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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Vater und Mutter
    Puzzle 4
    17. April 2014

    Der Vater seines Vaters war Antinazi. „Es liegt eben in der Familie!“ Darauf beharrt sein Vater, als wolle er es ungeschehen machen, in der Partei gewesen zu sein. 

    „Hacket ihn ab, denn er ist zu nichts nütze“, titelte der Völkische Beobachter über seinen Großvater, als der Mitte der dreißiger Jahre in der Universitätsaula eine gewagte Rede gegen den Braunen Terror gehalten hatte. Sein Sohn hörte ihm zu. Er stand an der weit geöffneten Tür des überfüllten Saales; sollte es brenzlig werden, hätte er schnell das Weite suchen können. „Der Mut meines Vaters damals ist noch heute zu bewundern“, sagt er später.

    Als Anwalt verdient sein Vater so viel Geld, dass er sich selber manchmal die Augen reibt. Seit Ende der vierziger Jahre führt er die erste Kanzlei der Stadt, die er angesehen und erfolgreich betreibt. Schon damals hatte er gute Beziehungen, die Entnazifizierung war kein Problem.   

    Als er sich genötigt sieht, seinen Sohn endlich aufzuklären, „bevor es zu spät ist“, wie seine Mutter sagt, setzt er ihn sich im Wintergarten auf den Schoß: „Ziehe niemals einem Mädchen das Höschen von der Scham, wenn es nicht will“, sagt er ihm, „stell dir vor, die sagt im Nachhinein noch, du hättest sie vergewaltigt, das kostet, besonders, wenn du sie geschwängert hast. Unseren Ruf kannst du dann ohnehin vergessen.“ Seine Mutter, die stets kontrolliert wirken möchte und vorgibt, alles im Griff zu haben, hat nichts im Griff. Vielleicht redet sie deshalb in unangenehmen Situationen immer wieder von Bertha Krupp: „Die war tapfer und versuchte zusammenzuhalten, was zusammenzuhalten war, aber alles hatte selbst sie nicht im Griff.“

    Im Griff hat sie ihn nur einmal, da ist er gerade mal ein halbes Jahr alt. Sie muss ihn wickeln, weil die Dienstmädchen frei haben. Und wieder schreit er wie am Spieß, weil er ihre groben Griffe nicht erträgt. Die Halsschlagadern schwellen, im Kopf kommt kein Blut mehr an, und er droht – wie immer in solchen Situationen – ohnmächtig zu werden und sinkt leblos zur Seite. Da packt sie ihn kopfüber und prügelt ihn kräftig durch, so, wie der Kinderarzt es ihr geraten hatte. „Schließlich habe ich schon zwei Kinder verloren, was sollten wir denn machen“, sagt sie zu seinem Vater, „aber immerhin, es hat etwas gebracht, er hat das nie mehr wieder gemacht.

    In seiner Mutter herrscht unbestimmbare Unruhe. Das ist ihr einziges, wahres Geheimnis. Egal wie ihr zumute ist, sie ist angespannt. Bald schon wirft sich sein Vater in die Arme der Miezen vom Tennisclub. Und er übt nachmittags nach der Schule stundenlang Klavier, nur um sich der Mutter zu entziehen. Oder er haut in sein Zimmer ab. Oder er radelt davon und keiner weiß, wo er steckt. Oder er kriegt Magenschmerzen und darf im Bett bleiben. Ein quadrat-blauweiteres „Oder“ bleibt ihm nicht.

    Auf dem Flügel, auf dem er übt, „wie ein Wahnsinniger“, spottet sein Vater, stehen die in Silberrahmen gezwängten Familienangelegenheiten: Die Photos seiner beiden toten Brüder zum Beispiel. Oder der merkwürdige Vater seiner Mutter, sein „schiefer“ Großvater, der ihm ein Rätsel ist, ganz im Gegenteil zum Vater seines Vaters, der ein offenes und lustiges Gesicht hat – ein echter Antinazi. Oder sein Vater als Nachrichtenoffizier im besetzten Paris, der gerade zum Militär eingezogen, jung und frisch, keck dem Feind ins Gesicht schaut. Oder seine Mutter, adrett im Tenniskostüm. Oder, schön wie Grace Kelly, vor dem Bayreuther Festspielhaus.

    Auf einer Photographie sieht er sich selbst, wenn er spielt, wie er da beim Spazierengehen einem Teddybären gleich zwischen seinen Eltern hängt. Die hat er selber auf den Flügel gestellt. Früher lag sie im Keller im Schrank, unter hundert anderen versteckt. – Immer dann, wenn er eine ohnmächtige Wut im Bauch hat, donnert er auf die Tasten und lässt die Bilder auf dem Flügel tanzen wie verrückt: „Du spielst ganz toll, mein Junge“, sagt sein Klavierlehrer zu ihm, „warum aber immer so laut?“ „Damit die Bilder tanzen“, antwortet er lakonisch.    

    „In dir erkennt man die typische Frau nach der Trümmerfrau“, sagt sein Vater zur Mutter, „du hast das Gröbste hinter dir und willst jetzt endlich das schöne Leben“, nachdem er im Halteverbot bei laufendem Motor ewig auf seine Frau gewartet hat, die noch schnell im Laden ihre Bestellungen abholen muss. „Und mit dir habe ich die beste aller Partien gemacht!“, antwortet sie. – Das erzählt sie auch jedem in der Stadt, wenn sie in ihrem Karmann Ghia mit einem der Dienstmädchen beim Einkaufen unterwegs ist: „Ich helfe beim Wiederaufbau und mache alles schön. Und mein Mann hilft mir dabei, weil er gut verdient.“

    Am Abend legt man vor dem neuen Fernseher die Füße hoch und macht es sich gemütlich. Jeden Abend, wenn man zuhause ist und keinen Besuch hat. Bald gibt es schon zwei Kanäle, was zwischen ihm und seinem Vater zum Krach führen kann. Die Mutter lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie erzählt von ihren Einkäufen, während der Vater die umfangreiche Briefmarkensammlung komplettiert und nur die Tagesschau sehen möchte: „Du wirfst mein Geld zum Fenster raus“, sagt er. Sie aber springt auf und macht vor laufendem Programm mit einer quietschenden Pirouette vor dem Fernsehgerät ihr eigenes Programm: „Nun sieh doch hin, das nennst du Geldverschwendung, das neue Kostüm, du hast es noch gar nicht angeschaut, es ist doch wie für mich gemacht, findest du nicht auch, so schau doch her!“ Weitere quadrat-blauPirouetten. Er verzieht sich nach oben, in sein Kinderzimmer und zieht die Tür hinter sich zu.

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