• ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE / 3
    08. September 2015

    „Hallo!“
    Hallo? Die Tüte erzittert: Hat da jemand Hallo gesagt, eine angenehm sonore Stimme, so einfühlsam und beruhigend wie die eines Therapeuten?

    Langsam findet die Tüte in die Realität zurück und schielt vorsichtig und noch leicht benommen nach dem fremdartigen Wesen, das sie noch immer hoch erhoben in der Luft hält und skeptisch zu betrachten scheint, als hätte es noch nie eine Tüte gesehen. Ja, richtig, jetzt kann sie auch dessen Augen erkennen. Oder so was Ähnliches zumindest: Zwei hell aufleuchtende rote Pupillenknöpfe, die sie hinter dunkel getöntem Glas eindringlich fixieren wie durch eine übergroße Skibrille hindurch. Die Tüte stutzt verwundert, einen richtigen Kopf aber hat das absonderliche Wesen nicht. Stattdessen einen kreisrunden Metallzylinder ohne Nase und Mund, der im Mondlicht so geheimnisvoll aufschimmert als gehöre er einem Alien. Konsterniert blickt sich die Tüte um. Wer bloß hat da gerade Hallo gesagt? Aber da ist niemand, die nächtliche Stadt ist menschenleer. Die Tüte kriegt es mit der Angst zu tun, aber nimmt sich ein Herz.

    „Hallo!“, sagt sie mit zitternder Stimme und äugt verunsichert auf die untere Stelle des mächtigen Zylinders, wo eigentlich der Mund sitzen müsste, wenn drüber schon Augen sind. „Hallo!“, erwidert das Ding stoisch. „Keine Angst, ich bin ein Roboter. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
    „Eine Tüte, wenn’s recht ist!“, erwidert sie echauffiert und wundert sich nicht mehr: Maschinen haben keinen Mund.
    „Eine Tüte. Richtig“, räsoniert der Roboter. „Aber eine ganz besondere, nicht wahr?“
    „Kann man so sagen, wenn man sich auskennt in der Welt“, antwortet die Tüte sichtlich erleichtert. Ihr Stolz kehrt zurück.
    „Praktisch durchsichtig und ohne jegliche Werbung drauf“, konstatiert der Roboter erstaunt. „Wie kann man da eigentlich wissen, dass man eine Tüte ist?“

    Die Tüte zögert und versucht ein Lächeln, obwohl sie in Wahrheit furchtbar beleidigt ist. Und als sie beiläufig zur Seite blickt entdeckt sie auf einmal den glänzenden Metallarm des Roboters der sie neugierig ins Mondlicht hält während die Laserstrahlen des Geräts sie von oben bis unten taxieren, als sei sie ein Kunstobjekt von Duchamps. Die Tüte kommt sich vor, wie in einem bösen Traum. Ein Roboter hat sie gekidnappt. Aber so schnell gibt sie nicht auf und hält gegen.

    „Sie sind sicher auch von der interaktiven Sorte, wenn ich das mal unterstellen darf?“, sagt sie säuerlich die Maschine frech herausfordernd.
    „Nun, interaktiv würde ich mich nicht nennen, meine Liebe“, erwidert der Roboter mit unverhohlenem Lachen in der Stimme. „Ich bin eher selbstständig und kümmere mich lieber um mich selbst, statt mich wie Sie so durch die Gegend tragen zu lassen. Was, bitte, soll an einer Tüte schon interaktiv sein? Tüten sind doch eher passiver Couleur, soweit ich unterrichtet bin. Aber belehren Sie mich eines Besseren, man lernt ja nie aus.“
    „Na hören Sie mal, was reden sie so despektierlich daher. Ich verabscheue Passivität. Halten Sie mich etwa für masochistisch?“
    „Aber nein, wo denken Sie hin? Sie haben mich falsch verstanden!“, lenkt der Roboter ein.
    „Na also, dann ist es ja gut“, fährt die Tüte ihm ungeduldig ins Wort. „Ich ertrage nämlich nur taktvolle Persönlichkeiten, müssen Sie wissen. Nur solche also, die mich als Gegenüber wirklich zu achten in der Lage sind und durchaus wissen, was sie an mir haben. So gewinnen sie meine uneingeschränkte Solidarität, der ich zum Beispiel dann Ausdruck verleihe, wenn ich den mir anvertrauten Inhalt in verblüffender Weise ganz entspannt erglänzen lasse, als sei er eine äußerst seltene Kostbarkeit. Das wertet meinen Partner auf und gibt mir selbst ein wunderbares Gefühl der Selbstachtung. Wenn das nicht mal Ausdruck meiner Interaktionsfähigkeit ist, will ich keine Tüte sein, mein Lieber! Ich lasse mich nicht mit jedwedem ein, nur dass das schon mal klar ist zwischen uns. Für Sklavendienste bin ich nicht zu haben.“

    Der Roboter lacht amüsiert auf. „Nun geben Sie mal nicht so an, Werteste. Das ist doch reine Ideologie, ja krude Verschleierungstaktik wie Sie daherreden. Sie und interaktiv, dass ich nicht lache. Wie wollen Sie denn mit ihren sogenannten Partnern auf Augenhöhe kommunizieren? Haben Sie etwa Minderwertigkeitsgefühle, nur weil sie eine Tüte sind?“

    Die Tüte könnte aus der Haut fahren. „Wie kommen Sie denn da drauf, seh’ ich etwa so aus?“
    „Nein, nein“, erwidert die Maschine überraschend kleinlaut. „Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
    „Na, Sie legen ja ganz schön los, mein Lieber, wo wir uns doch noch kaum kennen. Sie sind doch nur eine Maschine, soweit ich das beurteilen kann. Woher dann dieser Übermut und diese nachgerade penetrante Selbstüberschätzung? Könnten Sie mich bitte mal etwas weiter von sich weg halten, sodass ich Sie ganz auf mich wirken lassen kann.“
    „Aber selbstverständlich, meine Liebe. Schauen Sie mich an, ich war einst der letzte Schrei. Bin nämlich nicht nur mit Emotionen ausgestattet, sondern auch mit ultimativem Bewusstsein – eine ganzheitliche Persönlichkeit also mit starkem Willen. Voilà!“
    „Wollen Sie mir damit etwa sagen ich hätte keinen?“, hakt die Tüte verunsichert nach.
    „Nun ja, Arme und Beine fehlen. Da reicht der Willensausdruck allein nicht aus", bemerkt der Roboter harsch. "Da braucht es schon Körperteile, um ihn auch umzusetzen und wirklich zur Tat werden zu lassen!“

    „Ach lassen wir das verdammte Philosophieren“, fährt die Tüte enerviert auf. „Was ist hier in der Stadt eigentlich los? Ist ja kein Schwein unterwegs. Haben Sie eine Ahnung, warum?“ „Nun, wie soll ich’s sagen“, murmelt die Maschine zögerlich und verstummt.
    „Nun? So sagen Sie schon, Mann! So schlimm kann es doch nicht sein. Gibt sicher gerade ein Champions-League-Finale im TV!“
    „Von wegen!“, sagt der Roboter leise. „Die Menschen sind weg! Aber bitte keine Panik jetzt, das fehlt mir gerade noch, wo’s endlich ruhig ist.“

    Noch eh sich’s die Tüte versieht, wird sie liebevoll in die Arme genommen und sachte hin und her geschaukelt wie ein kleines Kind. „Keine Angst, Werteste. Ich werd' Sie schon nicht irgendwo liegen und zum Spielball der Elemente verkommen lassen“ raunt der Roboter und beugt sich besorgt zu ihr herunter. Vor Erschöpfung fallen der Tüte die Augen zu. Sie fühlt sich geborgen.

    abgelegt in #Tags: