• ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE / 1
    05. August 2015

    Eine Plastiktüte wirbelt einsam durch die sturmgepeitschte Landschaft, wird urplötzlich von einer heftigen Böe erfasst und weit nach oben in wolkenlose, schwindelerregende Höhen geschleudert. Über hoch aufragende Wolkenkratzer und abgrundtiefe Straßenschluchten hinweg, deren nächtliche Lichter zu ihr herauffunkeln wie Sterne. Bei dem aberwitzigen Treiben, dem sie völlig wehrlos ausgeliefert ist, kann sie bald zwischen oben und unten nicht mehr unterscheiden und wird von einem bösen Schwindelanfall übermannt. Überall sieht sie Sterne - der Tüte ist speiübel. Schon wähnt sie sich durch den Äther davonzufliegen und sich im Nirgendwo zu verlieren. Mein Gott, sie ist der Welt abhanden gekommen. Dagegen hatte ihre Stiefschwester in American Beauty einst leichtes Spiel, vor einer Mauer knapp überm Boden sachte vom Wind hin und her getragen. Die Tüte zögert: vielleicht hat sie ja auch Glück im Unglück und fliegt zu einer anderen Erde auf der es wohnlicher ist? Die zunehmende Hitze macht ihr zu schaffen. Sie hat Angst zu schmelzen und zu vergehen.

    Aber sei’s drum. Denn das, was gerade mit ihr veranstaltet wird, ist selbst ihr zuviel, obwohl sie durchaus hart im Nehmen ist. Ist sie doch eine von der wirklich starken und vornehmen Sorte: Also vollkommen durchsichtig, übergroß und absolut reißfest. Und ohne jeglichen Werbeaufdruck distinkt neutral. Mit ihr in der Hand muss sich keiner schämen. Außerdem käme kein Penner der Welt auf die Idee, in ihr seine Lebensmittel zu bunkern, die er - im Abfall wühlend - ergattert hat. Aristokratische Tüten tragen ihren Inhalt offen zur Schau und fordern nachgerade dazu heraus, behutsam mit ihnen umzugehen. Keiner wagt es, sie achtlos hin und her zu schleudern.

    Noble Tüten wie sie erhält man zum Beispiel am Airport. Dann nämlich, wenn man internationale Presse und Magazine und Bücher für einen Langstreckenflug eingekauft hat, weil man sich nicht langweilen will und partout keine Lust auf Videos oder Bordgespräche hat. Und just so war sie selbst vor Monaten auch in den Warenverkehr gelangt. Am Flughafen von San Francisco, um es genau zu sagen. Aber daran erinnert sie sich nur noch vage, denn das ist lange her – für eine Plastiktüte zumindest. Und ehrlich gesagt weiß sie auch nicht mehr so genau, wie der ältere Herr aussah, dem sie half, seine Magazine nebst drei Hardcoverwälzern und eine Menge Packungen Pfefferminzpastillen in die Erste Klasse zu bugsieren. Denn bald schon war sie in der Kabine fest eingeschlafen und erst in der Hand einer Stewardess wieder aufgewacht, die ihre Shoppingausbeute aus San Francisco in sie hineingepackt hatte, weil sie nicht mehr in den Koffer passte. Und seitdem war sie praktisch ohne Unterlass im Einsatz gewesen – tagsüber und auch nachts. Normalerweise landen Plastiktüten rasch im Müll. Kein Hahn kräht mehr nach ihnen. Sie aber war begehrt auf Erden. Und keiner sollte sich in Zukunft so schnell wieder von ihr trennen wollen, wie der ältere Herr, der sie von San Francisco aus in die Welt hinaus getragen hatte, dann aber hatte liegen lassen. Der Mann hatte sich offenbar für was Besseres gehalten.

    Etwas angesäuert schaut sie zurück zur Erde und atmet erleichtert auf. Ohne es recht mitbekommen zu haben, hat sich der Sturm wie durch ein Wunder gelegt. In ruhigen, weitgezogenen Kreisen schwebt sie sanft wieder der Erde entgegen als hinge sie sicher am Fallschirm.

    Urplötzlich wird sie aufgeschreckt. Hohnlachend ist ein großer schwarzer Vogel an ihr vorbei gezischt. Die Tüte wird rot. Sie schämt sich, keine Flügel zu haben. Für den Vogel muss sie ein jämmerlicher Anblick gewesen sein. So groß und doch so hilflos. Beinahe wäre sie mit dem Untier noch zusammengeprallt. Kein Wunder, man sieht sie ja kaum, sie ist ja durchsichtig. Eine Seele von Plastiktüte.

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  • TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 4
    09. Juni 2015

    In diesem Sommer wird die Revolution ausbrechen.

    Unweigerlich und weltweit. Ohne irgendwelche Vorzeichen wie aus heiterem Himmel. Die Menschenmassen werden auf die Straßen stürmen und die Mächtigen erzittern lassen, soviel ist sicher. Kein Staat der Erde wird sich dagegen zur Wehr setzen können. Es sei denn, er zensiert das Netz.

    Die Revolution wird nämlich im Internet stattfinden – als Computerspiel. Das scheint nur konsequent, haben sich Revolutionen in der Geschichte doch nicht selten als sinnlos erwiesen – wenigstens im Nachhinein. Die Frühlingsrevolution der nordafrikanischen Staaten zum Beispiel. Also verlegt man die Revolution nun ins Netz so als hätte sie dort eine Chance.

    RIOT. CIVIL UNREST – die italienischen Macher des Spiels haben von den Ereignissen auf dem Tahrir-Platz in Kairo gelernt und sogar „einige Aufstände aus erster Hand miterlebt“, wie sie dreist behaupten. Und jetzt meinen sie „etwas tun zu müssen, um all diese Erfahrungen auch für andere irgendwie greifbar zu machen.“

    Also Vorsicht vor den Usern, die an dem Spiel Gefallen finden werden. Oder vor den Schläfern, die durch diesen Spuk aufgeweckt, umgehend zuschlagen werden. Schließlich sind Computerspiele gefährlich, weil sie Reales und Virtuelles in den Köpfen durcheinanderwirbeln.

    Die Sorge aber scheint unbegründet, denn RIOT zeigt die Dinge aus einer übergeordneten Perspektive, so wird versichert: spielt man doch mit den aufrührerischen Massen ebenso wie mit der für die Sicherheit zuständigen Polizei. Wer Partei ergreift, wie sonst bei einer Revolution, hat schon verloren bevor er richtig angefangen hat. Wer sich jedoch aus allem heraushält und den Überblick behält, hat wirklich eine Chance. Zudem kann man sich so auch einmal in die Köpfe der Politiker hineinversetzen, die naturgemäß ein ganz anderes Bild von der Sache haben als der Mann auf der Straße. Also, Revolutionär und Polizei gleichzeitig in einer Person, wenn das mal keine echte Herausforderung fürs Multitasking ist.

    Der Spieler muss die Menschenmenge Steine oder Molotowcocktails werfen oder Barrikaden errichten lassen. Oder – wenn er denn waghalsig genug ist – sie ordentlich anheizen und gleich nach vorn in den Tumult schicken, wo er sie - je nach Wunsch, mit oder ohne Gewalt – ganze Stadtteile besetzen lassen kann, was, wenn’s denn klappt, schon mal richtig Punkte bringt. Wer aber die Sicherheitskräfte vergisst, hat keine Chance. Er hat von Anfang an verloren und kann einpacken.

    „Die Polizeikräfte können taktisch vorgehen, sie lassen sich kleinteilig navigieren und können spezifische Gegenmaßnahmen ausführen“, erklärt der Kommentar und beruhigt. Prügelattacken, Wasserwerfer, Rauchgranaten und scharfe Munition, das alles steht im Angebot. Nur Panzer fehlen. Das aber lässt sich ja noch korrigieren.

    „Korruption, Verbrechen und Macht haben eine ganze Generation unterdrückt“, heißt es im Trailer von RIOT. „Nach einem langen Kampf haben viele ihre Träume begraben, andere kämpfen weiter für eine neue Zukunft und können sich der Revolution anschließen.“

    Bacio della buona notte!

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    NEWS
    Peter Mussbach auf Wikipedia
    26. Mai 2015

    Eine ausführliche Vita von Peter Mussbach jetzt auf WIKIPEDIA: Regiisseur, Bühnenbildner und Autor.

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  • N
    NEWS
    BLUTHAUS
    Premiere am Saarländischen Staatstheater am 17. Juli 2015
    20. Mai 2015

    Bluthaus

    Oper von Georg Friedrich Haas
    Text von Händl Klaus

    Musikalische Leitung: Christopher Ward
    Inszenierung & Bühnenbild: Peter Mussbach
    Kostüme: Andrea Schmitt-Futterer
    Video: fettFilm
    Mit dem Saarländischen Staatsorchester

    In Kooperation mit den Wiener Festwochen

     
    © Ruth Walz

    Einer der erfolgreichsten Komponisten trifft auf einen der führenden Dichter. Das Produkt wird vom renommierten Regisseur Peter Mussbach auf die Bühne gebracht.

    Das Saarländische Staatstheater bringt in Kooperation mit den Wiener Festwochen die Uraufführung einer neukomponierten Fassung von »Bluthaus« heraus, das 2011 bei den Schwetzinger Festspielen von Presse wie Publikum gefeiert wurde.


    © Ruth Walz

    Nach dem Tod von Vater und Mutter möchte Nadja ihr Elternhaus verkaufen. Gemeinsam mit einem Makler führt sie die Interessenten durch die Räume. Nachbarn treten hinzu, und allmählich entschleiert sich ein grausames Geheimnis: das inzestuöse Verhältnis des Vaters zu seiner Tochter.


    © Ruth Walz

    Dieses »Bluthaus« der Erinnerungen voller Schatten und Geister lässt unmittelbar an Alfred Hitchcocks »Psycho« oder Stanley Kubricks »Shining« denken. Auch die Musik von Georg Friedrich Haas schreckt keineswegs vor lautmalerischen Gesten oder dem Klangarsenal des Horrorgenres zurück. Sprachlich aufs Äußerste reduziert, spannt sie einen Bogen vom Sprechgesang bis zu unwirklich schönen Gesangspartien, naturalistischen Beschwörungen des Windes, pochenden Klopfzeichen, gleißendirisierenden Klangschichten und dunklen orchestralen Farbbändern.

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