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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 1
    02. Februar 2015

    Der Zustand, dem unsere Gesellschaft mehr und mehr verfällt, fordert nachgerade dazu heraus, zu reagieren – wenigstens mit Gedanken. Die sind ja noch frei, sollte man glauben. Aber der Ort sie auszutauschen – in Ruhe und Konzentration – ist schwerlich noch aufzufinden in unserer Gesellschaft. Denn das, was wir einst den öffentlichen Raum nannten, in dem der Diskurs über Wohl und Wehe der Gesellschaft sich manifestierte, die Art und Weise des Nachdenkens über Welt und Leben Gestalt annahm, Kontur erhielt und Widerspruch ermöglichte oder gar herausforderte, ist im Begriff sich gleichsam in Luft aufzulösen. Die selbstverantwortete Rede und Gegenrede, das offenherzige und vorurteilsfreie Abwägen der eigenen Urteile wie die der anderen, vor allem aber die selbstverständliche Achtung des Gegenübers geht uns als Haltung verloren – die Basis jeglicher Demokratie.

    Stattdessen hat das Private den entleerten Raum erobert, der zu einem grotesken Sammelsurium von Einzelbefindlichkeiten verkommen ist, die in Wahrheit niemanden interessieren. Mit dem blanken Exhibitionismus der Verzweiflung drängen die Menschen, welche die gesellschaftliche Perspektive ihrer Existenz nachgerade zwangsläufig aus den Augen verloren haben, in die Surrogate des Öffentlichen, das kein Kitt mehr zusammenhält – die sogenannten sozialen Medien sind nur ein Ausdruck davon. Demzufolge hat sich der Sinn fürs Gemeinwohl, vom Verlust natürlicher Solidarität ohnehin geschwächt, gleichsam ins Gegenteil verwandelt und feiert als endemische Egomanie die psychotisch durchsetzte Auflösung jeglicher Gemeinsamkeit, lässt so die innere wie äußere Leere unserer Lebenswirklichkeit erahnen – das Selfie lässt grüßen.
     
    Es herrscht Geplapper im Land. Ein Geplapper unendlicher Monotonie, durchsetzt von Besserwisserei, Arroganz, Defätismus, Shitstorm und Verschwörungstheorie – der ganz alltägliche Krieg, jeder gegen jeden: vulgär, brutal und oftmals beklemmend reaktionär, also gegen die natürliche Dynamik des Lebens und seiner Bedingtheiten gewandt. Kein Halt, nirgends.

    Alles fließt!, hat Heraklit vor ein paar Tausend Jahren erklärt, aber verstanden haben ihn bis heute wohl wenige. My home is my castle! klingt da schon vertrauter. Und Nach mir die Sintflut! hochaktuell.

    Von wegen Informationsgesellschaft! Wohl selten gab es in Relation zum Potenzial an Wissen so wenig Informierte in unserer Gesellschaft. Und das möglicherweise weniger aufgrund der Informationsflut von Banalitäten und Nebenschauplätzen, derer man sich vernünftigerweise nur durch Abstinenz erwehren kann. Sondern vielleicht eher aufgrund der wahrhaftig erschreckenden Tatsache, dass nicht wenige das Interesse, ja, die Lust am Leben zu verlieren scheinen. Vom seinem Sinn ganz zu schweigen.

    Kein Wunder, angesichts des gestanzten Lebens, das die Gesellschaft für ihre Bürger parat hält: die Kindheit, verdammt, eine einzige Galeere. Die Jugend verwöhnt oder hoffnungsenttäuscht oder längst abgehängt, verflucht. Das Erwachsenendasein eine einzige, krankmachende Überforderung. Wer soll da noch an Kinder denken, fatal. Das Altern im Pflegeheim – bitte lassen Sie mich mit dem Thema in Ruhe. Ich will gar nicht dran denken. Und der Tod ein Damoklesschwert und wahrhaft keine Erlösung von einem nicht gelebten Leben – wohin nur? Es ist nicht der Kopf, der schlapp macht, sondern das Herz.

    Eine deutlich spürbare Depression hat das Land ergriffen. Und die Politik Ratlosigkeit. Da wär’s doch das Beste, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues, wie Brecht einmal vorschlug.

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