DIE VIER JAHRESZEITEN

Die Lage ist wahrhaft katastrophal, denn mittlerweile macht der Klimawandel vor rein gar nichts mehr halt. So wirbelt er nun auch schon das Wetter im Konzertsaal höllisch durcheinander – dort also, wo man bislang noch glaubte, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben, um sich, aller Unbill draußen zum Trotz, wieder einmal ganz der Musik hinzugeben. Und selbst die Gewitterstürme, die man dort ab und an über sich ergehen lassen musste, waren nur halb so schlimm, wusste man im Grunde doch, was auf einen zukommen würde.

So wie beispielsweise in der Pastoralsymphonie von Ludwig van Beethoven, deren furchteinflößendes Gewitter über einem urplötzlich hereinbrach, wenn man schon eine geraume Weile mit dem Landvolk durch idyllische Gegenden gestreift war und nun, schon leicht besäuselt und völlig ahnungslos, mit den anderen in den Abend hineintanzte – ein Gewitter, das es mit seinen grellen Blitzen und niederschmetternden Donnerschlägen wirklich in sich hatte und einem auf der Stelle den Atem verschlug. Ja selbst den sturzbachartigen Regenguss, der urplötzlich auf die Erde niederprasselte, konnte man förmlich den Körper hinabrieseln fühlen, wenn man sich nur ganz dem Geschehen hingab.

Aber, wie gesagt, der ganze Schrecken war nur halb so schlimm, schließlich wusste man ja genau, auf welche Art Gewitter sich man da gerade eingelassen hatte. Und bei Beethovens Pastorale konnte man sicher sein, dass das Ganze nicht länger als vier Minuten andauern und darüber hinaus auch keinen wirklichen Schaden anrichten würde. Außerdem fieberte man während des furchtbaren Getöses insgeheim schon dem letzten Satz der Symphonie entgegen, der einem nach all dem Schrecken schlussendlich „frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“ verhieß. Auf solch ein Wetter war einfach noch Verlass.

Diese Zeiten aber scheinen längst vorbei. Denn nun ist man mit einem Mal auch in der Musik vor den verrückten Wetterkapriolen des Klimawandels nicht mehr sicher, hat dieser doch jetzt – völlig überraschender Weise – sogar die berühmten VIER JAHRESZEITEN von Antonio Vivaldi in Mitleidenschaft gezogen und in dessen wunderbarer Komposition durch seine zerstörerischen Kräfte nichts als Verwüstung hinterlassen. Und dies wohlgemerkt in einer Musik, von der man bislang geglaubt hatte, sie wäre absolut wind- und wetterfest und sei – wie keine andere sonst – vor dem Wetterchaos draußen nun wirklich gefeit.

So war man beispielsweise von den jüngsten Überschwemmungen, die Venedig unter Wasser setzten, nicht sonderlich überrascht, ist es doch mit seiner prekären Lage mitten im Meer dessen beständig ansteigendem Pegel praktisch schutzlos ausgeliefert, wohingegen es einem eiskalt den Rücken herunterlief, als man von den VIER JAHRESZEITEN und den entsetzlichen Klimaturbulenzen erfuhr. Einem Werk also, das sich zwar bedingungslos dem Wettergeschehen ausliefert, sich dennoch aber über die Jahrhunderte hinweg klimatisch als erstaunlich stabil erwiesen hatte – so beständig in seinen konstanten und absolut harmonischen Schwankungen wie es das Wetter vor 300 Jahren eben noch war, als es tatsächlich noch einen die Sinne verzückenden Frühling gab, dem ein idyllischer Sommer mit saftigem, vor Energie berstendem Grün und besonders lauen Nächten folgte, woraufhin der laubbunte Herbst allmählich ins Land zog – die Zeit der dankbaren Ernte und angenehm kühlenden Winde, die schließlich frostig und stürmisch den Winter einläuteten, der die Welt bei klirrender Kälte mit tiefem Schnee ins echoarme Weiß tauchte und ihr so endlich für eine gewisse Zeit Ruhe und Besinnung brachte. Das heißt aber noch lange nicht, dass Vivaldis Musik wetternostalgisch alten Zeiten nachtrauern würde, schließlich entstammt sie dem Jahre 1725, als man noch nicht ständig über das Wetter jammerte und nicht gleich bei jedem Unwetter sofort das Allerschlimmste vermutete.

Natürlich kommen in den VIER JAHRESZEITEN neben sachten Brisen und sanften Zephyrwinden ganz selbstverständlich auch immer wieder Stürme und Gewitter vor, die urplötzlich über Land und Mensch hinwegfegen, gehören diese zum Wetter doch einfach dazu. So beispielsweise ein veritabler Frühlingssturm, der selbst das Vogelgezwitscher augenblicklich zum Verstummen bringt. Und dann sogar auch ein übler Sommerorkan, der mit seinem eisigen Nordwind für kalte Nasen und Ohren sorgt, sich endlich aber – mit hochvirtuosen Tonleiterfolgen und wilden Akkordbrechungen – in einem fulminanten, aber auch wirklich befreienden Gewitter entlädt, sodass man bald wieder Ruhe findet und sich entspannt den letzten lauen Sommerabenden überlassen kann.

Doch im Vergleich zu dieser Herz und Sinne erfüllenden Musik bieten die aktuellen und von den bösartigen Wetterexzessen des Klimawandels jüngst schwer getroffenen VIER JAHRESZEITEN, ein ganz anderes, wahrhaft deprimierendes Bild – das eines sich schier endlos dahin ziehenden Wettermischmaschs bei stets aufgeheizten Temperaturen nämlich, das den einst so wunderbar abwechslungsreichen Jahreszeiten jegliche Kontur genommen hat und nichts als absolute meteorologische Tristesse hinterlässt.

Immer wieder durchsetzt vom schauerlichen und penetrantem Getöse ekelhafter, überdrehter und völlig aus der Fassung geratener Unwetter, deren Kakofonie furchtbar in den Ohren schmerzt und einen dazu auch noch immer paranoider macht, weil man bald schon hinter jeder banalen Wolkenformation einen fürchterlichen Taifun aufzuziehen glaubt.

Demzufolge ist es im Grunde jetzt auch völlig egal, ob man die brandaktuelle Version der VIER JAHRESZEITEN noch anhört oder nicht, wird man doch in deren entfärbten und trostlosen Landschaften keine anderen Wettererlebnisse mehr erfahren dürfen, als die, die man draußen in der Stadt oder auf dem Land ohnehin schon gemacht hat.

Trotz allem aber hat die ganze kompositorische Misere (wirklich überraschender Weise) auch ihr Gutes. Denn mit dem plötzlichen Klimawandel, der jetzt die VIER JAHRESZEITEN praktisch zugrunde gerichtet hat, ist es doch nun auch auf eklatante und nicht mehr zu leugnende Art und Weise endgültig bewiesen, dass einzig der Mensch es ist, der diese Katastrophe wirklich zu verantworten hat.

Denn natürlich haben nicht irgendwelche widerwärtigen Wetterkapriolen die Noten dieses einzigartigen Stücks urplötzlich durcheinandergewirbelt und ins strukturlose Chaos gestürzt, sondern ein Mensch, der Soloposaunist Simone Candotto persönlich, der sich wohl auf die ganz dreiste Tour ins Orchester des einst so idyllischen Werks hat einschleichen wollen, das bislang ausschließlich auf ein Streichorchester mit obligatorischen Cembalo setzte und nicht ganz ohne Grund jeglichen unnötigen Blechbläserradau zu vermeiden wusste.

Doch seine unverfrorene Rücksichtslosigkeit Vivaldis Partitur gegenüber weiß der Posaunist geschickt zu verbrämen, indem er nun nassforsch in der Öffentlichkeit behauptet, er habe mit seiner sogenannten Komposition lediglich auf den Klimawandel aufmerksam machen wollen und damit wohl auch enorme Zivilcourage bewiesen.

„Bei dem Projekt handelt es sich natürlich nicht um eine konkrete Maßnahme“, springt ihm der Uraufführungsdirigent Alan Gilbert bei, der diese exorbitante Klimakuddelmuddelmaßnahme mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg aus der vor Kitsch triefenden Taufe hob. Sie basiere „auf dem aufrichtigen (!) Wunsch, die Menschen draußen zu erreichen und dadurch etwas zu verändern“, lässt der Chefdirigent Gilbert in diesem Zusammenhang die schon vor der Aufführung fröstelnden Zuhörer wissen, die mit einem Mal offenbar ahnen , sich für das Konzert viel zu leicht angezogen zu haben.

Mit diesem Betroffenheitsquatsch aber reiht sich der Stab Schwinger mehr als eitel in die nicht enden wollende Liste jener Promis ein, die sich partout nicht lumpen lassen, wenn es darum geht, sich bei jeder x-beliebigen Aktion gegen den Klimawandel in vorderster Front zu zeigen, dabei aber im Grunde nichts anderes bewirken als heiße Luft abzulassen. Ob diese aber dem Erdenklima nicht ebenso unzuträglich ist wie CO2 und Methan es sind, sei einfach einmal kühl in den Raum gestellt.

Das Projekt „mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, um die Aufmerksamkeit für das Thema zu erhöhen“, räumt Gilbert geflissentlich ein, wobei er mit seiner blöden Metapher aufpassen sollte, nicht missverstanden zu werden, ist seine angebliche Maßnahme doch noch viel spärlicher als ein Tröpfchen auf ein heißes Steinchen. Zudem sollte sich der Dirigent insbesondere auch davor hüten, sich während des Wedelns durch die heiße Luft nicht unfreiwillig die Hände zu verbrennen.

Der Irrsinn aber geht noch weiter, obwohl der Posaunist – zunächst durchaus nachvollziehbarerweise – schon vor seiner Komponiererei genau wissen wollte, was er da eigentlich mit den VIER JAHRESZEITEN anstellen sollte, wenn es darum ging, Vivaldis dreihundertjährigen Wetterzyklus auf den gegenwärtigen Klimastand hin zu trimmen. Also setzte sich der wetterbesessene Posaunist erst einmal mit der Berliner Musikagentur Klingklangklong zusammen, um gemeinsam mit dieser Klimatabellen und Temperaturkurven möglichst gründlich auszuwerten und „auf Auffälligkeiten hin“ zu untersuchen, wie er es dem ansonsten wenig sensationsgeilen Hamburger Konzertpublikum stolz wissen ließ. Und dabei sei ihm und Klingklangklong ein „deutlicher Anstieg der Höchsttemperaturen aufgefallen, eine wachsende Häufigkeit von Naturkatastrophen im Herbst und Winter und darüber hinaus auch ein bemerkenswerter Niedergang der Vogelpopulation.“

Mein Gott, welch verblüffende Ergebnisse – KLINGKLANGKLONG! Aber es kommt noch besser, denn nach dem mühseligen Studium der Wetterstatistiken fragte sich der immer noch ziemlich ratlose Posaunist, der allerdings nicht mehr der Allerjüngste ist und den Klimawandel eigentlich am eigenen Leib hätte verspüren müssen, „wie er diese Veränderungen in der Partitur von Vivaldi eigentlich sichtbar machen könnte.“

Mit seinem krummem Deutsch und der daher geschwätzten sichtbaren Musik aber spielt der dummdreiste Candotto unwillentlich auf das Phänomen der Synästhesie an, das eine wahrhaft fantastische Fähigkeit beschreibt, die nur wenigen Menschen eigen ist – die Musik-Farben-Synästhesie nämlich, die nichts anderes bedeutet, als dass solche Menschen beim Musikhören gleichzeitig auch Farben sehen, ob sie nun wollen oder nicht. Man kann sich nur wünschen, dass keiner der Farbenhörer unter den Zuhörern der Uraufführung war, der dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur braunbraun wie Scheiße gesehen hätte.

Doch der Klimaposaunist gibt vor, dann doch den absolut seriösen Weg gegangen zu sein: „Bleiben wir vielleicht gleich bei der Vogelpopulation“, versucht er sich hilflos zu rechtfertigen: „In jedem Satz nutzt Vivaldi bestimmte Instrumente, um Tierstimmen zu imitieren. Er schreibt Triller in die Geigenstimmen. Da nun die Population der Vögel von Jahr zu Jahr weniger werden, haben wir uns dazu entschieden, die Trillerfiguren auch dementsprechend zu kürzen“ – welch meisterliche kompositorische Großtat!

Aber damit nicht genug: „Da der Sommer heute viel früher beginnt als im Jahr der Uraufführung 1732“, erklärt Candotto hölzern, „ertönt auch das musikalische Thema des Sommers in unserer Version sehr viel früher. Die Jahreszeiten verschieben sich immer mehr, also überlagern sich auch die einzelnen musikalischen Themen immer mehr. Gleichzeitig sind die Höchsttemperaturen immer weiter gestiegen, also brauchten wir mehr Stimmen, also mehr Instrumente. Die Masse der Stimmgruppen wird üppiger, als Zeichen, dass es immer heißer wird. Die Jahreszeiten, die nach unseren Beobachtungen am meisten verändert werden mussten, war aber gar nicht der Sommer, sondern der Herbst und Winter.“ Und jetzt kommt’s: „In unserer Fassung besetzten wir deshalb einige Instrumentengruppen neu und haben für die Naturkatastrophen im Herbst und Winter Blechbläser hinzugefügt. Die Posaunen dienten schon früher der Gestaltung von katastrophalen Momenten. Sie sollen auf die Bedrohlichkeit der gegenwärtigen Situation aufmerksam machen.“

Jawohl, Candotto hat recht: Sein bescheuertes Unterfangen ist wahrlich katastrophal. Als nächstes sollte sich der ingeniöse Posaunist bitte Beethovens Pastorale vornehmen. Denn jeder, der diese Symphonie nach den auf das aktuelle Klima hin zugeschnittenen VIER JAHRESZEITEN jetzt hören wird, wird wohl oder übel, sofort bemerken, wie verlogen das Wettergeschehen bei Beethoven in Wirklichkeit daherkommt.

Deshalb sollte der ultimative Klimakomponist das Gewitter im vierten Satz der Pastorale möglichst gleich an den Anfang der Symphonie stellen, um so dem die tatsächlichen Klimaprobleme verharmlosenden „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“, die Beethoven sich erwünschte, sofort mit Entschiedenheit entgegenzuwirken. Schließlich ist und bleibt es die Aufgabe jedes engagierten Posaunisten der Gegenwart, den Zuhörern im Zeitalter von Fake News und Verschwörungstheorien wenigstens in der Musik keine falschen Töne vorzugaukeln

Bis dahin aber sollte Candotto unverzüglich eine internationale Petition initiieren, die für ein weltweites Aufführungsverbot von Beethovens Übeltat eintritt. Sorgt diese mit ihrem geschönten und wahrlich nicht mehr haltbaren Wetterspuk beim Publikum doch nur noch für schlimme Schuldgefühle und vermittelt ein völlig falsches Bild von der Welt. Eine solche Aktion wäre wahrlich zivilcouragiert und darüber hinaus auch vor allem klimapolitisch korrekt.

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MIERDA
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