• MIERDA
    MIERDA
    VIBRATISSIMO
    20. Oktober 2016

    Kürzlich hat eine US-Bürgerin den Hersteller ihres Vibrators verklagt. Dabei war die Frau von dem Kerl total begeistert und wohl auch vollauf befriedigt. Das wundert nicht, denn der Kerl ist praktisch wie ein echter. Und möglicherweise noch viel besser als der. Man muss ihm nur zuraunen, worauf man so steht. Und davor schreckt der echte vielleicht zurück?

    Aber trotz allem, der Kerl ist nun wahrlich kein Wunderknabe. Über Bluetooth mit dem Smartphone verbunden, sorgt eine App für seine tatkräftigen Dienste. Und das in jeder Hinsicht und ganz nach Belieben. Ohne Murren und falsche Scheu. Selbst die geheimsten Wünsche werden von ihm erfüllt, von denen man sonst nur ungern spricht ein zarter Wischer übers Smartphone und schon geht’s richtig los. Intensität und Muster der Stimulation – alles ist möglich, schwärmt der Hersteller. Der Kerl hat’s echt in sich.

    Um in den vollen Genuss seiner immensen Geschicklichkeit zu kommen, ist die aufrecht kniende Position wahrscheinlich die richtige: Dann sitzt die Reiterin fest im Sattel und hat ihre Hände fürs Smartphone frei. Sogar ein Beat-Modus steht ihr auf dem Display zur Verfügung wenn sie sich denn ganz dem Rhythmus ihres Lieblingssongs hingeben will. Wenn nicht, steht ihr stattdessen eine Playlist für ihre Lieblingsmodi zur Verfügung. Dann weiß der Kerl auf Anhieb, wohin die Reise gehen soll. Wer jedoch den Ritt ins Ungewisse bevorzugt wird den Touch-Modus wählen. So kann sich die Reiterin ganz dem Zufall hingeben der Kerl wird sie nicht fallen lassen. Dann fühlt man sich näher denn je, raunt der Hersteller. Der Kerl hat’s richtig drauf. Das muss man schon sagen!

    Wer aber einen flotten Dreier will, muss nicht gleich klein beigeben. Auch der ist immer drin! Die Reiterin muss nur das We-Connect Feature aktivieren und die Sache ist geritzt. Dann kann der echte Partner dem Kerl mal so richtig den Marsch blasen. Vorausgesetzt, er hat sein Smartphone zur Hand und verfolgt den Akt so hingerissen und wollüstig als wäre der Kerl sein Kerl.

    Sollte der Partner jedoch im Ausland weilen muss der Ritt nicht gleich abgeblasen werden. Der kann ja dann übers Smartphone von seinem Hotelzimmer aus den Ritt betreuen und der Reiterin auch aus der Ferne so richtig auf die Sprünge helfen. Play together – even when you are apart, verspricht der Hersteller. Die App hierfür ist gratis.

    Aber dennoch dreht die Frau jetzt komplett durch. Allerdings beileibe nicht so, wie man sich vorstellen könnte, sondern aus ganz anderen Gründen: Sie will nämlich herausgefunden haben, dass ihre ausschweifenden Ausritte an den Server des Herstellers übertragen wurden. Allerdings nicht deshalb, weil der Chef des Unternehmens ein Voyeur wäre, sondern einzig und allein aus dem Grund, ihre ekstatischen Aktivitäten professionell zu registrieren und auszuwerten.

    Ja und, möchte man fragen? Die Frau hat sie doch nicht alle. Wozu ist eine App denn da, verdammt noch mal? Schließlich muss der Hersteller wissen, was läuft. Nur so lernt er und kann sein Produkt perfektionieren. Und das kommt letztlich nur der Reiterin zugute. Ist sie denn kein bisschen neugierig darauf, was die neue App ihr so alles verspricht? Vielleicht gar ihre höchstpersönlichen Lieblings-Modi, die sie dann nicht mehr hektisch programmieren muss, wenn ihr nach einem Quicky zumute ist. Der Hersteller sollte diese Idee unverzüglich in die Tat umsetzen, dann wird die Enttäuschte ihre Klage auf der Stelle zurückziehen. Soviel scheint sicher!

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 7KRYPTISCHE KONVERGENZ
    17. Oktober 2016

    In der Gesellschaft rumort es – der Teufel ist los. Seit Wochen sorgen die eskalierenden Attacken der Rechtsradikalen für Zündstoff: Völlig enthemmt setzen sie Flüchtlingsunterkünfte in Brand, treiben Asylsuchende durch die Städte oder halten sie in Schach, und verleihen nun auch den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit mit ihren widerlichen Pöbeleien eine nachgerade gespenstische Note – die Haare stehen einem zu Berge. Eine Demokratie müsse das aushalten, kommentiert ein Politiker furztrocken und beglückwünscht gleichzeitig die Dresdener Polizei, die nicht davor zurückschreckt, per Megafon der radikalen Menge noch „einen erfolgreichen Tag“ zu wünschen. Aber dennoch, die skandalöse Anbiederung scheint der Polizei nicht viel zu nützen, auch sie gerät ins Visier der radikalen Meute. Wenige Tage später versucht eine teils vermummte Gruppe von Neonazis in Magdeburg, eine Wache der Bundespolizei zu stürmen, um einen der ihren zu befreien, der festgenommen worden war, nachdem er einen harmlosen Passanten am Hauptbahnhof angegriffen und übel am Kopf verletzt hatte.

    Der entfesselte Hass der völkischen Bewegung erfasst auch zunehmend die einst so braven Bürger – endemisch wie eine böse Infektion. Sie durchlöchert ihr Hirn und enthemmt die unterschwelligen Existenzängste, die sie charakterisieren und umtreiben und lässt diese als unverhohlenen, aber ohnmächtigen Zorn auf ein System niederprasseln, das sie jahrzehntelang mit ungeheuerem Wohlstand vollstopfte, nur um sie zu domestizieren und bei Laune zu halten. Allerdings um den fatalen Preis horrender Verschuldung, an der es jetzt – von Krisen gebeutelt – zu kollabieren droht und für nichts mehr garantieren kann: Der Staat geht in die Knie und die Bürger drehen durch wie verwöhnte Rangen. Demokratie funktioniert nur im Wohlstand könnte man meinen.

    Die Politik versagt! wettern die Bürger. Und das beileibe nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern so laut und impertinent, dass einem angst und bange werden kann. Verrat am Volk! stimmen die Rechtsradikalen ein und wittern Morgenluft. Wir sind das Volk! – ein höllisches Unisono durchdringt den öffentlichen Raum. Offenkundig machtlos und mehr als überfordert, kündigt die Politik jetzt Steuersenkungen an. Das einzige, was ihr angesichts des Debakels noch einzufallen scheint. Fütterung der Kopflosen – der Versuch am untauglichen Objekt.

    Auch die Jugendlichen werden vom um sich greifenden Vandalismus affiziert – Randale steckt an: Blinde Zerstörungswut ist für abgehängte, vom Leben im Stich gelassene Jugendliche ein mehr als willkommenes Ventil, um sich vom trostlosen Alltag zu befreien und sich endlich Luft zu verschaffen. Die Schleusen sind geöffnet: In Sachsen gehen Jugendliche, rechte Parolen grölend, auf syrische Flüchtlingskinder los, bedrohen sie mit Messern und schlagen blindwütig auf sie ein. Die Opfer sind fünf, acht und elf Jahre alt. Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt! grölen die Alten, die Jungen stimmen ein.

    Was kommt als nächstes? In Sachsen-Anhalt ist ein Mann aus Liberia in seinem Haus attackiert worden. Zwei stark alkoholisierte Männer, bewaffnet mit einem Schlagstock und einem Schlagring, griffen den 44-Jährigen am Donnerstag in Merseburg an. Die Rechtsradikalen hatten zuvor an der Haustür geklingelt. Die 47-jährige Lebensgefährtin des Afrikaners und ihr fünfjähriger Enkel wurden bei der Attacke ebenfalls verletzt. Alle drei Opfer kamen ins Krankenhaus. Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt!

    Beinahe hätte der rechtsradikale den islamistischen Terror vergessen lassen. Jetzt aber wurde ein 22-jähriger Syrer, der offensichtlich mit dem IS in Kontakt stand, in Leipzig festgenommen. Er hatte vermutlich einen Sprengstoffanschlag auf einen der Berliner Flughäfen geplant. In Chemnitz hatte er sich zwar dem Zugriff der Polizei noch entziehen können, als er aber auf der Flucht im Leipziger Hauptbahnhof einen nichtsahnenden Syrer fragte, ob er bei ihm übernachten könne, hatte der Ahnungslose ihn zu sich nachhause eingeladen, dann aber aufgrund eines Fahndungsfotos erkannt, überwältigt und gefesselt an die Polizei übergeben. Ob der wagemutige Syrer damit aber den Fluch Alles Terroristen! von den Asylsuchenden nehmen kann, darf mehr als bezweifelt werden. Sein Ausruf Wir konnten beweisen, dass wir nicht so sind wie er! wird ihm und den anderen Flüchtlingen nichts nutzen. Der blinde Terror steckt tief in den Köpfen fest. Wie sollte man da mit den Vernagelten noch reden können?

    Das zeitlich und räumlich eng begrenzte Aufeinanderprallen der scheinbar so antagonistischen Radikalismen lässt erneut deren mentale Nähe erkennen, die sie im pseudoreligiös unterfütterten Wahn von einem immerwährenden Gottesstaat auf fatale Art und Weise verbindet. In diesem mystifizierten Heilsversprechen liegen beider Ideologien begründet und offenbaren dergestalt ihre alles vergiftende gemeinsame Wurzel – Wahlverwandte im Wahn.
     
    Während die völkische Bewegung vorgibt, für ein ewiges christlich-germanisches Abendland zu kämpfen, hängt der Islamismus der Illusion nach, ein Kalifat wie zu Mohameds Zeiten zu errichten, das alle Zeiten überdauert. Beides atavistische Phantasmagorien mystisch schillernder Reiche einer dunklen Vergangenheit, geprägt von Unterdrückung, Folter und abgründigem Hass auf Andersdenkende oder Andersgläubige jeglicher Couleur. Angst und Tod verbreitende Wahngebäude, die das politische Klima mit dem Gebot völkischer Reinheit verpesten und auf totale Gleichschaltung abzielen. Geboren aus dem tödlichen Hass auf ein Leben, das dank seiner Vielfältigkeit zwar ungeahnte Freiheit verspricht, den Enttäuschten und Beleidigten jedoch abhanden gekommen ist, gleichsam in ihm verloren. Aber wieder erstarkt im irren Glauben an finstere Reiche finden sie vermeintlich neue Identität, die sie zum irren und finsteren Rächer stilisiert. Sich am Leben rächende Fratzen, denen die tränenlose Ohnmacht dem Schicksal gegenüber ins Gesicht geschrieben ist. Furchterregende Statthalter diktatorischer Terrorregimes, generiert aus einem Mix aus Minderwertigkeitsgefühlen und psychotischem Größenwahn.

    Es versteht sich gleichsam von selbst, dass beide Unterdrückungssysteme von Männern beherrscht werden. Treue, Pflichterfüllung, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit hingegen ist Sache der Frau. Im Islamismus hingegen bleibt ihr kaum noch eine Chance – hier ist sie zur völligen Aufgabe ihrer Identität gezwungen wenn sie denn überleben will. Bedingungslos hat sie sich dem Manne zu unterwerfen, einem wieder auferstandenen Ich eines martialisch wahnhaften Wesens.

    Hinsichtlich ihrer Jenseitsvorstellungen aber unterscheiden sich beide Horrorsysteme auf eklatante Art und Weise: Denn im Gegensatz zu den islamistischen Jenseitsfantasien droht der völkisch-christliche Gott mit Fegefeuer und Hölle, wenn man nicht zu den Auserwählten zählt – den Seligen, Gerechten, Barmherzigen und Gnädigen also, die sich im Diesseits der Gottesfurcht bedingungslos unterwerfen.

    Im Gegensatz dazu ist der Himmel des Islamismus ein hoch erotisch aufgeheiztes Paradies in dem die schönsten Jungfrauen auf die Gotteskrieger warten – mit schwellenden und wie Pfirsiche geformten Brüsten. Ein Jenseits also, das immerwährende sinnliche Entladung und Entgrenzung verheißt – die wahre Alternative zu einem verhassten Leben ohne Sinn und Erfüllung, das an sich selbst erstickt. Im Lichte dessen offenbaren die dunklen Kräfte, die sich im Selbstmordattentat orgiastisch entladen, deren wahren Charakter. Die ihnen innewohnende wahnhafte Gewissheit nämlich, mit der ekstatischen Rache am Diesseits gleichsam im selben Moment ewige Lust im Jenseits zu gewinnen – der Massenmord als sexuelle Erfüllung für alle Ewigkeit. Von solch einem Paradies können die Völkischen nur träumen.

    Furchterregende Zerrbilder steigen aus den Gräbern auf, eingehüllt in einen atavistisch schillernden Mantel erzreaktionär gestrickter Heilsgeschichten. Beinahe unmerklich verwischen sie die Bilder unserer entsinnlichten Realität und fordern uns heraus. Bilder des Terrors, von innen und von außen – der Wahn vom ewigen Reich. Die Zukunft als Sklaverei?

    Obwohl sich die Welt durchmischt, so unweigerlich wie ein evolutionärer Prozess, zerfällt sie doch zu gleicher Zeit. In erzreaktionäre Regimes. Ein Prozess, der längst begonnen hat. Die gerechte Strafe vielleicht für all’ die Kleinmütigen, die sich wegducken oder nur Spaß haben wollen. Mehr oder weniger mit den Ereignissen sympathisierend. Der Alltag als Übersprungshaltung.
    Wir Armen!

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  • MIERDA
    MIERDA
    DEATH BY GPS
    23. September 2016

    Verdammte Technologie – sie macht uns alle zu Laffen! Schleichend zwar, aber dennoch unaufhaltsam. Die Welt hat sich gegen uns verschworen: Auch der Technologie ist nicht mehr zu trauen, wie mittlerweile allem anderen auch. Selbst in so harmlose Dinger wie die Navis ist der Teufel gefahren. Statt uns sicher und problemlos zum Ziel zu geleiten, führen sie uns mit einem Mal in die Irre, zeigen uns – hinterhältig, wie sie offenkundig sind – falsche Strecken an und verwickeln uns in brenzlige, ja lebensbedrohliche Situationen, die zuweilen sogar tödlich enden. So landen wir Ahnungslosen mit unserem Auto in einem See, in dem wir sehenden Auges versinken und jämmerlich ertrinken. Oder werden in irgendwelche, von Gott verlassene Landschaften gelotst und verdursten in brütender Hitze, weil kein Handy funktioniert. Und auf der Autobahn, überraschend gutgelaunt zu einem Ausflug unterwegs, zwingt uns urplötzlich deren ach so neutrale Stimme zum sofortigen Wenden und bläst uns das Licht aus – vom Blech einer Massenkarambolage zerquetscht. DEATH BY GPS!

    Was sollen wir tun? Die Navis einfach abzuschaffen, wäre die blanke Katastrophe. Denn ohne es recht zu bemerken, haben uns die scheinbar so harmlosen Dinger total abhängig gemacht und uns den Orientierungssinn aus dem Hirn geblasen – folglich wären wir auf der Stelle verloren. Auch der dreiste Vorschlag von Experten, man solle Navis nicht einfach aus Bequemlichkeit automatisch einschalten, bevor man losfährt, sondern erstmal einen Blick auf die Landkarte werfen, ist völlig idiotisch. Wer kann denn heutzutage noch Karten lesen?

    Eines aber stimmt uns hoffnungsfroh. Tesla heißt das Zauberwort – ab morgen fahren die Autos von allein.
    Und wir sind aus dem Schneider!

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 6POKÉMON GO
    14. September 2016

    Wer gedacht hatte, die Bürger des Landes hätten sich für immer zuhause hinter ihren PCs verschanzt und partout keine Lust mehr, am öffentlichen Leben teilzunehmen, hat sich gewaltig getäuscht. Denn mit einem Mal drängen sie - zu Abermillionen, wie zu lesen ist - wieder auf die Straßen, so als hätten sie den ewigen Cyberspace gründlich satt und wieder richtig Lust aufs echte Leben draußen.

    Doch wer ihnen zufälligerweise über den Weg läuft, bemerkt rasch, dass der Schein trügt und wundert sich: Denn wie irregeleitet stolpern die Bürger durch den öffentlichen Raum, schauen nicht nach rechts oder links und scheinen keine Augen für ihre Umgebung zu haben. Stattdessen starren sie völlig besessen auf ihre Smartphones, die sie sich vors Gesicht halten, als suchten sie in ihnen nach etwas, das sich dem Blick des sie beobachtenden Zeitgenossen entzieht - Pokémon GO, des Rätsels krude Lösung.

    Eine Art Massenpsychose hat von den sonst so biederen, jetzt aber außer sich geratenen Bürgern Besitz ergriffen: GPS gesteuerte Opfer einer ausgekochten Unterhaltungsindustrie, der sie sich blindwütig unterwerfen, nur um endlich mal wieder etwas Spaß am sonst für sie so trist und leer gewordenen Leben zu haben. Und zwar in Form einer absurden Geisterjagd, draußen, auf freier Wildbahn gleichermaßen.

    Denn Pokémons, niedliche Fabelwesen der virtuellen Welt, sind unsichtbar und verdanken ihre Existenz einzig der Augmented Reality. Einer Technologie also, mithilfe derer die Tierchen auf dem Display der Spielwütigen ins reale Umfeld eingeblendet werden. So als würden sie tatsächlich Straßen, Plätze oder öffentliche Gebäude bevölkern. Bunt aufgemotzte Chimären einer zur imaginären Spielwelt erweiterten Wirklichkeit, die in den sonst so apathischen Bürgern auf einmal längst verschüttet geglaubte Jagdinstinkte erweckt, als streiften sie wie einst in grauer Vorzeit wieder durch die Savanne, um Beute zu machen und Nahrung zu finden. Der zum Idioten mutierte Bürger als Jäger und Sammler von Cybermonstern. Und praktisch blind für seine natürliche Umgebung - ein weiteres Indiz für die allseits zu beobachtende Regression des menschlichen Wesens: Die Evolution im fatalen Rückwärtslauf – die App von Nintendo macht’s möglich!

    Doch die mental Kastrierten haben Glück: werden die niedlichen Tierchen doch statt mit dem Speer oder Pfeil und Bogen durch fiktionale Ballwürfe zur Strecke gebracht. Mithilfe mehr oder weniger geschickter Wischbewegungen der Gamer über den Touchscreen, die - im Falle ihres Jagdglücks - mit Bonbons und Sternenstaub belohnt werden. Mit Sternenstaub wohlgemerkt – der blanke Hohn, wenn man bedenkt, dass selbst Gamer der kosmischen Materie ihr Leben zu verdanken haben. Ein Leben, von dem sich die im Cyberspace Gefangenen jedoch mehr und mehr entfernen - unfähig, ihr Leben auch wirklich zu leben.

    Kein Wunder also, dass man sich um die außer sich geratenen Bürger sorgen, ja um ihr Leben fürchten muss. Denn auf Pokémon-Hatz durch die Straßen unterwegs, haben sie alles um sich herum vergessen, ferngelenkt von ihren Smartphones wie Roboter.
    -   Auf Bahngleisen zum Beispiel, deren Streckenabschnitt gesperrt werden muss, um Schlimmeres zu verhüten.

    -   Auf Autobahnen, wo sie vom Höllenverkehr überrollt zu werden drohen wenn dieser nicht unverzüglich umgeleitet wird. 
    -   Auf Truppenübungsplätzen der Bundeswehr, während dort gerade Schießübungen mit scharfer Munition stattfinden und diese durch Platzpatronen ersetzt werden muss.
    -   Oder in Zoos, wo sie versehentlich in Tigergehege geraten und die wilden Tiere bereits die Zähne fletschen, bevor sie zubeißen.
    -   Aber noch nicht einmal beim Geschlechtsverkehr wollen die Gamer von ihrer Jagd ablassen und vergessen dabei zu verhüten – die Folgen haben sie selbst zu verantworten, da hilft ihnen keiner.
    -   Und wirklich übel kann es für sie ausgehen, wenn sie nächtens von ihrer Smartphone-App mithilfe sogenannter  Lockmodule in einsames Gelände gelockt werden und in einen Hinterhalt geraten. Dann ist es möglicherweise um sie geschehen.
    -   Das Allerschlimmste aber droht Kindern, die beim unschuldigen Spiel in die Hände fremder Mitspieler geraten. In den USA ist es bereits unter Aufsicht lebenden
    Sexualstraftätern strengstens untersagt, sich das Spiel herunterzuladen.

    Dennoch aber wird behauptet, dass Pokémon Go die mentale und physische Gesundheit von Gamern verbessert, die an Depression oder Sozialphobie leiden. Also heißt es laufen, laufen, laufen ... Das probateste Mittel, um Rückenschmerzen oder Übergewicht loszuwerden und letztlich sogar einem Herzinfarkt vorzubeugen, wie die Krankenkassen schwärmen „Es seien aber noch mehr klinische Studien notwendig, um definitiv sichere Rückschlüsse auf gesundheitliche Effekte (des Spiels) ziehen zu können“, ist zu lesen. Trotz allem aber gibt es unter der Hand schon Tipps für Gehfaule, das Handy einfach auf einen Staubsaugerroboter zu legen oder es an einem Haustier zu befestigen, wenn man sich auf virtuelle Jagd begeben will.

    Sozialer Sprengstoff jedoch birgt die Tatsache, dass Gamer aus sozialschwächeren Vierteln tolldreist in bessere Wohngegenden vordringen und die Unschuldigen dort in Bedrängnis bringen. In solchen Fällen wäre eine Zusatz-App der Gesichtserkennung dringend vonnöten. Für den Fall, dass Terroristen sich inkognito unter die Gamer mischen, und das Spiel weltweit verboten werden muss.

    Bevor das aber passiert, macht die Industrie noch schnell ihre Pokémon-Geschäftchen: In Japan kooperiert McDonald's bereits mit Nintendo. Denn vor jeder Filiale lockt ein sogenannter Pokéstop. So beweist das Spiel "eindrücklich, wie man heute mit wenig Aufwand große Kundenströme steuern kann", triumphiert das Unternehmen.

    Eine wirklich berückende Idee aber findet sich in einem Artikel der FAZ: Darin propagiert Adrian Lobe die Start-up App Bloom for Publishers. Sie zeige, „was Verlage von Pokémon Go lernen können“, schreibt der Journalist. „Sie bietet mobile Nachrichten vor Ort an. Das gibt Zeitungen die Chance, junge Leser zu erreichen. Einen Versuch wäre es wert, den Spielern analog zur Werbung personalisierte Nachrichten auf ihrem Smartphone zu schicken wenn sie vor einem historischen Gebäude oder einem Pokéestop stehen. Oder eine Meldung senden, was gerade um sie herum passiert“, steht da tatsächlich zu lesen. „Bloom hat die Idee in die Tat umgesetzt und einen Geolocation-Plugin für Verlage entwickelt“: Das ermögliche den Zeitungen, „genau festzuhalten, wo sich die Spieler gerade befinden – und dann werden die Geschichten (ganz einfach) zu ihnen gebracht.“ Es sei ein Pokémon Go für den Journalismus. „Die Nutzer können (nun) alles zu den verschiedenen Örtlichkeiten erfahren, was Zeitungen (ihnen) mitzuteilen haben. Denn die Leute sind sehr daran interessiert, was in ihrer Umgebung passiert. Eine große Chance, lokale Storys und Events näher an die Leser zu bringen.“ 
    Also los. Die Jagd auf die Pokémon-Jäger ist eröffnet. Weidmanns Heil!

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