein. Durchdrungen von einem ganzheitlichen Lebensgefühl, das ihnen eine erstaunliche Gelassenheit der Welt und ihren Erscheinungen gegenüber schenkte. So waren sie auch die ersten, die sich der reinen Mathematik hingaben – der absolut zweckfreien und streng wissenschaftlichen Erforschung ihrer Funktionen und Gesetzmäßigkeiten. Die Ruhe, die sie dazu befähigte, verdankten sie ihrer inneren Gewissheit der harmonischen Kongruenz allen Seins, schwingend in Mathematik und Musik.

Da erstaunt es auch nicht, dass die Pythagoreer von einer unsterblichen Seele göttlichen Ursprungs überzeugt waren, deren Aufgabe es sei, beizeiten in ihre kosmischen Gefilde zurückzukehren, um dort Erfüllung zu finden und aufzugehen. So sahen sie in der Natur beileibe keine abstrakten Zahlenverhältnisse wirken, wie Vorurteile vermuten, sondern kraftvolle Energien, die das All in einzigartiger Harmonie strukturierten und in mathematischen Proportionen zum Ausdruck kämen. Eine beseelte Kosmologie, die in Ciceros SOMNIUM SCIPIONIS besonders eindrücklich veranschaulicht wird.

In diesem Traum findet sich der römische Feldherr und Staatsmann Scipio Aemilianus völlig unvermittelt im Weltall wieder. Auf der Milchstraße, der Heimstatt der Seelen. Dort trifft er auf seinen Großvater, Publius Cornelius Africanus, und seinen ebenso verstorbenen Vater, Lucius Aemilius Paullus. Vor seinen ungläubigen Augen offenbart sich der gesamte Kosmos in all seiner Herrlichkeit mit der ihm eigenen Ordnung und Struktur – genau so, wie Pythagoras ihn beschrieben hatte: Majestätisch kreisen die Planeten im Klang ihrer ewigen Bewegung, sphärische Töne erzeugend, die der Ursprung aller Musik sind wie ihm erklärt wird.

Inmitten des tönenden Geschehens blickt Scipio auf die winzige Erde hinunter, auf der die Menschen auf der unteren Seite kopfüber gehen, während Scipios Großvater ihm die Zukunft prophezeit, unter anderem auch die erfolgreiche Belagerung und Zerstörung Karthagos der von ihm befehligten Heerscharen. Der Ruhm aber, den er erlange, sei nur von geringer Dauer und überstehe kein Weltenjahr. Scipio dürfe weder auf das Gerede der Masse hören noch von irgendjemanden menschlichen Lohn erwarten. Der Körper halte die Seele gefangen und nur die lebten wirklich, die schon gestorben seien.

Ein Traum vom Sein in kosmischer Musik. – Und auch heute noch scheint der Kosmos voller Musik, zumindest wenn man den Astrophysikern Glauben schenken darf. In seinem Buch Das elegante Universum, schreibt Brian Greene im Kapitel KOSMISCHE SYMPHONIE. NICHTS ALS MUSIK: DIE GRUNDLAGEN DER STRINGTHEORIE: „Seit langem schon dient die Musik den Philosophen und Naturforschern, die sich über die Rätsel des Kosmos den Kopf zerbrechen, als Lieblingsmetapher. Von den ‚Sphärenklängen’ der Pythagoreer im antiken Griechenland bis zu den ‚Harmonien der Natur’, die Jahrhunderte lang das Leitmotiv der Forschung waren – immer wieder haben wir im majestätischen Gang der Himmelskörper wie im ausgelassenen Treiben der subatomaren Teilchen das Lied der Natur gesucht. Mit der Entdeckung der Superstringtheorie gewinnen diese musikalischen Metaphern eine verblüffende Realität, denn die Theorie geht davon aus, dass die mikroskopische Landschaft mit winzigen Saiten – den Strings – gefüllt ist, aus deren Schwingungsmustern die Evolution des Universums komponiert ist. Nach der Superstringtheorie bringt der Wind der Veränderung das ganze Universum wie eine riesige Äolsharfe zum Klingen!“

Ist die Äolsharfe aber wirklich nur eine euphorische Metapher für die prinzipiell unhörbaren Klänge des Universums? Oder sind deren Töne nicht doch zu hören, zumindest bei außerordentlicher Begabung? Wohlgemerkt, auch die LIGO-Physiker übersetzen das CHIRPEN der Gravitationswellen in Schall, damit sie hörbar werden. Und auch die im Universum allgegenwärtigen Schwingungsfrequenzen wie das Trillern der Pulsare und Säuseln der Quasare, das Pulsieren der Sterne oder Brummen Schwarzer Löcher entziehen sich der akustischen Wahrnehmung und werden von Astrophysikern lediglich in hörbare Tonbereiche transformiert, um diese Phänomene sinnlich erfahrbar werden zu lassen.

Pythagoras hingegen wurde die Fähigkeit, die Sphärenmusik tatsächlich hören zu können, von manchen seiner Zeitgenossen nachgesagt. Dies stellten sie sich ganz naturalistisch vor: Da schnelle Bewegungen großer Körper auf der Erde heftige Geräusche verursachen würden, würde dies erst recht für die viel größeren und schnelleren Himmelssphären gelten, lautete die Erklärung. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Gravitationswellen, die durch die Beschleunigung von Massen entstehen und sich mit Lichtgeschwindigkeit im Universum ausbreiten. Je stärker die Beschleunigung oder je größer die Masse, desto intensiver die Wellen.

Dass viele andere die Sphärenklänge nicht wahrnehmen würden, begründeten die Pythagoreer mit einer überraschend plausiblen Erklärung: Die Sphären erklängen ja ununterbrochen, so dass der Kontrast zur Stille fehle. Dem pflichtete Cicero, der ein großer Bewunderer der pythagoreischen Kosmologie war, Jahrhunderte später bei: Den Menschen erginge es nicht anders als denjenigen der Nilkatarakte, behauptete er, denn beim ständigen Lärm des Wassers würden sie diesen nicht bemerken können. Seiner Überzeugung nach hatte Pythagoras der Menschheit die Sphärenmusik offenbart, weil er sie – wie nur ganz wenige – tatsächlich hätte hören können. Wer Ohren hat, der höre! – AHNUNG UND GEGENWART.

Eine solche Ahnung, die ihn von frühauf an die Musik fesselte, scheint auch den Physiker Rainer Weiss , den ältesten der drei Gravitationswellen-Physiknobelpreisträger, schon als Knabe durchdrungen zu haben. Lange bevor er als Erwachsener endlich sagen konnte, warum? Als der Sechsjährige, der mit seiner Familie vor den Nazis in die Tschechoslowakei geflohen war, anlässlich einer Radioansprache Churchills ein großes Symphonieorchester spielen hörte, „war er zutiefst fasziniert von der Technologie, die auch die klassische Musik ferner Orchester auf wundersame Weise übertragen kann. Als Zwölfjähriger, nach der Flucht aus Europa, baute Weiss selbst Verstärker für Radios und Hi-Fi-Anlagen und verkaufte sie an andere Immigranten in New York. Als Student verliebte sich der gebürtige Berliner schließlich in eine deutlich ältere Klavierlehrerin.“ (Robert Gast. Der Klang der Sterne. Spektrum der Wissenschaft)

Musik mithilfe Technologie! Das ist die große Faszination, die den späteren Physiker schon als Kind in den Bann zieht. Als der Sechsjährige ein Symphonieorchester zufällig im Radio spielen hört, kommt er spontan auf die Idee, diese eindrucksvolle Musik, wenn sie denn irgendwo auf der Welt ertönt, mithilfe technischer Mittel jedem zu Gehör zu bringen, egal wo sich dieser gerade auf dem Erdenrund befindet. Die Musik, die das Kind so fesselt, soll jeder hören können! Die wahre Dimension seiner Idee aber, die erst Jahrzehnte später, und dann in völlig unerwartbarer Form zur Vision des Physikers werden wird, bleibt dem Kind naturgemäß verborgen. Es wird lange dauern, bis sich ihm die Gründe endlich erschließen und er die Nuss knacken wird – gut Ding will Weile haben.

„In der Hoffnung, die Klangqualität von Schallplattenspielern zu verbessern, beginnt er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Studium der Elektrotechnik, ist aber enttäuscht, dass es darin vor allem um Kraftwerke ging. Also wechselt er in den Studiengang Physik des Colleges – angeblich, weil dieser die geringsten Zugangshürden aufwies. Als Weiss der Klavierlehrerin nach Chicago hinterherläuft, bricht er sein Studium ab. Erst nach seiner Rückkehr an die Ostküste besinnt er sich wieder auf seine Technikleidenschaft. Für zwei Jahre arbeitet er als Labortechniker im berühmten Bostoner "Plywood Palace". Einem ehemaligen Weltkriegslabor, in dem Generationen von Physikern ihre kreativen Ideen verwirklichten. Der Atomphysiker Jerrold Zacharias fördert den jungen Tüftler, der 1955 seinen Bachelorabschluss nachholt und schließlich den Sprung in ein Promotionsprogramm schafft. Schließlich wird Weiss Physikprofessor am MIT, muss aber lange um seine Entfristung bangen, weil er es nicht einsieht, regelmäßig Fachartikel zu veröffentlichen.“ (Robert Gast)

Der Physiker taumelt orientierungslos durchs Leben. Seine Idee, die ihn als Kind so leidenschaftlich bewegte, ist ihm abhanden gekommen, zusammengeschnurrt auf den kommerziellen Gedanken, die Klangqualität von Schallplattenspielern zu verbessern, so als läge seine Zukunft in der Phonoindustrie. Lustlos wirft er bald hin und macht planlos weiter. Und dennoch bleibt er am Ball, ohne dass es ihm bewusst wäre – geleitet von tief in seinem Inneren wirkenden Energien, die seine einstige Vision speisten, ihn über Wasser halten und - über die Physik zur Astrophysik – seiner Bestimmung zutreiben. Begleitet von seiner Liebe zur Musik, die ihn trotz allem hilflosem Hin und Her glücklicherweise nicht versanden lässt. Im Nachhinein erscheint diese völlig zerfaserte Phase seines Lebens wie die behutsame, viele Umwege nehmende Vorbereitung auf den mentalen Eklat hin, der ihn Jahre später urplötzlich auf die Idee kommen lassen wird, Einsteins Gravitationswellen entdecken zu wollen – wenn das mal Zufall ist.

„Eher per Zufall stößt er auf das Gebiet, das ihm letztlich großen Ruhm bringen sollte: Als er Ende der 1960er Jahre eine Vorlesung über allgemeine Relativitätstheorie halten muss, kämpft er mit der zu Grunde liegenden Mathematik. Also flüchtet er sich in Gedankenexperimente, um zumindest die Idee von Einsteins Theorie den Studenten zu vermitteln. Bei der Vorbereitung einer Vorlesung hat er plötzlich die Idee, die vom Meister vorhergesagten Gravitationswellen mittels eines Michelson-Interferometers nachzuweisen und baut in den Jahren darauf einen 1,5-Meter-Prototypen!“ (Robert Gast)

Wie aus heiterem Himmel scheint dem Physiker die uralte Idee aus Kindestagen wieder zuzufallen, die ihm eine schiere Ewigkeit lang aus dem Bewusstsein geraten war und sich ihm nun mit einem Mal in ihrem wahren Kern offenbart: Großartige Musik (= Gravitationswellen) mithilfe von Technologie (= LIGO) für alle hörbar werden zu lassen. Dass die damals noch in den Kinderschuhen steckende Idee so lange tief in seinem Inneren reifen musste, ist nicht allzu erstaunlich. Denn um auf fruchtbaren Boden zu fallen und in ihm wirksam werden zu können, brauchte sie Zeit um sich zu vervollkommnen. Jetzt aber, da er als Physiker (endlich) um die Dinge weiß, brechen sich deren Energien schlagartig Bahn und kehren ihm in ganzer Gestalt ins Hirn zurück. HEUREKA – Erleuchtung kommt immer von innen, nie von außen. Sonst hieße sie ja Beleuchtung.

Ob Weiss Bachs h-moll Messe kennt, ist ungewiss. Jedenfalls hätte er in dieser Musik die durch manche Takte jagenden Gravitationswellen schon hören können, bevor er schier ewig durchs Leben irren musste ohne recht zu wissen wohin. Dann wäre dem Frühbestimmten vielleicht schon damals die Idee gekommen, die wahren Quellen dieser Wellen im Kosmos zu suchen.