DENKEN

Die KRISE DES DENKENS beschäftigt nun auch die Denker selbst. Die deutsche Philosophie sei mittlerweile völlig unbedeutend und hätte an „internationaler oder auch nur interdisziplinärer Strahlkraft“ verloren, schreibt Wolfram Eilenberger in der ZEIT („Wattiertes Denken“) und stellt seiner Zunft damit ein vernichtendes Zeugnis aus: „Die universitären Denkathleten sind alle bestens trainiert, extrem karriereorientiert und können philosophisch genau das, was der ARD-Fußballexperte Mehmet Scholl unlängst in einer kontroversen Stellungnahme der neuen Generation von Fußballprofis und Bundesligatrainern vorwarf, nämlich, wenn nötig auch im Schlaf 18 Systeme rückwärts furzen“, erregt sich der Autor. „Nur ansehen beziehungsweise lesen will das gerade in der Philosophie kaum noch jemand. Weil dort ‚auf dem Platz’ einfach nichts geschieht, was irgendeinen wachen Geist wahrhaft interessieren, geschweige denn faszinieren würde. ... Was dort abgehandelt wird, interessiert buchstäblich keinen Menschen. Nicht außerhalb der Zunft, nicht innerhalb“.

Welches Denken es aber wäre, das einen wachen Geist gegenwärtig faszinieren könnte, lässt Eilenberger leider offen, obwohl er seinen Philosophiekollegen thematisch eine Steilvorlage bietet: „Die Digitalisierung revolutioniert den Diskursraum, die Gentechnik greift in die Grundlagen der Schöpfung ein, die künstliche Intelligenz tief in unser Selbstbild, der Klimawandel fordert globales Umdenken, Ökonomie wie Physik befinden sich in einer schweren Grundlagenkrise, während das Wissen um die Weite und den Reichtum des Universums in einer Weise explodiert, die unsere Stellung im Kosmos abermals fraglich werden lässt. Die Welt ist in Bewegung, die kantische Urfrage "Was ist der Mensch?" virulenter denn je“, so der Philosoph.

Die Welt im Chaos – so könnte man Eilenbergers Themenliste grob zusammenfassen. Wohin der Mensch auch blickt, von allen Seiten sieht er sich von Krisen umzingelt, die mittlerweile nahezu alle Entitäten seiner Lebenswirklichkeit erfasst haben. Aber auch mit ihm selbst scheint es nicht viel besser zu stehen, sind sein Selbstverständnis und Selbstbild doch gehörig ins Wanken geraten, und das beileibe nicht erst seit heute, wo ihm die künstliche Intelligenz den letzten Funken Verstand zu rauben scheint.

Wie besessen arbeitet er sich an perfide gestylten Selbstverwirklichungsprogrammen ab, mit denen die Konsumindustrie ihn überschüttet, und versucht dabei hilflos aber verbissen seiner angegriffenen Individualität wieder auf die Sprünge zu helfen: mit ultimativen Diätkuren vor der Badesaison und schrillen Tattoos, um das Maß voll zu machen. Oder, je nachdem wenn’s denn sein muss, mit garantierter Penisverlängerung oder kosmetisch perfekter Vulvakorrektur als letztem Schrei, um für den nächsten One-Night-Stand entsprechend gerüstet zu sein. Stets muss der Körper dran glauben, er scheint das Einzige, was dem Ratlosen noch geblieben ist. Seine Seele hingegen bleibt außen vor, hat er doch den Kontakt zu ihr verloren, alleingelassen kümmert sie vor sich hin. So wundert es nicht, dass der tief Verunsicherte mit seinem genormten Body schon rein äußerlich einem massenhaft geklonten Wesen gleicht, dem seine Besonderheit mehr und mehr zum Stigma wird. Andere aber haben längst resigniert und verfetten hoffnungs- und empfindungslos in ihrer gedankenleeren Pampa.

Der physischen Uniformität entspricht die endemisch um sich greifende Mentalitätsverflachung, die viele ob ihrer seelischen Verarmung nachgerade zwangläufig ereilt und sie immer geistloser und verhärteter werden lässt, von ihren verwirrten Empfindungen zu den Extrempolen ihrer Affekte hin gedrängt. So stehen sich zwei unversöhnliche, psychisch hoch aufgeladene Gruppierungen gleichsam antagonistisch gegenüber: Geprägt von vulgärem Neid, hasserfüllter Häme und faschistoider Randale auf der einen und von verspießtem Hypermoralismus, zwanghafter Verhaltensmaßregelung und duckmäuserischem Gebaren auf der anderen Seite, die das gesellschaftliche Miteinander in eine hysterisierte Zweiklassengesellschaft aus Systemverächtern und Systemadepten auseinanderzureißen droht, und das nicht aus politisch-sozialen, sondern allein aus neurotischen Gründen. Allein in diesem Phänomen gründet wohl die brisante Tatsache, dass viele Menschen in ihrem Verhalten immer verrohter und unberechenbarer werden, was zur Schwächung der demokratisch-gesellschaftliche Strukturen führt und diese mehr und mehr zerbröckeln lässt. Kein Wunder also, dass das Autoritäre sich allenthalben rüstet, das Ruder zu übernehmen, schließlich sind die Zwangsmoralisten und Reaktionäre gesellschaftlich in der massiven Überzahl. Die Emotionen laufen Amok und zersplittern das Denken – der Mensch fährt aus der Haut!

Der öffentliche Diskurs ist einer digitalen Kampfzone gewichen, in der sich erhitzte Gemüter wutschnaubend Luft verschaffen, sich gegenseitig mit üblem Verbaldreck beballern und sich dabei auch noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Eilenbergers Anmerkung, die Digitalisierung revolutioniere den Diskursraum, erscheint in diesem Zusammenhang nachgerade euphemistisch. Nein, ein besinnungsloses Scharmützel durchzieht den digitalen Raum, das den anderen, die Gesellschaft oder gar den Staat in die Knie zu zwingen versucht, und inzwischen bereits mit voller Wucht ins Alltagsleben überschwappt, wo allein schon der Versuch eines gemeinsamen Austauschs schnell zur Farce verkommen kann. Hinter der verzerrten Fratze von Häme, Hass und Gewaltandrohung aber steckt in Wahrheit die blanke Angst, die nämlich, trotz aller Mühen und Plagen (mit oder ohne Psychopharmaka) Opfer eines gnadenlosen Konkurrenzkampfs zu werden und unwiederbringlich durch die Ritzen des Systems zu fallen.

Gegenwärtig wird diese Existenzangst allerdings von der diffusen Angst vor Migration vehement überlagert, die sich als vermeintliche Bedrohung von Außen geradezu wahnhaft in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, und sie glauben lässt, ihr Land werde bald von Flüchtlingen überschwemmt und der hart erkämpfte Wohlstand von diesen dann völlig zunichte gemacht: Solcherart versöhnt die Angst vor Migration die Menschen mit ihrer Existenzangst angesichts einer unerbittlichen Ökonomie, die sie zwar längst zum Objekt ihrer alles nivellierenden Interessen hat verkommen lassen, was diese aber – ob der existentiellen Gefahr, die jenseits der Landesgrenzen lauern soll – völlig vergessen zu haben scheinen. Ein altbekannter sozialpsychologischer Mechanismus, dem sich vornehmlich Demagogen bedienen, um von den selbstverantworteten Krisen im Inneren abzulenken, was – wie man weltweit beobachten kann – beängstigender Weise gut funktioniert.

In diesem spezifischen Phänomen offenbart sich der evolutionsbiologisch uralte Charakter der Xenophobie, die immer noch in den Hirnen der Menschen schlummert und sie in grauer Vorzeit dafür wachsam sein ließ, ihr Territorium und dessen überlebensnotwendigen Ressourcen nicht an Eindringlinge zu verlieren. Eine Angst, die im Menschen offensichtlich immer noch jederzeit durch fadenscheinige politische Indoktringierung mobilisiert werden kann, was beweist, wie ohnmächtig dessen Vernunft ihren atavistischen Anlagen gegenüber ist, die seine Vorahnen einst entwickelten, um ihr Überleben zu sichern. Auf diese überkommenen Instinkte aber zu setzen, um zu reüssieren, entlarvt eine Politik, die nicht auf den aufgeklärten Menschen setzt, sondern auf das Primitive in ihm.

In diesem Kontext erweist es sich als blanker Hohn, dass es durch eine ultramoderne Technologie wie der des Internets zur massenhaften Verbreitung solcher irrationalen Ängste kommt, die von dieser Maschine darüber hinaus auch noch erst richtig geschürt werden können. Ängste vor einem Phantom, das in den Köpfen der Menschen konkrete Gestalt und realen Charakter gwinnt. Eine bizarre Gegebenheit, an der sich die bittere Wahrheit veranschaulichen lässt, dass das Internet mittlerweile zu einer Art Buschtrommel verkommen ist, welche den niedrigsten Instinkten des Menschen massenhaft Vorschub leistet und diesen zu weltweiter Wirkung verhilft. Ein Tatbestand, der auf drastische Art und Weise veranschaulicht, dass es immerhin noch darauf ankommt, wie und wozu man ein Instrument (oder eine Maschine) bedient oder benutzt. So spiegelt sich im Internet das wahre Gesicht der Gesellschaft, die – einem fatalen, geradezu mystischen Schwenk ihrer Wahrnehmung unterlegen – tatsächlich vermeint, im virtuellen Schmutz ihrer Posts und Chats die Faktizität der Realität erkennen und beurteilen zu können, die sie – mit permanent gesenktem Kopf aufs Smartphone gerichtet – in Wahrheit längst schon aus dem Blick verloren hat. Legt die Smartphones weg! ruft www.stern.de und gibt acht Tipps für eine bessere Beziehung.

Dem indoktrinierten Denken entspricht der verschleierte Blick: Je geringer der prozentuale Anteil Flüchtiger in einer Region, desto größer die Angst vor ihnen und ihrer vermeintlichen Überzahl. Die Verschiebung der Angst, abgehängt zu werden, hin zu der von Flüchtlingen überrannt zu werden und alles zu verlieren, zeigt sich eindrücklich anhand einer Auswertung von Umfragen der vergangenen Jahre, welche die Ökonomen Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt jüngst publizierten (1): Ihrer Untersuchung zufolge gäbe es keine andere Gruppe von Menschen in Deutschland, die Angst vor Zuwanderung hätten, als diejenige, die zugleich verbittert über ihr eigenes Schicksal wäre. Dies seien Menschen, so die Autoren, die glauben, nicht das bekommen zu haben, was sie verdienen. Beinahe jeder Zweite der Verbitterten wüte gegen Zuwanderung. Bei anderen sei der Anteil nicht einmal halb so hoch.

Während das kapitalistische System Mobilität, Flexibilität und bedingungsloses Funktionieren vom Menschen einfordert und ihn zappeln lässt, ruft dieser nach Sicherheit, Ordnung und Sitte und schickt sich mit eingezogenem Kopf in sein Schicksal. Sein nachgerade wahnhaft im Kreise sich drehendes Denken ist auf einen autoritären Code hin fixiert, der ihn in seiner kognitiven Blase mental gefangen hält, die den Filterblasen, die er im Internet produziert, bis aufs Haar gleichen – ein digital vergifteter Humus, auf dem Verschwörungstheorien und Fake News wunderbar gedeihen und schnell zur Wahrheit werden. Die Welt ist eine Scheibe! Wer dem zu widersprechen wagt, wird sein blaues Wunder erleben.

Folgt man Eilenberger, so sind die strukturellen Analogien zwischen diesem substanzlos verwirrten Denken der Netzabhängigen und dem der gegenwärtigen Schulphilosophen frappierend und wahrhaft erschreckend. Denn auch deren Denken scheint sich gleichsam hinter geschlossenen Augen im Dämmer zu vollziehen, und ebenso mit einem rigiden institutionalisierten Code im Kopf versehen. „Tritt man einen Deutungsschritt zurück, ist das derzeit in der Zunft vorherrschende Niveau an Binnendeutungsartistik (i.e. Filterblasendenken) vor allem eines: ein Zeichen hoffnungslos ausgelaugter Forschungsprogramme und -fragen“, urteilt Eilenberger. „Die philosophische Qualifikationspublikation hat sich damit von allem entfremdet, was lebendiges und realitätsgesättigtes Denken ausmachen sollte“. Auch dieses Denken sei im Grunde nichts anderes als ein Denken über „vorgestanzte Fragen in vorgestanzter Sprache in das absolute Nichts“ hineinproduziert so der Philosoph.

So leidet das Denken der Denkbeamten, Eilenberger zufolge, ganz offensichtlich ebenso an einem folgeschweren Verlust von Lebensneugierde und Realitätswahrnehmung wie das so vieler anderer in der Bevölkerung. Während das kastrierte akademische Denken aber niemanden mehr hinterm Ofen hervorzulocken weiß, wie Eilenberger konstatiert, findet das reaktionär-vulgäre Denken hingegen immer breitere gesellschaftliche Resonanz – eine wahrlich ernüchternde Umkehr der Verhältnisse mit der folgenschweren Konsequenz, dass das (sinnentleerte) philosophische Denken diesem nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Offenbar leiden auch die institutionalisierten Philosophenhirne an der sich gespenstisch ausbreitenden Mentalitätsverflachung, die sie Schablonen zusammenklittern und sie von stumpf verinnerlichten Reglements abhängig werden lässt. Aber „The show must go on!“ so Eilenberger. „Und mit welchem Ziel? Um, quasiindustriell, einen weiteren Jahrgang bestens benoteter und perfekt frustrierter Jungforscher stumpf durch das System zu jagen. ... Der zunftprägende Wille zum verstohlenen Konformismus mag nicht zuletzt selbst philosophische Gründe haben. Denn wer glaubt, dass es beim Denken um anschlussfähige Thesen anstatt wahre Einsichten, um diskursiven Austausch anstatt ereignishafte Aufbrüche, um Konsens anstatt um Kontrast geht, wird es sehr viel leichter haben, sich als Denkpersona innerhalb der öffentlichen Förderungslogik einzurichten“. ... Somit sei Wahrheit „eine Frage des Konsenses, Sprache vorrangig ein Mittel zur Kommunikation und Ethik eine Frage des (blinden) Diskurses“ geworden.

Frustration und Konformismus statt Neugier und Vision – nicht zufällig sind den Philosophen Mensch und Welt  abhanden gekommen. Damit haben sie den Ursprung und Anlass all ihres Denkens verloren, und die  Dinge ihre Aura und Beredtheit. Der Mensch hat keine Anschauung mehr von ihnen. Die Bedeutung der Welt, die Erzählung von ihr im Mythos ist zum kleingeistigen Narrativ der Tagespolitik verkommen. Das Prinzip Hoffnung hat abgedankt.

Der Mensch ist suggestibel und manipulierbar so wie er es schon immer war. Offenbar sieht er sich nicht in der Lage, seine atavistischen Instinkte und irrationalen Neigungen in sich abzustreifen oder sie gar zivilisatorisch in den Griff zu bekommen. Trotz all seiner Technologie scheint es ihm nicht zu gelingen seiner so heiß ersehnten inneren wie äußeren Freiheit einen wesentlichen Schritt näher zu kommen. Und viel schlimmer noch, vielleicht spürt er diese Sehsüchte ja auch nicht mehr und erwartet deshalb voller Sehnsucht Führung? Der Mensch fällt gegenwärtig evolutionsbiologisch weit hinter sich selbst zurück und verarmt mental, so als hätte es all’ die Anstrengungen in der Geschichte, aus ihm ein durchaus vernünftiges Wesen werden zu lassen, nie gegeben. Die digitale Mutation aber, die ihn offensichtlich ergriffen hat, beschleunigt dessen mentale Regression auf rapide Art und Weise und treibt ihn massenhaft der künstlichen Existenz zu, die ihn, wenn er nicht aufpasst, endgültig zum Krüppel degradieren wird.

Vielleicht wäre es angesichts der ungeheuren Brisanz dieser weltumspannenden Entwicklung endlich an der Zeit, mit aller Anstrengung und Courage darüber nachzudenken, wie dem Menschen auf seinem Planeten noch zu helfen wäre, statt sich weiterhin mit der alten philosophischen Frage herumzuschlagen, was der Mensch denn eigentlich sei, worauf Eilenberger insistiert? Für Wittgenstein war es Ziel der Philosophie, „der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen“. Warum also sollte sie es sich dann nicht gegenwärtig zum Ziel machen den Menschen aus seiner selbstverantworteten Falle zu befreien?

Der Mensch ist unberechenbar, und das wird er auch als Cyborg bleiben. Schließlich ist er es, der seine Maschinen programmiert und diesen damit unweigerlich auch den Stempel seiner Unzulänglichkeiten aufdrückt. Von wegen Deep Learning – der Mensch füttert seine Maschinen mit seinem Schund. So wird er es auch mithilfe einer künstlichen Intelligenz nicht schaffen, einen Ausweg aus seiner Misere zu finden. Der Mensch kann sich nicht entkommen, so wie er es gegenwärtig ebenso wenig vermag, bei Sinnen zu bleiben. Nicht die künstliche Intelligenz greift tief in dessen Selbstbild ein, wie Eilenberger meint, sondern das, dass er, davon völlig unabhängig, von sich selbst hat, in die künstliche Existenz. Dieses aber verblasst zusehends und wird vielleicht schon bald keines mehr sein.

(1) Poutvara, Panu and Max Friedrich Steinhardt (2015): Bitterness. Bitterness in life and attitudes towards immigration. SOEPpaper Nr. 800

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