• Texte
    ANTHROPOZÄN
    Augenblick
    24. November 2014

    Oh Haupt voll Blut und Wunden. Der Augenblick des Chorals ist jedes Mal aufs Neue ungeheuerlich. Jener also, der in den Passionen Bachs die hochdramatische Erzählung vom Leiden Christi wie aus heiterem Himmel immer wieder unterbricht und zum Stillstand bringt, das irdische Geschehen der Zeit enthebt und für Momente Ewigkeit erahnen lässt.

    Religiöse Menschen verspüren in solchen Augenblicken
    Trost, der allerdings Kniefall und Demut einfordert. Und bauen auf einen Gott, dem sie sich willig unterwerfen, weil er für sie gestorben ist. Und natürlich ist es ihre Stimme, die der Gemeinde nämlich, die sie im Choral zu vernehmen glauben – es singt und weint und bangt wie sie: Oh Haupt voll Blut und Wunden.

    Aber ist dem wirklich so? Oder ist der Choral nicht vielmehr ein nachgerade physikalisches Ereignis? Und beileibe kein Ort des Bedeutsamkeitsschwangeren, der dem inständigem Drängen nach Sinn Unterschlupf und Heimat böte. Nein, ganz im Gegenteil. Denn unversehens weitet der Choral den Raum, verwischt jegliche seelische Kontur und gibt uns dem Endlosen preis. Gleichermaßen der Schwerkraft enthoben, befreit sich Empfinden von Sinn. Und wer dann noch den Mut hat, den Blick zurück zu wagen, erkennt die Erde, auf der wir uns nicht einzurichten vermögen – Ecce Homo.

    Dieser ungeheuerliche  Perspektivwechsel aber ist weder sorgen-, noch kummervoll, sondern – erschreckender Weise auch hierin reine Physik – gänzlich neutral: Das Endliche verschränkt sich mit dem Unendlichen. Und eine ganz andere Art von Trost steigt auf, denn auch das Universum ist sterblich.

    Aber wer singt da?
    So einfach und klar.
    Vierstimmig und homophon.
    Vier  wie die Jahreszeiten.
    Oder die Elemente.
    Demokrit hat uns überliefert, dass alle Materie belebt sei.

    Der Choral ein Vibrieren des Gesteins?
    Das bloße Schwingen der Luft?
    Der Klang des Himmels bei sich andeutendem Abendrot?
    Oder die Tränen allen Wassers?

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  • Lesung
    Novelle 1: CHRISTL / Video
    Christl Kapitel 13
    von Peter Mussbach
    08. November 2014

    gelesen von Peter Mussbach

    „Ich eine künstliche Seele aus der Retorte, das wollen wir doch mal sehen!“, lacht Christl ausgelassen, eingezwängt zwischen bierselig aufgeheizten und grölenden Körpern. Die Blaskapelle spielt auf. Und Christl trinkt und weint und lacht und trinkt.

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  • Aus dem Buch
    Buch 2: DER SCHREI - Film zum Film
    Bewusstsein / III
    aus dem Kapitel THE TRUTH
    04. November 2014

    Zwischen falschem und richtigem Bewusstsein wissen wir doch gar nicht mehr zu unterscheiden, weil wir in einem einzigen Bewusstseinsbrei stecken. Und der ist noch einfacher zu manipulieren als ein vermeintlich richtiges oder falsches Bewusstsein, denn es hat überhaupt keine Struktur, kein auch wie immer geartetes Gerüst mehr. Und somit ist es zum Schauplatz demagogischer Ranküne und ekelhafter Profitgier geworden. Und die halten es unter permanentem Feuerbeschuss. Denn nur derjenige, der Bewusstsein beherrscht, hat auch Macht.

  • Aus dem Buch
    Buch 2: DER SCHREI - Film zum Film
    Bewusstsein / II
    aus dem Kapitel THE LAB
    03. November 2014

    „Frederik hat recht“, unterbrach Sarah Forster. „Man sollte das Bewusstsein nicht überschätzen. Und man sollte mit ihm spielen, wie es mit uns spielt.“
    „Ach so? Wie soll ich das verstehen?“
    „Das Bewusstsein ist keine objektive Größe. Es zeigt uns nicht die Welt, wie sie ist. Es zeigt uns die Welt, wie wir sie sehen sollen, damit wir nicht in Panik verfallen und die Orientierung verlieren, sonst wären wir verloren. In diesem Sinne ist es vor allem eine Schutzfunktion, die aber in ihrer offenkundigen Begrenztheit vorsichtig erweitert werden kann. Da sind Schätze zu heben in unseren Köpfen. Und dabei geht es nicht um Manipulation, sondern um die positive Entfaltung zerebraler Kapazitäten.“
    „Ist ja interessant! Und wie funktioniert die Erweiterung des Bewusstseins, Sarah, rein praktisch, meine ich“, fragte Patrik und versuchte ihrem Blick standzuhalten.
    „Gute Frage! Wollen Sie’s mal ausprobieren?“
    „Warum nicht?“
    „Ein kleines, harmloses Experiment, Sie werden staunen.“
    „Na dann mal los!“
    Frederik packte Patrik entsetzt am Arm und riss ihn herum.