• ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE / 4
    16. Oktober 2015

    Die Tüte erwacht. Aus einem furchtbaren Traum: Schier ewig war sie dahingewirbelt, über endlose Weiten hinweg. Ohne zu wissen, warum – kein Lüftchen regte sich. Noch völlig benommen stöhnt sie auf.
    „Was ist?“
    Mein Gott, der Roboter! Schlagartig findet die Tüte in die Realität zurück. „Ach nichts!“, murmelt sie gedankenverloren. „Wo sind wir?“
    Abrupt bleibt der Roboter stehen.
    „In der Wüste!“
    „In der Wüste?“, erwidert die Tüte schlaftrunken. Sie glaubt sich verhört zu haben.
    „In der Wüste!“, konstatiert der Roboter lapidar. „Schon seit drei Tagen. Du hast tief und fest geschlafen. Gab keinen Grund, dich aufzuwecken.“
    „Na hör mal!“, ruft die Tüte empört und blinzelt angespannt in die Gegend. „Tatsächlich!“, entfährt es ihr. „Nur Sand soweit das Auge reicht. Aber, verdammt, was machen wir hier? Warum sind wir nicht in der Stadt geblieben?“
    „Ging nicht.“
    „Warum nicht?“
    „Muss mir neue Batterien besorgen. Hab dort keine aufgetrieben. Sind Spezialbatterien, musst du wissen. Die gibt’s in keinem Laden.“
    „Du brauchst Batterien?“
    Fassungslos schaut die Tüte zum Roboter auf.
    „Lauf schon auf Notstromaggregat, viel Zeit bleibt uns nicht!“
    „Notstrom? Das darf doch nicht wahr sein!“, ruft die Tüte entrüstet und starrt ratlos in einen wolkenlosen Himmel von dem eine aufgeblähte Sonne gnadenlos herunterbrennt. „Na, das kann ja heiter werden“, frozzelt sie. „Notstrom in der Not!“
    „Du musst grad reden!“, brummt der Roboter verärgert. „Liegst entweder zerknittert oder, wenn’s hochkommt, gefaltet in der Ecke rum, und hängst ansonsten den Leuten am Arm! Aber die Dame kann sich solche Reden ja erlauben, schließlich ist sie unverwüstlich und wird tausende Jahre alt. Aber wofür, wenn ich fragen darf? Da ist mir das bisschen Elektrizität am Arsche lieber. Die verschafft wenigstens Spielraum.“

    Die Tüte schweigt. „In welcher Wüste sind wir eigentlich“, fragt sie nach einer Weile betont freundlich. Schließlich will sie den Roboter nicht vergrätzen.

    „Keine Ahnung!“, sagt der Roboter einsilbig und trottet weiter. Der Sand knirscht unter seinen Füssen.
    „Wie, du weißt das nicht?“ Die Tüte versucht sich im Zaum zu halten. „Das ist aber seltsam“, fügt sie kleinlaut hinzu.
    „Meine Orientierung ist ausgefallen.“
    „Was heißt das?“ Der Tüte wird mulmig.
    „Ohne GPS hab ich keine Ortung. Das System ist out of order. Keine Ahnung, warum?“
    „Du bist abhängig vom GPS?“ Die Tüte schluckt. „Dachte du bist perfekt vernetzt. Als Maschine hat man so was doch drauf. Du bist doch hoffentlich nicht von vorgestern. Mann, das könnte gefährlich werden, hörst du! Für uns beide wohlgemerkt. Schließlich bin ich abhängig von dir. Ist ja kein Mensch mehr da, wie du sagst ...“
    Die Tüte kneift die Augen zusammen, sie hat Angst vor der Antwort.
    „So ist es. Aber wir schaffen das schon.“
    „Sagst du!“
    „Irgendwie werden wir durchkommen, glaub mir.“

    Die Tüte verstummt und schielt trübsinnig in die Wüstenei. Nichts als ein verdammter Roboter ist ihr geblieben. Eine offenbar vorsintflutliche Maschine. Ohnmächtig vor Verzweiflung schluchzt sie auf. 


    „Das darf doch nicht wahr sein!“, hört sie auf einmal den Roboter. „Da, dort drüben, siehst du?“

    Neugierig blickt sich die Tüte um und erstarrt: „Eine Megacity, mitten in der Wüste!“, entfährt es ihr argwöhnisch, als sie die imposante Silhouette bemerkt, die in der Ferne verheißungsvoll zu ihr herüber flirrt.

    „Gerettet!“, brummt der Roboter und zwinkert der Tüte hoffnungsfroh zu. „Glück im Unglück – dort finden wir sicher was wir suchen!“
    „Schutz und Halt!“, raunt die Tüte traumverloren.
    „Und Batterien. Wenn nicht dort, wo sonst.“

    „Überstürzt hastet der Roboter los.

    Die Tüte fliegt im Wind.
    Nie hat sie sich leichter gefühlt.
    Sie ist glücklich.

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