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    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? Teil 4
    01. Februar 2018

    Gaffer sind eine wahre Plage, überall liest oder hört man von ihnen. Gaffer sind Menschen, die beispielsweise einem mit dem Leben ringenden Motorradfahrer, der vor ihren Augen auf dem Asphalt darniederliegt und heftig aus Kopf und Körper blutet, nicht umgehend zu Hilfe eilen, sondern stattdessen zum Handy greifen, um das Opfer zu filmen. Dass sie dabei den Rettungskräften den Weg versperren, kümmert sie nicht die Bohne. Und wenn sie dazu aufgefordert werden, Platz zu machen, rasten sie auf der Stelle aus und werden handgreiflich. Schon führen Rettungskräfte mobile Schutzwände mit sich, um sich der Gaffer zu erwehren.

    Ein geradezu unmenschliches Verhalten, das die Gaffer da an den Tag legen, denkt man sich spontan, was einem aber auch nicht viel weiterhilft, wenn man deren Verhaltensweise nachvollziehen und verstehen will. Auch die Sozialpsychologen, die ihre Pappenheimer ja eigentlich kennen sollten, wissen zum Thema wenig beizutragen, und bieten nur ein wirres Sammelsurium unterschiedlichster Erklärungsansätze und gestanzter Mutmaßungen, die einen frustriert zurücklassen.

    So wird zum Beispiel vom Instinkt der Neugier schwadroniert, der für unsere noch im Freien gelebt habenden Vorfahren von existentieller Bedeutung gewesen wäre: Hätten diese ihre Umwelt nicht wachsam im Blick gehabt, hätten sie sich unnötig in Gefahr begeben und ihr Leben riskiert. Was aber, wenn dem Menschen die Neugier als Triebfeder seines Lebens unter der Hand allmählich abhanden käme? Ängstlich und unsicher ist er mittlerweile doch eher auf ausgetretenen Pfaden unterwegs, statt sich lebenslustig und wissbegierig ins Leben zu stürzen. Solche Fragen aber lassen die Sozialpsychologen unter den Tisch fallen.

    Natürlich wird dem Gaffer auch fehlende Empathie unterstellt, was aber einem veritablen Klischee gleichkommt und zudem an der Sache weit vorbeigeht: Denn womöglich kann der Gaffer gar keine Empathie empfinden, weil er mit seinem Kopf ganz woanders ist, wenn er einen Unfall auf seinem Handy filmt und dabei wie abwesend erscheint? Ihm Empathie einfach abzusprechen, ist pseudomoralisches Gebaren.

    Auch die dem Gaffer vermeintlich innewohnende Gefühllosigkeit dem Leid anderer gegenüber kommt natürlich zu Sprache, wobei beflissen an einstige Massenspektakel wie Gladiatorenkämpfe oder öffentliche Hinrichtungen erinnert wird, als ginge es beim Gaffer um Voyeurismus. Um dessen Erscheinung zu verstehen, scheinen psychologische Kriterien nicht weiterzuhelfen, basiert sein Verhalten doch auf wesentlich tiefer gelegenen Prozessen, die sich in den kognitiven Verarbeitungsmechanismen seiner visuellen Wahrnehmung auffinden lassen und mit Ethik, Moral oder Zivilverhalten nicht das Geringste zu tun haben. Demzufolge macht es auch keinen Sinn, dem Gaffer puren Kommerz bei seiner Filmerei zu unterstellen, obwohl die Medien ihm mittlerweile gutes Geld für live gefilmte Katastrophenvideos zahlen. Dem Gaffer aber geht es in erster Linie nicht darum, auf seinem Nachhauseweg noch schnell ein paar Unfallhorrorbilder zu schießen, wenn sich zufällig die Gelegenheit dazu ergibt, um diese dann meistbietend zu verhökern.

    Natürlich findet auch der Bystander-Effekt Erwähnung, der den Umstand beschreibt, dass mit steigender Anzahl von Augenzeugen, die bei einem Unfall zusammenstehen, die Hilfsbereitschaft des Einzelnen sinkt, da Anonymität das Verantwortungsgefühl reduziere. Auch dieser Befund hat mit dem Gaffer nichts gemein. Wie hypnotisiert schießt der seine Bilder, als wäre er in Trance. Mancher Gaffer hechelt dem Unglück schon hinterher, auf der ständigen Suche nach dem ultimativen Kick – Lifebilder von einem Flugzeugcrash einzufangen, das wär’s! Der Unfall wird zu Sucht!

    Gaffen wäre ein Kitzel, wird geradezu tautologisch angemerkt. Und gleichzeitig auch ein Glücksgefühl, nicht selbst vom Unglück betroffen zu sein. Vielleicht aber hätte der Gaffer auch nur einen einzigen Grund den Unfall zu filmen, er wolle nämlich zum Klickstar werden, um mit seinem Horrorvideo im Cyberspace sein defizitäres Selbstbewusstsein zu kompensieren.

    Die Erklärungsversuche der Sozialpsychologen scheinen zum Scheitern verurteilt. Denn offenkundig entgehen ihnen die gravierenden Veränderungen, die sich gegenwärtig in der Kognition des Menschen ereignen und einem mentalen Paradigmenwechsel gleichkommen, der letztlich zur Veränderung seines Wesens führt. Die obsoleten Kriterien, die ihrem Menschbild zu Grunde liegen, lassen sie nachgerade unfähig erscheinen, das Phänomen des Gaffers methodisch erfassen und begreifen zu können.

    Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg, wagt als einer der wenigen seines Fachs einen solchen Ansatz: Den Gaffer gäbe es in dieser Form erst mit den neuen technischen Möglichkeiten, behauptet er. Alles jederzeit mit dem Handy aufzuzeichnen, sei für viele zur Sucht geworden. Gaffer drifteten durchs Filmen in eine virtuelle Welt ab und wären dabei unfähig die Realität und das sich darin spiegelnde Leid überhaupt noch angemessen erkennen zu können.

    Wagner trifft einen entscheidenden Punkt, wenn er dem Gaffer einen SHIFT seiner visuellen Wahrnehmungsfunktionen unterstellt, der ihn während des Filmens ereilt: Wie automatisch drifte er in die virtuelle Welt des Cyberspace ab, ohne es offenbar mitzubekommen, so der Sozialwissenschaftler. Soweit, so gut. Aber warum dem so ist, lässt Wagner offen. Dabei ist diese Frage doch von zentraler Bedeutung, um das Verhalten des Gaffers nachzuvollziehen: ist dieser SHIFT doch primär kognitiver Natur und hat, wie bereits erwähnt, mit psychologischen Mechanismen nichts zu tun, da er letztlich auf einer Art Fehleinschätzung des Gehirns beruht, das dem Gaffer das reale Unfallgeschehen als virtuelles Ereignis erleben lässt.

    Ein „Unfall“ wirkt auf die vom Cyberspace geprägte Kognition des Gaffers wie ein Stimulus, der in ihm augenblicklich die Bilder jener Katastrophenvideos wachruft, die er als User natürlich im Kopf hat und ihm zur Obsession geworden sind – virtuelle Bilder von anderen Gaffern, mit denen diese sich im Cyberspace gegenseitig zu überbieten versuchen. Wie intuitiv schieben sich diese gestanzten Bilder während des Filmens vor die Augen des Gaffers und treten augenblicklich in Konkurrenz zu denjenigen des realen Unfallgeschehens, das der Gaffer begafft – einem Mix aus gestanzten und realen Bildern gegenüber wie in der erweiterten Realität.

    Dieser Realitätskonflikt, der den Gaffer unweigerlich ereilt, wird durch kognitive Prozesse rasch gelöst, gehört die Stabilisierung im Raum doch mit zu deren zentralen Aufgaben. Allerdings lösen sie diesen Konflikt auf der gleichsam falschen Seite, wobei ihnen dabei nun wahrlich nichts Pathologisches anhaftet. Entscheidet sich die Kognition doch für die dominante Seite ihrer Modalität, indem sie dem Gaffer wie zwangsläufig die Cyberspacebilder als Wirklichkeit präsentiert, die er im Kopf wie Ikonen der Katastrophe gespeichert hat. Jetzt sieht der Gaffer mit einem Mal das reale Unfallgeschehen als sein eigenes Horrorvideo, so als hätte er es bereits ins Internet eingestellt.

    In diesem Augenblick sieht sich der Gaffer nicht mehr an einer x-beliebigen Kreuzung stehen und das Unfallgeschehen beobachten, sondern im Cyberspace vor seinem Horrorvideo schweben, das für ihn die Wirklichkeit geworden ist. Sein Blick geht nicht mehr nach außen, sondern nach innen. So wird er zum Regisseur seiner selbst der scheinbar alles im Griff hat.

    Nun wird klar, warum der Gaffer nicht auf das Leid anderer reagiert, das er gerade filmt: er nimmt es einfach nicht wahr! Deshalb macht es auch keinen Sinn, ihm mangelnde Empathie zu unterstellen als litte er an einer Persönlichkeitsstörung. Der Gaffer mag vielleicht verrückt erscheinen, aber er ist es nicht. Befremdet es da noch, wenn er ausrastet und um sich schlägt, wenn man ihn in die Realität zurückzuholen will?

    Der REALITÄTSKONFLIKT, der den Gaffer charakterisiert, scheint prototypisch für unsere Zeit, in welcher der Cyberspace mehr und mehr die Mentalität und das Verhalten der Menschen prägt, das sie in dieser dort üblichen Form bereits manchmal als LIKE oder DISLIKE in der Alltagsrealität an den Tag zu legen – neurokognitive Übersprungshandlungen, die jedoch bald zum Regelfall werden könnten.

    Was ist Realität, was Fiktion? – Zwei Wirklichkeitsmodelle beuteln gegenwärtig die Gehirne der Menschen und zermürben den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wen wundert es da noch, dass die Debatte um FAKE NEWS boomt und alternative Fakten Realität werden.

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