DIE JUNGE CELLISTIN

Eine der erstaunlichsten Geschichten über die geheimnisvolle Kraft der Musik hat mir vor Jahren ein guter Freund erzählt: Eine junge, in einem Symphonieorchester engagierte Cellistin, will sich zuhause auf das nächste Konzert mit einer Symphonie von Schostakovitsch vorbereiten. Sie kennt die Symphonie nicht und hat sie in ihrem Leben noch nie gehört. Zudem ist sie verdammt spät dran und muss sich sputen. Als sie die Cellostimme aufschlägt und die hochkomplizierten Notengirlanden erblickt, wird ihr ganz flau im Magen – sie hat Angst, es in der kurzen Zeit, die ihr noch verbleibt, nicht zu schaffen. Überstürzt greift sie nach ihrem Cello und beginnt zu üben. Aber schon nach den ersten Takten entzieht sich ihr Körper mit einem Mal ihrer Kontrolle und verselbstständigt sich, wobei ihr Arm, mit dem sie den Bogen hält, ohne ihr Zutun hochvirtuos die Saiten in Schwingung versetzt, während Hand und Finger des anderen so elegant übers Griffbrett gleiten, als hätte sie das Stück schon monatelang bis zum Exzess durchexerziert und könnte es im Schlaf spielen. Augenblicklich gerät sie in Trance, während ihr Körper allein musiziert – das gesamte Stück auswendig von Anfang bis Ende.

Na, woher kennt die junge Cellistin die Symphonie? Mein Freund sieht mich grinsend an und zwinkert mir zu. Ich rätsele: Natürlich musste sie das Stück kennen und es schon mal irgendwann geübt haben, das war klar. Leidet sie etwa unter einer Amnesie, frage ich? Mein Freund lacht amüsiert auf: Nein, die junge Frau ist völlig okay. Ich hatte mal ein Verhältnis mit ihr. Dann muss sie mutterseelenallein in einem schottischen Gespensterschloss um Mitternacht ihre Cellostimme bei flackerndem Kerzenlicht geübt haben, witzele ich. Dabei ist ihr dann urplötzlich Schostakovitsch’ Geist in den Körper gefahren, so dass sie seine Musik spielen konnte, ohne auch nur einen Funken Ahnung von ihr zu haben, ganz einfach. Die Sache aber hatte sich mitten in der Hochzivilisation bei helllichtem Tag in New York zugetragen, wie mir mein Freund trocken erwidert. Sei’s drum, ich komm nicht drauf.

Als er mir endlich den Grund des Geschehens nennt, reagiert mein Körper wie elektrisiert: Die junge Cellistin hatte die Cellostimme als Ungeborene im Leib ihrer Mutter gehört, die auch Cellistin in einem Symphonieorchester gewesen war und just zu der Zeit, als sie mit ihr schwanger war, die Cellopartie dieser Schostakovitsch Symphonie ebenfalls hatte üben müssen, weil diese auf dem Programm eines Konzerts gestanden war – die Doppelung von Ereignissen, welch verrückte Koinzidenz! Während ich von der Geschichte höre, geraten meine Hände urplötzlich in nervöse Bewegung und beginnen mit einem Mal auf meinen Oberschenkeln ohne mein Zutun Klavier zu spielen – mit dumpfem Klacken auf dem Stoff.

Eine Weile sitze ich da und bin fassungslos ob der schier unglaublichen Geschichte, die der jungen Cellistin da im Mutterbauch widerfahren war – im Fruchtwasser schwimmend dem Cellospiel ihrer Mutter lauschend, drinnen im Dunkel der Uterushöhle sanft eingebettet in deren vibrierenden Körper, den die Musik in Schwingung versetzt hatte.

Eine Musik, die sich offenbar so tief in ihr festsetzt und vergräbt, dass sie sich fortan nicht mehr an sie erinnern kann, und erst zu jenem Zeitpunkt wieder in ihr wirksam wird, als sie Jahrzehnte später dieses ihr vermeintlich völlig unbekannte Musik selbst zu üben beginnt. Ein Moment, in dem sich diese Musik gleichsam selbst evoziert (schließlich handelt es sich ja um dasselbe Stück), urplötzlich in ihrem Körper zur Entladung kommt, von ihm Besitz ergreift und ihn zum autonomen Musizieren bringt, ohne dass sie weiß, wie ihr geschieht.

Ein geradezu neurophysiologisches Wunder, wenn man so will, dass der jungen Cellistin sicherlich nicht zuteil geworden wäre, hätte sie nicht selbst zum Cello gegriffen und das Stück praktisch zu üben begonnen. Das bloße Hören allein hätte vermutlich nicht ausgereicht, um dessen Musik wieder in ihr lebendig werden zu lassen – allein der physische Vollzug am Cello selbst war wohl der absolut notwendige Stimulus dafür, dass das rätselhafte Geschehen ihr auf so berückende Art und Weise überhaupt widerfahren konnte.

Wie aber ist das alles zu verstehen? Selbst wenn die junge Cellistin ihrer Mutter als Kleinkind beim Musizieren zugehört hätte wäre es ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht möglich gewesen, die gesamte Cellopartie nach so langer Zeit frei aus dem Gedächtnis so hochvirtuos spielen zu können. Dazu hätte es zumindest ein funktionierendes Langzeitgedächtnis gebraucht, das in dieser frühen Entwicklungsstufe noch lange nicht ausgereift ist und sich erst mit dem dritten Lebensjahr zu voller Leistungsfähigkeit entwickelt hat. Aber selbst dann hätte die junge Cellistin wahrhaft ein Genie sein müssen, das ganze Stück bei nur einmaligem Hören überhaupt memorieren zu können. Nur Mozart hat solch ein wahnwitziges Kunststück fertig gebracht wie folgende Geschichte beweist:

Im Jahre 1770 kommt der Vierzehnjährige gemeinsam mit seinem Vater Leopold zum ersten Mal nach Rom. Beide erreichen sie die ewige Stadt zur Karwoche am Gründonnerstag und machen sich sofort über die Piazza del Popolo auf den Weg zum Petersdom, wo sie an einer Messfeier, die in Anwesenheit von Papst Clemens XIV. in der sixtinischen Kapelle stattfindet, teilnehmen wollen. Während der Messe hört Mozart das berühmte Miserere, das Giorgio Allegri ein Jahrhundert zuvor exklusiv für den Vatikan komponiert hatte, und das einmal im Jahr just zur Karwoche nur dort zur Aufführung gelangen darf. Gesungen von einem neunstimmigen Chor, der - in zwei Gruppierungen im Raum verteilt – den betörten Anwesenden eine wahrhaft sphärische Musik, die mit dem Text des 50. Psalms unterlegt ist, in höchsten Höhen zu Gehör bringt,. Die Noten sind absolute Geheimsache und unter strengem Verschluss des römischen Klerus. Wer sie dennoch zu kopieren wagt, droht die Exkommunikation und damit ewige Verdammnis. Das aber kümmert den jungen Mozart nicht. Kaum ist er in seiner und des Vaters Unterkunft zurück, schreibt er das ganze Stück in einem Rutsch nieder und zeigt es stolz seinem Vater. Der ist überwältigt und schreibt umgehend seiner Frau und Wolfgangs Mutter Anna nach Salzburg: „Vielleicht hast du vom berühmten Miserere gehört? Seine Veröffentlichung ist unter Strafe der Exkommunikation verboten. Gut, wir haben es. Wolfgang hat es aus dem Gedächtnis niedergeschrieben.“

Eine irre Geschichte, die geradezu typisch ist für Mozart, der in seinem kurzen, nur fünfunddreißig Jahre währenden Leben zudem so viele Noten zu Papier brachte, dass selbst ein genialer Kopist es nicht vermochte, diese in diesem Zeitraum lediglich abzuschreiben, selbst wenn er niemals schlafen und vierundzwanzig Stunden durcharbeiten würde. Und dennoch wirkt die Geschichte der jungen Cellistin im Vergleich zu Mozarts Miserere-Coup geradezu mystisch, hörte sie die Musik doch nicht auf irgendeiner Kirchenbank sitzend, sondern als Fötus Kopf unter im Fruchtwasser schwimmend – eine wirklich verrückte Situation.

In diesem Zusammenhang kommt mir spontan das Thermalbad im oberbayrischen Bad Tölz in den Sinn, das ich besonders liebe, weil man dort beim Tauchen im dampfenden Außenschwimmbecken über Unterwasserlautsprecher klassische Musik hören kann. Mozart zum Beispiel – Klangwellen, die einem den Körper umspülen, als schwämme man in Musik und würde sie mit jede seiner Zellen hören. Vielleicht kann man sich so die Situation der jungen Cellistin als Fötus vorstellen, während sie Schostakowitschs Musik lauschte. Mit dem großen Unterschied allerdings, dass Schostakowitsch mit Mozart nun wahrhaft nicht zu vergleichen ist und der Fötus beileibe noch keine Ahnung von der Welt da draußen haben kann, geschweige denn von Noten – gepunktete Zeichen, in denen Musik sich niederschlägt. Woher bitte sollte er diese kennen? Ein Treppenwitz!

Aber wie auch immer: Das intrauterine Erlebnis der jungen Cellistin muss sich wohl am Ende der Schwangerschaft ereignet haben. Etwa ab der 35. Woche kann der Fötus nämlich Tonhöhen voneinander unterscheiden, obgleich er schon ab der 23. die Stimme seiner Mutter, deren Herzschlag oder das vorbeirauschende Blut zu hören vermag: Und an Töne beziehungsweise Klänge, die er zuletzt im Mutterbauch mitbekommen hat, kann er sich sogar später noch als Neugeborenes erinnern, wenn auch leider nicht für lange Zeit.

Dazu gibt es ein eindrückliches Experiment von DeCaspar & Spence, 1986: Babys, denen ihre Mütter ein paar Wochen vor der Geburt eine rhythmisch und klanglich besonders prononcierte Geschichte vorlasen, konnten diese noch Wochen nach ihrer Geburt wiedererkennen – ihre Puls- und Saugfrequenz erhöhte sich, weil sie offensichtlich in Erregung gerieten, wenn sie die bekannte Geschichte wieder hörten. Darüber hinaus wussten sie die Veränderung ihres Verhaltens sogar als Signal einzusetzen, wenn sie ihre Mutter darauf aufmerksam machen wollten, lieber doch wieder die alte Geschichte vorgelesen zu bekommen, statt einer neuen wie gerade. Natürlich erkannten die Babys die Geschichte nicht an deren konkreten Sinn wieder, sondern an deren Prosodie, ihrem Klanggeschehen also, ohne auch nur im Ansatz zu erahnen worum es in dieser Kindergeschichte eigentlich ging.

Vielleicht liegt das Geheimnis des wahnwitzigen Erlebnisses, dass der jungen Cellistin im Mutterbauch widerfahren war, genau in dieser geradezu abstrakten Art und Weise begründet, mit welcher der Fötus hört? Insbesondere dann, wenn er keine konkrete Geschichte vorgelesen bekommt, sondern dem Cellospiel der Mutter lauscht. Von einem Klanggeschehen durchdrungen und beseelt, dessen Laute, Töne und Melodien nicht unwiederbringlich an Worte, Sätze mit Bedeutungen gebunden sind und vom Tempo und Rhythmus der die Geschichte rezitierenden Mutter beherrscht werden, sondern das gänzlich aus frei schwingenden Energien besteht, die erstmal von nichts anderem erzählen als von dieser Energie selbst – von Bedeutung ohne Bedeutung. Physikalische und in der Folge natürlich auch psychisch hoch aufgeladene Schwingungen, die unmittelbar auf den Körper einwirken und ihn in fantastische Bewegung versetzen, wobei sie sich tief in jede seiner Zellen eingraben. Zelluläre Engramme, die es dem Körper noch Jahrzehnte später erlauben, eine dem Kopf völlig unbekannte Cellostimme quasi von allein zu musizieren, währenddessen er behände den Arm des Bogens über die Saiten gleiten lässt und die Hand des anderen hochvirtuos übers Griffbrett führt.

Wer partout nicht glauben will, dass so etwas möglich ist, sollte mal einen Blick auf Vladimir Horowitz und sein Klavierspiel werfen. Denn da spielen die Hände auch allein. Der Wunderpianist selbst sitzt dabei eigentümlich gefasst an seinem Flügel und schaut ihnen hochkonzentriert zu.

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