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    ANTHROPOZÄN
    NEVEN'S LAW
    18. November 2019

    Den Eindruck, die Zeit rase und das immer schneller, teilen gegenwärtig viele Menschen: Die Ereignisse überschlagen sich! Man weiß schon gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht! jammern sie allenthalben. Selbst jüngeren Menschen, die noch nicht an der fixen Idee der älteren leiden, mit den Jahren beschleunige sich die Zeit und laufe immer rascher auf das eigene Ende zu, scheint das ebenso zu ergehen, obwohl sie das Leben ja praktisch noch vor sich haben.

    Dies allerdings nur äußerst vage und völlig diffus, kann doch niemand in die Zukunft sehen. So bleibt das Zukünftige für den Menschen immer nur ein rein imaginärer Raum, der ihm unter Umständen aber auch unversehens zur Projektionsfläche seiner eigenen Befindlichkeiten werden kann und ihn dann entweder hoffnungsfroh oder hoffnungslos in die Zukunft blicken lassen.

    Beim Gedanken an vergangene Epochen hingegen erscheint die Zeit eher wie eine eiskalte Abfolge von Daten und Ereignissen – nachgerade gnadenlos in die Dinge eingemeißelt oder in ihnen eingefroren, für immer ihrer Flüchtigkeit beraubt.

    So scheinen der Zeit – zumindest in der menschlichen Vorstellung – zwei Aggregatzustände eigen. Denn im Zukünftigen wirkt sie flüchtig wie Gas und im Vergangenen fest wie Eis. Und nur im Gegenwärtigen scheint sie für Momente etwas von ihrem wahren Charakter preisgeben zu wollen – so beispielsweise beim Blick aufs Ziffernblatt der Bewegung des Sekundenzeigers folgend. Denn mit jeder Sekunde, die der Zeiger weiter vorrückt, ist die gerade vergangene bereits Vergangenheit, wohingegen die nächstfolgende noch die Zukunft repräsentiert. Allein im Moment des Zeigersprungs also scheint Gegenwart zu herrschen – im Augenblick einer rein abstrakten Zeigerbewegung, in dem sich – wenigstens einen Wimpernschlag lang – aber auch jene physikalischen Abgründe auftun, in deren mystischen Tiefen sich der ewig dahinströmende Zeitfluss vermuten lässt, der alles mit sich wegzuspülen scheint.

    In diesem Sinne erscheint die Zeit mit dem Phänomen des Unwiederbringlichen absolut identisch. Eine Tatsache, die den Menschen zuweilen in tiefe Verzweiflung stürzt, weiß er doch, dass er sterblich ist – auf Gedeih und Verderb dem Lauf der Dinge ausgeliefert, der nur eine Richtung kennt und jegliches Zurück unmöglich macht: Ein zerbrochenes Glas bleibt für immer zerbrochen.

    Und dennoch, auch im Gegenwärtigen, dem Fluss der Zeit unmittelbar ausgesetzt, weist das menschliche Zeitempfinden ganz offensichtlich so seine Tücken auf, denn im Grunde ist und bleibt es es höchst subjektiv: So dehnt sich die Zeit beim Warten zuweilen ins schier Unerträgliche, als stünde sie still, wohingegen sie in Momenten des Glücks scheinbar wie im Nu vergeht und schon verflogen ist, ohne dass man es überhaupt mitbekommen hätte.

    So nimmt es auch nicht weiter Wunder, wenn alle Welt dem Glück wie besinnungslos hinterher jagt, als könne man es einfangen, wenn man nur schnell genug ist. Denn der Mensch scheint süchtig nach jenen Momenten, die ihn vermeintlich der Zeit entheben und so leicht werden lassen wie eine Feder, vermeintlich verschmolzen mit den Dingen um ihn herum.

    Werd ich zum Augenblicke sagen:
    Verweile doch! du bist so schön!
    Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
    Dann will ich gern zugrunde gehen!

    Faust, in dessen Person das Menschliche in all seinen Facetten zum Vorschein kommt, würde Goethe zufolge sogar sein Leben für einen solchen Moment hingeben, wie er Mephisto gegenüber behauptet.

    Doch der Schein trügt: Denn obgleich das menschliche Zeitgefühl eine überaus relative Angelegenheit ist, so ist es die Zeit selbst auch. Denn entgegen aller Erwartung fließt sie beileibe nicht so gleichmäßig und linear dahin, wie man vermuten könnte, obwohl sich Einsteins Erkenntnis mittlerweile eigentlich herumgesprochen haben dürfte.

    Doch die Relativität der Zeit scheint das menschliche Vorstellungsvermögen bei weitem zu übersteigen, da sich diese Mikroprozesse seiner Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit völlig entziehen und lediglich mithilfe von Präzisionsmessungen tatsächlich zu erfassen sind: So verrinnt die Zeit oben auf den Bergen etwas schneller als unten im Tal, weil starke Gravitationsfelder (wie die Erde zum Beispiel) den Zeitpfeil durch ihre Anziehungskräfte umlenken oder gar abbremsen, wenn dieser in deren Nähe und Wirkungsbereich gelangt. Körper (wie beispielsweise Satelliten) hingegen, die mit ungeheurem Tempo dahinrasen, lassen die Zeit auf diesen verwirrender Weise langsamer vergehen. Denn je schneller sich ein Objekt im Raum bewegt, desto träger läuft die Zeit dort auch ab.

    Mit diesen vielfältigen Interaktionen und Abhängigkeiten aber hat die Zeit ihre Absolutheit, die ihr im 17. Jahrhundert von Newton zugesprochen wurde, und die über Jahrhunderte ein fester Baustein der theoretischen Physik gewesen war, Einsteins Relativitätstheorie zufolge verloren, obwohl Newton felsenfest davon überzeugt war, ihr Geheimnis schlussendlich gelüftet zu haben: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit fließt an sich und ihrer Natur nach gleichmäßig, ohne Beziehung auf äußere Gegenstände“, erklärte er. Und eine solche Absolutheit gelte auch für den Raum, der vermöge seiner Natur und ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich bleibe.

    Diese Sichtweise aber hat sich seit Einstein grundlegend gewandelt, sind Raum und Zeit diesem zufolge doch nicht zwei voneinander völlig unabhängige physikalische Größen, sondern vielmehr funktional in der Raumzeit ineinander verschränkt, die neben ihren drei räumlichen Dimensionen die Zeit als vierte zur Seite hat. So gäbe es Einstein zufolge auch keine absolute Zeit, denn in verschiedenen physikalischen Bezugssystemen, wie sie beispielsweise starke Gravitationsfelder darstellen, vergehe sie unterschiedlich schnell.

    Doch solche Gesetzmäßigkeiten scheinen nicht nur für die Bezugssysteme der reinen Physik zu gelten, sondern irritierenderweise auch für diejenigen der digitalen Technologie. Das wenigstens behauptete der Halbleiter-Pionier Gordon Moore in einem Artikel, den er am 19. April 1965 in der Zeitschrift Electronics publizierte. Darin stellte er die These auf, dass sich die Anzahl an Transistoren, die in einen Schaltkreis festgelegter Größe passen würden, sich in der Zukunft etwa alle zwei Jahre verdoppele. Mit dieser Annahme hatte Moore den Nagel ganz offensichtlich auf den Kopf getroffen, da sich dessen Vorhersage im Verlauf der folgenden 50 Jahre tatsächlich bewahrheiten und bald auch als Mooresches Gesetz die Runde machen sollte, wobei es wenig später dann auch für die Prozessorleistung von Computern galt.

    Mit dieser Tatsache aber scheint für die Dynamik der Zeit ein völlig neues Bezugssystem in die Welt gekommen, das in erster Linie nicht auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruht, sondern eklatanterweise zunächst auf nichts anderem, als auf rein zivilisatorischen Errungenschaften. Und dennoch scheint auch dieses Bezugssystem, das den Entwicklungsprozess der digitalen Technologie repräsentiert, den Zeitablauf zu beeinflussen und ihn als digitale Revolution derart voranzutreiben, dass dieser die im normalen und alltäglichen Leben herrschende Zeit längst überholt und hinter sich gelassen hat. Was also bleibt den Menschen da anderes übrig, als seinen eigenen Errungenschaften besinnungslos hinterher zu hetzen?

    Die exorbitante Rasanz, die der digitalen Technologie innewohnt, lässt sich am besten an einigen wenigen drastischen Beispielen vor Augen führen: So besitzt heutzutage ein ganz normales Smartphone eine 120 Millionen Mal höhere Rechenleistung als sie der NASA-Steuercomputer des Apollo-Mondlandungsprogramms vor 50 Jahren hatte. Und noch 1994 wäre das iPad 2 einer der schnellsten Supercomputer der Welt gewesen, denn gegenwärtig passen schon bis zu 4000 Transistoren auf die Breite eines menschlichen Haares und sind so viermal kleiner als ein Influenzavirus.

    Diese atemberaubende Geschwindigkeit aber halte sich nicht mehr lange, orakelt der Fraunhofer-Experte Michael Bollerott, scheint aber nicht mitzubekommen, dass die Konzerne die Entwicklungsgeschwindigkeit von Computerchips mit neuen Aufbau- und Verbindungsmethoden eher noch steigern, da diese die mittlerweile in der Horizontalen ausgereizten Chip-Bauflächen jetzt auch in die Höhe treiben und die Transistoren einfach vertikal stapeln – ein Prinzip, das beispielsweise bei der Entwicklung von Toshibas 3D-Varianten nun auch Anwendung findet. Man könne sich den Bau solcher Chips wie bei einer Stadt vorstellen, die immer dichter besiedelt würde, meint Axel Störmann, der sich bei Toshiba vor allem mit Flash-Speichern beschäftigt. Irgendwann seien eben alle Bauflächen ausgenutzt, da ginge es nur in die Höhe weiter. So entstünden dann Hochhäuser und Wolkenkratzer – was soll’s!

    Demgemäß scheint die atemberaubende Geschwindigkeit der Zeit im Bezugssystem der digitalen Technologie trotz der Unkenrufe Störmanns absolut stabil zu bleiben und weiterhin exponentiell zu verlaufen. Das aber überrascht nicht, da der Zeitverlauf in einem derartigen System physikalisch vorgegeben ist und vom Menschen praktisch nicht zu beeinflussen oder gar aufzuhalten ist. Deshalb bleibt diesem auch nichts anderes übrig, als klein beizugeben und dennoch stoisch zu behaupten, bei der Entwicklung dieser Technologie lediglich das wirklich Machbare Schritt für Schritt voranzutreiben.

    In Wirklichkeit aber wird dem Menschen im Verlauf seiner vermeintlichen Forschungsaktivität praktisch jeder Schritt von der digitalen Maschine und den Prinzipien ihrer Technologie diktiert. Wobei diese ihm den jeweils nächsten nicht nur nahelegen, sondern nachgerade zwingend aufoktroyieren. Gefangen im Kanon einer mechanischen Entwicklungslogik, der die präformierten Konstruktionsmechanismen, die sich aus dem spezifischen Charakter der Maschine ergeben, lediglich ausführt, wobei ihm die Zeit um die Ohren fliegt.

    Jetzt aber drängt mit einem Mal eine vermeintlich völlig neuartige Technologie in die Welt, die das Digitale wohl bald in den Schatten stellen wird – die Technologie des Quantencomputers nämlich, die dieser Tage weltweit für Furore sorgte.

    Schuld daran ist eine Mitteilung von Google, in der es lapidar heißt: „Ein von Google entwickelter Chip, Sycamore genannt, konnte in 200 Sekunden eine Berechnung durchführen, für die der schnellste Supercomputer der Welt 10 000 Jahre gebraucht hätte." Deshalb sprechen die Forscher in ihrem Paper, das im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde, wohl auch von einem Meilenstein, da hiermit auch die Ära der Quantenüberlegenheit eingeläutet worden wäre, die ihr gemäß dann eingetreten sei, wenn ein Quantencomputer eine Aufgabe schneller als ein herkömmlicher Computer, der auf Digitaltechnik basiere, gelöst habe. Selbst der gegenwärtig beste Superrechner dieser Art, der Summit des Oak Ridge Labaratory in den USA, hätte bei diesem Tempo nicht mitgehalten und wäre schnell in die Knie gegangen. „Es ist der Hello world-Moment, auf den wir gewartet haben“, schreibt Googles CEO Sundar Pichai.

    Der von Googles Artificial Intelligence Quantum Team entwickelte Prozessor beruht also auf den Gesetzmäßigkeiten der Quantenmechanik, die mit denen der klassischen Physik nicht viel gemein haben und selbst Quantenphysiker manchmal ins Schwitzen bringen. So rechnet dieser nicht mit traditionellen Bits, die entweder den Wert von 1 oder 0 annehmen können, sondern mit Qubits, die dank dem quantenphysikalischen Phänomen der Superimposition, das die Überlagerung gleicher physikalischer Größen möglich macht, jeden Wert zwischen 1 und 0 annehmen können, was zu einer schier unvorstellbaren Steigerung der Rechenkapazität führt.

    Darüber hinaus ist jeder einzelne Qubit mit allen anderen verschränkt, was letztlich bedeutet, dass alle Qubits nicht nur absolut identisch und synchron operieren, sondern darüber hinaus auch alle Rechenoperationen nicht nacheinander, sondern parallel durchführen, womit sich die Rechenkapazität noch einmal ins Unermessliche steigert. Mit den 53 Qubits von Sycamore, die an der Berechnung beteiligt waren, wurde demzufolge eine parallele Darstellung von 2 hoch 53 Zuständen erreicht. Dies aber bedeutet noch lange nicht das Ende, denn schon 300 Qubits würden bereits mehr Zustände verkörpern, als es Atome im Universum gibt.

    Die Forscherinnen und Forscher ließen den Chip von Sycamore mit seinen 53 Qubits zufällig ausgewählte Algorithmen ausführen, deren Berechnung selbst auf Googles gigantischen Servern 50 Billionen Stunden gedauert hätte, wiederholten diese Sequenz dann millionenfach, und zeichneten währenddessen alle Ergebnisse auf. Zum Vergleich wurden die Ergebnisse mit einem herkömmlichen Supercomputer berechnet. Wie Google-Mitarbeiter in einem Video berichten, sei man irgendwann aber rasch an den Punkt gelangt, an dem die Supercomputer nicht mehr nachkamen.

    In diesem Sinne repräsentiert die Technologie des Quantencomputers das praktisch unvorstellbare Potenzial eines Bezugssystems, das die Zeit, die in dessen Wirkungsbereich gelangt – im Vergleich zum ohnehin schon exponentiell beschleunigten Zeitverlauf der digitalen Technologie – noch einmal exponentiell beschleunigt und damit deren Geschwindigkeit – zumindest in Teilbereichen des menschlichen Lebens – ins Schwindelerregende steigert.

    Dieses aberwitzige Phänomen wird vom Neven'sche Gesetz beschrieben. Es verdankt sich Hartmut Neven, dem Direktor von Quantum Artificial lab und besagt, dass sich Quantencomputer im Vergleich zu klassischen Computern künftig mit einer doppelt exponentiellen Geschwindigkeit an Rechenleistung entwickeln werden. Eine Absurdität, ist ein solcher Wachstumsprozess in der realen Welt doch nicht zu finden, was Bände spricht. Erst „sieht es so aus, als ob nichts passiert, gar nichts, und dann hoppla, plötzlich bist du in einer anderen Welt“ schwärmt Neven, der für das Projekt Sycamore federführend verantwortlich war.

    In einer anderen Welt? – Das wäre wohl wahrlich eine zu viel, wenn man allein an die unsere denkt, in der ohnehin schon alles so schnell vonstatten geht, dass keiner mehr mitzukommen scheint.

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