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    ANTHROPOZÄN
    COVID-19
    CIRCULUS VITIOSUS
    14. April 2020

    Noch vor wenigen Wochen stöhnte alle Welt ob des ewigen Stresses, den man nicht mehr aushielte, beschwerte sich über den permanenten Druck, der auf einem laste und bejammerte all die Probleme und katastrophalen Ereignisse, die sich um einen herum häuften – und dies mit einem Affenzahn. Die Zeit rase immer schneller, als würde man durchs Leben katapultiert, klagten die Menschen. Das mulmige, tief verunsichernde Gefühl, in einem Zug zu sitzen, der, von niemandem abgebremst, unweigerlich auf den Abgrund zurase, rumorte in ihnen.

    Doch jetzt steht der Zug völlig unerwartet still. Jäh zum Stillstand gebracht von der Natur – brutal gestoppt von einem hochansteckenden Virus, der das Leben des Menschen unmittelbar bedroht, weil dieser gegen diesen völlig neuartigen Erreger noch keinerlei Immunität besitzt. Folglich bleibt dem Verstörten zunächst einmal auch nichts anderes übrig, als sich – wie vor den Kopf geschlagen und in Todesangst – in seinen vier Wänden zu verkriechen und der Welt draußen auf unbestimmte Zeit Adieu zu sagen. In der inständigen Hoffnung, nicht infiziert zu werden, schließlich kann es beinahe jeden treffen. Stillhalten und Warten, mehr bleibt dem Menschen im Augenblick nicht übrig.

    Eine nachgerade mythische Konstellation, in der die Natur den Menschen urplötzlich dazu zwingt, innezuhalten, damit er zur Besinnung kommen möge – etwas, wozu er von sich aus offenbar nicht fähig scheint.

    In längst vergangenen Zeiten wäre solch ein ungeheuerliches Ereignis als fürchterliches Gotteszeichen empfunden worden, dem man sich demütig unterworfen hätte. Heutzutage aber schert sich keiner mehr um solche Fantastereien, geschweige denn um die Natur, die der Mensch trotz allem, was ihm gerade widerfährt, immer noch glaubt im Griff zu haben. Dabei denken immer noch viele, der Mensch hätte mit COVID-19 nicht das Geringste zu tun – offensichtlich hat er nur noch Augen für sich selbst. „Heute ist das, worauf der Mensch beharrt, genau der Teil, auf dem er nicht beharren sollte – er selbst“, ließ Gilbert Keith Chesterton bereits im vergangenen Jahrhundert seine Zeitgenossen wissen. (1)

    COVID-19: Ein global viraler Albtraum, denn mit einem Mal scheint der Mensch die Wirklichkeit, wie sie vor Kurzem noch herrschte, völlig vergessen zu haben: Druck, Stress und alle Sorgen scheinen Schnee von gestern. In diesen schicksalshaften Tagen wirkt der Mensch wie in ein Zeitloch gefallen und sitzt in Schockstarre in einer nicht enden wollenden Gegenwart fest. Im ewigen Einerlei seiner Quarantäne gefangen, kreisen die Tage gestaltlos um ihn herum und verschwimmen ihm unversehens zum immer gleichen Tag, der sich nur noch durch seine Infektions- und Todesraten von den anderen unterscheidet.

    Der innige Wunsch, es möge morgen doch wieder so sein, wie es gestern noch war, scheint das Einzige, was den Menschen gegenwärtig weltweit zu bekümmern scheint: Unter der Hand gerinnt ihm das Morgen zum Spiegel des Vergangenen. Abgründige Angst und Ungewissheit machen sich breit: Von einem auf den anderen Tag hat die Welt alles Wirkliche für den Menschen verloren, und wirkt auf einmal wie auf den Horrorbildern, die er bislang nur aus Filmen kannte.

     

    DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND

    In diesem Science-Fiction-Film aus dem Jahre 2008, versuchen Aliens den Menschen zur Räson zu bringen, indem sie dessen Technologie mit einem gigantischen elektromagnetischen Impuls für immer außer Funktion setzen, um diese daran zu hindern, die Zerstörung des Erdplaneten weiter voranzutreiben.

    Doch auch dieses Thema scheint über Nacht vergessen. Außerdem hat COVID-19 keine Absichten und ist ganz einfach ein Virus, das seinen natürlichen Weg nimmt, sagt die Wissenschaft, das allerdings aus dem Giftlabor einer hinterhältigen Macht käme, ergänzen Andere hinter vorgehaltener Hand: Die Fake News blühen auf – ohne Glauben scheint der Mensch einfach nicht auszukommen.

    Jetzt aber muss jeder erst einmal selbst sehen, wo er bleibt. So rückt die Welt nun noch weiter auseinander, als sie es ohnehin schon war. Schließlich gilt es das Schlimmste zu verhüten und COVID-19 letztlich zu besiegen.

    Und dennoch: Auch in diesem Fall erweist sich der Mensch der Natur weit unterlegen. So kann er die unabänderliche Durchseuchung der Weltbevölkerung mit dem neuartigen Virus durch ein praktisch globales LOCKDOWN zunächst zwar verlangsamen, diese im Prinzip aber mittelfristig nicht im Geringsten verhindern. Und selbst mit einem Impfstoff wird COVID-19 nicht von heute auf morgen nicht aus der Welt sein, sondern den Menschen auch weiterhin zwingen, mit diesem Virus einigermaßen zurechtzukommen. Darüber hinaus ist die Gefahr einer neuerlichen Pandemie nun wahrlich nicht vom Tisch. Das aber sage jetzt einer mal, er würde auf der Stelle gelyncht.

     

    EIN ZEICHEN?

    Bei alldem aber könnte die virale Megakrise dem Menschen doch wenigstens ein Zeichen sein – etwa: Zuckerbrot und Peitsche. Denn während COVID-19 die menschlichen Zivilisationen außer Funktion zu setzen droht, zeigt ihm die Natur doch gleichzeitig auch ein ganz anderes, nämlich wesentlich freundlicheres Gesicht. Denn binnen weniger Wochen scheint sich die Atmosphäre des Planeten auf völlig überraschende Art und Weise erholt zu haben – der Globus atmet förmlich auf.

    Doch die ungewohnt frische Luft draußen im Freien kriegt der Mensch nicht so recht mit, da er sich zuhause ja einbunkern muss, und das auch noch, wie in manchen Regionen Deutschlands mittlerweile so üblich, mit freiwillig herabgelassenen Rollläden, damit das widerliche Virus nicht durch die Fensterritzen ins Haus eindringen kann – da hilft auch keine Alarmanlage.

    Dabei aber könnte der Eingeschlossene das klimatische Wunder in seiner Festung doch zumindest sehen. Auf den Satellitenbildern der NASA nämlich, die ab und an durchs Internet geistern, doch von brandaktuellem Pseudonews pausenlos überlagert werden, sodass ihm die zerstörerischen Auswirkungen seiner Lebensweise auch in dieser Hinsicht leider entgehen muss.

    So hat sich der Smog über dem chinesischen Wuhan gleichsam über Nacht sprichwörtlich in Luft aufgelöst, wobei sich die CO2-Emissionen des Landes verlässlichen Messungen zufolge insgesamt um mindestens ein Viertel reduziert haben. (2) Aber auch sonst hat sich die Luftqualität auf der Welt erstaunlich verbessert, weil kaum noch Autos oder Flugzeuge unterwegs sind und viele Fabriken geschlossen haben, wobei auch praktisch kein Kreuzfahrtschiff mehr munter durch die Weltmeere dümpelt.

    Dass an der Luftverschmutzung aber jährlich Millionen Menschen erkranken und viele daran sogar sterben (3), scheint bislang nur Wenige so richtig interessiert zu haben. Doch diese Opfer, die allein aufs Konto des Menschen gehen, siechen schleichend und nicht öffentlich in ihren Betten dahin und machen deshalb auch keinerlei Schlagzeilen.

    Und dennoch ist es überaus verblüffend zu beobachten, wie stark die Regenrationskräfte der Natur offenbar zu wirken scheinen. Das könnte dem Menschen doch eigentlich Hoffnung machen und ihn spontan darin beflügeln, sein Leben den Gesetz- und Funktionsweisen der Natur endlich anzupassen, um auf diesem Globus langfristig noch wirklich eine Chance haben.

    Ein absurdes Menetekel: Während die Natur das Leben des Menschen auf grausame Art und Weise bedroht, reicht sie ihm doch gleichzeitig auch die Hand, als wolle sie sich mit ihm versöhnen. Denn nicht nur die Welt, sondern auch der Klimawandel sind dem Anschein nach auf einmal gestoppt. Aber auch dieses Zeichen scheint der Mensch neben ein paar wundersamen Satellitenbildern nicht wirklich wahrzunehmen.

     

    KEIN ZUFALL!

    Und doch ist das Virus beileibe nicht vom Himmel gefallen, sondern ebenso wie der Klimawandel eine zwangsläufige Folge des ausbeuterischen Verhaltens und der intrikaten Respektlosigkeit des Menschen der Natur gegenüber. Denn epidemiologischen Erkenntnissen zufolge provozieren sogar bestimmte Essgewohnheiten in einigen Regionen dieser Erde Zoonosen, also Prozesse, die Viren vom Tier auf den Menschen überspringen lassen.

    So wie es offenbar auch auf dem Wildtiermarkt in Wuhan, einem sogenannten wet market, geschehen ist, wo Schildkröten, Salamander, Krokodile, Skorpione, Ratten, Füchse, Wolfsjunge, Zibetkatzen und Schuppentiere zum allgemeinen Verzehr angeboten werden, wobei letztere als besondere Delikatesse gelten und darüber hinaus ironischerweise auch noch vom Aussterben bedroht sind.

    Diese illegal nach China eingeschmuggelten Pangoline stehen nun im Verdacht, als Zwischenwirte COVID-19 von Fledermäusen an den Menschen weitergegeben zu haben. Wobei Fledermäuse Virologen zufolge für derartige Erreger ein wohlbekanntes und hochgefährliches Reservoir bildeten, da diese Flugtiere ein außergewöhnlich starkes und überaus resistentes Immunsystem besäßen, mit dem die Viren so richtig „trainieren“ könnten, um so zu Höchstleistungen aufzulaufen. Denn Fledermäuse überlebten deren pausenlosen Attacken unbeschadet und blieben als deren Wirt stets stabil, ohne dabei je an ihnen zu erkranken. Darüber hinaus gäben diese den Viren fatalerweise aber auch die Chance, sich in ihnen in Unzahl zu vermehren, da Fledermäuse – tagsüber schlafend – extrem eng nebeneinanderhingen – von wegen social distancing: „Das Vorkommen eines großen Reservoirs an Sars-CoV-ähnlichen Viren in Hufeisennasen-Fledermäusen, zusammen mit der Tradition in Südchina exotische Säugetiere zu essen, ist eine Zeitbombe", warnte schon 2007 eine Studie des Fachblatts Clinical Microbiology Reviews.

    Und damit schließt sich der Kreis auf perverse Art und Weise: Denn mit dem internationalen, vorwiegend massentouristischen Flugverkehr wurde es Covid-19 doch mehr als leicht gemacht, sich in Windeseile über den gesamten Globus zu verbreiten und trifft nun vor allem diejenigen Menschen, die ohnehin schon schwer unter vergifteter Luft und Lungenschwäche leiden. Denn dort, wo die Luft am Schlechtesten ist, sterben auch die meisten Menschen an COVID-19, wie eine aktuelle Studie der School of Public Health der Universität Harvard belegt. (4)

    Ein Circulus vitiosus, mit dem die Dinge mit einem Mal vom Kopf auf die Füße fallen: Liegen die wahren Existenzbedrohungen für den Menschen mittlerweile doch nicht mehr grundsätzlich in der Natur selbst begründet, sondern vielmehr im überaus provokanten und völlig unkontrollierten Charakter seines besinnungslosen Verhaltens ihr gegenüber. Dessen globale Zivilisationen nannte Ulrich Beck einst eine Weltrisikogesellschaft. Wenn das nicht mal untertrieben ist?

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