• Aus dem Buch
    Buch 2: DER SCHREI - Film zum Film
    Verschränkung
    aus dem Kapitel THE TRUTH
    27. Oktober 2014

    Der Zauberschlüssel zum Quantencomputer  war die Quantenverschränkung. Ein derart mysteriöses Phänomen, dass selbst Physiker enorme Schwierigkeiten hatten, sich darunter wirklich etwas vorstellen zu können. Einstein hatte sie eine spukhafte Fernwirkung genannt und einen Riesenbogen um das Phänomen gemacht.

    Verschränkung  bedeutete, dass Quanten wie Photonen oder Elektronen sich auf wundersame Weise so inniglich verbinden konnten, dass sie in ihrem Verhalten absolut identisch wurden wie zwei superperfekte Synchronschwimmer: Was der eine machte, machte der andere, absolut synchron, also gleichzeitig. Und das, obwohl die Teilchen tausende von Lichtjahren voneinander entfernt durch den Kosmos schossen. Eine magische Energie ließ sie sich paaren und verlieh ihnen einen völlig identischen Puls. Würfelte das eine Elektron mit drei Würfeln eine 1, 3 und 6, dann hatte das andere im selben Moment dieselben Zahlen geworfen. Aus zwei Elektronen war mit einem Mal ein Elektron zweimal geworden. Eine Art Doppelgänger, der sich exakt so verhielt wie der andere. Patrik erschrak, als er sich plötzlich neben sich sah, weil er sich im Plexiglas der Nasszelle spiegelte.

    Der geheimnisumwitterten Allianz hatte der Physiker Erwin Schrödinger 1930 den Namen Verschränkung  gegeben. Patrik war völlig aus dem Häuschen geraten, als er erstmals von ihr erfuhr. Im Zusammenhang mit dem Quantencomputer natürlich. Vor zwei Jahren, als er gerade zu Anonymous gestoßen war und ihm sein Hackerkollege Sabu von LulzSec von der Verschränkung  erzählt hatte. Seit einem halben Jahr etwa hatte er sich wesentlich konkreter mit dem Phänomen auseinandergesetzt, da hatte er die Dateien der IARPA gehackt und in der Folge deren Arbeit am hochgeheimen Quantencomputer ausspioniert.

    Verschränkung  – automatisch hatte er Liebe assoziiert, als er das Wort erstmals hörte. Da wurde ja auch aus zweien schnell mal eins, vor allem wenn es blitzte und Hals über Kopf geschah.

    Worin dieser mysteriöse Informationsaustausch gründete, war völlig unklar. Die Physik rätselte und forschte mit Hochdruck. Neulich hatte Patrik ein Interview mit Nicolas Gisin gelesen, der mit Kollegen in einem Genfer Labor versucht hatte, die Geschwindigkeit der spukhaften Fernwirkung zu messen. Die Physiker kippten aus dem Sessel, als sie sich über ihre Messergebnisse beugten: 10.000 mal schneller als Licht war die Geschwindigkeit dieses sogenannten Informationsaustauschs. Sie bewegte sich im nicht mehr messbaren Bereich. Die Instrumente versagten. Patrik hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. Da floss kein Strom zwischen beiden Teilchen, keine Energie, die tausendmal schneller war als Licht, das sie verschränkte, da war sich Patrik instinktiv sicher. So schnell war keine Information auszutauschen, wenn sie bei beiden Teilchen gleichzeitig ankommen sollte. Gisin hatte Recht, wenn er behauptete, dass jede Theorie, welche die Quantenverschränkung mit einem Übermittlungsmechanismus zu erklären versuchte, selbst wahrhaft spukhaft sei. 

    Plötzlich kam Patrik der Starenschwarm in den Sinn, den er als Kind mit Robert auf einem ihrer Streifzüge durch die Natur in Maine beobachtet hatte: Tausende Vögel waren da am Himmel herumgeflogen, aber alle wie einer. Jeder Vogel dieser magischen Wolke, die am Himmel permanent ihre wabernde Form veränderte, war in identischer und synchroner Bewegung begriffen, als steuerte sie eine Geisterhand. Patrik war es vorgekommen, als wären es nicht die Vögel, welche die pulsierende Wolke bildeten, sondern vielmehr die Energie der Wolke selbst, die den Schwarm synchron bewegte. Er hatte nicht mehr wegschauen können und war noch Minuten später völlig entgeistert durch die Landschaft gestolpert. Mein Gott, jetzt erinnerte er sich: Robert hatte ihm erklärt, es sei die Verschränkung, die sie da gerade beobachtet hatten. Einen Augenblick habe die Natur ihnen eines ihrer ewigen Rätsel offenbart. „Die Vögel sind verschränkt“, hatte ihm Robert gesagt, er aber kein Wort verstanden und es bald vergessen. Patrik drehte das Wasser so kalt, wie es ging. Er war völlig aufgewühlt. Die Welt der Quanten war wahrlich ein Universum voller fantastischer Rätsel. Am besten gab man alle Vorstellungen aus der bekannten Welt an der Garderobe ab, bevor man sich in dieses Paralleluniversum  vorwagte, in dem sich so unglaubliche Dinge ereigneten.

  • Lesung
    Novelle 1: CHRISTL / Video
    Christl Kapitel 12/ 1
    von Peter Mussbach
    25. Oktober 2014

    gelesen von Peter Mussbach

    „Warum lädst du keine Seelen ein? Immer nur Körper in der Sendung, das wird auf Dauer langweilig. Du brauchst Erfahrungsaustausch mit deinen Schicksalsschwestern. Du weißt doch, dass du mit deinem Los nicht allein auf der Welt bist, denke doch nur an die tausende Briefe, die dir heimatlose Seelen geschrieben haben. Gib jetzt nicht auf, ich beschwöre dich! Hol dir Rat beianderen Seelen. Stell dir vor, es ginge mit dir zu Ende und du könntest deinen Körper nicht mehr finden, nur weil du mit anderen schon unter der Erde liegst.“

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  • Lesung
    Novelle 1: CHRISTL / Video
    Christl Kapitel 11
    von Peter Mussbach
    18. Oktober 2014

    gelesen von Peter Mussbach

    „Mumien sind Körper die nie aufgeben und unbeirrt nach ihrer Seele suchen – wenn es denn sein muss, auch lange über den Tod hinaus, Körper also mit schier unmenschlichem Mut sind sie, diese Mumien – aber wollen Sie mich nicht etwas Heitereres fragen?“

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  • Lesung
    Novelle 1: CHRISTL / Video
    Christl Kapitel 10
    von Peter Mussbach
    11. Oktober 2014

    gelesen von Peter Mussbach in 13 Kapiteln

     

    "Nicht wenige Seelen bekunden, sich bislang nie an die Öffentlichkeit gewagt zu haben, weil sie fürchten, von anderen zunichte gemacht und für verrückt erklärt zu werden."

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