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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Zuhause
    Puzzle 3
    16. April 2014

    Im Haus, in dem er mit seinen Eltern wohnt, steht die Luft, obwohl alles neu ist: Villa und Gartenpark. Swimmingpool mit Unterwasserbeleuchtung – allgemeines Wirtschaftswunder. Irritiert reibt er sich manchmal die Augen. Kaum wahrnehmbarer Dunst macht die Bilder unscharf, zeitweilig verschwimmen die Gesichter. Woher das rührt, kann er aus den unterschiedlichsten Gründen nicht sagen. „Der steht in jedem Zimmer“, murmelt er vor sich hin, „wie der gelbschwarze Dunst auf quadrat-blaueinem alten Photo, der alles überzieht.“

    Manchmal ist alles irgendwie schief, schief und bewegungslos. Sein Vater will davon nichts wissen. Er sieht aus wie eine grobe Mischung aus Jean Gabin und Ludwig Erhard als Sportler, also dick, ja unförmig, aber sehr beweglich. Und charmant mit vielen Verhältnissen. Das riecht er. Aber er riecht auch den süßbitteren Hauch, welcher aus dem brandneuen, hautengen Strickkleid seiner Mutter dringt. Manchmal, ganz ohne Grund.

    „Was du wieder sagst, von welchem Geruch redest du?“ – Seine Mutter will das nicht hören, denn sie ist nach der Trümmerfrau die nächste Generation von Frau, die betont, einfach Glück gehabt zu haben: Das läge ja schließlich in der Luft, man käme wieder voran, nach all den Entbehrungen. Sie sagt das wie die Knef, sieht aus wie die Pulver, will aber so sein wie Lollobrigida. Da ist der Geruch wieder, eine Art Mandelgeruch. Bittersüß. Als Seidenpapier in der Luft, das klammfeucht die Konturen verklebt.

    Häufig kommt Besuch; der heißt schnell „Freundekommen“. Freunde sind die, welche auch Glück gehabt haben und viel verdienen, weil sie es verdient haben. Neidisch ist man trotzdem aufeinander. Was der eine hat, hat man möglicherweise selber noch nicht: Es herrscht Aufbruchstimmung, da will keiner zurückstehen! – Man bestaunt den neuen Kühlschrank im Keller der Freunde und bestellt am nächsten Tag denselben. Eine Bar im Keller, die man sich leisten können muss, ist der Geburtsort der Party. Wenn man keine Party machen kann, weil man noch keine Kellerbar hat, kommt der Innenarchitekt und überholt die Freunde rechts. Dann ist drunten „richtig“ Party, was die anderen Freunde in ihrem Keller so nicht hinkriegen.

    Man legt das Dekolletee frei und stelzt durch die Wohnzimmerhallen wie in Schöner Wohnen, dessen Hefte sich in der Bibliothek stapeln, weil sie die Hausbar ist. Und man spielt Tennis, schließlich will man fit bleiben und hasst den Gedanken, älter zu werden. Wer nicht mithält, sitzt ersatzweise auf dem Schiedsrichterstuhl und zählt 30 zu 40, bevor „Einstand“ ist. 

    Draußen in den Gartenanlagen steht Tropenholz vor den Fenstern, die bis zum Boden reichen. Die Heizungskörper drinnen haben sie versenkt, damit man ungehindert ins Freie treten kann. Der Fernseher läuft, es herrscht Heiteres Beruferaten: Wenn der Stargast kommt, zieht sich das Rateteam die Masken vor die Augen und stochert sich ein Bild zu Recht: „Ihr Haar ist dunkel und ihr Mann heißt Giller, dann können sie nur Nadja Tiller sein.“

    Immer gibt es Stoffservietten, die montags frisch auf den Tisch kommen. Am Wochenende erinnern sie mit ihren ekelhaft gelbbraunrötlichen Flecken an das zu Tode desinfizierte Wachstuch mit seinen gelbbraunrötlichen Stockflecken, auf dem er operiert wurde, als er knapp ein Jahr alt war. 

    Gemeinsam mit seinen Eltern sitzt er am Tisch, der mal größer, mal kleiner wirkt, je nachdem, wie die Stimmung ist. Die Dinge rücken von ihm ab oder rücken ihm auf den Pelz. Er kann sich nicht helfen: Wie er sich fühlt, so sieht er. Und was er sieht, so fühlt er.

    Sonntagmorgen. Gemeinsames Frühstück. Heute rückt ihm sein Vater auf die Pelle, ganz dicht vor ihm sein riesiges Gesicht, so schmal war der Tisch noch nie. Zwischen seinen ungeschlachten Fingern hält er ein vom Zweiten Dienstmädchen sorgsam gepelltes Ei, dessen dünnflüssigen Dotter er sabbernd in sich hineinschlürft. Da rennt er zur Toilette, weil er sich übergeben muss. Wenn er seinen kurzen Oberkörper endlich über das Becken beugt, kommt nichts als ein wenig gelbbraunrötlich anmutender Schleim aus seinem aufgerissenen Gesicht: Ladehemmung. Gefangen.

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