GESELLSCHAFT / 11ZEITGENÖSSISCHER ESKAPISMUS

Die Welt wird täglich rauer und öder. Und gleichzeitig auch unwirtlicher, ja unwirklicher. Keine leichte Kost also für ZARTBESAITETE SEELEN, denen es partout nicht gelingen will, sich ein dickes Fell zuzulegen, um bei dem ganzen Irrsinn noch mithalten zu können. Das Leben in den Megacitys mag hierfür ein treffendes, wenn auch extremes Beispiel sein, aber immerhin lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung bereits in solchen Millionenstädten – im Jahre 2020 werden es bereits knapp sechzig Prozent sein.

Für SCHWACHE NERVEN können die schier sich endlos dahin ziehenden Areale in ihrer Trostlosigkeit schnell zum Albtraum werden, vor allem dann, wenn sie sich tagtäglich mit Abermillionen Menschen in den Zentren durch enge Wolkenkratzerschluchten schieben müssen – frühmorgens zur Arbeit hetzend und abends wieder erschöpft das Weite suchend, um dann – nach einer Odyssee durch endlose Straßenlabyrinthe und U-Bahnröhren endlich irgendwo in den Randzonen angekommen – in ihrer Wohnwabe noch eine Weile dämmernd vorm TV zu hocken, bevor ihnen die Augen zufallen.

Allein schon Luftaufnahmen solcher Städte können selbst HARDGESOTTENE mächtig ins Schwitzen bringen. Insbesondere dann, wenn sie dort unten mit einem Mal die konturlosen, nicht enden wollenden Menschenströme entdecken, die im dichten Smog wie grauschwarz mäandernde Pechadern zähflüssig das aberwitzige Straßengeflecht durchziehen und ihnen der Schauder über den Rücken läuft.

In ZAGHAFTEN und DEPRESSIVEN werden solche Bilder vermutlich rasch düstere Gedanken hervorrufen und sie spontan an lauter Einsame denken lassen, die in den Untiefen zwischen hoch aufragenden Glas- und Stahlfassaden dahinirren wie Ortlose, denen der Giftdunst, der wie eine riesige Dunstglocke über der City hängt, tief in die Poren dringt und Mensch und Ding der Auflösung entgegen treibt.

ÜBERÄNGSTLICHE und MISSTRAUISCHE hingegen werden sich wahrscheinlich sofort an Flüchtlingsströme erinnern, die in abstrusen Abgründen verzweifelt versuchen, dem aberwitzigen Chaos zu entkommen, den Weg in die Freiheit aber nicht finden können.

Horrorbilder für eingefleischte TECHNOLOGIESKEPTIKER, die in ihrer aufgeheizten Fantasie womöglich Abertausende schemenhafter Androiden erkennen werden, die – automatisch ihrem einprogrammierten Code folgend – auf einen unbekannten Zielort zusteuern, wo sie vermutlich entsorgt werden.

REAKTIONÄRE und FASCHISTEN aber werden skeptischer hinschauen und sicher nicht umhinkommen, sich dort unten eine versprengte Riesenarmee auf dem Weg zurück in die Heimat vorzustellen, mit schwärzlichen Schlieren in den ausgelaugten Visagen, die unter den Atemmasken hervorquellen wie die Kriegsbemalung ehemaliger Dschungelkämpfer.

RESIGNIERTE schließlich, die mit der Welt abgeschlossen haben, werden aller Wahrscheinlichkeit nach Massen von Behinderten oder Versehrten assoziieren, die sich im labyrinthischen Gewimmel wie Aufgeschmissene hilflos an ihren Handys festkrallen, deren Displays wie Myriaden matt bläulich leuchtender Sternenzwerge aus einer Art umgedrehten Himmel heraufschimmern und einem ungewissen Ende entgegenzittern.

HIKIKOMORIS hingegen werden solche Bilder überhaupt nicht sehen wollen. Diese jungen, meist männlichen Japaner haben sich nämlich dazu entschlossen, sich vom absurden Treiben draußen in der Welt schon beizeiten zu verabschieden um nicht als Erwachsene eines Tages gezwungenermaßen Teil dieses Irrsinns werden zu müssen. Deshalb sperren sie sich schon als junge Menschen in ihre Zimmer ein und lassen die Familie nicht mehr an sich heran. Das hat ihnen übrigens auch ihren Namen eingetragen: hikikomori heißt sich wegschließen.

Und dies für mindestens sechs Monate wie es das japanische Gesundheitsministerium beschönigend definiert, wobei dies wahrlich untertrieben scheint, handelt es sich in den meisten Fällen doch um mehrere Jahre oder sogar um Jahrzehnte. Gegenwärtig soll es schon mehr als eine Million Hikikomoris in Japan geben, schätzt der Psychologe Saito Tamaki und spricht in diesem Zusammenhang von einer ‚nationalen Katastrophe’.

Über die Ursachen dieser spezifisch japanischen Soziophobie streiten sich die Experten. Immer wieder weisen sie auf den extrem fordernden Sozialcharakter der japanischen Gesellschaft hin, der unbedingte Anpassung und die Unterdrückung persönlicher Regungen vom Einzelnen einfordere. Auch Japans Wirtschaft wird thematisiert, die seit zwanzig Jahren stagniere und Jungendliche im Regen stehen lasse. Hinzu käme der enorme familiäre Druck, der sie zusätzlich belasten würde.

Warum aber jemand tatsächlich zum Hikikomori wird können die Experten letztlich nicht sagen. Wie es überhaupt völlig offen ist, warum Menschen so unterschiedlich auf den stetigen Druck, den eine immer verrückter spielende Welt auf sie ausübt, reagieren und sie auf so unterschiedliche Art und Weise erkranken lässt.

Dass dieses Phänomen etwas mit dem individuellen Wesen des je Einzelnen zu tun hat, also mit dessen spezifischer Gemütsart und dem ihm eigenen Charakter, scheint auf der Hand zu liegen. Und doch gibt es ganz offensichtlich etwas, das die Stressgeplagten gemeinsam haben und sie verbindet. Denn alle scheinen sie die Probleme, die das gesellschaftliche Leben nun einmal mit sich bringt, gleichsam zu verinnerlichen, statt sich des Drucks erwehren zu können. Du frisst deine Gefühle in dich hinein, sagt schon der Volksmund. In der Folge erkrankt auch der Körper an den psychisch aufgestauten Problemen, die sich somit somatisieren.

Hikikomoris aber entziehen sich derartigen Problemen, indem sie sich der gesellschaftlichen Pression gerade noch rechtzeitig entziehen. Und das typischerweise in der Pubertät, in welcher die drohende Rigidität des gesellschaftlichen Lebens schon deutlich spürbar wird und für sie zum Albtraum gerinnt. Interessanterweise aber erscheinen die Hikikomoris nicht wie wohlstandsverwöhnte und verhätschelte Kinder, sondern eher als ZARTBESAITETE SEELEN, die sich schon dem einfachen sozialen Miteinander nicht gewachsen fühlen. Sie sind einfach zu unsicher und zu ängstlich für diese Welt und offenbar zum Einzelgänger verdammt.

Die meisten von ihnen, so der Psychiater Toshika Furukawa, seien als Kinder schon in der Schule gehänselt worden und seien schlichtweg unfähig, sich zur Wehr setzen. Deshalb bedienten sie sich von früh auf kleiner Tricks, um ja nicht aufzufallen. So trügen sie beispielsweise hochgeschlossene Kleidung, damit der Hals nicht zu sehen wäre, wenn sie erröteten. Oder sie fassten beim Trinken das Glas mit beiden Händen an damit keiner sie zittern sehen könne. Und meist schauten sie zu schamvoll zu Boden und sprächen möglichst wenig: Für solche Menschen gibt es keine Diagnosen. Wehrlos entfliehen sie der Welt und verbarrikadieren sich zuhause in ihrem Zimmer, allerdings mit der Gewissheit, dass jemand da ist, der sie versorgt, hilflos wie sie sind. Und das ist in den meisten Fällen die Mutter, die ihr Kind rat- und sprachlos gewähren lässt, dabei aber alles daransetzt, dass niemand erfährt, dass sie einen Hikikomori als Sohn zuhause hat.

In ihrem Verhalten aber wirken die Hikikomoris erstaunlich besonnen und alles andere als psychisch auffällig, wenn man sie in den wenigen TV-Dokumentationen, in denen sie sich vor der Kamera zeigen, beobachten und reden hören kann: erstaunlich konzise und klar und dem Interviewer offen zugewandt.

So ist es auch der Fotografin Maika Elan ergangen, die einige Hikikomoris in ihrer abgeschotteten Welt besuchen konnte: "Ich dachte anfangs, sie wären faul, aber es sind alles sehr kluge, empathische und freundliche Leute", schildert sie ihre Erlebnisse in Japan. Und dennoch wirken sie todtraurig, wenn auch nicht im Geringsten depressiv oder gar suizidal. Einsam vegetieren sie in ihren voll gerammelten Zimmern dahin, in denen sie die Dinge draußen aus größtmöglicher Distanz übers TV mitverfolgen. Oder sich die Nächte mit VIDEOGAMES um die Ohren schlagen. Mit SECOND LIFE vielleicht, wer weiß? Eremiten wider willen.

Im Vergleich zu den Hikikomoris sind INFLUENCER ein ganz anderes Kaliber und haben im Gegensatz zu jenen ganz offensichtlich keinerlei Problem mit der aus den Fugen geratenen Welt. Nassforsch agieren sie vor ihren Videokameras wie Galionsfiguren eines durch nichts bekümmerten Luxuslebens in vorderster Front. Dies allerdings nicht physisch präsent, indem sie sich wagemutig mitten ins Getümmel stürzen und versuchen würden, ihrem hohlen Leben einen Sinn abzugewinnen, sondern gleichsam über Bande und rein virtuell in den SOCIAL MEDIA, wo sie sich – vom Scheitel bis zur Sohle entsprechend aufgemotzt – möglichst authentisch zu präsentieren versuchen, einzig um andere hinters Licht zu führen.

Den Hikikomoris darin nicht ganz unähnlich, scheuen also auch die Influencer den direkten Kontakt zur Gesellschaft, wenn auch aus blankem Kalkül und unter der Maßgabe, dass ihnen die Gesellschaft am Arsch vorbeigeht, wohingegen jene unter der Verrohung der total durchkommerzialisierten Gesellschaft unsäglich leiden, weil sie sich partout nicht einpassen können. Und obwohl sich beide Gruppierungen extrem eskapistisch verhalten, erweisen sich die Influencer als die modernere Variante, sind sie doch nicht Gesellschaftsflüchtige wie die Hikikomoris, sondern krude Gesellschaftsverächter, die mit ihren Problemen aggressiv und destruktiv umgehen, die Gesellschaft schamlos, attackieren, und sie dabei hohnlächelnd und brutal ausbeuten, egal was sie damit anrichten, statt sich ihr hilflos und defensiv zu entziehen wie jene es tun.

Obgleich praktisch im selben Alter wie die Hikikomoris sind Influencer schon richtig ausgebufft und denken nicht im Entfernsteten an Maloche: Offensichtlich können sie es sich leisten, nicht in irgendeinem Kaufhaus ihr ödes Leben zu fristen, oder angepisst von Haus zu Haus zu ziehen, um ihre krummen Versicherungspolicen an den Mann zu bringen, sondern – gleichsam wie nebenbei – auf Facebook, YouTube, Instagram, Snapchat und Co. schmarotzerhaft den Star zu spielen und alles daranzusetzen, quasi unter der Hand x-beliebige Artikel der Konsumindustrie unters Volk zu bringen, egal was es koste.

Gemäß der mehr als fragwürdigen Definition von Grabs, Bannour und Vogl sind Influencer „online User in Sozialen Medien, die in ihrem Netzwerk Meinungsführer sind, viele Freunde haben und als themenkompetent und vertrauenswürdig wahrgenommen werden, so dass sie die Kaufentscheidungen der Community maßgeblich beeinflussen können.“ Mit trockneren Worten kommt es also einzig auf deren Online-Präsenz an, und auf nichts sonst. Deshalb vertreten die Influencer auch keine Meinung, mit der sie etwa auf andere kritisch einwirken oder sie gar überzeugen könnten. Im Grunde sind sie nichts anderes als gerissene Protagonisten einer global agierenden Konsumindustrie die ohne Rücksicht auf Verluste den radikalen Ausverkauf des Planten betreibt.

Für ihre Onlineaktionen aber brauchen die Content-Creator, wie die Influencer gerne genannt werden wollen, erst mal Freunde im Netz. Und die heißen dort Followers und haben mit Freunden im herkömmlichen Sinn nicht das Geringste zu tun. Trotzdem aber können die Influencer ohne Followers einpacken, denn sie sind das Kapital, auf das die Marketing-Strategie der Konsumindustrie setzt. So hat die Influencerin Leonie Hanne, in Deutschland die Nummer 1, mit 1,7 Millionen Followern einen Mediawert von rund 6000 US-Dollar pro Post inklusive Markennennung, man stelle sich vor. Influencer mit solchen Zahlen sind mittlerweile die Supertargets im Marketing und die gibt es heutzutage – wenn auch im kleinerem Maßstab – praktisch schon für jeden Geschmack: Gaminginfluencer. Modeinfluencer. Beautyinfluencer. Pferdeinfluencerinnen. Powerpaareinfluencer mit ihrem Neugeborenen im Visier und womöglich von PENATEN finanziert. Und neuerdings, wie sollte es auch anders sein, Minimalismusinfluencer, die dreisten Sozialkitsch betreiben und für ein alternatives und vor allem bescheideneres Leben werben, und damit Kohle abkassieren.

Das wirklich Perverse an den Influencern aber ist das dreiste Changieren zwischen Identität und Rolle, das sie für ihre Follower an den Tag legen. Und die sind meist Kinder an ihren Handys irgendwo, die auf deren kommerzielles Wechselspiel blindlings hereinfallen und sie mit Herzchenaugen-Smileys millionenfach überschütten. In ihrem kindlichen Erleben, das ohnehin zur Fantastik neigt, glauben sie im Virtuellen längst das Reale zu sehen, und empfinden die Influencer als authentisch und cool, weshalb sie diese rasch zu ihren Idolen erklären und auch so werden wollen wie sie. Minderjährige Opfer billiger Absatztricks, denen der schmarotzerhafte Konsum als einziger Lebenswert schon frühzeitig ins Hirn geblasen wird, ohne dass sie es mitbekämen. In Form einer Art unbewusstem DOUBLE BIND, das sie den Kommerz als Lebensinhalt missverstehen lässt.

INSTAGRAMER haben es da wesentlich leichter. Denn sie fackeln nicht lang herum und lassen sich die immer bizarrer werdende Realität gleich so umbauen, dass sie zum Cyberspace passt. So richten viele Städte schon leere Grundstücke zeitweilig als speziell inszenierte Eventräume ein, um ihnen geile, noch nie gesehene Hintergründe für ihre Selfies zu verschaffen – der Pop-up-Urbanismus blüht international auf.

Auch Restaurants und Cafés halten mit und richten ihre Räumlichkeiten für die Instagramer heller ein, gehalten natürlich in Pastelltönen, auf die diese stehen und servieren ihnen quietschbunte Gerichte, die auf weißweißen Tellern serviert werden, damit in schicker Atmosphäre wirklich ultimative Fotos im sakrosankten Quadrat Wirklichkeit werden können, die garantiert Like-Tsunamis auslösen werden. Selbst auf den Speisenkarten im Bordrestaurant der deutschen Bundesbahn steht „Mehr als nur Essen – gekocht, gebloggt, geliked!“ zu lesen.

Auch Museen sind mit von der Partie, die Urgroßtanten des Virtuellen, für das die Kunst ja schon immer stand. Mit dem großen Unterschied jedoch, dass diese der Welt bislang stets eine Gegenwelt entgegensetzte. Eine imaginierte allerdings, die das Reale zum Spielball ihrer spielerischen Energien werden ließ, um die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens für Augenblicke außer Kraft zu setzten, einzig um sich des Lebens zu vergewissern.

Das aber ist Schnee von gestern. Denn jetzt hat das Getty Museum in Los Angeles in seinen Ausstellungsräumen Spiegel aufgestellt, damit super Selfies mit aufregender Hintergrundkunst ein Klacks sind. Und das Museum of Modern Art in San Francisco stellt seit Neuestem den Instagramern speziell für sie eingerichtete Terrassen als selfie spots zur Verfügung, während das Birmingham Museum of Art eine neue Ausstellung mit dem Slogan Instagram Gold bewirbt. Die Welt ein Instagram-Quadrat mit Kunst als Accessoire.

PREPPERS aber trauen dem Frieden nicht. Mit Argusaugen verfolgen sie die sich überschlagenden Ereignisse und lassen sich nicht so einfach einlullen. Die Welt ist instabil und krisengeschüttelt und wird bald in sich zusammenbrechen, davon sind sie felsenfest überzeugt. „Was glauben Sie, was in einer Großstadt los ist, wenn morgen der Discounter zumacht, und die Leute nichts mehr zu essen haben?“, spricht einer den Preppers aus dem Herzen.

Preppers warten nicht auf die Apokalypse, sondern bauen dem drohenden Chaos vor, schließlich wollen sie überleben: to be prepared hat ihnen ihren Namen verliehen. Diese Fundamentalskeptiker entstammen den verschiedensten sozialen Schichten und Berufsgruppen und horten zuhause zentnerweise Konserven, Getränke, Wasseraufbereitungsmittel und säckeweise Kaliumjodidtabletten für den Super-Gau, wobei sie ihren Kindern schon mal Gasmasken über den Kopf ziehen, um für den Ernstfall gerüstet zu sein, und dabei probeweise ABC Schutzanzüge mit Atemschutz tragen, um denen ein Vorbild zu sein. Zudem graben sie sich unterirdische Bunker für ihre Familien und züchten Giftpflanzen zur Selbstverteidigung, üben sich außerdem in Kampfkunst und im Überleben in der Natur, in dem sie zu jagen, zu fischen, zu schlachten und zu konservieren, oder mit Batterien und Kaugummipapier Feuer zu machen lernen.

Manche der Preppers aber haben sich längst radikalisiert und vom System abgespalten. Im Gegensatz zu ihren Kollegen sehen sie die Dinge wesentlich konkreter und rüsten für den Endkampf auf. Mit Armbrüsten, Speeren, Messern und Äxten, als probten sie schon den Kampf Mann gegen Mann. Und der wird stattfinden, da sind sie sich sicher. Morgen, wenn die Muselmanen das Land überrennen.

linke Beschreibung: 
TEXTE
Zusatzbilder linke Spalte: