GESELLSCHAFT / 9KOLLEKTIVER MASOCHISMUS

Die Freiheit, tun (oder auch lassen) zu können, was man will, solange man kein Gesetz bricht, steht Jedem zu, der in einer Demokratie lebt. Ein derartig buntes Leben macht die Gesellschaft lebendig und attraktiv, möchte man meinen. Doch der Schein trügt. Denn über die demokratischen Gesellschaften hat sich ein grauer Schleier gelegt, sie drohen ihre Lebendigkeit und Vielfältigkeit zu verlieren – die Tendenz zum Uniformen ist unübersehbar. Ein Phänomen, das man bislang eigentlich nur von totalitären Gesellschaftssystemen her zu kennen glaubte. Aber im Gegensatz zu diesen, die den Zwang zur Gleichschaltung gnadenlos von oben ausüben, liegt die grassierende Entpersönlichung der in den Demokratien lebenden Menschen bizarrer Weise in deren freiem Willen begründet und unterliegt einer ganz anderen Ideologie – der Ideologie der Selbstverwirklichung nämlich. Werde Du selbst! verspricht sie groß tönend den Menschen. Denen aber ist der Sinn des Lebens abhandengekommen. Und damit die Fähigkeit, es selbst zu gestalten und den eigenen Weg zu finden – ihre Instinkte verkümmern. Jünger, attraktiver, gesünder, erfolgreicher dröhnt es von allen Seiten auf sie ein. Und wie auf Befehl folgen die Ratlosen blindwütig den ach so verheißungsvollen Parolen, schließlich will jeder es sein – die Falle schnappt zu. Diese dem Totalitarismus scheinbar entgegenstehende Ideologie, ist vielleicht noch perfider als jene, übt sie den Zwang zur Egalisierung doch gleichsam von unten aus, indem sie ihre verführerischen Energien im Inneren der Menschen entfaltet, deren geheime Sehnsüchte instrumentalisiert und sie hinterhältig bei ihren Minderwertigkeitsgefühlen und Eitelkeiten packt. Ohne es wirklich mitzubekommen, werden die Ahnungslosen so zu Opfern ihrer selbst und massenhaft zu Lifestyle-Uniformierten degradiert. Woher rührt dieser kollektive Masochismus, der letztlich auf purer Selbsttäuschung beruht?

Zunächst: die Lebensverhältnisse in den westlichen Demokratien werden vom Kapitalismus beherrscht. Diese Anmerkung mag zunächst trivial erscheinen, ist als Faktum jedoch von entscheidender Bedeutung, um sich der Antwort zu nähern, steht der Kapitalismus doch in krassem Gegensatz zum demokratischen Grundrecht auf FREIE ENTFALTUNG DER PERSÖNLICHKEIT.

Im globalen Kreislauf seiner Kapitalströme und Akkumulationsprozesse zählt der Einzelne als Person nichts. Einzig auf seine Arbeitskraft und Leistung kommt es an, auf nichts anderes sonst. Im weltumspannenden Prozess des sich selbst verwertenden Werts spielen Individualität und Charakter keine Rolle. Der Einzelne muss sehen, wo er bleibt, austauschbar und wie ein Spielball „dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung“ (Marx) ausgesetzt. Sein Ich kann er da vergessen!

Dieser nachgerade schizoide Konflikt zwischen Innen und Außen, dem eklatanten Widerspruch von individuell eingefordertem Recht auf Selbstentfaltung auf der einen und der sozioökonomischen Rigidität auf der anderen Seite, charakterisiert die krude Lebenswirklichkeit, in der sich die in den Demokratien vergesellschafteten Individuen wiederfinden. Wer bin ich? Wie soll ich sein? tönen ihre Hilferufe immer penetranter durch den öffentlichen Raum, zerrieben vom alltäglichen Selbstoptimierungswahn und steter Ungewissheit sich selbst gegenüber. Jünger, attraktiver, gesünder und erfolgreicher hallt es harsch zurück – eine atemlose Gesellschaft, deren manische Ichsucht immer groteskere Formen annimmt.

Es verwundert nicht, dass der zermürbende Kampf um Selbstbestimmung unter solch aberwitzigen Bedingungen aussichtslos bleiben muss und letztlich das Gegenteil bewirkt – die Schwächung des Individuellen nämlich, das dabei an Eigenart verliert, statt an Kontur zu gewinnen. Der existentielle Druck, sich den durchkapitalisierten Lebensverhältnissen unterzuordnen, ist einfach zu groß und raubt Zeit um Atem zu holen. Noch gravierender aber ist die Tatsache, dass der die Dinge nivellierende Charakter des kapitalistischen Systems, das alles nur nach Geld bemisst, auch vor dem Inneren der Menschen nicht Halt macht und zunehmend auch deren Fühlen und Denken ergreift und es verflachen lässt. Mit der mentalen Einebnung und sinnlichen Verdinglichung des Erlebnisraums aber büßt das menschliche Leben den Reichtum der ihm innewohnenden Dimensionen ein und lässt in den Herzen das Verlangen nach einem selbstgestalteten Leben verkümmern. Die kaltblütige Eingrenzung des Lebenssinns auf eine sinnentleerte und horizontlose Gegenwart hin, die sich auf den Überlebenskampf der Armen, die Karrieresucht der Erfolg-Reichen und die Ratlosigkeit des Mittelstands reduziert, zieht nicht nur die Erlahmung der Lebensfreude nach sich, sondern (nachgerade zwingend) auch den Verlust ihrer besonderen Qualitäten und Potenzialitäten, die das Leben erst lebenswert werden lassen: Neugier. Staunen. Stille. Wagemut. Liebe. Mut. Hingabe. Kreativität. Und Spiritualität – jene Sphären tiefster Empfindung Natur und Kosmos gegenüber, die das menschliche Dasein zu ganzer Erfüllung bringt. Der seelische Innenraum dampft ein und hinterlässt in den Menschen das ohnmächtige Gefühl einer zäh dräuenden Leere – die Selbstempfindung schrumpft zum Phantom und der Körper zum Apparat, an dem herumgedoktert wird wie an einer reparaturbedürftigen Maschine.

Die Folgen der mentalen Depravation der Menschen sind dramatisch und besitzen in ihrem Kern eine fatale, die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit von Grund auf verändernde Dynamik. Denn mit dem Verlust ihrer Selbstgewissheit geht auch deren Unfähigkeit einher, von ihrem verbrieften Recht auf Selbstentfaltung überhaupt Gebrauch machen zu können. Zudem aber sind sie nun nicht nur existenziell, sondern auch seelisch zu Abhängigen der ökonomischen Realität geworden und haben sich dieser mit Haut und Haar ausgeliefert. Gänzlich aus der Spur gekommen, verlangen sie Halt und gieren nach Lebensregeln, um ihre innere Leere notdürftig zu kompensieren.

Wer bin ich? Wie soll ich sein? – die Antwort der Industrie kommt prompt: Schließlich ist mit der schier unstillbaren Ich-Sucht ihrer Konsumenten (Diagnose: seelische Bulimie) viel Geld zu verdienen. Diese greifen begierig zu und inhalieren deren allseits offerierten Selbstverwirklichungsprogramme wie Lebensodem. Der verdinglichte Mensch tritt auf den Plan, sein Selbst ist Ware, die ihm natürlich nicht kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Das massenhaft geklonte Produkt einer freiheitlichen Gesellschaft, die ihren offensichtlich ahnungslosen Mitgliedern keine andere Wahl mehr lässt - nicht jünger, attraktiver, gesünder und erfolgreicher allerdings, sondern matter, kränkelnder, unzufriedener und depressiver.

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