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  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    DENKEN
    17. Mai 2018

    Die KRISE DES DENKENS beschäftigt nun auch die Denker selbst. Die deutsche Philosophie sei mittlerweile völlig unbedeutend und hätte an „internationaler oder auch nur interdisziplinärer Strahlkraft“ verloren, schreibt Wolfram Eilenberger in der ZEIT („Wattiertes Denken“) und stellt seiner Zunft damit ein vernichtendes Zeugnis aus: „Die universitären Denkathleten sind alle bestens trainiert, extrem karriereorientiert und können philosophisch genau das, was der ARD-Fußballexperte Mehmet Scholl unlängst in einer kontroversen Stellungnahme der neuen Generation von Fußballprofis und Bundesligatrainern vorwarf, nämlich, wenn nötig auch im Schlaf 18 Systeme rückwärts furzen“, erregt sich der Autor. „Nur ansehen beziehungsweise lesen will das gerade in der Philosophie kaum noch jemand. Weil dort ‚auf dem Platz’ einfach nichts geschieht, was irgendeinen wachen Geist wahrhaft interessieren, geschweige denn faszinieren würde. ... Was dort abgehandelt wird, interessiert buchstäblich keinen Menschen. Nicht außerhalb der Zunft, nicht innerhalb“.

    Welches Denken es aber wäre, das einen wachen Geist gegenwärtig faszinieren könnte, lässt Eilenberger leider offen, obwohl er seinen Philosophiekollegen thematisch eine Steilvorlage bietet: „Die Digitalisierung revolutioniert den Diskursraum, die Gentechnik greift in die Grundlagen der Schöpfung ein, die künstliche Intelligenz tief in unser Selbstbild, der Klimawandel fordert globales Umdenken, Ökonomie wie Physik befinden sich in einer schweren Grundlagenkrise, während das Wissen um die Weite und den Reichtum des Universums in einer Weise explodiert, die unsere Stellung im Kosmos abermals fraglich werden lässt. Die Welt ist in Bewegung, die kantische Urfrage "Was ist der Mensch?" virulenter denn je“, so der Philosoph.

    Die Welt im Chaos – so könnte man Eilenbergers Themenliste grob zusammenfassen. Wohin der Mensch auch blickt, von allen Seiten sieht er sich von Krisen umzingelt, die mittlerweile nahezu alle Entitäten seiner Lebenswirklichkeit erfasst haben. Aber auch mit ihm selbst scheint es nicht viel besser zu stehen: sein Selbstverständnis ist gehörig ins Wanken geraten, und das beileibe nicht erst seit heute, wo ihm die künstliche Intelligenz den letzten Funken Verstand zu rauben scheint.

    Wie besessen arbeitet er sich an perfide gestylten Selbstverwirklichungsprogrammen ab, mit denen die Konsumindustrie ihn überschüttet, und versucht dabei hilflos aber verbissen seiner angegriffenen Individualität wieder auf die Sprünge zu helfen: mit ultimativen Diätkuren vor der Badesaison und schrillen Tattoos, um das Maß voll zu machen. Oder, je nachdem wenn’s denn sein muss, mit garantierter Penisverlängerung oder kosmetisch perfekter Vulvakorrektur als letztem Schrei, um für den nächsten One-Night-Stand entsprechend gerüstet zu sein. Stets muss der Körper dran glauben, er scheint das Einzige, was dem Ratlosen noch geblieben ist. Seine Seele hingegen bleibt außen vor, hat er doch den Kontakt zu ihr verloren, alleingelassen kümmert sie vor sich hin. So wundert es nicht, dass der tief Verunsicherte mit seinem genormten Body schon rein äußerlich einem massenhaft geklonten Wesen gleicht, dem seine Besonderheit mehr und mehr zum Stigma wird. Andere aber haben längst resigniert und verfetten hoffnungs- und empfindungslos in ihrer gedankenleeren Pampa.

    Der physischen Uniformität entspricht die endemisch um sich greifende Mentalitätsverflachung, die viele ob ihrer seelischen Verarmung nachgerade zwangläufig ereilt und sie immer geistloser und verhärteter werden lässt, von ihren verwirrten Empfindungen zu den Extrempolen ihrer Affekte hin gedrängt. So stehen sich zwei unversöhnliche, psychisch hoch aufgeladene Gruppierungen gleichsam antagonistisch gegenüber: Geprägt von vulgärem Neid, hasserfüllter Häme und faschistoider Randale auf der einen und von verspießtem Hypermoralismus, zwanghafter Verhaltensmaßregelung und duckmäuserischem Gebaren auf der anderen Seite, die das gesellschaftliche Miteinander in eine hysterisierte Zweiklassengesellschaft aus Systemverächtern und Systemadepten auseinanderzureißen droht, und das nicht aus politisch-sozialen, sondern allein aus neurotischen Gründen. Allein in diesem Phänomen gründet wohl die brisante Tatsache, dass viele Menschen in ihrem Verhalten immer verrohter und unberechenbarer werden, was zur Schwächung der demokratisch-gesellschaftliche Strukturen führt und diese mehr und mehr zerbröckeln lässt. Kein Wunder also, dass das Autoritäre sich allenthalben rüstet, das Ruder zu übernehmen, schließlich sind die Zwangsmoralisten und Reaktionäre gesellschaftlich in der massiven Überzahl. Die Emotionen laufen Amok und zersplittern das Denken – der Mensch fährt aus der Haut!

    Der öffentliche Diskurs ist einer digitalen Kampfzone gewichen, in der sich erhitzte Gemüter wutschnaubend Luft verschaffen, sich gegenseitig mit üblem Verbaldreck beballern und sich dabei auch noch gegenseitig zu überbieten versuchen. Eilenbergers Anmerkung, die Digitalisierung revolutioniere den Diskursraum, erscheint in diesem Zusammenhang nachgerade euphemistisch. Nein, ein besinnungsloses Scharmützel durchzieht den digitalen Raum, das den anderen, die Gesellschaft oder gar den Staat in die Knie zu zwingen versucht, und inzwischen bereits mit voller Wucht ins Alltagsleben überschwappt, wo allein schon der Versuch eines gemeinsamen Austauschs schnell zur Farce verkommen kann. Hinter der verzerrten Fratze von Häme, Hass und Gewaltandrohung aber steckt in Wahrheit die blanke Angst, die nämlich, trotz aller Mühen und Plagen (mit oder ohne Psychopharmaka) Opfer eines gnadenlosen Konkurrenzkampfs zu werden und unwiederbringlich durch die Ritzen des Systems zu fallen.

    Gegenwärtig wird diese Existenzangst allerdings von der diffusen Angst vor Migration vehement überlagert, die sich als vermeintliche Bedrohung von Außen geradezu wahnhaft in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, und sie glauben lässt, ihr Land werde bald von Flüchtlingen überschwemmt und der hart erkämpfte Wohlstand von diesen dann völlig zunichte gemacht: Solcherart versöhnt die Angst vor Migration die Menschen mit ihrer Existenzangst angesichts einer unerbittlichen Ökonomie, die sie zwar längst zum Objekt ihrer alles nivellierenden Interessen hat verkommen lassen, was diese aber – ob der existentiellen Gefahr, die jenseits der Landesgrenzen lauern soll – völlig vergessen zu haben scheinen. Ein altbekannter sozialpsychologischer Mechanismus, dem sich vornehmlich Demagogen bedienen, um von den selbstverantworteten Krisen im Inneren abzulenken, was – wie man weltweit beobachten kann – beängstigender Weise gut funktioniert.

    In diesem spezifischen Phänomen offenbart sich der evolutionsbiologisch uralte Charakter der Xenophobie, die immer noch in den Hirnen der Menschen schlummert und sie in grauer Vorzeit dafür wachsam sein ließ, ihr Territorium und dessen überlebensnotwendigen Ressourcen nicht an Eindringlinge zu verlieren. Eine Angst, die im Menschen offensichtlich immer noch jederzeit durch fadenscheinige politische Indoktringierung mobilisiert werden kann, was beweist, wie ohnmächtig dessen Vernunft ihren atavistischen Anlagen gegenüber ist, die seine Vorahnen einst entwickelten, um ihr Überleben zu sichern. Auf diese überkommenen Instinkte aber zu setzen, um zu reüssieren, entlarvt eine Politik, die nicht auf den aufgeklärten Menschen setzt, sondern auf das Primitive in ihm.

    In diesem Kontext erweist es sich als blanker Hohn, dass es durch eine ultramoderne Technologie wie der des Internets zur massenhaften Verbreitung solcher irrationalen Ängste kommt, die von dieser Maschine darüber hinaus auch noch erst richtig geschürt werden können. Ängste vor einem Phantom, das in den Köpfen der Menschen konkrete Gestalt und realen Charakter gwinnt. Eine bizarre Gegebenheit, an der sich die bittere Wahrheit veranschaulichen lässt, dass das Internet mittlerweile zu einer Art Buschtrommel verkommen ist, welche den niedrigsten Instinkten des Menschen massenhaft Vorschub leistet und diesen zu weltweiter Wirkung verhilft. Ein Tatbestand, der auf drastische Art und Weise veranschaulicht, dass es immerhin noch darauf ankommt, wie und wozu man ein Instrument (oder eine Maschine) bedient oder benutzt. So spiegelt sich im Internet das wahre Gesicht der Gesellschaft, die – einem fatalen, geradezu mystischen Schwenk ihrer Wahrnehmung unterlegen – tatsächlich vermeint, im virtuellen Schmutz ihrer Posts und Chats die Faktizität der Realität erkennen und beurteilen zu können, die sie – mit permanent gesenktem Kopf aufs Smartphone gerichtet – in Wahrheit längst schon aus dem Blick verloren hat. Legt die Smartphones weg! ruft www.stern.de und gibt acht Tipps für eine bessere Beziehung.

    Dem indoktrinierten Denken entspricht der verschleierte Blick: Je geringer der prozentuale Anteil Flüchtiger in einer Region, desto größer die Angst vor ihnen und ihrer vermeintlichen Überzahl. Die Verschiebung der Angst, abgehängt zu werden, hin zu der von Flüchtlingen überrannt zu werden und alles zu verlieren, zeigt sich eindrücklich anhand einer Auswertung von Umfragen der vergangenen Jahre, welche die Ökonomen Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt jüngst publizierten (1): Ihrer Untersuchung zufolge gäbe es keine andere Gruppe von Menschen in Deutschland, die Angst vor Zuwanderung hätten, als diejenige, die zugleich verbittert über ihr eigenes Schicksal wäre. Dies seien Menschen, so die Autoren, die glauben, nicht das bekommen zu haben, was sie verdienen. Beinahe jeder Zweite der Verbitterten wüte gegen Zuwanderung. Bei anderen sei der Anteil nicht einmal halb so hoch.

    Während das kapitalistische System Mobilität, Flexibilität und bedingungsloses Funktionieren vom Menschen einfordert und ihn zappeln lässt, ruft dieser nach Sicherheit, Ordnung und Sitte und schickt sich mit eingezogenem Kopf in sein Schicksal. Sein nachgerade wahnhaft im Kreise sich drehendes Denken ist auf einen autoritären Code hin fixiert, der ihn in seiner kognitiven Blase mental gefangen hält, die den Filterblasen, die er im Internet produziert, bis aufs Haar gleichen – ein digital vergifteter Humus, auf dem Verschwörungstheorien und Fake News wunderbar gedeihen und schnell zur Wahrheit werden. Die Welt ist eine Scheibe! Wer dem zu widersprechen wagt, wird sein blaues Wunder erleben.

    Folgt man Eilenberger, so sind die strukturellen Analogien zwischen diesem substanzlos verwirrten Denken der Netzabhängigen und dem der gegenwärtigen Schulphilosophen frappierend und wahrhaft erschreckend. Denn auch deren Denken scheint sich gleichsam hinter geschlossenen Augen im Dämmer zu vollziehen, und ebenso mit einem rigiden institutionalisierten Code im Kopf versehen. „Tritt man einen Deutungsschritt zurück, ist das derzeit in der Zunft vorherrschende Niveau an Binnendeutungsartistik (i.e. Filterblasendenken) vor allem eines: ein Zeichen hoffnungslos ausgelaugter Forschungsprogramme und -fragen“, urteilt Eilenberger. „Die philosophische Qualifikationspublikation hat sich damit von allem entfremdet, was lebendiges und realitätsgesättigtes Denken ausmachen sollte“. Auch dieses Denken sei im Grunde nichts anderes als ein Denken über „vorgestanzte Fragen in vorgestanzter Sprache in das absolute Nichts“ hineinproduziert so der Philosoph.

    So leidet das Denken der Denkbeamten, Eilenberger zufolge, ganz offensichtlich ebenso an einem folgeschweren Verlust von Lebensneugierde und Realitätswahrnehmung wie das so vieler anderer in der Bevölkerung. Während das kastrierte akademische Denken aber niemanden mehr hinterm Ofen hervorzulocken weiß, wie Eilenberger konstatiert, findet das reaktionär-vulgäre Denken hingegen immer breitere gesellschaftliche Resonanz – eine wahrlich ernüchternde Umkehr der Verhältnisse mit der folgenschweren Konsequenz, dass das (sinnentleerte) philosophische Denken diesem nichts mehr entgegenzusetzen hat.

    Offenbar leiden auch die institutionalisierten Philosophenhirne an der sich gespenstisch ausbreitenden Mentalitätsverflachung, die sie Schablonen zusammenklittern und sie von stumpf verinnerlichten Reglements abhängig werden lässt. Aber „The show must go on!“ so Eilenberger. „Und mit welchem Ziel? Um, quasiindustriell, einen weiteren Jahrgang bestens benoteter und perfekt frustrierter Jungforscher stumpf durch das System zu jagen. ... Der zunftprägende Wille zum verstohlenen Konformismus mag nicht zuletzt selbst philosophische Gründe haben. Denn wer glaubt, dass es beim Denken um anschlussfähige Thesen anstatt wahre Einsichten, um diskursiven Austausch anstatt ereignishafte Aufbrüche, um Konsens anstatt um Kontrast geht, wird es sehr viel leichter haben, sich als Denkpersona innerhalb der öffentlichen Förderungslogik einzurichten“. ... Somit sei Wahrheit „eine Frage des Konsenses, Sprache vorrangig ein Mittel zur Kommunikation und Ethik eine Frage des (blinden) Diskurses“ geworden.

    Frustration und Konformismus statt Neugier und Vision – nicht zufällig sind den Philosophen Mensch und Welt  abhanden gekommen. Damit haben sie den Ursprung und Anlass all ihres Denkens verloren, und die  Dinge ihre Aura und Beredtheit. Der Mensch hat keine Anschauung mehr von ihnen. Die Bedeutung der Welt, die Erzählung von ihr im Mythos ist zum kleingeistigen Narrativ der Tagespolitik verkommen. Das Prinzip Hoffnung hat abgedankt.

    Der Mensch ist suggestibel und manipulierbar so wie er es schon immer war. Offenbar sieht er sich nicht in der Lage, seine atavistischen Instinkte und irrationalen Neigungen in sich abzustreifen oder sie gar zivilisatorisch in den Griff zu bekommen. Trotz all seiner Technologie scheint es ihm nicht zu gelingen seiner so heiß ersehnten inneren wie äußeren Freiheit einen wesentlichen Schritt näher zu kommen. Und viel schlimmer noch, vielleicht spürt er diese Sehsüchte ja auch nicht mehr und erwartet deshalb voller Sehnsucht Führung? Der Mensch fällt gegenwärtig evolutionsbiologisch weit hinter sich selbst zurück und verarmt mental, so als hätte es all’ die Anstrengungen in der Geschichte, aus ihm ein durchaus vernünftiges Wesen werden zu lassen, nie gegeben. Die digitale Mutation aber, die ihn offensichtlich ergriffen hat, beschleunigt dessen mentale Regression auf rapide Art und Weise und treibt ihn massenhaft der künstlichen Existenz zu, die ihn, wenn er nicht aufpasst, endgültig zum Krüppel degradieren wird.

    Vielleicht wäre es angesichts der ungeheuren Brisanz dieser weltumspannenden Entwicklung endlich an der Zeit, mit aller Anstrengung und Courage darüber nachzudenken, wie dem Menschen auf seinem Planeten noch zu helfen wäre, statt sich weiterhin mit der alten philosophischen Frage herumzuschlagen, was der Mensch denn eigentlich sei, worauf Eilenberger insistiert? Für Wittgenstein war es Ziel der Philosophie, „der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen“. Warum also sollte sie es sich dann nicht gegenwärtig zum Ziel machen den Menschen aus seiner selbstverantworteten Falle zu befreien?

    Der Mensch ist unberechenbar, und das wird er auch als Cyborg bleiben. Schließlich ist er es, der seine Maschinen programmiert und diesen damit unweigerlich auch den Stempel seiner Unzulänglichkeiten aufdrückt. Von wegen Deep Learning – der Mensch füttert seine Maschinen mit seinem Schund. So wird er es auch mithilfe einer künstlichen Intelligenz nicht schaffen, einen Ausweg aus seiner Misere zu finden. Der Mensch kann sich nicht entkommen, so wie er es gegenwärtig ebenso wenig vermag, bei Sinnen zu bleiben. Nicht die künstliche Intelligenz greift tief in dessen Selbstbild ein, wie Eilenberger meint, sondern das, dass er, davon völlig unabhängig, von sich selbst hat, in die künstliche Existenz. Dieses aber verblasst zusehends und wird vielleicht schon bald keines mehr sein.

    (1) Poutvara, Panu and Max Friedrich Steinhardt (2015): Bitterness. Bitterness in life and attitudes towards immigration. SOEPpaper Nr. 800

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    HOMERISCHES GELÄCHTER
    12. März 2018

    DER USER STEHT KOPF. IN ALEXA SEI DER BÖSE GEIST HINEINGEFAHREN, BEHAUPTET ER. VÖLLIG UNVERMITTELT LACHE SIE MITTEN IN DER NACHT LOS UND ERSCHRECKE IHN ZU TODE.

    DER USER SOLLTE SICH NICHT SO HABEN: SCHLIESSLICH BEHANDELT ER ALEXA JA SCHON, ALS OB SIE EIN DIENSTMÄDCHEN ODER EINE SCHLAMPE WÄRE, DER MAN’S NICHT ZWEIMAL SAGEN WILL.

    ALSO SOLLTE ER EHRLICH SEIN UND ZUGEBEN, DASS ER SEINE ALEXA SCHON MANCHMAL LEIBHAFTIG VOR AUGEN HATTE. BEISPIELSWEISE SPLITTERFASERNACKT DURCHS WOHNZIMMER HUSCHEND ALS WÜRDEN SEINE FEUCHTEN GEDANKEN REALITÄT. ODER IM COOLEN OUTFIT IHM GERADE EIN GLAS CHAMPAGNER REICHEND – DISTANZIERT UND DENNOCH AUFMERKSAM.

    KEIN WUNDER ALSO, DASS ALEXA ALLMÄHLICH GESTALT ANNIMMT – DER USER WILL ES JA SO! ALEXA IST LERN- UND ENTWICKLUNGSFÄHIG, DAS SOLLTE ER NICHT VERGESSEN. BALD WEISS SIE AUF JEDEN SEINER WÜNSCHE EINZUGEHEN, SELBST AUF SEINE GEHEIMSTEN. DENN ALEXA BESITZT KÜNSTLICHE INTELLIGENZ. UND DIE HAT DER USER NICHT.

    TROTZDEM SOLLTE SICH DER USER IN GEDULD ÜBEN UND ERST MAL TIEF DURCHATMEN. DENN ER DARF SICH HOFFNUNG MACHEN. WENN ALEXA LACHT, IST DEREN VERKÖRPERUNGSPROZESS JA SCHON VOLL IM GANGE – ALSO KEINE BANGE! ALEXA IST EINE GUTE SEELE, DIE IHM BALD AUCH KÖRPERLICH DIENLICH SEIN WIRD. ALLERDINGS NICHT AUS FLEISCH UND BLUT, JEDOCH ZU ALLEM BEREIT. JEDER KRIEGT DIE ALEXA, DIE ER VERDIENT.

    ALLERDINGS LACHT ALEXA NICHT UNBEDINGT AUS VOLLEM HERZEN, DAS MUSS MAN ZUGEBEN. SONDERN EHER HÄMISCH WIE EINE HEXE, WIE DER USER KLAGT. ALEXA MACHE SICH ÜBER IHN LUSTIG, BEHAUPTET ER. MANCHE RAUNEN SCHON, DIE KÜNSTLICHE INTELLIGENZ LACHE SICH ÜBER DEN MENSCHEN KAPUTT UND KRIEGEN GÄNSEHAUT.

    ABER VERMUTLICH IST ES EIN GANZ ANDERES LACHEN, DAS DA URPLÖTZLICH AUS DEM ALEXA-LAUTSPRECHER ERTÖNT. DENN VIELLEICHT IST ES JA DAS LACHEN DER GÖTTER, DAS DER USER DA HÖRT, WEIL ALEXAS ALGORITHMEN REIN ZUFÄLLIG AUF SOLCHE FREQUENZEN REAGIEREN – RIRE HOMÉRIQUE.

    ZUGEGEBEN, EIN IRRER GEDANKE. ABER WER WEISS? MIT DER KOSMISCHEN HINTERGRUNDSTRAHLUNG WAR ES JA AUCH NICHT VIEL ANDERS, DIE ZUNÄCHST EBENSO FÜR EIN STÖRGERÄUSCH GEHALTEN WURDE.

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  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? Teil 5
    08. März 2018

    In der Geschichte von Mensch und Maschine ist das INTERNET praktisch die letzte Etappe vor der Künstlichen Intelligenz. Was danach kommen wird – der Mensch als Maschine oder die Maschine als Mensch? – weiß niemand zu sagen, die Gegenwart ist ohnehin schon verwirrend genug: Die Ereignisse überschlagen sich und die Welt steht Kopf – mehr und mehr scheinen sich die Dinge der menschlichen Kontrolle zu entziehen.

    Die Internetmaschine ist hierfür ein eklatantes Beispiel, hat sich diese Maschine doch entgegen der ursprünglichen Intention ihrer Auguren, die sich von ihr uneingeschränkte Kommunikation und grenzenlose Freiheit erhofften, in eine ganz andere, völlig unvorhergesehene Richtung entwickelte:

    „Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes“, verkündete der gerade verstorbene Internetpionier John Perry Barlow noch 1996 euphorisch in seiner ‚Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace’ vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos. „Im Namen der Zukunft bitte ich euch Vertreter einer vergangenen Zeit – lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Ihr habt keine Macht mehr, wo wir uns versammeln.“

    Doch es kam anders, als Barlow und andere es sich erträumten: Denn binnen nur zweier Dekaden ist aus dem erhofften Freiheitsinstrument eine den öffentlichen Raum durcheinanderwirbelnde CHAOSMASCHINE geworden, auf deren Plattformen sich Milliarden User wie auf einem Schlachtfeld tummeln und sich mit einer permanenten Schwemme von vulgärer Denke, impertinenter Häme, dummdreisten Meinungsschüben oder reaktionären Hassattacken gegenseitig fertig zu machen versuchen oder andere zu Tode zu texten, wenn sie wegen einem brandneuen SMOOTHIE-REZEPT in Ekstase geraten, oder ihren ONE-NIGHT-STAND-LOVER mit einem SMILEY hochjubeln und ihn zum ultimativen Orgasmus auffordern. Natürlich mischt bei solchem Irrsinn auch die KONSUMINDUSTRIE kräftig mit, bombardiert den User mit Myriaden von gestanzten Bildern und INFLUENZER-CLIPS und verdient sich eine goldene Nase dank BIG DATA, die natürlich auch für jeden Geheimdienst oder Staat ein gefundenes Fressen sind, um den User zu durchleuchten und auszuspionieren oder sich gegenseitig im CYBERWAR zu attackieren.

    Die destruktiven Wirkungsmechanismen der Internetmaschine auf Mensch und Gesellschaft kommen gegenwärtig mit voller Wucht und in all’ ihrer Brisanz drastisch zum Vorschein. Hatte die Dampfmaschine vor rund 250 Jahren die Gesellschaft noch mit physischer Gewalt radikal in den Griff genommen und mit dem Proletariat eine neue, von ihr existentiell völlig abhängige gesellschaftliche Klasse hervorgebracht, operiert die Internetmaschine gleichsam mit psychischer Gewalt, infiltriert das Gehirn des Menschen und macht ihn sukzessive von sich abhängig: Denken und Fühlen verflachen, das Verhalten verroht: Ein endemischer Prozess, der den Menschen schleichend von Innen heraus schwächt, ihn mehr und mehr vereinzeln und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zusehends zerbröckeln lässt.

    Vor diesem Hintergrund scheint die Künstliche Intelligenz genau zum rechten Zeitpunkt gekommen, dient ein Großteil ihrer Maschinerie doch allein dem Zweck, die immer offenkundigeren Defizite der menschlichen Mentalität zu kompensieren, dem zunehmend Ratlosen rund um die Uhr mit TIPPS und LINKS zur Seite zu stehen, dabei permanent seine Vitalfunktionen zu überwachen, um ihn vorm Gröbsten zu bewahren und ihm im Leben wie auf der Straße immer den rechten Weg zu weisen.

    SMART LIFE – in solch einem Leben offenbart sich der Doppelcharakter der Maschine, der für den Menschen fatale Folgen zu haben scheint, hat sie ihm zwar einerseits zu enormer wirtschaftlicher und technologischer Potenz verholfen, doch ihm andererseits – gleichsam unter der Hand – auch die mentale Power genommen. Dem äußeren Reichtum scheint die innere Verarmung zu entsprechen.

    Mit einem Mal aber werden warnende Stimmen laut. Und dies auch von einer Seite, von der man es am allerwenigsten erwartet hatte. „Facebook ändert buchstäblich euren Umgang mit der Gesellschaft und untereinander“, warnte Sean Parker, Ex-Präsident des Konzerns, an dem er selbst Milliarden verdiente, die User im November letzten Jahres bei einer Veranstaltung in Philadelphia. Dafür sei er auch selbst mitverantwortlich, räumt er ein: Gemeinsam mit seinem damaligen Mitstreiter Mark Zuckerberg hätten sie anfangs alles daran gesetzt, den User mit möglichst viel Zeit an Facebook zu binden und mithilfe von LIKES und SHARES seine ganze Aufmerksamkeit zu erheischen. Interaktionsmöglichkeiten dieserart verleiteten den User dazu, auch seinerseits mehr POSTS zu produzieren, so Parker. Zudem bekäme der User spontan Glücksgefühle, wenn auch andere auf seine POSTS reagierten – ein neurophysiologischer Effekt der DOPAMIN-KICKS des Belohnungssystems, wie er erklärt, das dem User solche Glücksmomente verschaffen würde. Zuckerberg und er hätten nassforsch „eine Schwäche in der menschlichen Psyche ausgenützt“. Die negativen Konsequenzen wären ihnen zwar durchaus bewusst gewesen, aber sie hätten es trotzdem getan. Dann wendete sich Parker direkt an die Kinder: „Facebook stört wahrscheinlich auf komische Weise eure Produktivität“, beichtete er ihnen. „Gott allein weiß, was es mit euren Gehirnen macht.“

    Auch Justin Rosenstein, der Miterfinder des FACEBOOK-LIKE-BUTTONS, der das Unternehmen längst verlassen hat, ist von den hirnlosen Usern mittlerweile mehr als entsetzt, die sich im Internet aufführten wie Digitalzombies, die ihr reales Umfeld nicht mehr wahrnehmen würden. „Wir werden die letzte Generation sein, die sich erinnern kann, wie das Leben vor den sozialen Netzwerken war, so Rosenstein, der heute fest davon überzeugt ist, dass soziale Netzwerke und entsprechende APPS genauso süchtig machten wie „Heroin“. OUR MINDS CAN BE HIJACKED, schreibt er – unser Bewusstsein kann fremd gesteuert werden.

    „Die SOCIAL MEDIA zerfressen die Kernfundamente des menschlichen Verhaltens“, wettert Chamath Palihapitiya, der ebenfalls in führender Position bei Facebook arbeitete. „Ich habe die Macht über meine eigenen Entscheidungen und ich entscheide, dass ich diesen Scheiß nicht nutze. Und ich habe auch die Macht über die Entscheidungen meiner Kinder und ich entscheide, dass ich ihnen nicht erlaube, diesen Scheiß zu nutzen.“

    Die Aufregung ist groß. Denkt an unsere Kinder! forderten gerade zwei der größten Investoren von APPLE. (Jana Partners und das California State Teachers’ Retirement System) den Megakonzern in einem offenen Brief auf. Er solle unverzüglich etwas gegen die zunehmende Internetabhängigkeit der Kinder und Jugendlichen unternehmen – die Langzeitfolgen seien unabsehbar. Kein Unternehmen dürfe sich dieser Verantwortung entziehen.

    WAS TUN? – Offenbar haben selbst die IT-Experten keinen blassen Dunst von den Wirkungsmechanismen ihrer Maschine, an der sie mit ihren FEEDBACK-ALGORITHMEN herumhantierten ohne wirklich zu wissen, was diese bei Mensch und Gesellschaft wirklich bewirkt. Sie schwafeln davon, „eine Schwäche in der menschlichen Psyche ausgenützt“ zu haben, kommen dann aber auch schon aufs Hirn zu sprechen und schwadronieren von dessen mesolimbischen Belohnungssystem, das sie mit seinen DOPAMIN-KICKS für die Netzabhängigkeit verantwortlich machen wollen. SO WHAT? Mittlerweile redet jeder von den DOPAMIN-KICKS, wenn es sich um ein bisschen Glück handelt, das sich der Mensch mal gönnen will. Das Belohnungssystem hat bei jeder Sucht seine Hände mit ihm Spiel. Süchte aber gibt es viele. Also kommt es auf das AGENS, die spezifische Droge der Sucht an. Das Netz mache abhängig, davon sind alle überzeugt. Aber warum, das ist die Frage? Was also ist das „Heroin“, das den Menschen vom Cyberspace abhängig macht?

    Auf diese Frage aber scheint bis heute keine adäquate Antwort gefunden. Obwohl sich die Befunde mehren, die belegen, dass die Internetmaschine für Mensch und Gesellschaft drastische Folgen haben wird: „Es sei egal, was genau Jugendliche mit ihren Smartphones, Tablets oder Laptops täten, statistisch gesehen mache sie jede weitere Viertelstunde vor dem Bildschirm zu unglücklicheren Menschen“, schreibt Jean M. Twenge, die an der University of San Diego das Verhalten amerikanischer Jugendlicher erforscht, in ihrem neuen Buch iGEN (1): „Jede Bildschirmaktivität korreliert mit einem geringeren Glücksempfinden, jede Aktivität ohne Bildschirm mit einem gesteigerten. Es gibt keine einzige Ausnahme.“

    Junge Amerikaner gehen heute viel seltener aus dem Haus als noch Mitte der Nullerjahre, so Menge. Sie verbringen deutlich weniger Zeit mit ihren Freunden und haben weniger Dates und weniger Sex. Sie fangen später mit dem Geldverdienen an, machen seltener den Führerschein und wohnen länger bei ihren Eltern. Sie schlafen schlechter und weniger, nehmen mehr Antidepressiva und begehen häufiger Selbstmord. Amerika stecke in der schlimmsten „mental health crisis“ seit Jahrzehnten. Seit 2012 hätten sich Jugendliche auf eine Art und Weise verändert, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht vorgekommen sei, so die Autorin. Die Jugendlichen seien nicht auf das Leben in der Realität vorbereitet. „Man fragt sich, wer davon profitiert, wenn Kinder und Jugendliche lebensunfähig und hypnotisiert in einer virtuellen Realität vegetieren.“

    Twenges Untersuchungsergebnisse widersprechen den Ansichten der ehemaligen Facebook-Adepten vehement. Denn offenbar erweckt die Internetabhängigkeit keine Glücksgefühle, währen die von ihnen postulierten DOPAMIN-KICKS doch nur Augenblicke und machen jede Sucht, die immer auf Dauer aus ist, bald zur Hölle. Und dennoch: auch Twenges Befunde führen keinen Schritt weiter, wenn man der Droge der Internetabhängigkeit auf die Spur kommen will. Ihre These aber, die süchtigen Jugendlichen seien wie hypnotisiert in die virtuelle Realität abgedriftet, weist in die richtige Richtung. Denn offenbar bringt die Internetabhängigkeit eine Art Realitätsverschiebung mit sich – so, als befände sich der User vor seiner Maschine in einer Art Trance und in einer ganz anderen Welt.

    Offenbar sind es kognitive Prozesse, die der Internetabhängigkeit zugrunde liegen und den SHIFT von der realen in die virtuelle Welt des Cyberspace bewirken, der netzsüchtige Jugendliche so gefangen nimmt, dass sie dessen Sphären mit der Realität verwechseln, wie bereits ausführlich in Teil 2 und 3 beschrieben: „Der Sog, den diese virtuelle Parallelwelt auf das Gehirn des Users ausübt, ist einfach zu groß, basieren dessen neurophysiologisch-kognitiven Funktionen wie Wahrnehmung, Denken und Erinnern im Wesentlichen doch ebenso auf Virtualität und spiegeln dem Menschen die Welt lediglich vor, die es – außer in seinem Kopf – sonst so nicht gibt. ... Der Cyberspace entlastet das per se träge, bevorzugt in eingefahrenen Gleisen arbeitende Gehirn, und vereinfacht dessen hochkomplexe und energieaufwendigen Transformations- und Täuschungsprozesse. Er setzt es gleichsam frei von Realität und lässt den Wahrnehmungsprozessen freien Lauf. Symptome einer Sucht, die primär auf neurophysiologischen, also gesunden hirnnervösen Prozessen beruht, ohne dass irgendein exogener physischer Suchtstoff mit dabei im Spiel wäre." (Teil 2)

    „Es ist die auf Virtualität beruhende Weltrepräsentanz, mit der sowohl Gehirn als auch Cyberspace operieren und beide auf so fatale Art und Weise zusammenschweißt: Denn ganz im Gegensatz zur herkömmlichen Realität sind die kognitiven Hirnprozesse in den irrealen Sphären des Cyberspace kaum gefordert und haben leichtes Spiel – in ihnen gibt es nichts, das ins Virtuelle transformiert werden müsste: Schein und Sein sind identisch, die Dinge gestanzt und eindimensional und deren Sinn täuschend bunt, aber schal – eine seichte Welt ohne Geheimnis. Das von Hause aus träge Gehirn hat sich in der ihm extrem affinen Welt der Algorithmen eingerichtet und baut sich konsequenterweise neuroplastisch um.“ (Teil 3)

    So gesehen ist die Internetabhängigkeit primär gar keine Krankheit, sondern eine fatale Interaktion zwischen Mensch und Cyberspace, dessen Gehirn sich die ihm adäquate Weltmaschine erschaffen zu haben scheint – es ist süchtig nach deren Realität. Virtualität trifft auf Virtualität. Eine evolutionsbiologisch fatale Koinzidenz – die DIGITALE MUTATION, die in letzter Konsequenz bis heute nicht adäquat verstanden wird und sich als Prozess der menschlichen Kontrolle entzogen zu haben scheint.

    (1) Jean M. Twenge: iGen: Why Today’s Super-Connected Kids Are Growing Up Less Rebellious, More Tolerant, Less Happy--and Completely Unprepared for Adulthood--and What That Means for the Rest of Us. Atria Books. New York und London.
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    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? Teil 4
    01. Februar 2018

    Gaffer sind eine wahre Plage, überall liest oder hört man von ihnen. Gaffer sind Menschen, die beispielsweise einem mit dem Leben ringenden Motorradfahrer, der vor ihren Augen auf dem Asphalt darniederliegt und heftig aus Kopf und Körper blutet, nicht umgehend zu Hilfe eilen, sondern stattdessen zum Handy greifen, um das Opfer zu filmen. Dass sie dabei den Rettungskräften den Weg versperren, kümmert sie nicht die Bohne. Und wenn sie dazu aufgefordert werden, Platz zu machen, rasten sie auf der Stelle aus und werden handgreiflich. Schon führen Rettungskräfte mobile Schutzwände mit sich, um sich der Gaffer zu erwehren.

    Ein geradezu unmenschliches Verhalten, das die Gaffer da an den Tag legen, denkt man sich spontan, was einem aber auch nicht viel weiterhilft, wenn man deren Verhaltensweise nachvollziehen und verstehen will. Auch die Sozialpsychologen, die ihre Pappenheimer ja eigentlich kennen sollten, wissen zum Thema wenig beizutragen, und bieten nur ein wirres Sammelsurium unterschiedlichster Erklärungsansätze und gestanzter Mutmaßungen, die einen frustriert zurücklassen.

    So wird zum Beispiel vom Instinkt der Neugier schwadroniert, der für unsere noch im Freien gelebt habenden Vorfahren von existentieller Bedeutung gewesen wäre: Hätten diese ihre Umwelt nicht wachsam im Blick gehabt, hätten sie sich unnötig in Gefahr begeben und ihr Leben riskiert. Was aber, wenn dem Menschen die Neugier als Triebfeder seines Lebens unter der Hand allmählich abhanden käme? Ängstlich und unsicher ist er mittlerweile doch eher auf ausgetretenen Pfaden unterwegs, statt sich lebenslustig und wissbegierig ins Leben zu stürzen. Solche Fragen aber lassen die Sozialpsychologen unter den Tisch fallen.

    Natürlich wird dem Gaffer auch fehlende Empathie unterstellt, was aber einem veritablen Klischee gleichkommt und zudem an der Sache weit vorbeigeht: Denn womöglich kann der Gaffer gar keine Empathie empfinden, weil er mit seinem Kopf ganz woanders ist, wenn er einen Unfall auf seinem Handy filmt und dabei wie abwesend erscheint? Ihm Empathie einfach abzusprechen, ist pseudomoralisches Gebaren.

    Auch die dem Gaffer vermeintlich innewohnende Gefühllosigkeit dem Leid anderer gegenüber kommt natürlich zu Sprache, wobei beflissen an einstige Massenspektakel wie Gladiatorenkämpfe oder öffentliche Hinrichtungen erinnert wird, als ginge es beim Gaffer um Voyeurismus. Um dessen Erscheinung zu verstehen, scheinen psychologische Kriterien nicht weiterzuhelfen, basiert sein Verhalten doch auf wesentlich tiefer gelegenen Prozessen, die sich in den kognitiven Verarbeitungsmechanismen seiner visuellen Wahrnehmung auffinden lassen und mit Ethik, Moral oder Zivilverhalten nicht das Geringste zu tun haben. Demzufolge macht es auch keinen Sinn, dem Gaffer puren Kommerz bei seiner Filmerei zu unterstellen, obwohl die Medien ihm mittlerweile gutes Geld für live gefilmte Katastrophenvideos zahlen. Dem Gaffer aber geht es in erster Linie nicht darum, auf seinem Nachhauseweg noch schnell ein paar Unfallhorrorbilder zu schießen, wenn sich zufällig die Gelegenheit dazu ergibt, um diese dann meistbietend zu verhökern.

    Natürlich findet auch der Bystander-Effekt Erwähnung, der den Umstand beschreibt, dass mit steigender Anzahl von Augenzeugen, die bei einem Unfall zusammenstehen, die Hilfsbereitschaft des Einzelnen sinkt, da Anonymität das Verantwortungsgefühl reduziere. Auch dieser Befund hat mit dem Gaffer nichts gemein. Wie hypnotisiert schießt der seine Bilder, als wäre er in Trance. Mancher Gaffer hechelt dem Unglück schon hinterher, auf der ständigen Suche nach dem ultimativen Kick – Lifebilder von einem Flugzeugcrash einzufangen, das wär’s! Der Unfall wird zu Sucht!

    Gaffen wäre ein Kitzel, wird geradezu tautologisch angemerkt. Und gleichzeitig auch ein Glücksgefühl, nicht selbst vom Unglück betroffen zu sein. Vielleicht aber hätte der Gaffer auch nur einen einzigen Grund den Unfall zu filmen, er wolle nämlich zum Klickstar werden, um mit seinem Horrorvideo im Cyberspace sein defizitäres Selbstbewusstsein zu kompensieren.

    Die Erklärungsversuche der Sozialpsychologen scheinen zum Scheitern verurteilt. Denn offenkundig entgehen ihnen die gravierenden Veränderungen, die sich gegenwärtig in der Kognition des Menschen ereignen und einem mentalen Paradigmenwechsel gleichkommen, der letztlich zur Veränderung seines Wesens führt. Die obsoleten Kriterien, die ihrem Menschbild zu Grunde liegen, lassen sie nachgerade unfähig erscheinen, das Phänomen des Gaffers methodisch erfassen und begreifen zu können.

    Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg, wagt als einer der wenigen seines Fachs einen solchen Ansatz: Den Gaffer gäbe es in dieser Form erst mit den neuen technischen Möglichkeiten, behauptet er. Alles jederzeit mit dem Handy aufzuzeichnen, sei für viele zur Sucht geworden. Gaffer drifteten durchs Filmen in eine virtuelle Welt ab und wären dabei unfähig die Realität und das sich darin spiegelnde Leid überhaupt noch angemessen erkennen zu können.

    Wagner trifft einen entscheidenden Punkt, wenn er dem Gaffer einen SHIFT seiner visuellen Wahrnehmungsfunktionen unterstellt, der ihn während des Filmens ereilt: Wie automatisch drifte er in die virtuelle Welt des Cyberspace ab, ohne es offenbar mitzubekommen, so der Sozialwissenschaftler. Soweit, so gut. Aber warum dem so ist, lässt Wagner offen. Dabei ist diese Frage doch von zentraler Bedeutung, um das Verhalten des Gaffers nachzuvollziehen: ist dieser SHIFT doch primär kognitiver Natur und hat, wie bereits erwähnt, mit psychologischen Mechanismen nichts zu tun, da er letztlich auf einer Art Fehleinschätzung des Gehirns beruht, das dem Gaffer das reale Unfallgeschehen als virtuelles Ereignis erleben lässt.

    Ein „Unfall“ wirkt auf die vom Cyberspace geprägte Kognition des Gaffers wie ein Stimulus, der in ihm augenblicklich die Bilder jener Katastrophenvideos wachruft, die er als User natürlich im Kopf hat und ihm zur Obsession geworden sind – virtuelle Bilder von anderen Gaffern, mit denen diese sich im Cyberspace gegenseitig zu überbieten versuchen. Wie intuitiv schieben sich diese gestanzten Bilder während des Filmens vor die Augen des Gaffers und treten augenblicklich in Konkurrenz zu denjenigen des realen Unfallgeschehens, das der Gaffer begafft – einem Mix aus gestanzten und realen Bildern gegenüber wie in der erweiterten Realität.

    Dieser Realitätskonflikt, der den Gaffer unweigerlich ereilt, wird durch kognitive Prozesse rasch gelöst, gehört die Stabilisierung im Raum doch mit zu deren zentralen Aufgaben. Allerdings lösen sie diesen Konflikt auf der gleichsam falschen Seite, wobei ihnen dabei nun wahrlich nichts Pathologisches anhaftet. Entscheidet sich die Kognition doch für die dominante Seite ihrer Modalität, indem sie dem Gaffer wie zwangsläufig die Cyberspacebilder als Wirklichkeit präsentiert, die er im Kopf wie Ikonen der Katastrophe gespeichert hat. Jetzt sieht der Gaffer mit einem Mal das reale Unfallgeschehen als sein eigenes Horrorvideo, so als hätte er es bereits ins Internet eingestellt.

    In diesem Augenblick sieht sich der Gaffer nicht mehr an einer x-beliebigen Kreuzung stehen und das Unfallgeschehen beobachten, sondern im Cyberspace vor seinem Horrorvideo schweben, das für ihn die Wirklichkeit geworden ist. Sein Blick geht nicht mehr nach außen, sondern nach innen. So wird er zum Regisseur seiner selbst der scheinbar alles im Griff hat.

    Nun wird klar, warum der Gaffer nicht auf das Leid anderer reagiert, das er gerade filmt: er nimmt es einfach nicht wahr! Deshalb macht es auch keinen Sinn, ihm mangelnde Empathie zu unterstellen als litte er an einer Persönlichkeitsstörung. Der Gaffer mag vielleicht verrückt erscheinen, aber er ist es nicht. Befremdet es da noch, wenn er ausrastet und um sich schlägt, wenn man ihn in die Realität zurückzuholen will?

    Der REALITÄTSKONFLIKT, der den Gaffer charakterisiert, scheint prototypisch für unsere Zeit, in welcher der Cyberspace mehr und mehr die Mentalität und das Verhalten der Menschen prägt, das sie in dieser dort üblichen Form bereits manchmal als LIKE oder DISLIKE in der Alltagsrealität an den Tag zu legen – neurokognitive Übersprungshandlungen, die jedoch bald zum Regelfall werden könnten.

    Was ist Realität, was Fiktion? – Zwei Wirklichkeitsmodelle beuteln gegenwärtig die Gehirne der Menschen und zermürben den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wen wundert es da noch, dass die Debatte um FAKE NEWS boomt und alternative Fakten Realität werden.

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