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    ANTHROPOZÄN
    MYTHISCHE KOINZIDENZ
    18. September 2019

    Dass der Klimawandel und die nicht mehr zu leugnende Überhitzung des menschlichen Wesens so unmittelbar zusammentreffen, mutet wie eine eigentümliche, ja nachgerade mythische Koinzidenz an, die von fatalen Analogien zeugt: Denn während es in der Natur nur so brodelt, als würde das Klima überkochen, rauchen die Köpfe der Menschen, als hätten sie einen Hitzschlag erlitten und könnten keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen – Mensch und Natur drehen durch: Der Psychotisierung des menschlichen Geistes scheinen die chaotischen Turbulenzen der meteorologischen Strömungsverhältnisse zu entsprechen. Und während es im Amazonas lichterloh brennt entzünden sich die Gemüter der Menschen schon an jeder Bagatelle und schlagen hysterische Flammen. Ist das bloßer Zufall oder steckt doch mehr dahinter?

    Die Natur nimmt Rache am Menschen, da er sie zu zerstören droht – so ist allenthalben zu hören oder zu lesen. Doch halt, derartige Gedanken grenzen beileibe an puren Kitsch! Denn längst vergangen sind die Zeiten, in denen der Mensch noch glaubte, im Wirken der Natur das der Götter zu erkennen, die ihm durch Blitz und Donner ihren Willen kundtaten oder ihn gar durch Stürme und Unwetter für seine Hybris zu bestrafen suchten.

    Und doch, noch im 18. Jahrhundert schienen solch tief verinnerlichte Naturempfindungen im Menschen wach geblieben zu sein. So beispielsweise im Pantheismus, dessen Begriff auf den britischen Philosophen John Toland zurückgeht. „Es gebe kein von der Materie und diesem Weltgebäude unterschiedenes göttliches Wesen, und die Natur selbst, d.h. die Gesamtheit der Dinge, sei der einzige und höchste Gott“, bekundete dieser in seiner Abhandlung Adeisidaemon 1709.

    So waren die Götter jetzt zwar stumm geworden und hatten sich ins Ungefähre verzogen, doch das Göttliche an der Natur war im Empfinden des Menschen offenbar fest verankert geblieben, der sie nun sogar selbst zu Gott erklärte und diesen darüber hinaus auch in deren materiellen Dingen manifestiert sah. Hatte nicht schon Demokrit behauptet, alle Materie sei belebt?

    Die Gaia-Hypothese der Mikrobiologin Lynn Margulis und des Chemikers, Biophysikers und Mediziners James Lovelock aus der Mitte der 1960er Jahre revitalisiert diese atavistischen Naturempfindungen und transformiert sie kurzerhand ins Naturwissenschaftliche, indem sie jetzt die gesamte Erde und deren Biosphäre als Lebewesen betrachtet, das sich als ein dynamisches System selbst reguliere und allen Organismen ein selbstorganisiertes Leben ermögliche. So halte dieses System die natürlichen Bedingungen für deren Entwicklung und Evolution im stabilen Gleichgewicht und gleiche auch riskante Ungleichgewichte aus, welche die Existenz dieser Organismen ansonsten gefährden würden. Die Erde hilft sich selbst! – das ist die Kernaussage der Gaia-Hypothese.

    Demgemäß sei der Salzgehalt der Meere über Jahrmillionen nicht wesentlich angestiegen, wie auch der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre in diesem Zeitraum relativ konstant geblieben wäre. In diesem Sinn könne die Erdensphäre, in der alle Organismen symbiotisch zusammenwirken würden, als ein einziger, übergeordneter Organismus verstanden werden – so faszinierend und gleichsam magisch wie die Natur offenbar schon immer auf den Menschen gewirkt haben mochte.

    Offenbar konnten selbst die Säkularisierung und Verwissenschaftlichung des Denkens Lynn Margulis und James Lovelock nicht davon abhalten, sich mit ihrer „Hypothese“ ausdrücklich auf Gaia, die Urmutter der griechischen Mythologie, zu beziehen, was zunächst wie ein platter Anachronismus anmuten mag, in Wahrheit aber als ein mahnendes Plädoyer für ein offenes und weitsichtiges Denken verstanden werden muss, das – von tiefer Empfindung geleitet – immer nach dem Wesentlichen frage und trotz aller Systematik und allem Detailreichtum das Zusammenwirken der Dinge nicht aus den Augen verlieren würde.

    Deshalb müssten einem mechanischen Denken, dem es nur um Ursache und Wirkung ginge, solche Zusammenhänge zwangsläufig verborgen bleiben, wohingegen sich einem funktionalen Denken, das die mannigfachen Wechselwirkungen natürlicher Prozesse immer berücksichtige, diese gleichsam intuitiv erschließen würden. Ohne Hingabe an die Dinge sei keine profunde Erkenntnis möglich – Erbsen zählen, bringe in den Wissenschaften nichts! „Ich verstehe mich in erster Linie als Erfinder, nicht als Forscher“, sagt Lovelock. „Erst kommt die Erfindung, dann kommt die Wissenschaft. Und Erfindung beruht auf Intuition.“

    Obwohl die erwähnten Naturvorstellungen historisch so eklatant weit auseinander liegenden Epochen entstammen, haben sie doch alle eines gemeinsam: die tief gründende Überzeugung nämlich, in der Natur das Wirken nachgerade übergeordneter Kräfte erkennen zu können: Die Quelle aller spirituellen Empfindungen, die beispielsweise beim Blick in den nächtlichen Sternenhimmel in einem wachwerden und den Betrachter urplötzlich mit einer ungeahnten inneren Ruhe erfüllen, verbunden mit dem unbestimmbaren Verlangen, sich in den kosmischen Weiten auflösen zu wollen.

    Wen wundert es da, wenn wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge der Ursprung allen irdischen Lebens im Kosmos und nicht auf der Erde vermutet wird: So wären die Vorstufen bestimmter Aminosäuren, die unter terrestrischen Bedingungen nie hätten synthetisiert werden können, über Meteoriten vom Himmel auf die Erde herabgeregnet und hätten ihr so das Leben gebracht.

    Heutzutage aber spielen solch’ kosmische Empfindungen kaum noch eine Rolle. Das liegt vielleicht auch daran, dass immer weniger Menschen kaum mehr die Chance haben, die Natur überhaupt noch erleben zu können. So ist der nächtliche Sternenhimmel in den Ballungszentren der menschlichen Zivilisationen aufgrund der allgegenwärtigen Lichtverschmutzung praktisch nicht mehr zu sehen. Und auch der unmittelbare Naturkontakt in der Einsamkeit ist für viele Erdenbürger kaum mehr zu haben: Der krebsgeschwürartig anwachsende Massentourismus zum Schnäppchenpreis frisst sich mittlerweile ja schon in die unzugänglichsten Erdregionen, wo man es den ignoranten Touristenmassen allerdings relativ leicht zu machen versucht, sich über steile Schluchten hinwegführende Spannbrückenkonstruktionen hinweg, oder über extrem enge Trampelpfade, angeseilt in luftiger Höhe am Abgrund entlang, allmählich ihrem Zielpunkt nähern zu können, um sich dann endlich auf irgendeiner gigantischen Aussichtsplattform wiederzufinden, von wo aus die Eventgeilen wie automatisch Millionen ultimativer Instagram-Bilder vom aufgeilenden Panorama produzieren, für das sie sonst offenbar kein Auge mehr haben – my God, how nice!

    Sogar kurz vor dem Gipfel des Mount Everest in 8848 Metern Höhe bilden sich auf den letzten Schritten neuerdings schon Menschenschlangen, sodass die Angeschlagenen der Höhenberauschten, die kurz vor dem Ziel in der dünnen Luft noch eine Ewigkeit warten müssen, irgendwann vor Erschöpfung in die Knie gehen, einen Herzinfarkt erleiden oder gleich in die Tiefe stürzen.

    So ist dem Menschen die Natur mittlerweile fremd geworden oder gar zur bloßen Kulisse verkommen – leblos und stumm. Ein Ehepaar aus München streitet sich mit einem Hotel aus Zell am See in Österreich. Weil dieses sich durch zu lautes Vogelzwitschern gestört fühlte, verlangt es jetzt sein Geld zurück. An einem spanischen Strand erstickt ein Babydelphin, weil eine Horde von Touristen ihn so lange herumträgt und betätschelt, um Selfies mit dem Tier zu machen, bis dieses schließlich in ihren Händen erstickt. Für manche Gartenbesitzer ist die Natur heutzutage sogar schon zum veritablen Feindbild geworden. Wild entschlossen lassen sie sich ihre Gärten mit Kies oder Beton versiegeln, um endlich Ruhe vom Wildwuchs zu haben.

    Aber so oder so – jetzt meldet sich die Natur zurück. Und dies, ohne von irgendjemanden darum gebeten worden zu sein, und alles andere als magisch, sondern vielmehr knallhart und ganz ohne Gott, da sie sich offenbar – ganz entgegen Lovelocks Überzeugung – selbst nicht mehr zu helfen weiß. In Wahrheit aber reagiert sie lediglich auf den Menschen: Die exorbitanten Schadstoffemissionen seiner Zivilisationen und den eklatanten Raubbau, den er mit ihr betreibt, bringen sie im wahrsten Sinn des Wortes zum Überkochen, wobei sie doch im Grunde nur eben denselben physikalischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten folgt, denen auch der Mensch unterworfen ist. Dessen Gemüt kocht zwar ebenso über, dies aber aus ganz anderen, eher inneren Gründen, die vor allem psychodynamischer Natur sind und mit der äußeren erst einmal wenig gemein haben.

    Denn gegenwärtig setzt sich der Mensch selbst mächtig unter Dampf und heizt sich gehörig ein: Denn die Tatsache, dass ihm die Dinge mehr und mehr entgleiten und im Eigenlauf begriffen scheinen, lässt ihn zunehmend unsicherer, nervöser und sprunghafter werden. Doch der eigentliche Grund hierfür bleibt ihm offenbar verborgen, denn unter den Bedingungen des allgemein grassierenden Konsumwahns, der das psychopathologische Unterfutter des allgemeinen Wohlstands darstellt, schwindet ihm zusehends die kritische Selbsteinschätzung, während seinem Verstand die wesentlichen Qualitäten einer adäquaten Wahrnehmung und profunden Analysefähigkeit verlustig gehen. Die Dinge des Lebens einzig nur noch nach Geld zu bemessen, haben in dessen Mentalität fatale Folgen hinterlassen – seine Sinne und Instinkte erlahmen und fügen seinem ohnehin schon mechanisiertem Denk- und Empfindungsvermögen zusehends erhebliche Blessuren zu. Demgemäß zerfällt ihm die Welt vor seinen ratlosen Augen in lauter Fragmente – physisch wie psychisch!

    Darunter leidet nicht zuletzt auch die instrumentale Intelligenz seiner Vernunft: Angesichts der enormen Herausforderungen des Klimawandels, den er sich selbst eingebrockt hat, wirkt er zunehmend ungeschickt, hektisch und letztlich ratlos, die Dinge noch beim Schopf packen zu können, um seine existenziellen Grundlagen den natürlichen Gegebenheiten auf Erden anzupassen. In diesem Zusammenhang treibt dessen beklemmende Irrationalität die absurdesten Blüten. In ihrer Rubrik Wie erkläre ich’s meinem Kind? lässt die FAZ die Leute Folgendes wissen: „Wer etwas für den Klimaschutz tun will, sollte am besten aufhören Fleisch zu essen. Das hört man immer wieder. Doch unter Umständen sind Kühe sogar gut fürs Klima!“ Und in der Reihe Die großen Fragen der Liebe zieht sich DIE ZEIT ins Schneckenhaus zurück und fragt „Wie viel Erdbeermüsli braucht man für die Gemütlichkeit?

    Aber auch der Gemeinschaftssinn des Menschen zerbröckelt. Die Verhaltensweisen, die er in der Öffentlichkeit mittlerweile an den Tag legt, scheinen immer irrationaler und unberechenbarer zu werden und keinem Gefühl von Anstand, Verantwortungsgefühl oder gar Scham mehr zu gehorchen. In manchen Fällen stellt sich sogar die Frage, ob der Mensch überhaupt noch Herr seiner Sinne ist? Denn nicht selten entziehen sich dessen Verhaltensweisen mittlerweile jeglicher Nachvollziehbarkeit und ergeben im Kontext seiner privaten und sozialen Bedingtheiten psychodynamisch keinen rechten Sinn mehr.

    Die offenkundige Psychotisierung des menschlichen Geistes und Verhaltens, welche den psychischen Impuls und die äußere Aktion gleichsam entkoppelt, so dass diese praktisch sinnlos erscheint, stellt den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor schwerwiegende Probleme. Schließlich funktioniert das Miteinander nur dann, wenn (möglichst) alle Mitglieder einer Gesellschaft den ihr zugrunde liegenden, wie auch immer kulturell ausgeformten Sozialkodex verinnerlicht haben und sich dementsprechend verhalten.

    So hat der Mensch nicht nur die äußere, sondern auch seine innere Natur aus dem Blick verloren. Man könnte sogar sagen, er fühle sich nicht mehr und wäre deshalb auf äußeren Beistand angewiesen. Und richtig – was wäre der Mensch heutzutage noch ohne App!

    Nun aber steht der mental Geschwächte mit einem Mal völlig konsterniert vor einer in Rage geratenen Natur, die ihn in seine Grenzen verweist. Bibbernd bangt er um seine Lebensgrundlagen. Zum ersten Mal in seiner ohnehin relativ kurzen Geschichte auf Erden sieht er sich mit dem möglichen Ende seiner eigenen Gattung konfrontiert.

    Doch das will der Hilflose offenkundig nicht so recht wahrnehmen und vergiftet nicht nur die Natur, sondern jetzt auch sich selbst und wird so auch zum physischen Opfer seiner zivilisatorischen Errungenschaften: Einer Studie zufolge sind mittlerweile „fast alle Kinder und Jugendliche in Deutschland mit Weichmachern, also Rückständen von Plastikinhaltsstoffen belastet“, konstatiert Marike Kolossa-Gehring, eine der Autorinnen der Studie und Toxikologin beim Umweltbundesamt. „Dabei ist wirklich besorgniserregend, dass die jüngsten Kinder als die sensibelste Gruppe am stärksten betroffen sind." (1)

    Das aber scheint viele (erst einmal) nur mittelbar zu tangieren, da sie sich von der Realität längst verabschiedet und sich in den Cyberspace zurückgezogen haben. Dessen virtuelle Sphären sind es, von denen sie sich wie magisch angezogen fühlen und die ihnen offenbar mittlerweile zur Ersatzrealität geworden sind. Das dröge und enervierende Leben draußen hat ihnen ohnehin kaum noch etwas zu sagen. Denn dort herrscht Stress, Druck und Zwang bei allgegenwärtiger Konkurrenz und gnadenlosem Wettbewerb, dem sie sich letztlich als Einzelkämpfer stellen müssen. Ein jeder muss sehen, wo er bleibt, wenn er denn mithalten will, lautet deren innere Devise.

    Da scheint es nachgerade plausibel, wenn die so Gebeutelten sich ins Onlineleben hinüberretten und der Wirklichkeit allmählich verdrossen den Rücken zukehren. Denn in den schier grenzenlosen Gefilden des Cyberspace können sie wenigstens noch der Hoffnung nachjagen, eines Tages doch noch ihre Ansprüche ans Leben in Erfüllung gehen zu sehen. Wie Besessene hetzten sie dem Glück hinterher, das ihnen allerdings so unter ihren schwitzenden Händen auf der Tastatur zerrinnen muss.

    Aus dem Menschen ist ein User geworden, der allerdings auch im Cyberspace ein Einsamer bleibt: „Ich fühle mich wie eine Hülle ohne Inhalt. Langsam leer gesaugt von einer Kraft, die ich gar nicht recht fassen kann. Ich wache morgens auf und lasse mich in eine Welt saugen, die auf den ersten Blick so unendlich vieles bereithält, mich am Ende des Tages aber wieder ausspuckt – leer und taub. Rausspuckt in eine Welt, die mir immer fremder wird, weil in ihr immer mehr Menschen leben, die scrollend umherwandern wie Tote, physisch da, aber innerlich weg. Die Welt, die ich manchmal sehe, wenn ich die digitalisierte Zukunft sehe, macht mich traurig. Sie fühlt sich so fremd an und so gar nicht nach etwas, was glücklich macht.“ (2)

    Glück? – Endgültig vergessen scheint der Tag des 21. Juli 1969, als um 3:56 Uhr MEZ im Zuge der Mission Apollo 11 mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin die ersten Menschen den Mond betraten, deren Aufnahmen vom Aufgang der blauen Erdkugel überm Mondhorizont in den Herzen der Menschen rund um den Globus bald für Furore sorgten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte auf Erden sahen die Menschen ihren Heimatplaneten einsam und verloren durch die schwarzen kosmischen Weiten dahinschweben, wodurch ihnen mit einem Mal auf ganz besonders eindrückliche Art und Weise bewusst wurde, wie klein und verletzlich die Weltenkugel ist – für Momente hielt die Menschheit den Atem an, rückte zusammen und ließ sie ihrer Existenz inne werden – ein tiefes Verantwortungsgefühl für ihren Heimatplaneten erwachte plötzlich in ihren Herzen. Empfindungen, die jedoch nicht lange währten, da sie entweder bald vergessen waren, oder binnen kurzer Zeit den Verschwörungstheoretikern zum Opfer fielen, die behaupteten, Stanley Kubrick hätte diese Bilder in seinen Londoner Filmstudios produziert.

    So hat es mittlerweile nicht nur die Natur, sondern auch die Realität schwer, überhaupt noch in die vernagelten Köpfe der User vorzudringen. Sind deren Gehirne doch mit dem virtuellen Geglitzer des Cyberspace so vollgepackt, dass diese bizarre Welt ihm längst zur zweiten Natur geworden ist. So scheint es den Usern immer schwerer zu fallen, sich überhaupt noch auf die Welt der realen Dinge einzulassen und sich auf sie zu konzentrieren. Ohne den Cyberspace scheinen sie verloren: Neulich ist in Ulm eine junge Frau verzweifelt ins Wasser gesprungen weil ihr das Smartphone in die Donau gefallen war. Wie von Sinnen tauchte sie nach ihrem versunkenen Cyberspace und ertrank.

    Ob der Mensch in seiner gegenwärtigen mentalen Verfassung überhaupt noch in der Lage ist, sich seiner Zukunft zu stellen, scheint mehr als fraglich, weiß er doch gegenwärtig schon nicht mehr so genau, zwischen Fakt und Fake zu unterscheiden. Der zunehmend seine Sinne vernebelnde Realitätskonflikt der Wirklichkeit gegenüber machen ihn immer unsicherer und anfälliger, den Dingen nicht auf den Leim zu gehen. What’s real? Zukunftsfähigkeit sieht anders aus!

    Während der Klimawandel ungebremst seinen Verlauf zu nehmen scheint, hat sich der Mensch aus vollem Herzen in die Arme der Cyberspacemaschine geworfen. Und dies freiwillig, und ohne groß nachzudenken. Dass er damit sein Denken und Fühlen mehr und mehr schwächt, scheint ihn nicht zu bekümmern. Und offenkundig ebenso wenig die Tatsache, dass er beim Surfen nach Strich und Faden betrogen und darüber hinaus auch noch rund um die Uhr schonungslos überwacht wird. „Zuviel Freiheit ist nicht gut für den Menschen!“, sagt ein Staatschinese über die Revolte in Hongkong.

    Aus dem Leben des Menschen ist ein Onlineleben geworden. Ohne Haut und Haar lebt er im Cyberspace – dem Zerrbild der Wirklichkeit draußen in der Welt. Und im Cyberspace ist der Klimawandel natürlich Hype. Wie alles andere, das den User bewegt. Und das kann erst einmal alles sein. Denn ihm kommt es im Wesentlichen nur auf die Klicks an, mit denen ein Thema auf ihn zurauscht, wenn er sich dafür schon interessieren soll. Millionen Klicks machen den User heiß, da ist ihm das Thema schon beinahe egal, wenn er nur in Dauererregung richtig mitmischen kann. Seine Meinung zählt – Daumen hoch oder Daumen runter!

    So hat es auch das Thema des Klimawandels im Cyberspace ziemlich schwer. Denn auch dieses wird (wie jedes andere) gnadenlos durch den Cyberspacewolf gedreht. Und dies hektisch und kopflos überzogen und immerzu aufgebracht oder empört – eine andere Gemütslage scheint der User nicht zu kennen. Damit aber wird dem Klima im Cyberspace erst richtig zugesetzt, wobei es dort jetzt noch ungemütlicher wird, als es ohnehin schon draußen ist: Denn im Geschwätz der User spaltet sich die reale Bedeutung des Klimawandels in Blitzesschnelle von den imaginierten Phänomenen, die dessen Gestalt und Charakter in den Köpfen der Menschen hervorruft, ab, sodass diese Imaginationen im Posten und Chatten der User ohne reales Gegenlager bald zu deren wildesten Fantasien verkommen, die sich in Sekundenbruchteilen auf inflationäre Art und Weise vervielfältigen und schließlich nichts anderes mehr hinterlassen, als einen milliardenfach aufgeheizten Meinungsbrei, in dessen hysterischem Furor noch jedes Thema zwangsläufig ersticken muss. Kein Wunder also, dass viele der User vehement für den Klimawandel eintreten, sich aber in Wahrheit rigoros gegen persönliche Einschnitte wehren: Realität ist eben nicht gleich Realität – so funktioniert das Gehirn des Users nun mal.

    Der Mensch braucht Hilfe, um wieder in die Realität zurückzufinden, das scheint klar! Wer aber könnte ihm diese bieten? Das ist die entscheidende Frage! Die Maschinen, auf die er so große Hoffnungen setzt, werden ihn wohl nicht retten können. Oder etwa doch?

    So wenigstens sieht es völlig überraschend James Lovelock, der Vater der Gaia-Hypothese. Denn jetzt hat der Forscher mit 100 Jahren ein neues Buch verfasst, das mehr als Erstaunen hinterlässt: Denn offenkundig hat er das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Erde, und erst recht das in den Menschen verloren. Novozän heißt das Buch Lovelocks. Darin skizziert er ein bemerkenswertes, ja aberwitziges Zukunftsszenario, das allerdings gar nicht so abwegig erscheinen mag, wenn man die gegenwärtige Entwicklung des Menschen in ihrer schier ausweglosen Brisanz konsequent in die Zukunft weiterdenkt.

    So würde an die Stelle des Anthropozäns, einer Ära der vom Menschen geprägten und veränderten Erde, eines Tages das Novozän treten, in dem Wesen der Künstlichen Existenz das Sagen hätten. Wesen, die um ein Vielfaches schneller denken könnten als Menschen und als einzige in der Lage wären, die Erdtemperaturen – allein aus eigenem Interesse – auf verträglichem Niveau zu halten. Dass sie hierfür organisches Leben bräuchten, sei diesen Wesen absolut klar. Deshalb würden sie die Menschen konsequenterweise unter Naturschutz stellen und diese sich als Haustiere oder Spielzeuge halten, um sie von weiteren Schandtaten abzuhalten.

    „So we do not have to assume that the new artificial life that emerges in the Novascene is automatically as cruel, deadly and aggressive as we are“, erläutert Lockewood in diesem Zusammenhang. „It may be that the Novascene becomes one of the most peaceful ages of Earth. But we humans will for the first time be sharing the Earth with other beings more intelligent than we are.“ (3)

    Aber wie immer es auch zukünftig um den Menschen bestellt sein wird, das Allerschlimmste ist es wohl, dass er gegenwärtig den Glauben an sich verloren zu haben scheint. Wer aber will ihm diesen zurückgeben? Er selbst scheint dazu nicht in der Lage, zu weit schon hat er sich von sich selbst entfernt. Wie ein Lemming hastet er auf den Abgrund zu. Vielleicht braucht er also doch irgendwelche superintelligente Ammen, die ihn vor dem Gröbsten bewahren und ihn im Krabbelkasten überleben lassen?

     

    (1)  Annette Bruhns und Milena Pieper
          Umweltbundesamt – Fast alle Kinder sind mit Weichmachern belastet.
          SPIEGEL ONLINE

    (2)  Anna Miller
          Ein Leben nach dem Internet. Jetzt.
          ZEIT ONLINE 2019

    (3.1)  nature - International journal of science
             James Lovelock
             Novascene. The Coming Age of Hyperintelligence. ALLEN LANE.

    (3.2)  Penguin Random House
             James Lovelock
             Novascene. The Coming Age of Hyperintelligence. ALLEN LANE.
             Penguin Random House. UK. 2019

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