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    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? TEIL 2
    22. August 2017

    Der Mensch, den man mittlerweile User nennt, ist auf dem besten Weg, sich mit jeder Faser seines Herzens im Cyberspace zu verlieren. Der Sog, den diese virtuelle Parallelwelt auf sein Gehirn ausübt, ist einfach zu groß, basieren dessen neurophysiologisch-kognitiven Funktionen wie Wahrnehmung, Denken und Erinnern im Wesentlichen doch ebenso auf Virtualität und spiegeln dem Menschen die Welt lediglich vor, die es – außer in seinem Kopf – sonst so nicht gibt.

    Das instinktive Wissen darüber ist alt. Schon Platon ließ es im HÖHLENGLEICHNIS seiner Politeía anschaulich werden. Dort hocken die Menschen angekettet auf dem Boden einer finsteren Höhle und starren gebannt auf die Dinge, deren Schatten sie auf einer Höhlenwand an sich vorüberziehen sehen und diese für die Wirklichkeit halten. In Wahrheit aber befindet sich die Welt außerhalb der Höhle im Rücken der Menschen. Nur durch eine schmale Öffnung oben im Gestein mit dieser verbunden. Draußen wird die Welt von einem Feuer illuminiert, dessen flackerndes Licht die Schatten der Dinge durch die Öffnung an die Höhlenwand wirft, auf welche die Menschen gezwungenermaßen blicken.

    Platons Höhlengleichnis kommt nicht nur der morphologischen Struktur, sondern auch den spezifischen Funktionsweisen des visuellen Systems des Menschen ziemlich nah. Denn dessen Sehrinde genanntes Areal, das tief im Hinterhauptlappen des Gehirns verborgen liegt, erinnert an eine dunkle Höhle und ist dabei auch noch genau jener Ort, an dem der Mensch die Dinge tatsächlich sieht. Auf einer mikroanatomisch sich wölbenden Projektionsfläche in seinem Kopfkino wie auf einer Höhlenwand, höchst indirekt, vermutlich auch nur schemenhaft, aber letztlich virtuell, ohne dass er es bemerkte. Der Mensch sieht nicht mit Augen, er sieht mit seinem Gehirn.

    Die Dinge im Kopf ins Lot zu bringen und wirklich real und sinnvoll erscheinen zu lassen ist die wohl wichtigste Aufgabe des Gehirns. Vor allem aber die seiner kognitiven Funktionen, welche die Aufrechterhaltung der individuellen Orientierung und Stabilität gewährleisten und – den Ergebnissen seriöser Hirnforschung zufolge – sogar die Selbst-Empfindung lediglich simulieren, um den Menschen als vermeintlich ganzheitliches Wesen der Außenwelt gegenüber handlungsfähig zu erhalten. Denn auch die im Frontalhirn lokalisierten Ich-Empfindungen sind im Grunde nichts anderes als eine virtuose Simulation zentralnervös gesteuerter Prozesse, die sich im Unbewussten abspielen und dem Zugriff des Bewusstseins unweigerlich entziehen. „Es geht hier um ein Lügen ohne Vorsatz“, bemerkt Michael Gazzaniga in diesem Zusammenhang. „Es sind Illusionen, aber es sind sehr nützliche Illusionen. Wenn man die Ich-Instanz zerstört, kann der Mensch nicht mehr in komplexen Situationen handeln. Das wäre in etwa so, als wenn man jemandem, der ein kompliziertes Verkehrssystem leitet, seinen Computer wegnimmt. Dann ist er verloren.“

    Der Mensch ist nicht die selbstbestimmte Individualität, für die er sich hält, sein Selbst nur Suggestion, und die Wirklichkeit, in der er lebt, nichts als Imagination, zusammengeklittert aus Milliarden von Nervenimpulsen, die das Gehirn – als einzigen Kontakt zur Umwelt – nur über die Sinnesrezeptoren des Körpers empfangen kann, die es augenblicklich in elektrische Impulse umwandelt, um diese überhaupt bearbeiten zu können – Signale aus einer Welt, die es nicht kennt, sondern notgedrungen selbst kreieren muss.

    Der Cyberspace entlastet das per se träge, bevorzugt in eingefahrenen Gleisen arbeitende Gehirn, und vereinfacht dessen hochkomplexe und energieaufwendigen Transformations- und Täuschungsprozesse. Er setzt es gleichsam frei von Realität und lässt den Wahrnehmungsprozessen freien Lauf. Auch die Ich-Instanzen der Großhirnrinde finden Erleichterung, denn angesichts der imaginären Parallelwelt fühlt sich der User frei und hinterfragt sich nicht. Ganz im Gegenteil. Seiner Ich-Grenzen gleichsam entledigt kann er in jede Rolle schlüpfen und spielt mit der eigenen Identität, um sich die geheimsten Wünsche zu erfüllen. Die Realität schindet das Ich, der Cyberspace verflüssigt es. Das Gehirn scheint sich die ihm adäquate Weltmaschine erschaffen zu haben – es ist süchtig nach ihr. Virtualität trifft auf Virtualität. Eine evolutionsbiologisch fatale Koinzidenz – die digitale Mutation

    Der Cyberspace ist zur neuen Wirklichkeit des Menschen geworden. Er hat den offensichtlich in die Jahre gekommenen Blick auf die Welt, der über Jahrtausende hinweg der Vorherrschende war und all sein Fühlen, Denken und Handeln bestimmte, ins Innere der Virtualität abwandern lassen – in eine das Selbst entblößende Welt, die nicht etwa anderen, sondern gar keinen Gesetzmäßigkeiten mehr unterliegt. Der Mensch hat seine alte Wirklichkeit aus den Augen verloren und nur mehr solche fürs Display. Das Gehirn hat ihn in die Zange genommen und in eine genuin virtuelle Welt versetzt, die nicht mehr ins Virtuelle transformiert werden muss um den Menschen bei Sinnen zu halten. Sein ohnehin schon immer virtuelles ICH scheint endlich am (!) rechten Ort angekommen, um sich nicht mehr allzu ernst nehmen zu müssen – jetzt kann die Identität jede Wette eingehen.

    Der Identitäts-Shift, der das menschliche Wesen erfasst hat, kommt einem mentalen Paradigmenwechsel gleich und wird in seiner wahren Dimension fatalerweise nur unzureichend erkannt, wobei sich die wissenschaftliche Debatte möglicher Gründe im Regelfall auf die Problematisierung der Onlinesucht beschränkt und sich in der Skizzierung psychologischer Randphänomene erschöpft. Der Abhängige suche „nach neuen Handlungsmöglichkeiten“ und „fliehe vor der Realität“, heißt es da. Er unterläge „negativen Emotionen“ oder „persönlichen Problemen“, litte unter „Minderwertigkeitskomplexen“ oder hätte „Probleme mit der sozialen Kontaktaufnahme“, was zur „Vereinsamung“ führe. Eine Onlinesucht in diesem Sinne gäbe es gar nicht, halten andere dagegen, denn sie könne sich in den verschiedensten Formen äußern, so beispielsweise im „Chatten, Gamen oder Surfen“ oder im „Online-Porno-Konsum“. Von wegen, die Onlinesucht sei gar keine Krankheit, widersprechen andere. Es handele sich hierbei lediglich um Symptome anderer Grunderkrankungen wie der „Störung der Impulskontrolle“ oder der „Zwangsstörung“.

    Konfusion wohin man blickt. Ebenso ratlos zeigt man sich (wohl notwendigerweise) hinsichtlich möglicher Therapieansätze: So gibt es beispielsweise im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf seit 2009 eine sogenannte „PC-Sprechstunde“. Diese wendet sich an „Jugendliche, deren Internet- oder Computergebrauch so exzessiv wurde, dass er ein Problem darstellt. Für die meisten (!) Patienten bietet sich an, einmal in der Woche an unserem Gruppenprogramm ‚Lebenslust statt Online-Flucht’ teilzunehmen“, lässt eine Psychologin der Klinik wissen, die zu allem Überfluss auch noch Moll heißt.

    Überhaupt kriegen die Jugendlichen beim Thema Onlinesucht ihr Fett weg: fast 300 000 seien in Deutschland abhängig, behauptet der Deutschlandfunk im Februar 2017. 600 000, berichtet die SZ im darauf folgenden Mai. Aber nein doch, behaupten andere, nicht nur Jugendliche sind betroffen, sondern auch „Ältere“ und „Frauen“, das belegen unsere Statistiken. Von wegen, möchte man kontern, praktisch alle hängen mittlerweile im Netz. Selbst die Alten, wie man auf Reisen beobachten kann – da erübrigt sich jegliche Statistik.

    Aber bei allem hin und her, die der Onlinesucht zugrunde liegenden Prozesse sind grundsätzlich nicht pathologischer Natur, beruhen sie doch primär auf GESUNDEN und nicht etwa auf KRANKEN Hirnprozessen. Gehirn und Cyberspace sind wahlverwandt und treffen sich gleichsam auf kognitiver Ebene: Die virtuelle Welt macht es dem Gehirn bequem, also stellt es sich auf sie ein und passt sich an. Und dabei verändern sich zwangsläufig dessen Strukturen: neuronale Vernetzungsmuster nehmen einen anderen Charakter an und neuroanatomische Areale wachsen oder schrumpfen, je nach Grad des Gebrauchs und ihrer Aktivität. Das Gehirn verändert sich, je nach Aufgabe, mit der es sich konfrontiert sieht. Dessen KORTIKALE PLASTIZITÄT genannte Kapazität bewirkt die überlebensnotwendigen Anpassungsprozesse an die Umgebung des Menschen. Es passt ihn an die Wirklichkeit, in der er sich aufhält, an und garantiert seine Funktionsfähigkeit in ihr. Fatalerweise ist der Cyberspace zur vorherrschenden Lebenswirklichkeit des Menschen geworden – der Präferenzwelt des Gehirns in der es aus Bequemlichkeit die ihm adäquate Weltrepräsentanz gefunden hat. Der mentale Identitäts-Shift – der Mensch wird ein anderer.

    Fortsetzung folgt

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