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    ANTHROPOZÄN
    COVID-19
    CIRCULUS VITIOSUS
    14. April 2020

    Noch vor wenigen Wochen stöhnte alle Welt ob des ewigen Stresses, den man nicht mehr aushielte, beschwerte sich über den permanenten Druck, der auf einem laste und bejammerte all die Probleme und katastrophalen Ereignisse, die sich um einen herum häuften – und dies mit einem Affenzahn. Die Zeit rase immer schneller, als würde man durchs Leben katapultiert, klagten die Menschen. Das mulmige, tief verunsichernde Gefühl, in einem Zug zu sitzen, der, von niemandem abgebremst, unweigerlich auf den Abgrund zurase, rumorte in ihnen.

    Doch jetzt steht der Zug völlig unerwartet still. Jäh zum Stillstand gebracht von der Natur – brutal gestoppt von einem hochansteckenden Virus, der das Leben des Menschen unmittelbar bedroht, weil dieser gegen diesen völlig neuartigen Erreger noch keinerlei Immunität besitzt. Folglich bleibt dem Verstörten zunächst einmal auch nichts anderes übrig, als sich – wie vor den Kopf geschlagen und in Todesangst – in seinen vier Wänden zu verkriechen und der Welt draußen auf unbestimmte Zeit Adieu zu sagen. In der inständigen Hoffnung, nicht infiziert zu werden, schließlich kann es beinahe jeden treffen. Stillhalten und Warten, mehr bleibt dem Menschen im Augenblick nicht übrig.

    Eine nachgerade mythische Konstellation, in der die Natur den Menschen urplötzlich dazu zwingt, innezuhalten, damit er zur Besinnung kommen möge – etwas, wozu er von sich aus offenbar nicht fähig scheint.

    In längst vergangenen Zeiten wäre solch ein ungeheuerliches Ereignis als fürchterliches Gotteszeichen empfunden worden, dem man sich demütig unterworfen hätte. Heutzutage aber schert sich keiner mehr um solche Fantastereien, geschweige denn um die Natur, die der Mensch trotz allem, was ihm gerade widerfährt, immer noch glaubt im Griff zu haben. Dabei denken immer noch viele, der Mensch hätte mit COVID-19 nicht das Geringste zu tun – offensichtlich hat er nur noch Augen für sich selbst. „Heute ist das, worauf der Mensch beharrt, genau der Teil, auf dem er nicht beharren sollte – er selbst“, ließ Gilbert Keith Chesterton bereits im vergangenen Jahrhundert seine Zeitgenossen wissen. (1)

    COVID-19: Ein global viraler Albtraum, denn mit einem Mal scheint der Mensch die Wirklichkeit, wie sie vor Kurzem noch herrschte, völlig vergessen zu haben: Druck, Stress und alle Sorgen scheinen Schnee von gestern. In diesen schicksalshaften Tagen wirkt der Mensch wie in ein Zeitloch gefallen und sitzt in Schockstarre in einer nicht enden wollenden Gegenwart fest. Im ewigen Einerlei seiner Quarantäne gefangen, kreisen die Tage gestaltlos um ihn herum und verschwimmen ihm unversehens zum immer gleichen Tag, der sich nur noch durch seine Infektions- und Todesraten von den anderen unterscheidet.

    Der innige Wunsch, es möge morgen doch wieder so sein, wie es gestern noch war, scheint das Einzige, was den Menschen gegenwärtig weltweit zu bekümmern scheint: Unter der Hand gerinnt ihm das Morgen zum Spiegel des Vergangenen. Abgründige Angst und Ungewissheit machen sich breit: Von einem auf den anderen Tag hat die Welt alles Wirkliche für den Menschen verloren, und wirkt auf einmal wie auf den Horrorbildern, die er bislang nur aus Filmen kannte.

     

    DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND

    In diesem Science-Fiction-Film aus dem Jahre 2008, versuchen Aliens den Menschen zur Räson zu bringen, indem sie dessen Technologie mit einem gigantischen elektromagnetischen Impuls für immer außer Funktion setzen, um diese daran zu hindern, die Zerstörung des Erdplaneten weiter voranzutreiben.

    Doch auch dieses Thema scheint über Nacht vergessen. Außerdem hat COVID-19 keine Absichten und ist ganz einfach ein Virus, das seinen natürlichen Weg nimmt, sagt die Wissenschaft, das allerdings aus dem Giftlabor einer hinterhältigen Macht käme, ergänzen Andere hinter vorgehaltener Hand: Die Fake News blühen auf – ohne Glauben scheint der Mensch einfach nicht auszukommen.

    Jetzt aber muss jeder erst einmal selbst sehen, wo er bleibt. So rückt die Welt nun noch weiter auseinander, als sie es ohnehin schon war. Schließlich gilt es das Schlimmste zu verhüten und COVID-19 letztlich zu besiegen.

    Und dennoch: Auch in diesem Fall erweist sich der Mensch der Natur weit unterlegen. So kann er die unabänderliche Durchseuchung der Weltbevölkerung mit dem neuartigen Virus durch ein praktisch globales LOCKDOWN zunächst zwar verlangsamen, diese im Prinzip aber mittelfristig nicht im Geringsten verhindern. Und selbst mit einem Impfstoff wird COVID-19 nicht von heute auf morgen nicht aus der Welt sein, sondern den Menschen auch weiterhin zwingen, mit diesem Virus einigermaßen zurechtzukommen. Darüber hinaus ist die Gefahr einer neuerlichen Pandemie nun wahrlich nicht vom Tisch. Das aber sage jetzt einer mal, er würde auf der Stelle gelyncht.

     

    EIN ZEICHEN?

    Bei alldem aber könnte die virale Megakrise dem Menschen doch wenigstens ein Zeichen sein – etwa: Zuckerbrot und Peitsche. Denn während COVID-19 die menschlichen Zivilisationen außer Funktion zu setzen droht, zeigt ihm die Natur doch gleichzeitig auch ein ganz anderes, nämlich wesentlich freundlicheres Gesicht. Denn binnen weniger Wochen scheint sich die Atmosphäre des Planeten auf völlig überraschende Art und Weise erholt zu haben – der Globus atmet förmlich auf.

    Doch die ungewohnt frische Luft draußen im Freien kriegt der Mensch nicht so recht mit, da er sich zuhause ja einbunkern muss, und das auch noch, wie in manchen Regionen Deutschlands mittlerweile so üblich, mit freiwillig herabgelassenen Rollläden, damit das widerliche Virus nicht durch die Fensterritzen ins Haus eindringen kann – da hilft auch keine Alarmanlage.

    Dabei aber könnte der Eingeschlossene das klimatische Wunder in seiner Festung doch zumindest sehen. Auf den Satellitenbildern der NASA nämlich, die ab und an durchs Internet geistern, doch von brandaktuellem Pseudonews pausenlos überlagert werden, sodass ihm die zerstörerischen Auswirkungen seiner Lebensweise auch in dieser Hinsicht leider entgehen muss.

    So hat sich der Smog über dem chinesischen Wuhan gleichsam über Nacht sprichwörtlich in Luft aufgelöst, wobei sich die CO2-Emissionen des Landes verlässlichen Messungen zufolge insgesamt um mindestens ein Viertel reduziert haben. (2) Aber auch sonst hat sich die Luftqualität auf der Welt erstaunlich verbessert, weil kaum noch Autos oder Flugzeuge unterwegs sind und viele Fabriken geschlossen haben, wobei auch praktisch kein Kreuzfahrtschiff mehr munter durch die Weltmeere dümpelt.

    Dass an der Luftverschmutzung aber jährlich Millionen Menschen erkranken und viele daran sogar sterben (3), scheint bislang nur Wenige so richtig interessiert zu haben. Doch diese Opfer, die allein aufs Konto des Menschen gehen, siechen schleichend und nicht öffentlich in ihren Betten dahin und machen deshalb auch keinerlei Schlagzeilen.

    Und dennoch ist es überaus verblüffend zu beobachten, wie stark die Regenrationskräfte der Natur offenbar zu wirken scheinen. Das könnte dem Menschen doch eigentlich Hoffnung machen und ihn spontan darin beflügeln, sein Leben den Gesetz- und Funktionsweisen der Natur endlich anzupassen, um auf diesem Globus langfristig noch wirklich eine Chance haben.

    Ein absurdes Menetekel: Während die Natur das Leben des Menschen auf grausame Art und Weise bedroht, reicht sie ihm doch gleichzeitig auch die Hand, als wolle sie sich mit ihm versöhnen. Denn nicht nur die Welt, sondern auch der Klimawandel sind dem Anschein nach auf einmal gestoppt. Aber auch dieses Zeichen scheint der Mensch neben ein paar wundersamen Satellitenbildern nicht wirklich wahrzunehmen.

     

    KEIN ZUFALL!

    Und doch ist das Virus beileibe nicht vom Himmel gefallen, sondern ebenso wie der Klimawandel eine zwangsläufige Folge des ausbeuterischen Verhaltens und der intrikaten Respektlosigkeit des Menschen der Natur gegenüber. Denn epidemiologischen Erkenntnissen zufolge provozieren sogar bestimmte Essgewohnheiten in einigen Regionen dieser Erde Zoonosen, also Prozesse, die Viren vom Tier auf den Menschen überspringen lassen.

    So wie es offenbar auch auf dem Wildtiermarkt in Wuhan, einem sogenannten wet market, geschehen ist, wo Schildkröten, Salamander, Krokodile, Skorpione, Ratten, Füchse, Wolfsjunge, Zibetkatzen und Schuppentiere zum allgemeinen Verzehr angeboten werden, wobei letztere als besondere Delikatesse gelten und darüber hinaus ironischerweise auch noch vom Aussterben bedroht sind.

    Diese illegal nach China eingeschmuggelten Pangoline stehen nun im Verdacht, als Zwischenwirte COVID-19 von Fledermäusen an den Menschen weitergegeben zu haben. Wobei Fledermäuse Virologen zufolge für derartige Erreger ein wohlbekanntes und hochgefährliches Reservoir bildeten, da diese Flugtiere ein außergewöhnlich starkes und überaus resistentes Immunsystem besäßen, mit dem die Viren so richtig „trainieren“ könnten, um so zu Höchstleistungen aufzulaufen. Denn Fledermäuse überlebten deren pausenlosen Attacken unbeschadet und blieben als deren Wirt stets stabil, ohne dabei je an ihnen zu erkranken. Darüber hinaus gäben diese den Viren fatalerweise aber auch die Chance, sich in ihnen in Unzahl zu vermehren, da Fledermäuse – tagsüber schlafend – extrem eng nebeneinanderhingen – von wegen social distancing: „Das Vorkommen eines großen Reservoirs an Sars-CoV-ähnlichen Viren in Hufeisennasen-Fledermäusen, zusammen mit der Tradition in Südchina exotische Säugetiere zu essen, ist eine Zeitbombe", warnte schon 2007 eine Studie des Fachblatts Clinical Microbiology Reviews.

    Und damit schließt sich der Kreis auf perverse Art und Weise: Denn mit dem internationalen, vorwiegend massentouristischen Flugverkehr wurde es Covid-19 doch mehr als leicht gemacht, sich in Windeseile über den gesamten Globus zu verbreiten und trifft nun vor allem diejenigen Menschen, die ohnehin schon schwer unter vergifteter Luft und Lungenschwäche leiden. Denn dort, wo die Luft am Schlechtesten ist, sterben auch die meisten Menschen an COVID-19, wie eine aktuelle Studie der School of Public Health der Universität Harvard belegt. (4)

    Ein Circulus vitiosus, mit dem die Dinge mit einem Mal vom Kopf auf die Füße fallen: Liegen die wahren Existenzbedrohungen für den Menschen mittlerweile doch nicht mehr grundsätzlich in der Natur selbst begründet, sondern vielmehr im überaus provokanten und völlig unkontrollierten Charakter seines besinnungslosen Verhaltens ihr gegenüber. Dessen globale Zivilisationen nannte Ulrich Beck einst eine Weltrisikogesellschaft. Wenn das nicht mal untertrieben ist?

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 18THANATOS – DIE ULTIMATIVE VERSCHWÖRUNGSTHEORIE
    17. März 2020

    Vor einigen Tagen hat Chinas Internetkontrollbehörde Cyberspace Administration das strategische Videospiel PLAGUE INC. kurzerhand aus dem landeseigenen Netz gelöscht: Das Spiel transportiere „illegale Inhalte“ teilte die Kontrollbehörde sibyllinisch mit. Und dennoch ist diese zunächst autoritär erscheinende Maßnahme durchaus nachvollziehbar, denn angesichts von COVID-19, das nicht nur China, sondern praktisch die gesamte Welt lahmzulegen droht, tritt der ganze Irrsinn dieses Computerspiels mit einem Mal brutal zutage.

     

    Kannst du die Welt infizieren?

    Genau dies ist die ungeheuerliche Frage, mit der PLAGUE INC. die Gamer der Welt zu umwerben sucht, wobei dieser Slogan so lapidar und dummdreist daherkommt, als wäre es ein Klacks, mal so eben die gesamte Weltbevölkerung zu durchseuchen. Doch der Gamer kann aufatmen, denn das Simulationsspiel lässt ihn bei dieser gigantischen Aufgabe wahrlich nicht allein und stellt ihm zu diesem Behuf jede Menge hochinfektiöser Bakterien und Viren zur Verfügung, die ihm dabei helfen sollen, sein Ziel auch wirklich zu erreichen.

    Aber damit nicht genug. Denn bei PLAGUE INC. geht es in Wahrheit gar nicht nur darum, möglichst alle Menschen auf der Welt mit hochgefährlichen Erregern zu infizieren, sondern diese darüber hinaus mithilfe dieser Erreger auch in Gänze zu vernichten – die gesamte Weltbevölkerung also. Nur das zählt!

    PLAGUE INC. wurde von der britischen Entwicklerfirma Ndemic Creations bereits 2012 auf den Internetmarkt gebracht, die ihr Produkt selbst „erschreckend realistisch“ nennt, was in der Tat auch der Fall ist. Noch erschreckender ist jedoch die Masse der 130 Millionen Gamer rund um den Globus, die mittlerweile auf dieses Spiel offenbar voll abfahren. Wobei der ganze Irrsinn in der makabren Tatsache gipfelt, dass die Downloadzahlen von PLAGUE INC. mit dem Ausbruch von realen Virusseuchen jeweils drastisch zunehmen, so wie es in der Vergangenheit bereits beim Ausbruch von Ebola oder dem Sars-Virus der Fall gewesen war. Und jetzt eben wieder bei Covid-19.

    Dass sich der Gamer am Ende allein auf der Erde wiederfinden wird, wenn er denn gewinnen sollte, verschweigt Ndemic Creations allerdings, setzt die Firma doch ganz offensichtlich auf hochpathologische Charaktere, die sich am unsäglichen Infektionsmassaker rasch berauschen, und sich angesichts all der Milliarden von ihnen Getöteter bald in ihren infantilen Allmachtsfantasien verlieren wie in einem scheinbar ewigen Orgasmus.

    Aber schon gleich zu Anfang wird der Gamer von Ndemic Creations mächtig aufgeheizt, weil dieser für seine globalen Infektionsattacken zunächst zwischen verschiedenen Schwierigkeitsstufen wählen darf, die von Einfach oder Normal bis hin zu Brutal oder Mega-Brutal reichen, sollten Gamer gleich richtig zur Sache kommen, und sich ein derart bestialisches Vorgehen nicht erst fürs Finale aufheben wollen, wenn es dann ja nur noch darum geht, noch schnell die letzten paar Millionen zu infizieren und abzumurksen, und sich diese dann schon als Herrscher aller Reußen fühlen, weil sie bereits zu Beginn mit Mega-Brutal instinktiv aufs richtige Pferd gesetzt hatten.

     

    Zunächst nur schnöde Bakterien

    Und dennoch muss jeder Gamer – ob er nun will oder nicht – zunächst mit ein paar mehr oder weniger gefährlichen Bakterien Vorlieb nehmen. Nicht zuletzt auch deshalb, um sich zunächst wenigstens einigermaßen mit den Grundregeln der Seuchenlehre vertraut machen zu können, damit er bei seinen künftigen Infektionsmassenmordaktionen nicht allzu dilettantisch vorgeht und das angestrebte Ziel schon im Ansatz verfehlt.

    Und erst dann, wenn der Gamer es wirklich geschafft haben sollte, mithilfe dieser eher harmloseren Mikroben schon einmal ein paar Millionen Menschen beiseite geschafft zu haben, darf er nun auch auf das überaus reich ausgestattete Sortiment tödlicher Erreger zurückgreifen, und sich Viren oder Parasiten seiner Wahl freischalten, um im Weiteren womöglich mit veritablen Epidemien zu reüssieren, die binnen kurzem ganze Länder leerfegen.

    Wer aber glaubt, das ganze bakterielle und virale Gemetzel sei ein Kinderspiel, der täuscht sich gewaltig. Denn in der Welt von PLAGUE INC. geht es zu wie in der Realität: So entspricht dessen Weltkarte auch exakt den real existierenden Staaten der Erde, die sich demzufolge hinsichtlich ihrer Wirtschaftskraft, Niederschlagsmenge, Temperatur und Bevölkerungsdichte gehörig voneinander unterscheiden. Dabei spielt es natürlich auch eine gewichtige Rolle, wie es diese mit der Hygiene in ihrem Land und der ärztlichen Versorgung ihrer Bevölkerung halten und vor allem, wie sie mit ihren Infizierten und Erkrankten umzugehen wissen (= Good Governance). Demzufolge sind ärmere Staaten selbstredend wesentlich schlechter aufgestellt, als wohlhabende oder gar reiche Nationen – wie gesagt, in PLAGUE INC. geht es zu wie in der Wirklichkeit.

    Doch wie bei jeder realen Epidemie, die sich über den gesamten Globus ausbreiten und schließlich zu einer waschechten Pandemie auswachsen soll, muss der Gamer zunächst einmal einen einzigen Menschen mit einem von ihm selbst ausgewählten Erreger infizieren (= Patient 0). Wie sonst sollte dieser Erreger überhaupt in die Welt kommen und sich in der Folge über die gesamte Erde ausbreiten können?

    Und dafür stehen dem Gamer jetzt auch eine Menge Möglichkeiten und Strategien zur Verfügung: So kann dieser nun beispielsweise dafür sorgen, dass möglichst viele der von ihm Infizierten – natürlich noch absolut symptomfrei und klinisch völlig unauffällig – das Flugzeug oder das Schiff nehmen, um sich fortzubewegen, so dass diese Unschuldigen dann selbst für die globale Verbreitung des Erregers sorgen und dem hinterhältigen Gamer unwissentlich dabei helfen, bei seinen massenmörderischen Aktionen einen gewaltigen Schritt weiter voranzukommen.

    Darüber hinaus kann dieser nun auch beim globalen Schiffsverkehr noch einen Zahn drauflegen, wenn er denn will, und kurzerhand alle Containerwaren mit x-beliebigen Mikroben kontaminieren, die sich, im vermeintlich harmlosen Transportgut perfekt tarnend, in der Folge dann in Unzahl über den Erdball verteilen, um so auch mal eben von einer ganz anderen Seite anzugreifen.

    Doch damit nicht genug: Denn mit jedem Teilerfolg unzähliger Infizierter und Getöteter erhält der Gamer als Anerkennung für seine Mühen umgehend eine stattliche Anzahl von DNA-Punkten, mit denen er sich dann auch noch wesentlich virulentere und widerstandsfähigere Erreger kaufen kann, die noch x-mal gefährlicher sind, als die bisher von ihm eingesetzten. Sollte er allerdings in DNA-Punkten schwelgen, kann er sich mit diesen jetzt auch sündhaft teure Keime beschaffen, die multiresistent sind und binnen kurzem zum totalen Organversagen seiner Opfer führen.

     

    Die Welt versucht sich zu wehren

    Dem wahnwitzigen Infektionsgeschehen aber sieht die Welt nicht tatenlos zu und versucht – wie in der Realität, aber in Panik – möglichst gegenzuhalten: So setzt diese nun alles daran, möglichst schnell mit der Entwicklung und dem Einsatz von HEILMITTELN zu beginnen, wie Ndemic Creations die Antibiotika süffisant und abschätzig benennt.

    Denn deren Wirkung kann der gewitzte Gamer selbstverständlich immer wieder unterlaufen, indem er beispielsweise in die Erhöhung der Resistenzen seiner Erreger investiert, oder gar in deren Mutation, um so noch üblere oder gar völlig neue Krankheitsbilder in die Welt zu bringen, was die Wissenschaftler und Mediziner verständlicherweise bald aus der Kurve trägt und sie kopflos werden lässt, weil keines ihrer Medikamente mehr wirkt und sie schließlich auch nicht mehr wissen, mit welchen Erregern sie es da eigentlich gerade zu tun haben.

     

    Ein chinesischer Gamer in Peking

    Man stelle sich nun einmal einen chinesischen Gamer vor, der sich dieser Tage in der leergefegten 20-Millionen-Metropole in Todesangst vor COVID-19 zuhause in seinem Appartement verschanzt, und am Computer PLAGUE INC. spielt. Was in dessen Kopf wohl vor sich gehen mag?

    Das absolute Chaos wahrscheinlich. Ein aberwitziges mentales Tohuwabohu nämlich, das das Hirn des Gamers außer Funktion zu setzen droht. Im Widerstreit zweier sich existentiell völlig widersprechenden Impulse zum Zerreißen gespannt – einem lebensbejahenden und einem lebensverneinenden zur gleichen Zeit, die sich gegenseitig auszulöschen drohen wie Materie und Antimaterie. Denn während der Gamer in Todesangst um sein Leben bangt, wünscht er im selben Moment den anderen die Pest an den Hals – ein seelisch nachgerade auswegloser Konflikt.

    Dabei ist der lebensverneinende Trieb nun wahrlich nicht typisch für das Leben, da er sich ja gegen dieses selbst richten würde. Und dennoch kann es vorkommen, dass der Todeswunsch vom Menschen Besitz ergreift – dann nämlich, wenn diesen eine schwere existentielle psychische oder physische Krise ereilt, weil er beispielsweise an einer unheilbaren Krankheit mit unerträglichen Schmerzen leidet, oder an einer manifesten Depression oder Psychose, und allein aus diesen Gründen nicht mehr leben will.

    Eine vitale, dem Lebensprozess aktiv zugewandte Existenz hingegen kennt den Todestrieb nicht. Es sei denn, es hängt jemand einer fundamentalen Religion an, die ideologisch auf die lebensfeindliche Haltung ihrer Gläubigen setzt, wobei diese dann gleichsam automatisch nach ihren Feinden Ausschau halten, an denen sie sich hochaggressiv und brutal zu entladen versuchen, indem sie diese kaltblütig um die Ecke bringen – der Hass aufs Lebendige betritt die Szene.


    Thanatos – Der Todestrieb

    Genau an diesem Punkt hakt Sigmund Freud ein, der in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips (1920) dem Menschen – wohl erstmals in der Geistesgeschichte – einen Todestrieb unterstellte: Seiner Überzeugung nach strebe dieser Trieb, den er Thanatos nannte, nach einem spannungsfreien und anorganischen Zustand des Unbelebten und Starren, wohingegen der Lebenstrieb, den er als Eros bezeichnete, die Sexual- und Selbsterhaltungsimpulse repräsentiere. „Ein Trieb wäre also ein dem belebten Organischen innenwohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustands“, so Freud. Beide Strebungen seien im Menschen angelegt und durchmischten sich, meint dieser. So unterlägen jeder gesunden sexuellen Beziehung auch immer aggressive Züge, so etwa im nicht immer nur latenten Wunsch, den Partner unbedingt erobern zu wollen.

    In diesem Zusammenhang scheint es äußerst bemerkenswert, dass chinesische Männer eher zu einem übergriffigen, ja sadistischen Sexualverhalten neigen, wie die chinesische Frauenrechtlerin Alex Chang zu Bedenken gibt. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass chinesische Männer endlich begreifen, wie sehr sie hinterherhinken und dass sie chinesische Frauen nicht verdienen", sagt diese.

    Freuds Überzeugung gemäß kann sich der Todestrieb sowohl nach innen als auch nach außen richten. Im ersten Fall offenbare sich dieser durch autoaggressive Tendenzen, sich selbst Schmerzen und Leid zuzufügen wie beispielsweise beim Masochismus oder der Selbstverstümmelung. Im zweiten imponiere dieser jedoch durch ausgeprägte Aggressionsfantasien anderen Menschen gegenüber, die die Betroffenen nach deren Verletzung oder gar Tötung drängten. Freud schlug vor, in diesem Zusammenhang vom menschlichen Destruktionstrieb zu sprechen.

    Freuds Theorie aber war von Anfang an heftig umstritten. Dessen Versuch, das menschliche Aggressionsverhalten allein aus dem Todestrieb heraus zu erklären und ableiten zu wollen, stieß schon bei einigen seiner damaligen Kollegen auf heftigen Widerspruch. So sahen diese im Aggressionsverhalten des Menschen im Wesentlichen eine gleichsam natürliche und nachvollziehbare Reaktion auf Entsagungs- und Frustrationserlebnisse. Darüber hinaus betonten diese aber auch die produktiven Aspekte der Aggression, die es dem Menschen ermögliche, die Dinge auch angriffslustig anzupacken und kämpferisch voranzutreiben, statt schon beim geringsten Anlass vorzeitig aufzugeben. So ist es bei all diesem Disput bis heute noch völlig unklar, woher die Tendenz zur Destruktivität denn eigentlich kommt.

     

    Das Geheimnis der menschlichen Destruktivität

    Jetzt aber gibt der Astrophysiker Paul Davies von der Arizona State University der Frage nach dem Ursprung der menschlichen DESTRUKTIVITÄT eine ganz neue, wirklich überraschende Richtung.

    Davies leitet seit 2005 eine Forschergruppe, die herausfinden will, wie man am Sinnvollsten reagieren sollte, wenn man eines Tages tatsächlich auf Signale Außerirdischer stoßen würde. Davies Anliegen scheint durchaus nachvollziehbar: Bräuchte es in einem solchen Fall doch tatsächlich einen wirklich kühlen und überaus erfahrenen Kopf, der sich in dieser Situation unter keinen Umständen von seinen unbewussten Ängsten vor Außerirdischen leiten lassen, und deshalb gleich das Allerschlimmste befürchten sollte. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

    Doch Davies geht noch einen entscheidenden Schritt weiter, indem er behauptet, dass die nervtötende und extrem aufwendige Suche nach extraterrestrischem Leben in den Weiten des Alls womöglich gar nicht notwendig sei, da die Aliens der Menschheit schon längst Spuren ihrer Existenz auf der Erde hinterlassen hätten. So etwa im menschlichen Erbgut – einer Art genomischen SETI (= Search for Extraterrestrial Intelligence), wie es Davies lapidar nennt.

    Denn für eine dem menschlichen Wesen weit überlegene Existenz wäre es relativ einfach gewesen, eine derartige Nachricht in dessen Erbgut hinterlassen zu haben, so Davies. Eine auffällige Abfolge von Buchstaben, die zum Beispiel den Primzahlen entspräche. Schließlich habe es der amerikanische Biochemiker Craig Venter ja bereits bewiesen, dass ein solches Vorgehen funktioniere, indem er seine eigene E-Mail-Adresse als Code in ein beliebiges Genom eingebaut hätte. Und was dem Menschen schon gelungen wäre, sei für solch hyperintelligente Wesen doch wirklich ein Klacks.

    Nun stellt sich aber die Frage, warum es die Aliens ausgerechnet mit derart komplizierten Methoden versucht haben sollten, den Menschen einen Hinweis auf ihre Existenz  hinterlassen zu haben? Versteckt in deren Erbgut, wo der Code der Aliens für diese doch ohnehin kaum auffindbar wäre. Zudem ist ein Code in aller Regel eine hochkomplex verschlüsselte Angelegenheit und beileibe alles andere als eine Botschaft.

    Wenn uns die Aliens tatsächlich von ihrer Existenz hätten überzeugen wollen, hätten sie es den Menschen sicherlich viel leichter gemacht, deren Nachricht auch glasklar verstehen zu können. Schließlich weiß jede dem Menschen weit überlegene Zivilisation doch sicherlich, wie sie mit diesem zu kommunizieren hat, wenn sie von ihm denn verstanden werden will.

     

    Des Rätsels Lösung

    Was aber wäre, wenn die Aliens auf eine ganz andere Art und Weise in die menschlichen Gene eingegriffen und diese womöglich manipuliert hätten? Und dies allein aus dem Grund, weil sie auf die Menschheit tatsächlich nicht so gut zu sprechen wären und diese am Liebsten ausrotten würden, da diese sich anschickten, den Erdplaneten zu vernichten, der den Aliens nicht zuletzt auch als strategisch wichtiger Stützpunkt dienen würde?

    Um sich aber nicht selbst die Hände schmutzig zu machen, könnten diese in weiser Voraussicht schon damals dafür gesorgt haben, dieses blutige Mördergeschäft der Menschheit selbst zu überlassen, indem sie ihr den Trieb zur Destruktivität schon damals ins Erbgut eingeschmuggelt hätten, ohne selbst je einen Finger krumm machen zu müssen. Der fatale Schachzug einer übergeordneten und wahrhaft weitsichtigen Intelligenz – das destruktive Genom!

    Damit wäre der Ursprung der menschlichen Destruktivität endgültig enträtselt. Eine wie immer auch wahrlich erschreckende Konstellation, die den Menschen jedoch in keiner Weise entlasten würde, sollte dieser jetzt denn behaupten wollen, einfach nicht anders zu können, als sich gegenseitig abzuschlachten oder um die Ecke zu bringen. Schließlich ist und bleibt er ein Mensch!

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 17CHAT
    18. Februar 2020

    GLÜCK! – Kennt einer von euch überhaupt noch das Gefühl?

    Aber klar doch!

    Ach ja? Dann mal raus mit der Sprache!

    Schwer zu sagen, so auf die Schnelle.

    Hey, bei Brad Pitt & Jennifer Aniston funkt es doch grad wieder. Fragt die doch mal!

    Brad macht mich immer noch geil!

    Wen nicht!

    Selbst die Schwulen.

    Wisst ihr eigentlich, dass Lagerfelds Eltern mit GLÜCKSKLEE steinreich wurden?

    „Jaja. Mit Zuckermilch. Verrückt, oder?

    So ein Drecksladen müsste heute umgehend dicht machen, sag ich euch!

    Nestlé hätte sich diese Zuckerfabrik sicher schon längst einverleibt. Der Konzern zuckert ja nach wie vor auf Teufel komm raus.

    Produkte von Nestlé habe ich längst von meinem Speiseplan verbannt. Ich bin doch nicht bescheuert und handele mir noch einen Diabetes ein. Jeder ist seines Glückes Schmied.

    Lasst doch bitte das ganze Glücksgequatsche. Ich halte das einfach nicht mehr aus. Ich brauch den ganzen Stress nicht!

    Ach so? Was ist dir denn dann im Leben wichtig, Schätzchen?

    Keine Ahnung. Ich nehme es einfach, wie’s kommt.

    Das sagt der Zen-Buddhismus auch. Interessant, oder?

    Im Schwarzwald gibt’s tolle ZEN-Wochenendseminare. DER WEG ZUR ERLEUCHTUNG. War da neulich mit meinem neuen Freund. Der steht auf ZEN. Ist nur zu empfehlen. 999 Euro, alles inclusive. Klasse Frühstücksbuffet.

    Hört sich gut an. Schick mir den Link doch mal rüber.

    ZEN ist wirklich faszinierend. Hab gerade in der Sondernummer von GEO darüber gelesen. Das soll ja ein total ausgeglichener Zustand sein, den man da erreicht. Das hat mit Glauben erst mal gar nichts zu tun, soweit ich verstanden habe.

    Früher haben die Menschen wenigstens noch an irgendwas geglaubt!

    Und was hat es ihnen geholfen, wenn ich fragen darf?

    Sorry. Aber ich muss unterbrechen. Mir brennt’s auf den Nägeln. Ist schlimm, ich warne euch!

    Mein Gott!!!! So sag doch endlich!

    Ich habe Krebs. Diagnose gestern. Bin am Boden zerstört.

    Du Arme!

    Hoffentlich steht dir jemand bei.

    Bin immer noch Single.

    Ist der Krebs schlimm?

    Hoffnungslos!

    Vielleicht hast du ja dennoch Glück, wer weiß?

    6 HOURS DEEP HEALING MUSIC. Ich glaub, das wäre was für dich! Da kommst du total runter. Entspannt von innen. Die Voraussetzung jeglicher Heilung, wie auf dem Cover steht.

    Heilung von innen! Schön gesagt. Danke für den Tipp. Gibt mir wieder ein bisschen Hoffnung!

    Ich würde es vielleicht erst Mal mit FÜR ELISE versuchen! Das spielt meine Tochter nämlich gerade am Klavier. So eine beruhigende Musik! FANTASTISCH!

    Wie alt ist deine Tochter?

    Elf.

    Sorry, fällt mir nur gerade ein: In Island bauen sie Straßen um Elfengebiete herum, ist doch Wahnsinn, oder?“

    Warum? Die Isländer nehmen eben noch Rücksicht auf andere!

    War letztes Jahr dort, Mädels. Ein tolles Volk sag ich euch. Die Leute da kriegen wenigstens noch mit, was um sie herum so los ist.

    Hey, FÜR ELISE! Was ist das nochmal für ein Song?

    Der ist von Beethoven.

    Hatte der nicht gerade Geburtstag?

    Ja.

    Wie alt ist er geworden?

    Ist schon eine Weile tot, soviel ich weiß.

    Der hat’s Gott sei Dank hinter sich.

    Wie meinst du das, Schätzchen?

    Na, wer weiß, was mir mit meinem Krebs noch so alles bevorsteht? Ich will gar nicht dran denken.

    Versteh deine Angst. Aber geh doch noch mal zu einem anderen Arzt. Mal sehen, was der sagt. Vielleicht ist dein Krebs ja gar nicht unheilbar. Man sollte immer zwei Diagnosen einholen, sagt der Freund meines Mannes. Der ist immerhin Onkologe.

    Moment mal. Habt ihr das Bild von LEILA schon gesehen? Hat mir gerade eine Freundin gepostet.

    Ist die missbraucht worden?

    Nein. Erfroren.

    Was?

    Ja. Moment. Ich schick euch das Bild mal rüber ...

    Entsetzlich. Die Kleine ist auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien erfroren.

    Sie war erst 18 Monate alt.

    Die großen toten Augen. Schauerlich!

    Ich bin fassungslos und wütend! Habt ihr den Text da unter dem Bild gelesen?

    Noch nicht!

    Die Familie hatte nur ein Zelt ohne Heizung. Dann wurde der Winter immer eisiger. Es schneite, der Wind blies, die Temperaturen sanken bis auf minus sieben Grad. LAILA wurde krank und immer schwächer. Am Donnerstag ging es nicht mehr. Morgens um 5 Uhr zog LAILAS Vater dem Mädchen alle Kleidungsstücke an, die er hatte. Ziel: das einige Kilometer entfernte Krankenhaus. Er nahm LAILA auf den Arm, drückte sie an sich und lief los. Über zugefrorene Gräben, vorbei an Ruinen und Schutthalden des Krieges. Er fror, manchmal stolperte er, hielt aber sein Mädchen fest im Arm. Er schützte sein Kind mit seinem Körper vor dem eisigen Wind. Nach Stunden erreichten beide die Shifa-Klinik in Afrin. „Wir trennten sie mit großer Mühe!“ schreibt Dr. Housan Adnan, der LAILAS Schicksal auf seinem Facebook-Account nachzeichnete. „Wir sahen LAILAS Engelsgesicht, aber sie war bewegungslos. Wir hörten nach ihrem Herzschlag, aber LAILA war tot. Und wir sitzen hier hinter unseren Heizungen und unter den Dächern unserer Häuser“, fährt Dr. Adnan fort. „Ihr, die Menschen auf der ganzen Welt, Ihr habt sie getötet.“

    Mein Gott, das Leiden überall in der Welt macht mich noch ganz krank.

    Das Leben wird immer verrückter.

    Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.

    Denk schon manchmal, ich träume.

    Schau hin, Schätzchen. Das ist leider alles real!

    Was willst du? Das ist doch nur Schein. Die paar Absahner, die da wirklich das Ruder in der Hand halten, leben doch alle im Verborgenen und verstecken sich in ihren GATED COMMUNITIES. Denen geht der Normalo doch so richtig am Arsch vorbei. Die führen uns vor, sag ich euch.

    Das ist ja das Problem.

    Nicht nur das: War neulich im Ottoversand online. Wollte mich mal nach neuen Klamotten umsehen und dachte auf einmal, es tritt mich ein Pferd. Otto macht jetzt Werbung mit schwarzen Models. Stellt euch das bitte mal vor!!!! Ich logge mich da ein und will mir gerade ein Kundenkonto eröffnen, als mich urplötzlich Afrika anglotzt! ICH WILL SO WAS NICHT MEHR SEHEN MÜSSEN! Das ist nicht meine Gesellschaft, das ist die Gesellschaft, die wir alle werden sollen!

    Höchste Zeit, dass da jemand mal den Riegel vorschiebt.

    Lange mach ich das auch nicht mehr mit.

    Na, mal halblang, Mädel. Haben sie dich etwa abgehängt?

    Bin letzten Monat vor die Tür gesetzt worden.

    Du warst doch bei der Sparkasse, oder?

    Jaja. Aber mit den Banken ist es heutzutage so ein Problem.

    Vor denen kann ich nur warnen! Die nächste Bankenkrise steht schon vor der Tür.

    Wir haben vor ein paar Wochen die letzten Aktien von der Deutschen Bank abgestoßen. Kann ich euch allen nur raten.

    Wenn ich das so höre, bin ich eigentlich heilfroh, wenn ich das alles bald nicht mehr mitbekomme.

    Versteh nicht ganz.

    Wegen meinem Krebs, willst du nicht verstehen?

    Was ist es denn für ein Krebs, wenn ich fragen darf.

    Darmkrebs.

    Hast du gesündigt?

    Die Ernährung ist schuld, meine Liebe. Glaub mir! Du isst doch hoffentlich kein Fleisch mehr.

    Wurst ist tödlich.

    Jaja, ihr habt ja recht. Ich weiß. Haben mir die Ärzte auch schon gesagt.

    Vergiss die Ärzte jetzt mal. Wir leben einfach in katastrophalen Zeiten. Die Gesellschaft macht uns krank.

    Die Menschen werden doch immer verrückter. Und die Kultur kannst du mittlerweile vergessen, die ist doch total versifft. Waren neulich im Theater. Zum allerletzten Mal kann ich euch nur sagen!

    Wer liest denn heutzutage eigentlich noch was Ordentliches?

    Die sind doch mittlerweile eh alle pornosüchtig.

    Total versaut.

    Die Welt hat ihren Zauber verloren

    Genau. Wir brauchen eine grundsätzliche Säuberung unserer Gesellschaft, sagt Leopold Ziegler auf seinem neuen PODCAST: Die Götter haben die Welt verlassen und sie kalt und leer zurückgelassen, sagt der Philosoph. Also muss die Politik dafür sorgen, dass unser Staat und seine Institutionen wieder neu verzaubert werden. Durch verheißungsvolle Politiker nämlich, denen man wieder Glauben schenken darf, weil sie uns die lang vermisste Gewissheit über unsere Werte wiederfinden lassen, indem sie dem ganzen linken Quatsch den Garaus machen und den verlogenen neoliberalen Aktivisten kurzerhand die Luft abdrehen.

    Das ist mir alles zu kompliziert, verzeih Liebes. Ich brauch Trost.

    Hast du auch Krebs?

    Nein. Aber trotzdem weiß ich nicht weiter.

    Warum?

    Bin 38, aber bislang hatte ich einfach kein GLÜCK.

    Wieso?

    Kein Mann weit und breit, wenn du verstehst!

    Probiere es doch mal mit einem Vibrator.

    Nie TINDER versucht?

    Doch. Mache jetzt aber PARSHIP! Das ist irgendwie direkter.

    Die Datings bei TINDER kannst du vergessen. Die Männer dort wollen doch nur den schnellen FUCK.

    Nicht nur dort, meine Liebe.

    Weltweit sind 70% der Frauen mit ihren Brüsten unzufrieden, wisst ihr das?

    Ach so.

    Die einen wollen größere, die anderen kleinere.

    Das liegt doch nur an den Männern.

    Ich find es falsch, den Wert einer Frau an der Größe ihrer Brüste zu bemessen.

    Jaja, aber was willst du machen?

    Na, hört mal Mädels. Langsam reicht’s!

    Was wollt ihr?

    Geht raus aus unserem Chatroom, Männer.

    Könnt ihr uns mal Fotos von euch Kerlen rüberschicken. Wenn ihr einigermaßen ausseht, dürft ihr bleiben!

    Hier Mädels. Das sind wir fünf. Machen gerade gemeinsam Skiurlaub in den Alpen.

    Seid ihr schwul?

    Das ist doch scheißegal, Mädel.

    Aber Skiurlaub, das geht nun gar nicht mehr!

    Wann hören die Leute endlich damit auf, ihren eigenen Planeten zu zerstören.

    Was wollt ihr, Mädels? Hier hat’s gerade geschneit.

    Jaja, aus tausend Schneekanonen, ihr Wichser.

    Habt ihr denn alle kein Klimabewusstsein?

    Das mit dem Klima geht uns im Augenblick am Arsch vorbei. Das ist doch alles nur Hysterie. Hier am Kaminfeuer ist’s doch urgemütlich, oder? Schade, dass ihr nicht mit dabei seid!

    Die Kerls haben absolut recht, wenn ihr mich fragt. Die wahren Gefahren liegen doch wo ganz anders!

    Wo?

    Habt ihr das vom Amt für Bevölkerungsschutz gehört.

    Nein!

    Das gibt jetzt ein „Notfallkochbuch“ für den Krisenfall raus. Bei Stromausfall zum Beispiel.

    Ja, hab‘ ich gerade vorhin von gelesen: Die suchen nach Rezepten, die man ohne elektrische Küchengeräte und Wasser zubereiten kann. Kannst eines einsenden, wenn du eine Idee hast, Schätzchen.

    Mein Lieblingsrezept geht schon mal nicht. Schade.

    Was wäre das denn für eins gewesen?

    Apfelkuchen nach Großmutter Art.

     

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  • TEXTE
    ANTHROPOZÄN
    #OMAGATE
    22. Januar 2020

    Es gibt Ereignisse, in denen sich der spezifische geistige Zustand einer Gesellschaft derart bündelt, dass dessen wahrer Charakter mit einem Mal besonders drastisch zum Vorschein kommt. Solchen Ereignissen liegen, gemessen an der frappierenden Wirkung, die sie sozial entfalten, zumeist eher marginale, relativ unbedeutende Vorkommnisse zugrunde, die allerdings wie Zünder wirken, den Oberflächenschein von den gesellschaftlichen Verhältnissen absprengen und die eigentlichen, sonst eher im Verborgenen wirkenden Energien und Gefühle, die die Bürger in ihrem Denken und Fühlen an- und umtreiben, gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit befördern. Und dies so eindeutig und unmissverständlich, dass kein Interpretationsspielraum mehr übrigbleibt, die Dinge, wie mittlerweile so üblich, nach rechts oder links hin zu biegen, weil solche Ereignisse den mentalen Gesamtzustand der Gesellschaft jenseits aller politisch-ideologischen Haltungen erschreckend klar vor Augen führen.

    Mit #OMAGATE ist der Gesellschaft gerade wieder einmal solch ein im Grunde völlig nichtiges, aber offenbar überaus wirkmächtiges Ereignis um die Ohren geflogen, dessen bizarre Nachwehen die Bürger dieser Tage noch immer gehörig auf Trab halten. Allerdings sind deren kopf- und herzlosen Verhaltensweisen, die sie dabei an den Tag legen, kaum mehr nachvollziehbar, und haben mittlerweile derart verwirrende Züge angenommen, dass eine Diagnose dringend erforderlich erscheint, um das pathologische Gebaren des Bürgers, das das gesellschaftliche Miteinander auseinanderreißt, überhaupt noch einigermaßen verstehen oder einordnen zu können.

    Die Welt ist krank!
    Der Müll ist überall, auch in uns!
    Der ganz normale alltägliche Wahnsinn!

    Wischiwaschi-Diagnosen dieser Art, die sich im Vagen oder Larmoyanten verlieren, helfen da jedoch nun wahrlich nicht weiter und offenbaren lediglich die allgemeine Rat- und Hilflosigkeit dem die Gesellschaft zersetzenden Geschehen gegenüber, das ungebremst seinen Verlauf zu nehmen scheint, sich immer weiter ausbreitet und offenbar von niemandem gestoppt werden kann.

    In diesem Zusammenhang ist es allerdings von großer Bedeutung, dass es offensichtlich überhaupt nichts nützt, vom Bürger mehr Empathie und Solidarität einzufordern, oder ihn gar ernsthaft dazu bewegen zu wollen, sich entschlossen dem allseits grassierenden Rassismus entgegenzustellen, wie es gegenwärtig die Politik gebetsmühlengleich versucht (MEHR DEMOKRATIE WAGEN!) und dabei völlig ratlos, ja manchmal nachgerade ohnmächtig erscheint – von den irrsinnigen Turbulenzen, die das öffentliche Leben durcheinander wirbeln, offensichtlich total überfordert.

    Dabei scheint es der Politik völlig zu entgehen, dass der Bürger für derartige Parolen offenbar kein Ohr mehr hat, da er als Monade nur noch mit sich selbst beschäftigt scheint und damit ohnehin schon mächtig überfordert wirkt. Wie besessen wirft er sich in die Arme des allgegenwärtigen konsumnihilistischen Allerleis und versucht sich mit Fitness, Diät, Fashion, Lifting und Lifestyle über Wasser zu halten, wobei er auch in diesen sinnentleerten und aufgepeppten Regionen einsam bleibt, so wie im Leben sonst, kommt es dort doch ebenfalls nur auf den Einzelkämpfer an, der sich auf dem Laufband die Lunge aus dem Hals rennt, oder sich bäuchlings einer Thaimassage hinzugeben versucht, oder es irgendwann sogar mit Bungee-Jumping probiert, um es den anderen einmal so richtig zu zeigen. Der Bürger von heute ist, wenn überhaupt, mit sich solidarisch – Offenheit und Achtsamkeit den anderen gegenüber ist für ihn Schnee von gestern.

    Der wie ein Zwang wirkende Irrglaube aber, sich angesichts seiner inneren Bedrängnis mit einem mechanischen und durchdesigntem Selbstoptimierungsprogramm auf die Sprünge helfen zu können, kann nur schief gehen und zieht in ihm zwangsläufig nichts als Unzufriedenheit, Missmut, Erschöpfung und innere Leere nach sich und bewirkt dieserart das glatte Gegenteil: Der Bürger verfettet, und das nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental. Den Schlüssel zu seiner Genesung könnte der Hilflose dagegen nur in seinem Inneren finden und nicht im Außenraum seines mittlerweile völlig durchorganisierten Alltags, von dem er sich jede Minute abzuzwacken versucht, um seinem Ichwahn zu frönen.

    Der Frust und die Ungeduld des Bürgers wachsen ins Bedrohliche an. Und dies nicht nur dann, wenn ihm das Geld für das Optimierungsprogramm und den entsprechenden Lifestyle fehlt – nein, alle scheinen von dieser Volkskrankheit betroffen und deshalb auch immer unfähiger, sich auf die Dinge noch wirklich einlassen zu können. Der Bürger der Gegenwart wirkt müde und abgekämpft und scheint das Vertrauen in die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verlieren. Und dies wohlgemerkt auf dem Boden einer gesellschaftlichen Grundordnung, die sich der Demokratie verdankt und eo ipso all ihre Karten auf einen aufgeklärten und vernünftigen Bürger setzt.

    Der aber hat sich in Luft aufgelöst: Übrig geblieben scheint ein eher lebensskeptisches und argwöhnisches Subjekt, das den anderen grundsätzlich misstraut und das gesellschaftliche Geschehen zumeist eher mit skeptischen Augen verfolgt – stets wie wahnhaft auf der Lauer, dass etwas passiert, was dessen paranoiden Vorurteilen gemäß nie hätte passieren dürfen. Und dieses Subjekt scheint seltsam verwirrt und wie neben sich zu stehen: „Die Verrückten hast du eingesperrt, der Normalmensch verwaltet diese Welt. Wer also ist an allem Übel schuld?“, fragt Wilhelm Reich in seiner Rede an den Kleinen Mann?

    Die Symptome allerdings, die im Verhalten des Bürgers zum Vorschein kommen, deuten auf eine Psychose hin. Auf eine Erkrankung also, die die Lebenswirklichkeit des Patienten spaltet, indem sie tief in dessen Innerem eine unüberbrückbare Wand zwischen ihm und der Außenwelt errichtet, sodass dessen nun eingesperrtes und sich selbst ausgeliefertes Ich aus panischer Angst immer orientierungsloser und konfuser wird.

    Die psychodynamischen Konsequenzen, die sich aus solch einem seelischen Ausnahmezustand ergeben, sind dramatischer Natur: Denn mit der Zeit zerfällt dem Psychotiker die Realität allmählich in lauter Fragmente, die er sinnhaft nicht mehr zusammenzubringen weiß, weshalb ihm die Wirklichkeit so auch immer verstörender, fremder, ja feindlicher erscheint und ihn schließlich zum Opfer seiner Verfolgungsängste werden lässt, die finster in ihm aufsteigen und ihn bald wahnhaft übermannen. Auf diese Weise gerät ihm das Leben draußen immer mehr zum Albtraum, der in seinem paranoiden Erleben allerdings immer realere Züge annimmt.

    WHAT IS REAL?
    WHAT’ IS FAKE?

    An solch einer Art Realitätsverkennung scheint auch der Bürger heutzutage zu leiden, dem die freie Sicht auf die Dinge und gesellschaftlichen Verhältnisse von seinem Argwohn und Selbstzweifel verstellt werden.

    Der chronische Realitätskonflikt aber, in dem er sich so verfangen hat, findet im Phänomen des Cyberspace, der dem Bürger offenbar zum Lebensmittelpunkt geworden ist, seine fatale Parallele, vermag dieser doch zwischen Realität und Fiktion mittlerweile schon kaum mehr zu unterscheiden. Wobei ihm die Sphären des Cyberspace nicht selten schon wie wirklich vorkommen, die realen Dinge hingegen wie künstlich und fremdartig. Diese Wahrnehmungsverschiebung aber kann mit der Zeit nicht nur für den Psychotiker, sondern auch für den Bürger zur Falle werden – dann nämlich, wenn sich dessen krankhafte Verwirrung ins Wahnhafte steigert, und er schon bei jeder Kleinigkeit nur das Schlimmste vermutet.

    Das Auseinanderdriften von realer Bedrohung und subjektiver Reaktion, die Tatsache also, gleich über zu reagieren und schon beim geringsten Anlass aus der Haut zu fahren, scheint gegenwärtig eine gängige Verkehrsform des gesellschaftlichen Zusammenlebens geworden zu sein, an die man sich offenbar schon gewöhnt hat, ist es doch der chronisch aufgebrachte und genervte Bürger, der dieser Tage das öffentliche Bild der Gesellschaft nicht unwesentlich bestimmt. Dessen Empörung scheint sich vom Anlass völlig abgekoppelt zu haben und droht zu seiner Grundhaltung zu verkommen. Und im Cyberspace scheint er den geeigneten Raum dafür gefunden zu haben, dieser freien Lauf zu lassen.

    Die Ängste aber, die solch einem Erleben und Verhalten zugrunde liegen, sind nicht psychotischer, sondern ihrem Charakter nach eher bürgerlicher Natur: Denn während der Psychotiker tatsächlich Monster zu sehen glaubt, vermutet sie der Bürger hinter jeder Ecke, ohne allerdings je eines wirklich gesehen zu haben. Der Bürger hat Angst vor der potentiellen Gefahr, die für ihn mittlerweile reale Züge trägt – sie lauert überall und allenthalben. Es ist die blanke Existenzangst, die ihn beherrscht und im Grunde auch wesentlich charakterisiert. So lebt der Bürger in beständiger Angst, alles zu verlieren. Wenn er ehrlich ist, sieht er sich schon manchmal in der Gosse sitzen.

    Aus diesem Grund ist der Bürger auch nicht unbedingt derjenige, der gerne voranschreitet. Den Schritt nach vorn, der ihn ja ins Ungewisse oder gar ins Elend führen könnte, überlässt er besser anderen. Lieber hätte er da jemanden, der ihm sagt, wo’s lang geht. Aus diesem Grund ist der Bürger in aller Regel auch eher ein rechter Feigling, der nur ungern etwas auf die eigenen Schultern nimmt und etwas riskiert. Dabei aber ist er wahrlich kein harmloser Geselle, denn je unsicherer das Leben, desto unberechenbarer droht er zu werden.

    Tiefe Verunsicherung und latente Lebenspanik rumoren mittlerweile im Innenleben des Bürgers, dessen Aggression, Neid und Hass in seiner Erscheinung immer deutlicher und vehementer zum Vorschein kommen: Seine Charaktermaske fällt und seine Hemmungen schwinden und überschwemmen in der Folge auch dessen Urteilsvermögen mehr und mehr mit dumpfen, irrationalen Gefühlen, die ihn die Welt nicht selten schon von feindlichen oder gar bösen Kräften unterwandert sehen lassen. Der aber versucht sich zu wehren und hält dagegen, indem er unermüdlich eine Verschwörungstheorie nach der anderen in die Welt setzt und sich anschickt, diesen im Cyberspace zu voller Wirkung zu verhelfen. Darüberhinaus glaubt er aber anscheinend auch in der Political Correctness das probate Mittel dafür gefunden zu haben, die Welt zu domestizieren und sie mit seiner verdammten Zwangsmoral wieder in den Griff zu bekommen, denn ohne festgezurrte Regeln und erstarrte Prinzipien scheint er offenbar nicht mehr zurechtzukommen, auch wenn diese seinem Leben allmählich das Leben nehmen.

    Auf diese erbärmliche Art und Weise ist der Bürger nun zum Generalangriff auf die Gesellschaft übergegangen und setzt damit natürlich auch die Politik gehörig unter Druck. Deren Wehrhaftigkeit aber scheint geschwächt, denn sie hat Angst vor dem Bürger bekommen. Dies aber ist dem Bürger offenbar nicht entgangen, der sich dadurch nur angespornt fühlt und noch aufmüpfiger und resistenter wird, was die Politik wiederum noch kopfloser und ängstlicher werden lässt. Die hehren Werte aber, um die es wirklich geht und für die der Bürger kämpft, sind ihm im Herzen zu leeren Hülsen vertrocknet, die er nur noch mit seiner Angst und Frustration zu füllen weiß, nur um diesen wenigstens etwas Kontur zu verleihen: Der Bürger braucht Sicherheit und Ordnung und hat Angst, was soll er sagen?

    Die Angst aber können ihm die gesellschaftlichen Institutionen natürlich nicht nehmen, wie sollten sie auch? Und diese Tatsache scheint auch der eigentliche Grund dafür zu sein, warum diese für den Bürger jegliche Legitimation verloren haben, und von ihm nur mehr als korrupt, repressiv und verlogen erachtet werden. Zu diesen Institutionen zählen natürlich vorrangig die öffentlich-rechtlichen Medien, die ihn beständig mit schlimmen Nachrichten bombardieren, und selbstredend auch der Staat, dessen Beamte, seien sie nun aus der Kommunalpolitik, der Polizei oder dem Rettungswesen, dieser Tage immer häufiger attackiert werden und nicht selten sogar um ihr Leben fürchten müssen, wobei die Sanitäter ja nur deswegen unterwegs sind, um das Leben anderer zu erhalten. Der Unwille und Hass des Bürgers sind zum Automatismus verkommen.

    So eben, wie gerade bei #OMAGATE, dessen Hergang und erschreckende Dynamik den allgemeinen Geisteszerfall der Gesellschaft wieder einmal erschreckend deutlich vor Augen führt, und dabei auch das mittlerweile völlig engstirnige und nachgerade mechanisierte Sozialverhalten des aus der Spur geratenen Bürgers dokumentiert: Ein sattsam bekanntes Geschehen, das sich wie eine dummdreiste Abfolge von Verhaltensklischees liest, die der Bürger gegenwärtig an den Tag legt und offenbar zu nichts anderem mehr fähig scheint. Ein krudes Abziehbild all jener Empörungswellen, die mittlerweile beinahe täglich das gesellschaftliche Miteinander in gekünstelte Aufregung versetzen, immer der gleichen vulgär-konformen Dramaturgie folgen und zivilcouragierte Abweichler mit hirnlosem Unrat bewerfen und jenen dabei auch immer öfter nach Leib und Leben trachten.

    In diesem Sinne hat auch #OMAGATE den für derartige Empörungswellen typischen Zünder. Diesmal in Gestalt eines alten und wahrlich trivialen Gassenhauers, der als Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad aus den frühen 30er Jahren allseits bekannt ist und nun in einem Videoclip vom Dortmunder Kinderchor des WDR einen neuen Text erhalten hat, der sich – man höre und staune – ausschließlich dem Klimawandel widmet. Dabei sollte man wissen, dass das besagte Oma-Lied im Verlauf seiner Geschichte mit immer wieder neuen Textvarianten unterlegt wurde, da es den Kinder offenbar einen Höllenspaß bereitete, mit diesen noch nie gehörten Omastrophen die Welt immer wieder aufs Neue zu ergötzen, die allerdings – wie eine infantile Erkennungsmarke – stets mit dem gleichen Refrain endeten: Meine Oma ist 'ne ganz patente Frau.

    Schon die Textversion aus dem Jahre 1958 aber, also aus der Frühzeit der Bundesrepublik Deutschland, abgedruckt in einem Liederbuch, das auch noch Der Zündschlüssel hieß, mutete der Oma schon damals so einiges zu und beleidigte sie, wie man nur konnte, nicht zuletzt auch wegen ihrer geistigen und körperlichen Gebrechlichkeit. Diese Tatsache aber schien sich auch zur damaligen Zeit dem stink-normalen Generationskonflikt zwischen Alt und Jung zu verdanken, den jede Gesellschaft zu jeder Zeit auszugleichen hat, weil dieser Konflikt – schon allein aus rein biologischen Gründen – ganz einfach zum gesellschaftlichen Miteinander gehört, den die Kindern noch spielerisch, die Pubertierenden hingegen schon ernster nehmen, da diese ihr eigenes Leben führen und partout nicht in die Fußstapfen der Älteren treten wollen. Das aber scheint sich gewaltig geändert zu haben, denn gegenwärtig werden die Kinder ja schon von Helikoptereltern rund um die Uhr überwacht und Pubertierende nehmen es nicht mehr so genau und bleiben heutzutage lieber zuhause.

    Und dennoch, selbst die Strophen aus dem Jahr 1958, die sich hemmungslos über die Oma lustig machen durften, hätten heutzutage partout keine Chance mehr, einfach so hingenommen zu werden, und würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit augenblicklich für heftige Shitstorms sorgen und vermutlich sogar der gegenwärtigen Forderung, die Strafmündigkeit der Jugendlichen auf 14 Jahre herabzusetzen, reichlich Futter geben:

    Meine Oma hat im hohlen Zahn ein Radio.
    Meine Oma hat ’nen Nachttopf mit Beleuchtung.
    Meine Oma hat ’ne Glatze mit Geländer.
    Meine Oma hat ’ne Brille mit Gardinen.
    Meine Oma hat ’nen Petticoat aus Wellblech.

    Aber auch die Hunderte von Strophen, die seitdem hinzukamen, sind nun wirklich nicht von schlechten Eltern und würden dieser Tage wegen der ungeheuren Zumutung, die in ihnen auf absehbare Art und Weise gesehen würde, von der Gesellschaft ebenfalls schwer gebrandmarkt – dies allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen:

    Meine Oma hat ´nen Löffel mit Propeller. – Wer bitte denkt hier an die Mitinsassen der Oma im Pflegeheim, wenn es mittags Grießbrei gibt? Diese Sauerei wäre bei all dem gegenwärtigen Mangel an Pflegekräften nun wirklich nicht mehr zu bewältigen.

    Meine Oma hat Klosettpapier mit Blümchen. – Das geht vielleicht gerade noch, denn immerhin sind gedruckte Blümchen neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge deutlich weniger giftig als HAKLE FEUCHT.

    Meine Oma guckt die Tagesschau mit Fernrohr. – Wenn das nicht wieder einmal gegen die Öffentlich-Rechtlichen geht, die für die altersbedingte Sehschwäche der Oma nun wahrlich nicht verantwortlich gemacht werden dürfen. Gott sei Dank gibt es diese Sender noch, bei all dem Schwachsinn.

    Meine Oma fährt im Nachttopf auf der Elbe. – Derart hämisch über Alzheimerpatienten herzuziehen, geht nun überhaupt nicht. Denn selbst wenn sich die Oma einmal auf dem Wasser verirrt haben sollte, so hat sie dann doch wenigstens ihren schwimmenden Untersatz dabei, der sie vor dem Ertrinken rettet: Glück im Unglück. Außerdem sollten die Kinder besonders in diesem Fall besser ihr Maul halten und ehrlicherweise zugeben, dass sie selbst nicht schwimmen können und gerade in solch einer lebensgefährlichen Situation über jeden Nachttopf Gott dankbar wären.
     
    Meine Oma macht aus Kuhdreck Marmelade. – Das ist einfach nur widerlich. Selbst wenn alle Suche nach einem vernünftigen Fleischersatz im Endeffekt ergebnislos bleiben sollte und ansonsten auch die Nahrung knapp werden würde, dürfte selbst dann eine solche Schweinerei von Ernährungsersatz von keiner Oma je unter irgendwelche Leute gebracht werden. Nicht zuletzt auch um einer dann sicherlich drohenden Koprophilie-Epidemie unter Zuhilfenahme aller nur erdenklichen Gesetze entschieden entgegenzuwirken.

    Meine Oma hat ’nen Goldfisch, der raucht Pfeife. – Warum nur strengt sich alle Welt an, endlich die öffentliche Zigarettenwerbung komplett aus dem Verkehr zu ziehen, um unsere Kinder vor der Nikotinsucht und die Jüngeren vor dem Lungenkrebs zu bewahren, wenn jetzt schon Fische rauchen?

    Meine Oma hat ein Himmelbett mit Brause. – Das klingt ja so, als ob Oma schon halb im Himmel wäre, das Bett nicht mehr verlassen könnte und auf eine sicher von Japanern erfundene Bettdusche angewiesen wäre, um jederzeit einigermaßen frisch ins Jenseits abwandern zu können. Aber aufgepasst Kinder, schließlich haben die Japaner ja schon die heizbare Klobrille erfunden. Aber auch über die sollte man nicht gleich wegen des Atomstroms, an dem deren Brillen da hängen, den Stab brechen, schließlich waren die Japaner ja schon im 2. Weltkrieg unsere Partner.

    Meine Oma fährt im Panzer zum Finanzamt. – Was soll das? Will man hier der Oma auch noch eine hochkriminelle Haltung unterschieben? Aber bei allem, wie bitte sollte die Oma so auf die Schnelle einen Panzer herkriegen? Da müsste ihr Schwiegersohn ja mindestens General bei der Bundeswehr sein. Und dass es der Panzer jetzt auch schon nur mehr bis zum Finanzamt schafft, ist kaum zu glauben und scheint leicht übertrieben.

    Meine Oma hat ein Waschbecken mit Sprungbrett. – Diese Strophe ist wahrhaft hinterhältig, weil sie bösartig mit völlig harmlosen Wörtern spielt. Die Oma hat einen SPRUNG IN DER SCHÜSSEL – das ist es doch, was in Wahrheit zwischen den Zeilen stehen soll! Den Sprung aber haben die Kinder, die solch üble Nachreden in die Welt setzen.

    Die allerschlimmste Strophe ist jedoch diejenige, die der ohnehin schon schwer gebeutelten Oma einen Parasiten anzudichten versucht, mit dem sie aufgrund ihrer Verwirrung praktisch schon per Du sei: Meine Oma hat 'nen Bandwurm, der gibt Pfötchen, gibt Pfötchen, gibt Pfötchen, Meine Oma ist 'ne ganz patente Frau. – Welch Unverfrorenheit! Möglicherweise ist der Bandwurm ja das einzige Lebewesen, das der Oma in all ihrer Einsamkeit noch geblieben ist?

    Der brandneue Text des WDR-Kinderchores aber, der so unnötig ist wie ein Kropf und so öde, dass selbst die Haare aufhören zu wachsen, macht aus der fiktiven Oma jetzt einfach eine hilflos-dümmliche Projektionsfläche der allgemeinen Klimahysterie, nur um auch mit dabei zu sein und dichten der Oma dabei allerlei Idiotisches an, von dem nun keiner denken würde, dass jemand dies ernst nehmen könnte.

    So fährt die Oma jetzt zwar immer noch im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad, verbraucht dabei aber auf einmal 1000 Liter Super jeden Monat. 1000 Liter Super jeden Monat allein im Hühnerstall, da kann doch etwas nicht stimmen? Und doch: Die aktuelle PISA Studie scheint recht zu haben, wenn sie den deutschen Schülern schwere Mängel im Rechnen unterstellt.

    Die Strophe Meine Oma sagt, Motorradfahren ist voll cool. Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl tut man besser gleich zum Übrigen. Und auch über die nächste, in der die Oma dann im SUV beim Arzt vorfährt, und dabei zwei Opis mit Rollator überfährt muss man wahrlich nicht groß reden. Dann brät sie sich noch jeden Tag ein Kotelett, weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet und ist nebenbei auch noch pausenlos auf dem Schiff unterwegs, fliegt nicht mehr und ist offenbar geläutert, macht sie jetzt doch zehnmal im Jahr ‘ne Kreuzfahrt. Meine Oma ist doch keine Umweltsau! so lautet dabei auf einmal der Refrain, als hätte das Kreuzfahren die Oma mit einem Mal bekehrt.

    Wie das jetzt? Hirnrissiger geht’s kaum mehr. Denn Kreuzfahrer sind die Pest, denen geht die Natur doch nun wirklich am Arsch vorbei. Völlig ignorant verpesten sie die Luft und überschwemmen darüber hinaus auch noch den Globus mit ihrem Plastik- und Aluminiumdosenmüll. Verdammt, da hätte sich doch wenigstens irgendein WDR-Praktikant bitte vorher einmal kurz über den Text beugen sollen.

    Am Ende aber geht dieses hohle und lächerliche Klimaengagement vollends in die Hose und gerinnt zum puren Sozialkitsch: We will not let you get away with this! singen die Kinder da auf einmal mit plötzlich furchtbar ernstem Gesicht. Der Satz stammt natürlich von Greta Thunberg, wie könnte es dieser Tage auch anders sein. Idiotischer geht es wirklich nicht mehr. Wer bitte wollte sich über eine derartig dürftige Klamotte schon aufregen? Doch dass auch selbst eine solche Nullnummer in der hochaufgereizten Gesellschaft zündet, war leider absehbar.

    Kurz nachdem die eineinhalbminütige Studioaufnahme des WDR-Kinderchores am Tag nach Weihnachten bei Facebook online geht, bricht die Hölle in den SOCIAL MEDIA los. Wieder einmal scheint die Dauerregung des Bürgers frisches Futter gefunden zu haben, dem die Empörung offenbar zur Hauptbeschäftigung geworden ist. Und der trifft – empörungserfahren wie er mittlerweile ist – natürlich gleich ins Schwarze, indem er dem WDR geistigen Kindesmissbrauch andichtet, was praktisch ja schon unter ME TOO rangiert: „Gab es das nicht früher in Diktaturen – Volkserziehung über „Comedy“/Theater?“, twittert ein Erregter, wobei es dahingestellt sei, ob es je eine Diktatur in der Geschichte gab, die sich ihre Untertanen durch Comedy herangezüchtet hätte.

    Und dennoch, wie selbstverständlich reagiert der WDR so prompt, als hätte ihn der Bürger am Schlafittchen gepackt und endlich in flagranti erwischt, gibt sich dabei jedoch alle Mühe, die Sache mit der Omaumweltsau wieder in den Griff zu kriegen und sie im gewohnten Betroffenheitston herunter zu kochen. Allerdings wiederum in Facebook, wo noch jedes Statement schonungslos im Strudel von Millionen Meinungsblasen versinken muss: Bei dem Clip der Oma-Umwelt-Sau hätte es sich um eine Satire (!) gehandelt, stottert der Sender, der besser gleich zugegeben hätte, dass das idiotische Filmchen nichts anderes als ein Rohrkrepierer sei.

    Stattdessen aber begrüßt der WDR „die sehr unterschiedlichen Reaktionen“ (DEMOKRATIE HEISST MEINUNGSFREIHEIT!), lässt seine Hörerinnen und Hörer dabei allerdings auch schmallippig wissen, dass ihn der Vorwurf, die beteiligten Kinder seien „instrumentalisiert“ worden, schwer betroffen gemacht habe. Fehlte nur noch, dass einige der Bürger dem Sender von Anfang an körperlichen Kindesmissbrauch vorgeworfen hätten, dann hätte dieser sicher nicht mehr anders reagieren können, als diesem Vorwurf unbedingt nachgehen zu wollen, da der WDR-Chorleiter möglicherweise pädophil sei. Und wenn? Nicht auszudenken. Der WDR hätte wegen Bombendrohungen geräumt werden müssen.

    Wollt ihr die Alten etwa vernichten? So tönt es hingegen von anderer Seite. Kein Wunder, hatte doch kurz vorher ein offenbar jüngerer Bürger im Netz schon behauptet, die Alten wären kein Problem, die würden ja ohnehin übermorgen ins Gras beißen.

    Die Oma spaltet Deutschland! schaltet sich wie zu erwarten jetzt auch die Demoskopie ein, um die sensationsgeilen Bürger im Land über den aktuellen Pegelstand der aktuellen Empörungswelle zu informieren. Wobei die sogenannte Demoskopie mittlerweile nur noch die Political-Correctness-Sprüche der Bürger misst, da ja keiner von denen wirklich noch den Mut hat freiwillig zuzugeben, schon seit geraumer Zeit Plastiktüten zu sammeln, da es bald keine mehr gäbe. Und siehe da, das was bei dieser pseudoaktuellen Volksbefragung herauskommt, weiß eh schon jeder und dokumentiert lediglich die fatale mentale Starre der Gesellschaft, die allmählich an ihrem nachgerade psychotischen Gebaren erstickt:

    32,1 % der Befragten finden die Kritik nicht gerechtfertigt. 58 % sagen, sie ist gerechtfertigt. 9.9 % sind unentschieden. Besonders Wähler der AfD halten die Kritik für berechtigt, hier entschieden sich 91 % für „Ja“. Auch Unions-Wähler halten die Kritik mehrheitlich für berechtigt, 75,1 % votierten mit „Ja“. Starke Abweichungen im Trend gibt es bei den jüngeren Personengruppen. So stimmten 51,9 %der Personen, die sich noch in Ausbildung befinden, für „Nein, die Kritik ist nicht berechtigt“. Im Vergleich: Bei der Personengruppe der Rentner antworteten 65,8 % mit „Ja“.

    Und jetzt kommt endlich auch die Politik ins Spiel und konstatiert moralinsauer, der WDR habe mit seiner Omaumweltsau die Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber den Älteren weit überschritten. Es ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, der da versucht, auf Twitter diesen abgestandenen Gedankenbrei loszuwerden, indem er freimütig bekennt, zutiefst besorgt zu sein: „Jung gegen Alt zu instrumentalisieren ist nicht akzeptabel“, predigt er postend. Zugleich wehre er sich dagegen, dass die Kritik am „Umweltsau“-Lied des WDR-Kinderchors als „rechts“ diffamiert würde und warnt ausdrücklich davor, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen.

    Wer in einer Diskussion eine andere Auffassung vertrete, sei „keine Sau und auch kein Schwein“, hakt Laschet wenige Tage später in der „ZEIT“ nach und lässt einfach nicht locker: „Wenn wir die Debatten, die jetzt anstehen, tribunalisieren, wird die Gesellschaft daran zerbrechen“, schreibt er stirnrunzelnd. 2020 müsse das Jahr einer „Renaissance unserer Debattenkultur“ werden. Dabei kämen den Medien eine besondere Verantwortung zu. „In diesen Zeiten brauchen wir dringend einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dem Zusammenhalt dient, wie es seinem Auftrag entspricht.“

    Diesen dreisten Seitenhieb will der Intendant des WDR Tom Buhrow natürlich nicht auf sich sitzen lassen und meldet sich telefonisch in einer kurz zuvor anberaumten Sondersendung von WDR 2 Hörfunk, in der sich dessen Chef Jochen Rausch stellvertretend für die Redaktion den Hörerinnen und Hörern zum Thema Omaumweltsau zu stellen versucht, weil ihm der Druck durch die Social Media offensichtlich keinen anderen Ausweg mehr lässt, als sich den Bürgern zu stellen und sich mit ihnen blind ins Getümmel eines angeblich notwenigen Meinungsaustauschs zu werfen.

    Wie aber sollte Rauschs Versuch gelingen, wenn es offenbar nur dessen blanke Angst vor dem unberechenbaren Bürger war, die ihn zur Idee dieser bizarren Sendung verleitet hatte, wohl auch mit dem heimlichen Hintergedanken, mit dieser Sonderaktion Dampf aus der Sache nehmen zu können. Stattdessen aber gelingt, wie ebenso absehbar, das glatte Gegenteil: Die Bürger reden sich an den Dingen heiß, und werfen sie sich gegenseitig wutentbrannt an den Kopf. Rausch zieht den Kopf ein.

    Den Vogel aber schießt Tom Buhrow ab, der sich in der scheinbar hochbrisanten Sondersendung wie aus heiterem Himmel aus dem Krankenhaus meldet, wo er offenbar gerade seinen 92-jährigen Vater besucht. Ohne Umschweife bittet dieser alle Hörerinnen und Hörer um Verzeihung und lässt diese zugleich wissen, sie könnten beruhigt sein, er habe den Clip auf Facebook bereits sperren lassen. Die Omaumweltsau sei vom WDR schlichtweg ein schwerer Fehler gewesen. Ein Missgriff!

    Unerträglich aber sei für ihn der Verdacht, man habe Kinder schlichtweg „instrumentalisiert“. Das habe für ihn den Ausschlag gegeben, die Oma umgehend aus dem Netz zu nehmen. Darüber hinaus sei sein Vater gewiss keine Umweltsau, fügt Buhrow noch völlig zusammenhangslos hinzu, denkt aber leider nicht daran, aus dieser Tatsache noch persönlich Kapital zu schlagen. Die unfreiwillige und im Gegensatz zur wahre WDR-Satire wäre wirklich perfekt gewesen, hätte Buhrow den naheliegenden Gedanken nur fortzuspinnen gewusst: Und da mein Vater keine Umweltsau ist, bin ich es auch nicht, werte Hörerinnen und Hörer, hätte er noch sagen sollen. Wir müssen alle etwas gegen den Klimawandel tun, werte Hörerinnen und Hörer. Aber bitte nicht auf dem Motorrad!

    Dass Buhrow aber offenkundig nicht für alle Mitarbeiter seines Senders spricht, erweist sich bald als schwerer Fehler. Denn Dutzende seiner Autoren und Redakteure sehen sich durch dessen kopflose Entscheidung mehr als brüskiert, die Satire- und Rundfunkfreiheit folglich gravierend gefährdet und fordern diesen deshalb zum Rücktritt auf. Zur gleichen Zeit aber wird ein freier Mitarbeiter ganz von sich aus aktiv und zündet mit folgendem Tweet eine weitere Bombe: Man muss „mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über #Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine #Umweltsau. Stimmt. Sondern eine #Nazisau.“

    Dieser Tweet bleibt natürlich nicht ohne Folgen und versetzt die Bürger erst recht in Rage, indem sie dem WDR jetzt die Pest an den Hals wünschen und dessen Mitarbeitern unumwunden mit Mord drohen. Dieser mittlerweile schon beinahe völlig normal gewordene Wutausbruch ruft selbstredend den Deutschen Journalisten-Verband auf den Plan, der den WDR ultimativ dazu auffordert, unverzüglich die Sicherheitsbehörden zu alarmieren, damit diese das Leben der WDR-Mitarbeiter schützen, was der Sender natürlich auch schon allein aus existentiellen Gründen umgehend zusichert. Buhrow selbst hingegen scheint bei all dem Wahnsinn auf einmal einen lichten Moment zu haben und fragt sich in aller Öffentlichkeit: „Was ist mit unserem Land los, dass ein missglücktes Video zu Morddrohungen führt?“

    Gute Frage. Aber leider hat bislang noch keiner in der Republik eine Antwort auf diese gefunden.

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