• ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    Die Plastiktüte / 2
    22. August 2015

    Die Tüte zuckt zusammen: Kaum gelandet, hat sich auch schon irgendwer nach ihr gebückt und sie aufgehoben - mitten in der Nacht wie ein Himmelsgeschenk. Und das so unvermittelt rasch, dass sie’s kaum mitbekommt. Sie ist ja noch völlig beduselt. Die aberwitzige Eskapade, die der verfluchte Sturm ihr zugemutet hat, sitzt ihr noch in den Knochen. Sie wollte zwar immer schon hoch hinaus, aber muss man’s gleich wörtlich nehmen?

    Allmählich hellt sich ihre Stimmung auf. Glücklicherweise trägt man sie so wie’s einem Kaliber ihrer Art zusteht: Ruhig und aufrecht gleitet sie dahin wie eine Königin. Kein hässlicher Schlenker stört, kein unachtsamer Stoß bringt sie um den Verstand. Die Tüte kann sich nicht erinnern, je so behutsam, ja liebevoll umsorgt worden zu sein – sie schwebt im siebten Himmel. Langsam lässt auch die lästige Übelkeit nach, die sie in großer Höhe überfiel, und verabschiedet sich mit leiser, diskreter Flatulenz. Nur das Heulen des Sturms tobt ihr noch im Ohr. Aber sei’s drum, sie wird ja förmlich auf Händen getragen.

    Das kann nur ein Mann sein, da ist die Tüte sich sicher. Sie spürt es am Druck der Hand. Kräftig und entschieden als seien sie längst ein Paar. Ungeahnte Glücksgefühle durchströmen sie. Soll sie aufschauen zu ihm? Sie zögert. Nein, keinesfalls, der Holde könnte sie falsch verstehen. Besser sie wartet ab, bis er ihr Avancen macht. Etwas anderes ziemt sich nicht. Wonniglich lässt sie sich hängen und gibt sich ganz der Männerhand hin, die sie verführen will und blickt beiläufig an sich herunter. Hoffentlich hat sie der Sturm nicht unnötig zersaust. Aber mein Gott, was redet sie, sie ist ja unverwüstlich.

    Die befremdliche Stille um sie herum bemerkt sie erst jetzt. Irritiert blickt sie sich um – verdammt, die Straßen sind ja menschenleer. Kein Schwanz zu sehen. Und dies hier im Rotlichtmilieu wo sie zufällig gelandet ist.

    Die Tüte kennt das Viertel. Erst vorgestern Nacht – etwa um die gleiche Zeit – war sie hier einkaufen gewesen und hatte einer Tussi dabei geholfen, ihren neuen Vibrator nachhause zu tragen. In neutraler Verpackung, versteht sich, sie ist ja durchsichtig. Die Tussi hatte es verdammt eilig: rücksichtslos hatte sie sich einen Weg durchs Gedränge der Leute gebahnt, die aufgekratzt durch die Straßenschluchten zogen, und sie dabei so gemein hin und her geschleudert, dass ihr bald Hören und Sehen verging. Sie will nicht mehr dran denken – Tüte kann auch Fron bedeuten. Aber jetzt? Die Sache hier kommt ihr spanisch vor. Noch nicht mal ein Türsteher lässt sich blicken und lädt zum schnellen Vergnügen ein.

    Auch der Strom ist ausgefallen. Die Tüte fröstelt. Kurzschluss – in einem ganzen Viertel? Hier unten in den Straßenschluchten wirkt das verlassene Areal im fahlen Mondschein wie eine verblasste Schwarzweißfotografie auf Glas – ein durchsichtiges Niemandsland im Zwielicht. Übergroße bleiche Titten auf billigen Postern schimmern im Dämmer auf einmal zu ihr herüber wie die von Toten. Angewidert wendet sie sich ab, ihr wird es angst und bange. Ist sie etwa in einer Parallelwelt gelandet, deren Widerschein an die alte erinnert? Aber halt, da vorn wird’s heller. Erleichtert atmet sie auf. Da sind sicher auch Leute, denkt sie und glaubt schon Stimmen zu hören.

    Mit einem Mal wird angehalten – die Tüte durchfährt ein Höllenschreck. Einen Moment lang schwankt sie widerwärtig hin und her und versucht die Orientierung wiederzugewinnen. Ihr stockt der Atem: mutterseelenallein findet sie sich inmitten eines großen Platzes wieder, der im taghellen Mondschein anmutet wie das Reich einer längst vergangenen Schattenkultur.

    Urplötzlich fühlt sie sich nach oben schweben. So langsam und sanft, dass sie’s kaum bemerkt – ihr schlägt das Herz bis zum Hals. Welch wunderbare Avance des Geliebten, ihr die Chance zu geben, ihm zum allerersten Mal auf Augenhöhe begegnen zu dürfen. Hier unterm Vollmond und nicht im Dämmer des Rotlichtmilieus. Obwohl sie eine Tüte ist, will sie nicht einfach so genommen werden.

    Du lieber Himmel – die Tüte erschrickt zu Tode. Das ist kein menschliches Angesicht, das sie erblickt.
    Verdammt, wo sind die Augen?
    Und wo der Mund?
    Die Tüte kollabiert.

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