• TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 3KÖRPER
    30. März 2015

    Einst war der Körper die Landschaft der Gefühle.
    Heute ist er eine Wüstenei.
    Uns panisch Außenorientierten ist die Selbstwahrnehmung abhanden gekommen.
    Das Gefühl für den Körper.
    Wir haben uns aus dem Blick verloren.

    Das Selbstgefühl verkümmert.
    Die natürliche Empfindung, mit der sich der Körper uns mitzuteilen weiß.
    Und uns Ausdruck verleiht.
    Körperlichkeit, die Basis allen Ichs.
    Die Heimat der Instinkte, die uns zuweilen zu retten vermochten.

    Der stumme Körper - ein unseren Sinnen entzogenes Areal.
    Von wegen Selbstgewissheit, wir brauchen Hilfe.
    Am besten einen Körpernavigator.

    Wir müssen nicht lange suchen.
    Den gibt’s zuhauf.
    In allen Variationen und in jeder Preisklasse.
    Markt und Medien quellen über vor Angeboten, dem abhanden Gekommenen wieder auf die Sprünge zu helfen.

    Aber das Bild vom Körper das sie uns präsentieren ist kein natürliches. Wie sollte es auch?
    Eher gleicht es dem aberwitzigen Versuch, ihn technisch-mechanisch zu rekonstruieren und zum Marktkörper aufzurüsten.
    Ein perfide retuschiertes Phantombild des Abtrünnigen, aus Mutmaßungen und Lügen zusammengeklittert, aber mächtig aufgemöbelt.
    In Hochglanz um den Verlust zu kompensieren.

    Die krude Analogie zum klassischen Idealbild täuscht. Gegen die griechischen Statuen, die von Leben erfüllt und nachgerade beseelt erscheinen, wirkt der Marktkörper ausdruckslos und tot.

    Er hat keine Aura.
    Er ist nichts als Design.
    Das krude Zerrbild des einstigen Ideals.
    Zerstückelt in Einzelteile und im Setzbaukasten der Schönheitschirurgie sortiert. 
    Noch nicht mal ein Torso.
    Rilke. Archaischer Torso Apollos.
    „Du musst dein Leben ändern!“, lautet die letzte Zeile des Sonetts.
    „Du musst deinen Diätplan ändern!“, verstehen wir und stellen um.

    Argwöhnisch betrachten wir uns im Spiegel.
    Natürlich entsprechen wir nicht dem synthetisch stilisierten Ideal.
    Aber was heißt das schon?
    Gegen Geld ist alles zu haben.
    Körperkorrektur heißt das Zauberwort.
    Nebenwirkung: Böses Erwachen. Übelkeit, Entzündung und Depression.
    Aber was soll’s?
    Das Angebot ist schwindelerregend.
    Warum nicht größere Titten?
    Oder Kleinere.
    Einen größeren Schwanz?
    Warum nicht.
    Schönere Schamlippen?
    Also los.
    Diese Falten!
    Das muss nicht sein.
    Die Korrektur von Schlupflidern kostet kein Vermögen. Und das Straffen der Halspartie ist billiger als gedacht.
    Ein Klacks.

    Und wer sich’s leisten kann, kleckert nicht.
    Er lässt sich rund um erneuern.
    Um des perfekten Körper willen.
    Man sehnt sich nach Madonnas Nase und nicht nach der der Kidman.

    Der gefolterte Körper schrumpft.
    Er geht in die Knie, wird krank und verfault.
    Aus jeder Fratze aber kann ein Gesicht werden – ein Uniformiertes und Entstelltes allerdings, das ist der wahre Preis!

    Der Geldkörper kommt aus der Retorte.
    Er ist ein Konstrukt der Marketingstrategie, eines ihrer vielen Opfer.
    Und ebenso marktgängig wie die Pharmazeutika, die wir zusammen pantschen, um ihn vor allem Übel zu bewahren. Der Geldkörper soll leben.
    Im Trend sind Krankheiten die wir erfinden.
    Und ihm dann andichten.
    Was macht man nicht alles für den Körper?
    Krankheit und Körper gehören heutzutage eng zusammen. Das Augenmerk aber richtet sich aufs Kranksein, und nicht auf den Körper.
    Fitnesskörper und Burnout gehen durchaus zusammen.
    Und Brustkrebs und Silikon sind kein Widerspruch.

    Der zu recht gestylte Körper aber, das Phantomobjekt der Massenbegierde ist unerreichbar.
    Es ist und bleibt fiktiv.
    Eine körperlose Chimäre mit Körper.
    Ein Pleonasmus, der in sich zusammenfällt und granuliert, wenn man ihn zu berühren sucht.
    Mehr nicht.

    Der Geldkörper, ein Kriegschauplatz, auf dem sich Moden und Trends als Fronten gegenüber stehen und uns zermalmen.
    Cholesterin ja oder nein?

    abgelegt in #Tags: